- Logbuch der NORDSTERN -
Im Auftrag des Efferd- Teil 1 (Die Andacht ) - 28 . Efferd 28 n.H.
NORDSTERN: Mannschaftsraum: Taviana wird geweckt
Der Morgen des 28.EFFerd
Traviana wird durch einige Stimmen geweckt, die von draußen kommen. Sie ist noch etwas benommen, richtet sich dann aber auf um zu sehen was los ist.
` Was ist denn jetzt? Sind wir etwa schon auf See ?´
Sie kann es kaum glauben. Die NORDSTERN hat abgelegt, und sie ist nicht dabei gewesen - zumindest hat sie es nicht mitgekriegt. Aber sie sind nun auf See. Das verrät ihr das Schaukel des Schiffs und die Stimmen die von draußen herein dringen mit Befehlen die an die Crew gerichtet sind.
`Ich sollte mich an Deck melden und meinen Dienst antreten.´
Aber dann sieht sie noch einen weiteren Matrosen in den Mannschaftsraum kommen.
Die NORDSTERN läuft aus - Wasuren
Wasuren ist nun schon seit Mitternacht aktiv am Auslaufen der NORDSTERN beteiligt und gerade naht der Morgen, die PRAiosscheibe erhebt sich, als der Befehl zur vollen Fahrt von Lowanger kommt.
Wasuren hilft ungeheuer fleißig und ehrgeizig ,den anderen wenigen Matrosen, mit die zur gut eingeübten Ausführung des Befehls notwendig sind. Sobald die NORDSTERN mit voller Fahrt im Winde steht und die arbeiten an Bord wieder etwas abnehmen, zieht sich Wasuren erschöpft aufs Unterdeck zurück.
Gemächlich stapft er in den Mannschaftsraum, wobei er etwas ruppig und laut mit der dortigen Tür umgeht.
Ein sichtlich erschöpfter Wasuren steht nun noch in voller Landgang Montur, mit Wurfbeil an Gürtel, in der offenen Tür zum Mannschaftsraum. Er strahlt eine überaus große Freude und Eifrigkeit aus.
Langsam schaut er sich im Mannschaftsraum um.
Traviana sieht einen weiteren Matrosen in den Mannschaftsraum laufen. Sie hat ihn noch nie zuvor gesehen, deshalb geht sie ein paar Schritte auf ihn zu und stellt sich vor:
"EFFerd zum Gruße!Mein Name ist Traviana. Ich bin die neue Matrosin."
Auch ALRIK hat in der Nacht noch tüchtig mit geholfen, die NORDSTERN zum Auslaufen bereit zu machen. Doch je mehr die Nacht fortgeschritten war, um so müder wurde auch der Schiffsjunge. Irgendwann hat er sich dann einfach abgemeldet und hat sich dann mit einem erschöpften Seufzer in die sanft schwankende Hängematte fallen lassen.
Als dann der Morgen angebrochen ist und erneut etwas Unruhe im Mannschaftsraum aufkommt, wird auch ALRIK wieder wach. Zwar ist er längst noch nicht ausgeschlafen, doch irgendwie fühlt er sich aber auch zu aufgeregt, um jetzt wieder einschlafen zu können. Vielleicht ist es eine gute Idee, auf das Vorderdeck zu gehen und dort einfach noch ein wenig zu dösen.
NORDSTERN - Gemeinschaftkabine: Torin's 'schweres' Erwachen
Seit ihn Phexane in den frühen Morgenstunden des 27. EFFerd in die Koje legte, schläft Torin. Den gesamten 28. EFFerd hatte er schlafend und ab und an auch leise brabbelnd verbracht.
Nur kurz war er irgendwann in der Nacht zum 28. EFFerd von lautem Gepolter geweckt worden. Doch war er froh, als er mit seinem dicken Brummschädel endlich wieder eingeschlafen war. Dass er sich im Bauch der NORDSTERN und längst auf hoher See befindet, weiß er nicht.
******
Langsam erwacht Torin. Auch wenn sein Schädel nicht mehr so stark brummt wie noch am 'gestrigen Abend' so ist der Druck in seinem Kopf doch durchaus als unangenehm zu betiteln.
"Urghm..." gibt er von sich, als er sich in der engen Koje dreht.
Noch immer scheint der Boden unter ihm zu schwanken.
'Miu pikush! So einen Wolf hatte ich schon lange nicht mehr...'
Er fährt sich müde mit der Hand durchs Gesicht, wischt sich über die Haare und lässt die Hand dann für einen Augenblick im Nacken zur Ruhe kommen. Als seine Finger den Nacken massieren, schnurrt er kurz. Dann versucht er sich zu erinnern, warum er sich so hatte gehen lassen.
'Ich war doch in dieser Kneipe, zusammen mit Ameg und dieser Druidin...'
Noch immer massiert Torin seinen Nacken.
'Stimmt... Ich hatte mich über den versauten Abend geärgert... weil die Druidin wie ein Stück Holz immer starr auf dieses Pärchen geglotzt hatte. Naja, kann mir ja egal sein. Die ist sicher schon wieder auf der NORDSTERN oder wer weiß wo... Ich muss heute unbedingt zum Badehaus. Und danach geht es mit Ameg endlich heimwärts.'
Torin seufzt voller Vorfreude auf seine Freunde und Bekannten in Gareth. Besonders gespannt war er auf die Neuigkeiten, die sich während seiner Abwesenheit daheim im Südviertel zugetragen hatten.
'Ob Rinzi endlich seinen Orkentöter vollendet hat?'
Torin grinst und schon wird das Pochen in seinem Kopf wieder stärker.
'Uuh Ooh! Zu allererst muss ich aber hier meine Sachen wiederfinden.'
Abermals grinst Torin. Dieses Mal jedoch bedeutend vorsichtiger.
'Wenn ich mich nur erinnern könnte, wie viel mich dieses Zimmer gekostet hat... Wenn ich mich nur überhaupt an gestern Nacht erinnern könnte... Das Letzte, an was ich mich erinnere, ist, das ich mich draußen erleichtern wollte... Mann, DAS war ein Abend!'
Endlich wagt es Torin nun doch, sein linkes Auge etwas zu öffnen. Neugierig lugt er durch den kleinen Spalt und erblickt vor sich eine hölzerne Wand.
'Hum?' fragt er sich, bevor in seinem Gehirn endlich auch die letzten Rädchen wieder ihre Arbeit aufnehmen. 'Eine Trennwand?' Endlich schafft es Torin, auch das rechte Auge zu öffnen.
'Aha, dann habe ich uns also in einem Schlafsaal einquartiert. Gut, das ist zumindest billiger.'
Aber in Torins Kopf arbeitet es plötzlich wieder schneller. Irgend etwas kommt ihm seltsam vor an dieser Trennwand. Sie ist... so...
'Hmm... Für einen Augenblick hatte ich das seltsame Gefühl, diese Trennwand schon einmal gesehen zu haben...'
Schon wieder zieht ein breites Grinsen auf Torins Gesicht und er beginnt leise zu kichern. Dann jedoch erstirbt sein Gekichere abrupt und auch das Lächeln ist erloschen. Er hat etwas entdeckt! Er weiß jetzt, wo er ist! Torin starrt ungläubig auf das kleine Zeichen, das mit dem Messer in die Holzwand eingeritzt ist.
'T.R.'
"Das gibts doch nicht! Ich bin wieder auf der NORDSTERN!" keucht er.
Mit einem Ruck dreht sich Torin um und bekommt bestätigt, was er bis eben noch nicht glauben wollte. Wesentlich leiser wiederholt er seinen letzten Satz.
"Ich bin wirklich wieder auf der NORDSTERN!"
Phexane erwacht aus einem angenehmen Traum, nur um Torin Rotmarder zu hören, der offenbar realisiert hat, wo er sich befindet.
"Wo denn sonst?" knurrt sie müde und setzt sich mit griesgrämigen Gesicht in ihrer Koje auf.
Phexane ist eine typische 'Nachteule' - abends ist sie selbst auf der NORDSTERN gerne noch länger auf, morgens dagegen bleibt sie immer sehr lange in ihrer Koje. Daher ist sie es auch nicht gewohnt, dass sie so früh wie heute aufwacht und ist somit entsprechend gereizt.
Andererseits hatte sie aber auch nicht viel Schlaf nötig gehabt. Den gestrigen Tag hatte sie an Bord verbracht. Meistens gammelte sie in der Gemeinschaftkabine herum und verfluchte das Pech, das sie beim Boltanspielen hatte. Zwischendurch schaute sie auch immer mal wieder heimlich nach Torin, der offenbar ziemlich tief ins Glas geschaut hatte. Am späten Abend allerdings hatte auch sie sich ins Bett gelegt und noch eine Weile lang im Dunkeln die Decke angestarrt.
Phexane gähnt nun herzhaft und streckt sich. An Schlaf ist wohl nicht mehr zu denken.
'Dann gehe ich halt doch noch ein wenig in die Stadt. Vorher frage ich aber den Kapitän, wie lange wir denn hier in Salzerhaven noch bleiben.'
Ganz langsam kriechen die Worte Phexanes die Windungen von Torins Gehörgang hinauf. Doch bevor sie das Gehirn erreichen, hat Torin längst das lästige 'Wieso?' und 'Warum?' abgeschüttelt. Diese beiden Fragen würden nichts an seiner Situation verbessern. Kurz blickt er sich nach seinem Hut um und setzt ihn auf.
"Naja, das macht nichts. Dann werden Ameg und ich eben erst heute nach Gareth aufbrechen."
Kurz kaut Torin trocken, doch auch das kann den pelzigen Geschmack nicht von seiner Zunge lösen. Nun endlich setzt sich auch Torin auf und blickt zu Phexane hinüber. Er kann sich eines Lächelns nicht erwehren, als er sie morgenmuffelng in ihrer Koje sitzen sieht.
"Sagt, Frau Fuxfell, was habt ihr eigentlich in Salzerhaven gemacht?"
Phexane blickt Torin verwundert an, als er von Gareth spricht, doch bevor sie ihn fragen kann, was er damit überhaupt meint, lächelt er sie an und fragt sie, was sie in Salzerhaven gemacht hat.
Ihre Miene verdüstert sich von einem Moment auf den anderen, denn sofort kommt auch die Erinnerung an den misslungenen Boltanabend und insbesondere an die fürchterliche Söldnerin auf.
"Nichts!" zischt sie und schnappt sich ihre Stiefel, die neben ihrer Koje stehen. Während sie in ihnen hineinschlüpft, ist auch schon der Nächste in der mittlerweile voller gewordenen Gemeinschaftkabine wach.
"Morgen." brummt Phexane Hjaldar muffelig zu. Dann steht sie auf und überprüft kurz den Sitz ihrer Kleidung.
"Was meint ihr eigentlich mit Gareth," fragt sie Torin, "wollt ihr vom Schiff?"
"Mooorgen." antwortet Torin gähnend auf die freundliche Begrüßung Hjaldars. Der Druck in seinem Kopf will sich ebenso wenig zurückziehen wie der schale Geschmack auf seiner Zunge.
Müde blinzelnd grinst er Phexane an.
'Nichts... Sie muss ja wirklich etwas erlebt haben. Im Gegensatz zu mir. Das war gestern wirklich nicht mein Tag.'
Dann blickt er hinüber zu der noch selig schlafenden Druidin und dann wieder zu Phexane.
"Wenn ihr wüsstet, wie die da starren kann."
Mit diesen Worten zeigt er mit einem Kopfnicken in Richtung der Druidin. Ohne auf Phexanes Reaktion zu achten, fährt er im Plauderton fort.
"Stellt euch vor, ich war gestern Abend mit ihr und Ameg essen. Und sie hat den ganzen Abend nur quer durch den Raum gestarrt!"
Torin lüftet seinen Hut ein wenig und kratzt sich am Kopf.
"Keinen Mucks hat sie von sich gegeben. Naja, zumindest das Bier war nicht schlecht."
Auch er blickt sich nun kurz nach seinen Schuhen um und zieht dann nacheinander in den Linken und den rechten Schuh an.
"Wisst ihr eigentlich, wo Ameg steckt?"
NORDSTERN - Efferdan: Der Vortag
Am Morgen des 27. EFFerd steht Efferdan früh auf - schon von daher, dass er am Morgen zum Dienst eingeteilt wurde. Aber das frühe Aufstehen bereitet ihm keine Probleme, er hat schon immer recht wenig Schlaf gebraucht und so ist er an diesem Morgen frisch und ausgeruht - lediglich der blaue Fleck an seiner linken Hüfte schmerzt noch bei einigen (heftigen) Bewegungen.
Der Morgen verläuft ruhig, ausgefüllt mir Arbeit. Das Beiboot wird an Bord gehoben, die Planken müssen geschrubbt, die Takelage muss kontrolliert werden. Efferdan hilft überall mit und führt schnell und gewissenhaft die Aufgaben aus, die man ihm aufträgt, hält sich aber ansonsten - wie üblich - sehr im Hintergrund.
dass an diesem Tag zwei neue Matrosen an Bord der NORDSTERN kommen - genauer ein Matrose und eine Matrosin - bemerkt Efferdan auf seine stille Art und Weise. Doch wie immer ist er zurückhaltend und scheu, so dass er sie nicht wirklich begrüßt oder sich mit ihnen gar unterhält, wie er sich auch sonst von den meisten anderen fern hält, wenn er nicht gerade mit ihnen eng zusammenarbeiten muss. Selbst nach eineinhalb Jahren Dienst auf der NORDSTERN hat er seine Scheu gegenüber den »altbekannten« Matrosen nicht abgelegt und fühlt sich unter ihnen noch nicht richtig wohl - wie sollte er da den Mut finden, neue, fremde Bordmitglieder anzusprechen?
Efferdan wollte aber am morgen die Bootsfrau aufsuchen, um ihr über die Unordnung in der Segellast zu berichten, doch irgendwie ergibt sich die Gelegenheit dazu nicht, insbesondere, da Nirka sich anscheinend um die Reparatur der Ruderanlage kümmert, denn der Mann, der am Vormittag auftaucht kann nur ein Schiffsbauer sein...
Und den Kapitän zu stören wegen dieser Sache wagt Efferdan nicht, zumal er fast stetig beschäftigt scheint...
So verschiebt Efferdan sein Anliegen auf später - so wichtig ist die Sache nun auch wieder nicht.
Statt dessen müssen gegen Mittag die Vorräte eingeladen werden, wobei Efferdan selbstverständlich hilft...
Auch das die Personen, die am Vormittag das Schiff verlassen hatten, nicht zeitig wie erwartet zurück sind, kümmert Efferdan nur dahingehend, dass Nirka ebenfalls von Bord ist, so dass er auch Mittags keine Gelegenheit hat, Nirka von der Unordnung in der Segellast zu berichten.
Warum sollte er sich auch Sorgen machen? Was die Passagiere angeht, so hat ihn das nicht zu kümmern - Passagiere sind schließlich Passagiere und er ist nur ein Matrose - und wenn der Kapitän nichts verlauten lässt, dass er sich Sorgen über den Verbleib der Matrosen macht und auch sonst keinerlei Anzeichen dafür zu erkennen sind - zumal ja Botschaften auf dem Schiff einzutreffen zu scheinen - wie kann er sich da Sorgen machen, ja, wie könnte er sich dazu erdreisten? So verrichtet Efferdan weiterhin still und unauffällig, aber fleißig seinen Dienst bis zum Abend.
Die geschäftige Aktivität, die sich dann gegen Abend entfaltet, wundert Efferdan dann schon etwas, besonders, als sich der Kapitän in Begleitung in die Stadt aufmacht. Doch da nichts bekannt gegeben wird, beschließt Efferdan, dass er wohl warten muss, um zu erfahren, was hier vorgeht. Wenn es etwas wichtiges wäre, dass das Schiff und seine Besatzung betrifft - dann würden der Kapitän oder die Offiziere doch etwas sagen? Oder?
Einfach nachzufragen käme Efferdan gar nicht in den Sinn - zumal er wohl keine Antwort bekommen würde. Das Einzige, was er sieht, weiß, ist eine gewisse Aufregung, Geschäftigkeit, auch ein Hauch der Geheimhaltung. All dies bemerkt Efferdan in den Gesichtern einiger - offensichtlich eingeweihter - Personen, ja scheint es sogar regelrecht zu spüren, als hänge es wie eine Wolke über Deck. Aber wie gesagt - er ist nur ein Matrose...
So begibt sich dann Efferdan am Abend wieder in seine Hängematte - zwar wollte er in der Nacht ursprünglich noch die Sterne beobachten, aber irgendwie... Bald war er eingeschlafen...
NORDSTERN - Gemeinschaftkabine: Alberik's Erinnerungen
Der Abend in der 'Fliegenden Salzerelle' ist für Alberik nicht ganz so ausgefallen, wie er es gerne gehabt hätte. Jarun hat viel aus seinem abenteuerreichen Leben erzählt, und dabei auch alle Gefahren des Meeres aufs ausführlichste erläutert, aber Anman hat bisher noch nicht darauf reagiert. Anscheinend hatte er nur Augen für die erste Offizierin, und als diese wieder zurück aufs Schiff musste, hat der Händler sie auf dem Rückweg begleitet.
So blieben für den Rest des Abends nur noch Jarun und er selber, aber auch der Gaukler musste sich bald dem Alkohol und der damit verbundenen Müdigkeit geschlagen geben. Menschen vertragen eben nichts. Und wenn der Zwerg ihm nicht den Weg zurück zum Schiff gezeigt hätte, hätte er vermutlich nicht wieder zurück gefunden.
Alberik hatte sich noch ein paar Bierchen gegönnt, und ist letzen Endes auch schlafen gegangen.
Den nächsten Tag hatte der Zwerg dann eigentlich mit schlafen verbracht. Erst am Nachmittag ist er aufgestanden, beglich die Rechnung in der Herberge, packte seine Sachen und marschierte zur NORDSTERN. Dort ließ er sich von einem Matrosen das Zimmer zeigen, in dem er nun schlafen sollte, und legte seine Sachen auf eine der Kojen, die noch frei zu sein schien.
Nur die wertvollen Sachen nahm er wieder mit und machte sich noch einmal auf den Weg in die Stadt, um dort noch ein kleines Fass Bier für die Reise zu kaufen, welches er ebenfalls schon einmal auf die NORDSTERN brachte.
Am Abend noch einen kurzen Besuch in einer Wirtschaft, um sich noch müde zu trinken.
Ansonsten kann man auf so einem schaukelnden Kahn ja nicht einschlafen! Erst spät abends kam der Zwerg wieder in die Kabine auf dem Schiff. Die schon schlafenden Menschen nicht beachtend kletterte er müde in seine Koje, nachdem er den Spiegelpanzer abgelegt hatte, und schlief ein.
NORDSTERN - Oberdeck: Efferdan und Lowanger
Schlagartig ist Efferdan wach. Die letzten Reste seines Traumes verflüchtigen sich, Efferdan richtet sich auf. Es war ein merkwürdiger Traum, verschwommen und wirr. Efferdan weiß nur noch, dass eine wunderschöne Unterwasserstadt und eine riesige Schildkröte darin vorkamen - und dass er wohl in dieser Stadt war,
unter Wasser, umgeben von - ja von was? Seine Erinnerungen an den Traum sind trübe und dunkel, so als versteckten sie sich unter der Oberfläche seines Bewusstseins. Ein Geheimnis, dass nicht gelöst werden soll... Doch es ist nicht dieser merkwürdige Traum, der Efferdan geweckt hat. Es ist etwas anderes. Efferdan braucht einen kurzen Moment, bis Efferdan weiß, was ihn irritiert.
Das Schaukeln des Schiffes - es ist anders. Und auch das Geräusch mit dem die Wellen gegen den Schiffsrumpf schlagen klingt anders als noch gestern Abend. Für Efferdan, dessen Sehnsucht und Aufmerksamkeit Zeit seines Lebens auf das Meer gerichtet ist, wirkt das Platschen der Wellen wie ein Lied - ein Lied, das vieles verrät. Ein Lied, dass von Freiheit kündet, von Kraft und Ungestüm. Von Leben und Sterben, von Abenteuer, von Gefahren und dem Duft ferner Länder...
`Das klingt ja so, als... Ja, bei EFFerd, wir sind auf hoher See`.
Efferdan reißt die Augen weit auf, verblüfft bleibt der in der Hängematte sitzen.
`Aber - wann sind wir denn ausgelaufen? Und warum wurden ich...`
Efferdan sieht sich um, wobei sein Blick auf die schlafenden Matrosen fällt `...warum wurden wir nicht geweckt? Was ist hier los?`
Efferdan atmet tief durch. Eigentlich braucht er sich ja keine Sorgen zu machen - der Kapitän wird schon wissen was er tut. Und wenn er eine Erklärung für nötig hält, wird er ihnen wohl eine geben...
»Setzt die Klüver und die Blinde« hört Efferdan den zweiten Offizier oben an Deck Befehle geben. Wieder geht ein Rollen durch das Schiff.
`Vielleicht werde ich oben gebraucht? Am Besten... am Besten wird sein, ich gehe mal an Deck...`
Schnell schlüpft Efferdan in sein Hemd, legt die Lederscheide mit dem Dolch um und begibt sich an Deck, wo er in die aufgehende Sonne blinzelt, wie um den neuen Tag zu begrüßen. Rasch sieht er sich um. Tatsächlich, sie SIND auf hoher See und das wohl schon seit einiger Zeit, bedenkt man, dass das Land außer Sicht geraten ist.
Kurz zuckt Efferdan mit dem Schulter - ihm soll es recht sein. Ja, er freut sich sogar darüber, sich wieder auf See zu befinden, denn nur auf dem Meer hat er hin und wieder das Gefühl zu Hause zu sein. Wieder kommt ihm in den Sinn, dass alle anderen sich anscheinend immer sehr darüber freuen wieder an Land zu kommen - er hingegen fühlt sich an Land immer so unwohl...
Efferdan geht flinken Schrittes auf den auf dem Brückendeck stehenden Lowanger zu, bleibt ein paar Schritt vor dem Brückendeck stehen und sagt mit heller Stimme:
"Matrose Efferdan meldet sich zum Dienst"
Das Auftauchen des Matrosen verwundert den zweiten Offizier schon ein wenig, schließlich ist Nirka für derartiges zuständig, aber wenn Efferdan meint...
Aber andererseits ist es ja nicht normal, jetzt zu dieser Zeit schon so weit draußen auf See zu sein - und vor allem wohl auch ziemlich überraschend.
"Sieh, ob du da bei den Segel helfen kannst!"
Lowanger weist dabei auf die Matrosen, die an der Steuerbordsegelwinde stehen.
"Jawohl" bestätigt Efferdan und dreht sich schon um, um zur Steuerbordwinde zu gehen, als er plötzlich zögert. Zaghaft dreht er sich noch mal zurück in Richtung Brücke. Schüchtern blickt er nach unten, nicht direkt zu Lowanger hinauf.
"Äh Herr Lowanger, ..."
Aus seiner Stimme kann man entnehmen, dass er wohl ein Anliegen hat.
Der zweite Offizier will sich schon wieder voll dem Steuer und der Navigation zuwenden, als Efferdan ihn noch einmal anspricht.
"Ja, was gibt es?"
Diese Aufforderung ist knapp und kurz, ganz so, wie man es von Lowanger gewohnt ist. Der Hauptteil seiner Aufmerksamkeit bleibt dabei auf die Segel und das Meer ringt um das Schiff herum gerichtet, und er kurbelt recht viel am Steuer herum, denn sowohl die Geschwindigkeit des Schiffes, als auch dessen Bewegungen hängen sehr davon ab, in welchem Winkel die Wellen getroffen worden.
Nun denn - jetzt war es also soweit. Er hatte einen der Offiziere angesprochen und nun musste er auch sagen, was er schon seit gestern loswerden wollte. Efferdan schluckt, seine Fäuste scheinen sich zu verkrampfen. Plötzlich, ruckartig, hebt Efferdan den Kopf und sieht zu Lowanger hoch, so als habe er endlich Mut gefasst
"Herr Lowanger... ich muss etwas melden. Ich wollte es schon gestern tun ... aber ... aber alle waren so beschäftigt... äh... also als ich vorgestern mit Wasuren die Trosse in die Last brachte... also... anscheinend war vorher jemand drin... und hat das Großsegel... teilweise auseinander gefaltet... war große Unordnung..."
Efferdan schweigt und schluckt kurz
"Dachte - ich sollte das melden..."
Scheu sieht er zu Lowanger hoch, um zu sehen, wie er reagiert. Auf einmal ist er sich gar nicht mehr so sicher, ob das Anliegen wirklich so wichtig war, um den zweiten Offizier in seiner wichtigen Arbeit zu stören. Aber - das Segel ist doch zu wichtig, um es einfach unordentlich liegen zu lassen - oder?
Efferdan fällt ein Erlebnis ein, das ihm auf der »Elidia« widerfahren ist. Dort wurde einmal ein Matrose - oder war es eine Matrosin? - beinahe zu Tode gepeitscht weil sie - ja, Efferdan ist sich nun ziemlich sicher, dass es eine Matrosin war - das Segel etwas zu sorglos und schlampig aufgerollt hatte - das war kein schöner Anblick. Efferdan wird heute noch schlecht, wenn er zu lange daran denkt...
Der zweite Offizier runzelt ein wenig die Stirn. Wenn jemand andere anschwärzt, dann ist das etwas, das er überhaupt nicht mag. Zudem weiß Efferdan ja selbst, wie wenige Leute vorhanden waren, als die Segel beim Einlaufen geborgen wurden... wobei Nirka dabei sicher darauf geachtet hat, dass sie ordentlich verstaut werden.
"Hast du es wieder aufgeräumt?" fragt er dann, ohne auch nur ein einziges Wort der Überlegung und aller anderen Gedanken, die ihm durch den Kopf gehen, auszusprechen.
Schnell nickt Efferdan zu Lowangers Frage.
"Ja...ja, natürlich. Ich... welcher Matrose würde ein Segel... so unordentlich lassen? - ich wollte... deswegen... ich dachte, dass... jemand anderes vielleicht..."
Efferdan fällt plötzlich ein, wie lächerlich dies wohl wirken muss - und wie überheblich. Der zweite Offizier hat sich bestimmt schon längst eine eigene Meinung gebildet - wie kann er es da wagen, seine unbedeutende Meinung kund zu tun? Vielleicht war es wirklich eine blöde Idee, die Unordnung in der Segellast zu erwähnen...
Efferdan sieht verlegen und auch etwas betreten zu Boden.
"Verzeihung..." meint er leise
Lowanger schüttelt entschieden den Kopf.
"Wer sonst sollte in die Segellast gehen? Die ist doch abgesperrt, und die Fahrgäste haben da ganz sicher nichts zu suchen. Du kannst das ja trotzdem mal im Auge behalten, wenn es sich wiederholt, dann sag einfach Bescheid."
Mit dieser Anweisung wendet sich der zweite Offizier wieder voll der Schiffssteuerung zu.
Efferdan nickt eifrig mit dem Kopf, um auszudrücken, dass er Lowangers Aufforderung nachkommen wird. Dann dreht er sich endgültig um - das Gespräch scheint beendet, da Lowanger sich auch wieder dem Steuer zuwendet, hat er ihm wohl nichts mehr zu sagen - und begibt sich flink und diensteifrig zur Steuerbordwinde, um zu sehen, ob er dort helfen oder jemanden ablösen kann...
NORDSTERN - Kabine: Hesindian und der göttliche Auftrag
Der dumpfe Schlag, mit dem eine Welle schwer gegen den Rumpf der NORDSTERN prallt, weckt Hesindian aus dem Reich der Träume, in welchem er eben noch ein schicksalhaftes Saufgelage mit 7 Feen in einer riesigen Muschel hatte austragen müssen, um Leben und, wichtiger noch, die jugendliche Unschuld des kleinen ALRIK zu bewahren vor den süßen Verlockungen eines dutzend junger, unbekleideter Hexen auf fliegenden Besen.
Der Geweihte blinzelt verwirrt und betrachtet verwundert die Unterseite des über ihm liegenden Etagenbettes, in dem Anman immer noch schläft. Die Erinnerung an die Ereignisse des letzten Tages holt ihn rasch ein, und mit einem hastigen Hopser schlüpft Hesindian aus dem Bett, um rasch die schmucklose Schatulle mit dem großen EFFerd-Symbol zu untersuchen. Ein Blick ins Innere lässt ihn aufatmen - alles ist, wie es sein sollte.
Ein zweiter Gedanke schießt durch seinen Kopf und lässt das Blut aus selbigem weichen. Ebenso blitzartig wie er sich eben der Schatulle widmete, stürzt er nun zurück zur Koje, um seinen kleinen Reisebeutel aus dem Dunkel unter dieser hervorzuziehen. Wenige Augenblicke seufzt er wieder erleichtert auf; das versiegelte Dokument in seiner stabilen Hülle ist ebenfalls noch da, und unversehrt.
Eine weitere Welle trifft das Schiff und lässt Hesindian fast das Gleichgewicht verlieren. Rasch packt er das wichtige Dokument zu der EFFerd-Schatulle und kleidet sich an, um das Oberdeck aufzusuchen. Die Botschaft, die er nach Kuslik transportieren soll, legt er in die Schatulle selbst zu dem anderen Artefakt. Mit dieser dann verlässt er die Kabine mit einem leisen Loblied an HESinde auf den Lippen.
Mit tiefen Zügen kostet Hesindian von der frischen Seeluft auf dem Oberdeck, das er mit schnellen Hüpfern den Niedergang hinauf erreicht. Der Geweihte schaut sich um; weites Meer umgibt das Schiff zu allen Seiten, und nichts außer Wind und Wellen liegt bis zum weiten Horizont.
Vorsichtig stellt Hesindian das ihm zum Beschützen unterstellte Kästchen neben sich ab, um einige Kniebeugen zur körperlichen Ertüchtigung zu unternehmen. Der Wind zupft doch mit spürbarer Kühle an seiner Kleidung, und so ist er über die Aufwärmung zusätzlich froh.
Den Service der NORDSTERN hat er ja schon am Vortage kennen lernen dürfen, und so hält er sich diesmal nicht damit auf, sich mit einem Matrosen zu streiten, und greift beherzt zu Eimer und Seil, um etwas frisches Wasser an Bord zu holen.
Beim letzten Mal, als er dieses tat, lag die NORDSTERN im ruhigen Hafen, doch diesmal ist er nicht auf die gute Fahrt gefasst, die das Schiff unter dem starken Wind macht. Nur mit Müh und Not gelingt es ihm, das Seil nicht aus seinem Griff entwischen zu lassen. Einen überraschten Aufschrei kann er aber nicht verhindern.
Mit einiger Mühe gelingt es Hesindian doch noch, den schwer gefüllten Wassereimer gegen die Strömung aus dem Meer zu ziehen und an Bord zu hieven. Erschöpft stellt er den Eimer vor sich ab und beginnt nach kurzer Pause, sich aus seiner gewickelten Geweihtenkleidung zu schälen, um sich seiner Morgenwäsche zu widmen.
Während er damit beginnt, Oberkörper und Arme mit Wasser zu benetzen und abzuspülen, entdeckt er auch Anman, der nicht weit entfernt an der Reling steht und fassungslos aufs Meer blickt.
"Hesinde zum Gruße." ruft der Geweihte vergnügt dem unbekannten Fahrgast zu.
NORDSTERN - Gemeinschaftkabine: Hjaldar's Erinnerungen
"Wat'n Orkenmist!"
Missmutig packt sich Hjaldar am Abend des 27. in seine Koje in der inzwischen gemütlich voll belegten Gemeinschaftkabine.
Diesen Tag wird er so schnell nicht vergessen, auch wenn's ihm eigentlich lieber wäre. Nich', dass jetzt wirklich wat Schlimmes passiert wäre aber 's eben auch nix wirklich phänomenal Gutes passiert, zumindest für ihn. Na gut, die Sache mit dem EFFerdtempel - is' schon hilfreich, wenn man 'n bißchen auf die Sympathie vom ollen Fischvatter hoffen kann. Und sonne nette Feier in Havena dann is' ja auch nich' übel, da wird's dann ja wohl wat ordentliches zum Saufen geben. Aber so, für'n ganzen Tag ordentlich wat tun, da hätten's schon ein paar Münzen sein können und nich' nur so'n "Dankeschön"-Gegrinse.
Brummelig streicht er sich noch über den Bart, als sich seine Miene schon wieder ein wenig aufhellt - seine Gedanken schwenken gerade zu den beiden Flaschen Wein, die er immerhin abstauben hat können.
'Ja nich' vergessen dann morgen noch'ne Runde für alle zu schmeißen...' nimmt er sich vor, als er sich schließlich in die Decken wickelt.
dass die eingeweihten Matrosen oben schon damit beginnen das Schiff zum Auslaufen klar zu machen, weiß er - auch dass er eigentlich noch mit anpacken könnte, was das angeht. Aber irgendwann ist's dann auch mal gut mit der Arbeit für umsonst. Da hätt' er auch gleich strahlender Ritter in glänzender Rüstung werden können, wat'n shiet. Das wohl.
*********
Kaum das oben der Zweite Offizier alle Segel voll in den Wind stellen lässt und damit wirklich 'Leben' in die NORDSTERN kommt, ist Hjaldar auch schon wach. Das fühlt sich doch schon gleich viel besser an als gemächliche Dümpelei oder das Herumkriechen mit Schiffsleichen an der Leine.
Mit Schwung setzt er sich auf und schwingt die Beine über den Kojenrand
"Morgen Ahoi!" tönt er nicht gerade leise, als er bemerkt, dass schon jemand wach ist. dass es auch welche gibt die noch NICHT wach sind, beachtet er bei der Wahl seiner Lautstärke nicht weiter.
NORDSTERN - Kabine: Herr Di Vespasio in schwerem Schlummer
"... und an diesen Säulenkapitälen ist die Orientierung am pre-helaischem Stil besonders deutlich erkennbar. Woran man erkennen kann, dass es sich nicht etwa um wirklichen Pre-helaismus handelt? Nun, als erstes ..."
Di Vespasio träumt. Aufgrund einer achtlos hingeworfenen Bemerkung über seine brillante Übersetzung der Schriften des Carobit und dessen Architekturtheorie hatte man ihn gebeten, eine kleine Führung durch den Havenner EFFerdtempel zu geben. In aller Bescheidenheit hatte er akzeptiert und offenbar tatsächlich ein aufmerksames und interessiertes Publikum erhalten.
Nach dem Frühstück und einer kurzen Umrundung des Tempelplatzes und einer etwas längeren Betrachtung der verschiedenen Aufbaustufen des Portals war man, nach dem Mittagessen, in die Eingangshalle vorgedrungen und di Vespasio plant die Halle von oben nach unten durchzusprechen, um die die Meeresverbundenheit besonders zu betonen.
Plötzlich wird das Gebäude von einem starken Stoß erschüttert und di Vespasio setzt sich im Bett auf.
"Was? Wo? Wer?"
Di Vespasio dreht sich in der Koje halb um. Dann öffnet er unter unerträglichen Mühen das linke Auge und blickt zum Bullauge auf. In dieser Richtung, Nordwest, kann man noch nicht einmal von 'Morgenstund' sprechen.
'Was soll der Lärm, es ist doch noch dunkel.'
Dann wirft er sich wieder auf das Lager zurück, wühlt sich in sein Bettzeug und murmelt ein leises:
"Ruhe!"
Di Vespasio versucht weiter Schlaf zu finden. Doch ist das nicht so einfach.
'Das Schaukeln. Auf und Ab. Und immer diese Stöße. Alles ist schief. Und schlimmer scheint es auch noch zu werden.'
'Dieser Lärm. Manchmal hast du wirklich den Eindruck, dass auch das kleinste Geräusch, das jemand auf dem Frontschiff macht, bis in das hinterste Zimmer zurück dringt. Können die da vorne nicht mal still sein?'
'Das Bettzeug ist natürlich immer zu warm oder zu kalt, aber dieses hier schafft es, beides zugleich zu sein. Und es ist auch noch zu rau und zu wenig, denn wenn man sich den Kopf zudecken will, ragen die Beine hervor.'
'Aber noch schlimmer ist das Bett selbst. Zuhause hast du Stühle, die größer sind.'
So dreht sich der Händler auf die linke Schulter und versucht es dort noch mal mit dem Einschlafen.
'Es ist ein aussichtsloser Kampf. Sind die Augen erst einmal auf, so wird sie so schnell nichts mehr schließen können. Natürlich, wenn man so richtig müde wie ein Stein ist. Aber so früh am morgen?'
Di Vespasio beobachtet, wie ein Apfel auf dem kleinen Regal an der Kojenseite hin und herrollt, im Takt des sich durch die Dünung werfenden Schiffes.
'Gestern war das noch anders, da bist du wirklich mal früh ins Bett gegangen, für deine Verhältnisse. Aber es war ja auch ein anstrengender Tag. Und natürlich eine ebensolche Nacht zuvor. Es ist schon erstaunlich, gleich zwei Abenteuer hintereinander. Deine Bekannten aus der Versammlung werden dir vermutlich kein Wort glauben. Zunächst treibst du zwei verschollen geglaubte Schriftrollen wieder auf, dann wirst du entführt, kannst dich befreien und entdeckst am selben Vormittag noch ein gestohlenes, dem EFF erd geweihtes Artefakt.'
Der Apfel stößt immer wieder zwischen dem Glas, einem Bücherstapel und der Kerze hin und her. Vom Regalbrett herunter kann er nicht, es ist in weiser Voraussicht mit einem Rand versehen. Es sieht aus, als wolle der Apfel aus seinem Gefängnis entkommen, kenne aber den Ausweg nicht und stoße jetzt sinnlos gegen jede Grenze, die sich ihm entgegenstellt.
'Vermutlich hat der gute Fuxfell bereits gestern die ganze Geschichte unserer Entführung erzählt. Du kannst nur hoffen, er ist einigermaßen bei der Wahrheit geblieben und hat die unschönen Szenen weggelassen.'
Der Apfel hat jetzt einen neuen Trick entdeckt. Auf der Seite des Eckregales hat sein Verspeiser in spe einige Notizblätter abgelegt. Diese ragen über den Rand hinaus und mit etwas Schwung sollte es möglich sein, über diese Rampe das Bord zu verlassen. Dafür braucht es aber eine große Welle.
'Du solltest dringen auch noch mal mit ihrer Gnaden Hesindian sprechen. Es wäre äußerst schade, das Artefakt in die Hände der Efferdkirche zurückzugeben, ohne ein detaillierte Beschreibung davon anzufertigen. Du solltest irgendwo im Gepäck noch einen Fingerstock dabeihaben und etwas Zeichenpapier wird sich auch noch finden.'
Da! Der Apfel kullert nochmal bis ganz in die Ecke zurück, es geht wohl eine Riesenwelle hoch, dann schwingt das Schiff in die Waagerechte, für einen Augenblick bleibt alles in der Schwebe, dann geht es abwärts, hinab in das Wellental. Für einen Menschen wäre diese `irre` Sturzfahrt vermutlich nicht einmal wert, sich festzuhalten, dem Apfel aber reicht sie, um kräftig Anlauf zu nehmen und über die Notizblätter in die Freiheit zu springen. In diesem Fall endet die Freiheit etwa zwei Ellen tiefer auf dem Kabinenboden.
'So jetzt ist er unten. Du wirst jetzt wohl auch aufstehen müssen. Es hat ja doch keinen Sinn. Du willst doch nur diese schwere Entscheidung, die dir bevorsteht, weiter hinaus schieben. Aber es hilft nichts, mein Lieber, du kannst die Zukunft nicht verhindern, indem du im Bett bleibst.'
Di Vespasio greift sich zwei Hände Wasser und wirft sie sich ins Gesicht.
"Brrrrr! Uha."
'Letztlich läuft es natürlich auf eine Abwägung der verschiedenen Möglichkeiten und der darin verborgenen Risiken hinaus. Die Möglichkeiten sind nicht besonders zahlreich, etwa eine Handvoll, wenn man alle mitrechnet. Die Risiken ...'
Seine tastenden Finger finden ein Handtuch, befördern dieses zum Gesicht und tupfen es etwas trocken. Er schlägt dann ein wenig Seife schaumig und bepinselt sich das Gesicht in den notwendigen Teilen. Das Rasiermesser ist etwas schwieriger zu finden, doch hat er es einmal in den Finger, beginnt er am linken Ohr mit einer Geschicklichkeit, die jahrzehntelange Übung mit scharfen Gegenständen offenbart.
'... sind da schon schwieriger zu beurteilen. Grundsätzlich gilt: ein falscher Schritt und der gute Ruf ist ruiniert. An Bord sind leider auch einige Damen und Herren von Stand. Die Dame von Beibach und Bruch. Die Offiziere an Bord haben ebenso den Rang weltlicher Herren. Fräulein Shilaiellys darf man zumindest bis aus weiteres dazurechnen, auch wenn ihre unglücklichen Familienverhältnisse ... aber wer wärst du, darüber zu richten.'
Mit einem feuchten Tuch wischt er sich dann die restliche Seife vom Gesicht und trocknet sich vollständig ab. In dem Koffer sucht er darauf zunächst das Puder, findet dabei aber zuerst das Parfum, welches direkt angewendet werden kann, und die Handcreme, welche noch ein wenig warten muss und deshalb nochmal in den Koffer zurückwandert.
'Dann wären da noch die Gelehrten und Künstler, deren Einfluss in der Gesellschaft ebenfalls nicht zu unterschätzen ist: der gelehrte Herr Durenald, der wohl gelehrte Herr Rosenhain, der Schiffsmagus, Fräulein Rosenhain und nicht zu vergessen der Adeptus Jurespruditia Herr Kummerer.'
Der Kamm kommt auch gelegen, auch wenn er sich bei dem Adligen nicht überarbeitet. Di Vespasio hatte in letzter Zeit mal über diese neumodischen weißen Perücken nachgedacht, aber dann doch den Gedanken verworfen, diese Neuerung grade auf einer Reise einzuführen.
'Nicht zu vergessen, als Vertreter der Götter, ihre Gnaden Hesindian. Und dann sind da sicher noch eine Vielzahl von weiteren wichtigen Personen, denen du noch nicht vorgestellt wurdest. Und du weißt selbst, wie wichtig der erste Eindruck ist. Endlich das Puder, ganz hinten natürlich, wozu hast du dir nur diesen Koffer maßanfertigen lassen, wenn du doch nichts darin findest?'
Bald ist der Südländer in einer dichten Wolke verschwunden.
'Nein, alles hin- und herüber legen hilft nichts, die Entscheidung bleibt vertrackt. Wie du es auch machst, es wird jemandes Missfallen erwecken.'
Di Vespasio kratzt sich am glatt rasierten Kinn.
'Nicht leicht, wirklich nicht leicht. Was würde wohl dein Lehrer, der alte Graf, jetzt an deiner Stelle tun?'
Vor dem Adligen auf der Koje sind fünf Hemden aufgereiht. Das ganz linke ist furchtbar verdreckt, bis zur Brust zieht sich eine braune Färbung und darüber sieht es auch nicht viel besser aus.
Daneben liegen zwei, die deutlich getragen sind, verknittert, zwar keine Flecken, kein abstoßender Geruch, aber eben ... getragen. Das eine noch am Vortag der Abreise in Thorwal, das andere am ersten Reisetag.
Daneben das Hemd vom Abend der Abreise. Es ist zwar noch am besten erhalten, aber dummerweise ziert den Kragen ein großer, grauer Fleck. Der ist wohl bei dem unglücklichen Sturz am Hafen entstanden, bei dem auch die blaue Robe etwas schmutzig wurde. Den Fleck könnte man eventuell auswaschen, ab wer an Bord sollte das tun? Bis dahin ist das Hemd jedoch quasi untragbar.
Ganz rechts liegt ein frisches Hemd. Zwar zieht im Moment alles den Adligen dahin, dieses frische Hemd anzuziehen, aber das hieße die Zukunft zu verleugnen.
'Hm. Bis Havena sind es drei Tage, heute, morgen und übermorgen. Wenn wir, und diesen ungünstigsten Fall solltest du einmal voraussetzen, am Abend des 30. einlaufen, dann wird wohl kaum noch Zeit sein, einen Ausstatter aufzusuchen und ein Hemd zu erwerben. Nicht zu reden, ein anderes waschen zu lassen. Ganz zu schweigen, sich eines auf Maß anfertigen zu lassen.'
Di Vespasio zählt die Hemden noch einmal durch, aber es sind immer noch fünf.
'Damit fällt das frische weg, es muss für den Abend im Tempel vorgesehen bleiben. Da das Schmutzige indiskutabel ist, bleiben drei Hemden für drei Tage, jedes ein zweites Mal getragen. Oder wenn du, wie es die Sauberkeit gebietet, auf das mit dem Fleck verzichtest, zwei Hemden für je einen weiteren Tag und eines davon für einen dritten Tag. Welche Schande!'
Der Südländer schüttelt mißbilligend den Kopf.
'So unangenehm der Gedanke auch ist, es führt kein Weg daran vorbei, du muss wohl ein Hemd einen dritten Tag anziehen, wenn du dich nicht in dem Zimmer einsperren willst.'
Er greift schweren Herzens zum mittleren Hemd und beginnt, es sich anzuziehen.
'Natürlich bleibt immer noch das Hemd für Notfälle, das du ganz unten im Koffer abgelegt hast. ... Nein - wo würde das enden, Notfälle in die Planung mit einzubeziehen.'
Im Spiegel streicht sich di Vespasio noch einmal die Augenbrauen glatt, dreht sein Gesicht von links nach rechts und zurück, nickt zufrieden, zieht sich den roten Rock über, bürstet ihn nochmal ab, blickt nochmal in den Spiegel, greift zu Stock und Hut und verlässt die Kabine.
Dann kehrt er um, nimmt eine kleine, lange Schatulle vom Regal und steckt sie in ihr Fach in den Reisekoffer, zieht einen Schlüssel an einer Kette um den Hals hervor, schließt den Koffer ab, verstaut den Schlüssel wieder unter dem Hemd, blickt in den Spiegel, streicht nochmal die rechte Augenbraue glatt und verlässt die Kabine.
Dann kehrt er um, sucht den Kabinenschlüssel in dem Chaos auf der Eckregal, findet ihn unter den Apfelschalen auf dem kleinen Teller, verstreicht im Spiegel das Puder auf der rechten Wange etwas gleichmäßiger, verlässt die Kabine, verschließt die Kabinentür, schließt die Kabinentür wieder auf, holt seinen Stock, streicht die linke Augenbraue nochmal glatt, verlässt die Kabine und verschießt die Kabinentür.
NORDSTERN - Mannschaftsraum: Perval's Gruß
Lange hatte Perval nicht mehr so gut geschlafen wie in der vergangenen Nacht. Wie ein Baby im Schoß der Mutter war er am Abend in seiner Hängematte im Mannschaftsraum der NORDSTERN nach einem kurzen Schluck des Selbstgebrannten eingeschlafen. Geträumt hatte er von der hochstehenden Sonne, die auf die Rücken der arbeitenden Matrosen scheint; von einem Schiff, das mit vollen Segeln durch die spiegelglatte See schneidet; das sanfte Gleiten des Schiffsrumpfs über das Wasser durch eine leichte Vibration des Decks erahnend. Fast schon war es gewesen, als könnte er die Bewegung des in Fahrt befindlichen Schiffes spüren, als er durch die verschiedensten Geräusche geweckt wurde. Noch einen kurzen Moment gab er sich, schließlich hatte niemand die Bootsmannspfeife bedient, wie sie ihn jeden Morgen für lange Jahre aus dem Schlaf gerissen hatte, und auch kein Ruf war ertönt, der die Matrosen antrieb.
Doch im nächsten Moment ist er voll da. Das, was er spürt, ist nicht ein Schiff, wie es sich bewegt, wenn es sicher im Hafen am Kai liegt. Nein, mit der Erfahrung vieler Jahre spürt Perval, dass dieses Schiff gute Fahrt macht, vorangetrieben vom Wind und kaum gestört durch die Wellen. Aber keine Zeit bleibt ihm um weiter darüber nachzudenken, dass dieses Schiff doch erst im Laufe des Tages auslaufen sollte, als er im Türrahmen die Gestalt eines stämmigen und muskulösen Matrosen, bewaffnet mit einem Beil, wahrnimmt. Im ersten Moment denkt er an einen Überfall, als ihm klar wird, dass er zum einen diesen Matrosen schon am Vortag auf der NORDSTERN gesehen hatte, und dass dieser nicht aussieht, als würde er sich mordlustig auf ihn stürzen wollen.
Mit schnellen Griffen ist Perval in seine Hose und Stiefel geschlüpft, bevor er vortritt und dem eintretenden Matrosen die Hand entgegenstreckt und mit leiser Stimme spricht, um die anderen Schlafenden nicht unnötig zu stören:
"Moin, mein Name ist Perval. Ich hab' gestern auf der NORDSTERN angeheuert." Nach einem kurzen Moment hinzufügend "Sagt, täuschen mich meine Sinne oder befinde wir uns wirklich bereits auf See, bei EFFerd?"
Am frühen Morgen hätte Sigrun schwören können, dass irgend etwas nicht stimmt. Aber die durchwachten Nächte fordern noch immer ihr Tribut und so hat sie die im Halbschlaf auftauchenden Bedenken achtlos ignoriert und sich noch einmal umgedreht.
Doch jetzt dringen Laute an ihr nicht mehr ganz so verschlafenes Ohr.
"Moin, mein Name ist Perval. Ich hab' gestern auf der NORDSTERN angeheuert." Nach einem kurzen Moment hinzufügend "Sagt, täuschen mich meine Sinne oder befinde wir uns wirklich bereits auf See, bei EFFerd?"
Auf See? Nur langsam, doch dafür um so deutlicher, dringen diese Worte zu ihr durch. Jetzt spürt sie es auch: das Schiff bewegt sich mit dem gleitenden Auf und Ab, das nur durch eine hohe Geschwindigkeit bei relativ starkem Seegang entsteht.
Im gleichen Moment, in dem sich die neue Matrosin, Traviana, bei Wasuren vorstellt, springt Sigrun auf. Sie fühlt sich plötzlich sehr wach. Ohne allzu viel Rücksicht auf weitere schlafende Matrosen zu nehmen, schließlich sind sie alle die Lautstärke eines Mannschaftsraums gewöhnt, oder die Tatsache zu berücksichtigen, dass offensichtlich schon zwei Personen auf eine Antwort von ihm warten, richtet auch sie ihr Wort an Wasuren.
"He, Wasuren! Er," dabei nickt sie in Pervals Richtung, "hat Recht, oder? Wir sind schon unterwegs."
Schon bei diesen Worten wirft sie sich ihre leichte Jacke über und stolpert mit noch nicht ganz fertig verknoteten Schnürsenkeln die ersten Schritte in Richtung des von der Dreiergruppe blockierten Ausgangs.
NORDSTERN -Kapitänskajüte: Jergan's Pflichten
Die Nacht, oder, besser gesagt, das, was von ihr übrig geblieben ist, war für den Kapitän ziemlich kurz. Trotzdem hat alleine das Pflichtbewusstsein dafür gesorgt, dass er zumindest so viel wie möglich geschlafen hat, denn irgendwie ist ihm schon klar, dass diese Überfahrt nach Havena eine ziemliche Herausforderung an seine seemännischen Fähigkeiten werden kann, denn es ist mit einem Segelschiff nur schwer möglich, bestimmte Termine genau einzuhalten. Doch genau das ist jetzt erforderlich, wenn die Heilige Miesmuschel ihr Ziel rechtzeitig erreichen soll - eine Mission, bei der vielleicht EFFerd selbst ein wenig helfen wird.
So erhebt Jergan sich von seinem Lager, als die Geräusche des Schiffes ihm verraten, dass Lowanger die NORDSTERN auf volle Fahrt bringt, und damit die Phase der Ruhe erst einmal vorbei ist.
Die ersten Schritte des Kapitäns an diesem Morgen führen an das Fenster, wo er den Vorhang ein wenig zur Seite schiebt, und hinaus auf die ziemlich großen Wellen schaut. Das, was er sieht, gefällt ihm sehr, macht das Schiff doch bei diesem Wind ordentlich Fahrt, und die Wellen sind zwar groß genug, um es gehörig durchzuschütteln, aber andererseits auch noch nicht so groß, um eine Gefahr zu werden. Das mag sich noch ändern, aber Jergans Zuversicht ist im Moment sehr hoch, schliesslich will EFFerd selbst, dass diese Fahrt gelingt, und Havena rechtzeitig erreicht werden kann.
Langsam tritt Jergan vom Fenster zurück, und wendet sich seinen Sachen zu, die sauber zusammengelegt so auf dere Lehne eines der Stühle liegen, dass die Bewegungen des Schiffes sie nicht hinabgeworfen haben. Er kleidet sich rasch an, wobei das Schaukeln des Schiffes ihn nicht im geringsten stört - es geht eben nichts über wirklich langjährige Erfahrungen.
Der Kapitän ist, wie auch die Bootsfrau eine knappe Schiffslänge bugwärts, sehr schnell mit dem Ankleiden fertig, und lässt sich dann in einen der Sessel an dem Tisch seiner Kabine fallen.
Auf dem Tisch liegt noch, durch die schmalen Kanten an den Seiten des Tisches gegen das Runterfallen gesichert, das große Buch, in das er in der Nacht die Vorfälle des Vortages eingetragen hat - zumindest soweit, wie sie ihn und das Schiff betreffen, und soweit er darüber Bescheid weiß. So ist beispielsweise die Geschichte, wie die Mannschaft und die Fahrgäste der NORDSTERN überhaupt in jene Geschichte um die Heilige Miesmuschel verwickelt wurden, nur ganz knapp erwähnt, die Ereignisse um ihre Auffindung überhaupt nicht, dafür ist aber groß und breit von den Folgen berichtet: Von der Tatsache, dass sich das Artefakt an Bord befindet, ebenso wie von dem Umstand, dass deswegen die Route des Schiffes geändert werden musste.
Jergan Efferdstreu überfliegt die letzten Zeilen, die er in der Nacht geschrieben hat, noch einmal, dann greift er wieder zu der Feder, und beginnt, noch einige kleine Ergänzungen vorzunehmen.
"Und so ist dieses Schiff dazu bestimmt, die HEILIGE MIESMUSCHEL von Salzerhaven nach Havena zu transportieren, eine von EFFerd selbst gesegnete Mission hoher Wichtigkeit, die ein vor langer Zeit..."
Jergan hält beim Schreiben inne. Er muss wohl Hesindian oder Darian nachher noch fragen, vor wie langer Zeit das war, denn er kann sich erinnern, dass die Zahl der Götterläufe von den beiden oder der Tempelvorsteherin des Salzerhavener EFFertempels sehr wohl genannt worden ist, und damit wohl auch in dieses Buch gehört. Dann setzt er die Feder wieder an.
"(vor Götterläufen) aus dem Tempel zu Havena auf gotteslästernde Weise entwendetes Artefakt der EFFerdkirche ist."
Diese Sätze sind wohl ein guter Abschluß dieses Eintrages. Der Kapitän der NORDSTERN schiebt Buch und Feder ein wenig zur Seite, um jenen Nachtrag dann nicht zu vergessen, und steht dann wieder auf. Es wird wohl auch langsam Zeit für ihn, auf dem Deck nach dem Rechten zu sehen. Notwendig ist das im Grunde nicht, ist die NORDSTERN bei Lowanger doch in sehr guten Händen, doch gerade für die neu hinzugekommenen Fahrgäste mag es ein wichtiges Zeichen sein, den Kapitän selbst zu sehen.
NORDSTERN - Kabine E2: Darian's Niederschrift
Auch Darian ist auf die NORDSTERN zurück gekehrt und hatte sich recht bald in seine Kabine zurückgezogen. Eine zeitlang dachte er noch an die seltsamen Ereignisse des Tages und an die heilige Miesmuschel, dann war er eingeschlafen.
Als er wieder erwacht, steht die PRAiosscheibe gerade mal knapp über dem Horizont, aber das Schiff ist bereits auf hoher See. Nachdem er sich angekleidet hat, bleibt er in seiner Kabine, greift zu einer leeren Schriftrolle, sowie zu Feder und Tinte und beginnt die Erlebnisse des vorangegangenen Tages nieder zu schreiben.
Aufgrund der doch recht starken Schaukelbewegungen, die die Karavelle bei diesem Wind und diesem Kurs, durchführt, fällt das Schreiben deutlich schwerer als in einer Studierstube an Land. Doch was wäre ein Adeptus, der nicht mit der Feder umzugehen weisz, wie der Schwertkönig mit seiner Klinge? So kratzt die Feder zwar etwas langsamer als gewohnt, aber dennoch zielsicher und fehlerfrei über das Pergament, wird wieder ins Tintenfäszchen getaucht und auch sogleich weitergeführt, um auch die nächsten Zeilen festzuhalten.
Zielsicher gleitet die Feder über das Pergament, Worte und Sätze formend:
... begegnete uns ein Mann, wankend, wie in schwerer Trunkenheit. Er brach unmittelbar vor meinen Füßen zusammen und war wenige Augenblicke später tot. Möge BORon sich seiner annehmen. Er war vergiftet worden, wie sich später herausstellte, es handelte sich wohl um ein mittelschnell wirkendes Lähmungsgift. Eine genauere Untersuchung war leider nicht möglich. Es stellte sich ebenfalls erst später heraus, dass es sich bei dem Toten um einen Geweihten des EFFerd handelte, denn er trug bei seinem Tod nicht die übliche Geweihtenkleidung. Im Tempel erfuhren wir, dass der Tote, Efferdos, auf der Suche nach einem heiligen Artefakt der Efferdkirche war, einer außergewöhnlichen Miesmuschel. Nun ergaben auch die letzten Worte des Toten - "wichtig, gefunden, Kutscher" einen Sinn. Sie waren ein Hinweis darauf, dass er im Gasthaus "zum fröhlichen Kutscher" eine Spur vom Verbleib des Artefakts gefunden hatte ...
Noch immer schreibt Darian:
... weitere Nachforschungen u.a. bei einem Händler für wenig hesindegefällige Kunstwerke, blieben erfolglos. Auch ihm genannten Gasthaus, sowie bei einem gegenüberliegenden Schiffsausstatter, konnten wir nichts entdecken. Dann jedoch kehrte plötzlich der Schiffsjunge nicht von der Verichtung seiner Notdurft zurück, ebenso verschwanden der Junge Ameg, seine Gnaden Hesindian, Geweihter der Herrin HESinde, sowie die junge Dame Alkinoê Shilaiellys. Untersuchungen des Hinterhofes und der Latrinen ergaben keine Spur der Verschwundenen. Lediglich eine leichte arkane Präsenz im hinteren Ausgangsbereich war festzustellen. Eine genauere arkane Analyse blieb leider wiederum erfolglos. Von der Wirtin war zu erfahren, dass ein sog. Braunchen in dem Gasthaus heimisch sei, daher vermute ich, dass es sich bei der arkanen Präsenz, um ein, wenn auch sehr kleines, ´Feentor´ handelte, einen Übergang in die Anderswelt ...
.... Da alle weiteren Untersuchungen im Gasthaus »zum fröhlichen Kutscher« erfolglos blieben, beobachteten wir den gegenüberliegenden Schiffsausstatter, da sich auch dort offensichtlich nichts tat, beschlossen wir auf phexgefällige Weise, nach Hinweisen zu suchen. Die Lagerhaustür war leicht mittels FURAMEN FURAMINOR zu öffnen, der Wachhund des Händlers jedoch ließ uns zunächst nicht passieren. Freifrau Reckinde von Beibach und Bruch, zeigte ein außergewöhnliches Talent im Umgang mit Tieren, sie schaffte es nicht nur den Hund zu beruhigen, nein seither folgt das Tier ihr auf Schritt und Tritt ...
... Vorsichtig drangen wir in den Weinkeller vor, fanden dort jedoch nichts besonderes. Unser Weg endete vor einer Tür, die weder Schloß noch Klinke besaß und daher weder mittels Phexhaken noch mittels FURAMEN FURAMINOR zu öffnen war. Ein gründliche Untersuchung des Raumes auf versteckte Mechanismen blieb erfolglos. Plötzlich wurde die Tür jedoch von der anderen Seite geöffnet und zwar von den zuvor verschwundenen Personen, Alrik, Ameg, seine Gnaden Hesindian und Alkinoê! Diese Gruppe berichtete uns, sie sei von einem sog. Braunchen, nach der Lösung mehrerer Rätsel in diesen Raum geleitet worden. Ob es sich schlicht um eine Geheimtür, eine Teleportationsformula oder gar ein weiteres ´Feentor´ handelte war leider nicht festzustellen. Ebensowenig war festzustellen, ob die genannten Personen tatsächlich Kontakt mit der Feenwelt hatten oder einer Vision oder Illusionsformula erlegen waren ...
... Im zweiten Kellerraum fanden wir eine große Sammlung von Muschelschalen vor. Ein Glasbehältnis zur Ausstellung von wertvollen Exponaten, hatte zwar allem Anschein nach einmal eine ungewöhnlich große Muschelschale enthalten, wir fanden es jedoch leer vor. Auch unter den anderen Muscheln, fanden wir keine große Miesmuschel, wie sie von den Geweihten des EFFerd gesucht wurde. Unsere weitere Suche führte uns in die, zu dieser Zeit menschenleere, Schreibstube des Händlers, wir vermuteten die heilige Miesmuschel zunächst in einem verschloßenen Panzerschrank, durchsuchten dann aber doch den, reichlich chaotischen, Schreibtisch. Dort fanden wir die zweite Schale der heiligen Miesmuschel vor, sie wurde, offenbar in Unkenntnis ihre wahren Wertes, als Briefbeschwerer benutzt! Die beiden Muschelschalen wurden wieder vereint und sollen nun nach Havena überführt werden, um wieder ihren angestammten Platz im dortigen Tempel des EFFerd einzunehmen.
Der Adeptus betrachtet sein Werk noch einmal und begutachtet es sorgsam. Er säubert die Schreibfeder und verschließt das Tintenfäßchen wieder. Eine Weile wartet Darian noch, bis die Tinte genügend getrocknet ist, dann rollt er das Pergament zusammen und verstaut alles wieder sorgfältig im kleinen Regal der Kabine.
NORDSTERN: Garulf's Wege
27. EFFerd, Nachmittag
Nachdem der Proviant angeliefert und sicher verstaut war, hatte Garulf sich noch einmal an land begeben. Sein Ziel war diesmal der EFFerdtempel. Zwar war dort einiges in Unruhe geraten, ein junger Geweihter war offenbar gestorben, vergiftet wie man sagte, doch letztlich hat sich doch noch ein Geweihter seiner annehmen können. Dieser hatte ihm eine recht simple, wenn auch einleuchtende Deutung seiner Walvision dargelegt. Der Wal als heiliges Tier SWAfnirs, Sohn des EFFerd, schützt einen Kreis des Lichts - die Meere Deres - vor der Dunkelheit - der Domäne Hrangars.
28. EFFerd, später Vormittag
Erst recht spät erwacht der Schiffskoch und erhebt sich träge aus seiner Koje. Es fällt ihm auf, dasz das Schiff schaukelt, zwar tut eine Karavelle das eigentlich immer, doch ihm wird schnell klar, dasz es nicht das Schaukeln im Hafenbecken ist, sondern die Dünung des Meeres.
´Bei Swafnir, wie lange habe ich denn geschlafen?´
Er wirft sich fast etwas hastig seine Kleidung über, dann begibt er sich an Deck. Erstaunt stellt er fest, dasz man bereits einige Zeit auf See sein musz, denn Salzerhaven ist - wie der Rest der Küste auch - bereits hinter dem Horizont verschwunden.
Mindestens ebenso erstaunt es ihn, dasz der Kapitän bei diesem Wind zum einen Vollzeug setzen läszt und zum anderen einen Kurs segelt, der vor allem grosze Geschwindigkeit ermöglicht.
´Der Kapitän hat´s wohl besonders eilig aus Salza weg zu kommen.´
Da es wohl noch etwas Zeit ist, bis das Essen bereitet werden musz, schaut er sich auf Deck um, ob nicht noch ein andere Matrose beschäftigungslos herumsteht, vielleicht einer, der den Grund für diese Flucht weisz.
NORDSTERN - Mannschaftsraum: Ameg
Ameg wird durch die Bewegung der NORDSTERN und die nicht gerade leise geführte Unterhaltung der Matrosen wach. Wie können die nur schlafen, wenn deren Kameraden sich so laut unterhalten? Aber eigentlich muss Ameg zugeben, dass es sich im Schlafraum der Mannschaft gut schlafen lässt. Auch diese schwankenden Hängematten sind erstaunlich gemütlich, sofern man sich mit einer Decke schön zudeckt und nicht wie einige der Matrosen Arme und Beine überall heraus hängen lässt. Ameg ist froh, dass er im Mannschaftsraum übernachten durfte. Viel besser als irgendwo alleine unten in einem Laderaum und auch viel besser als in der Gemeinschaftkabine in der es auch nicht viel besser roch als im Mannschafts-Schlafraum. Außerdem war Torin in der Gemeinschaftkabine.
Ameg war ihm und Joanna, sowie Phexane am vergangenen Tag aus dem Weg gegangen und hatte sie nicht gesehen und sie hatten ihn wohl auch nicht bemerkt. Ameg fragte sich warum Torin wieder da war. Wollte er nicht zu seinem Vater Rotmarder zurück? Eigentlich war es Ameg ja egal... er wollte jedenfalls nicht zu irgendwelchen seltsamen Leuten die er nicht kannte und die andere in ihrer Jugend offenbar nicht allzu gut behandelt hatten. Er glaubte, dass er im Zweifelsfalle auch allein zurecht käme. Bisher hatte alles andere, bis auf den Zwischenfall mit dem Dunklen, ja auch immer gut geklappt. Salzerhaven war, bis auf den Abend in der Taverne und der nachfolgenden etwas kühlen Übernachtung auf dem Vorderdeck der NORDSTERN, auch ganz schön gewesen. Ein richtiges kleines Abenteuer. So viel hatte er gesehen und erlebt an einem einzigen Tag. Ein nettes Frühstück am Markt, Nachforschungen um einen Toten, Abenteuer mit Hesindian, Alkinoê und Alrik und dazu die Begegnung mit Braunchen. Und schließlich der Fund der zweiten Hälfte der heiligen Miesmuschel und der Einladung zu so einem EFFerd-Fest in wenigen Tagen in Havena. Es würde bestimmt auch weiter interessant werden. Ob er wohl weiter mit der NORDSTERN mitreisen konnte? Aber dann müsste er sehen wie er zu Geld kommen würde. Bis Havena fuhr er auf jeden Fall ohne zu zahlen, da er bei der Wiederfindung der heiligen Miesmuschel gefunden hatte und zu dem Fest eingeladen war. Der Kapitän hatte ihn mitnehmen müssen. Und Nirka war so nett gewesen und hatte ihm eine der freien Hängematten im Mannschaftsraum gegeben, da alle Kabinen belegt waren und der Laderaum doch etwas unheimlich und einsam wäre, wenn man da unten ganz allein wäre.
Die Matrosen am Ausgang des Raumes werden unterdessen immer lauter und mehr und scheinen einigermaßen überrascht, dass sie schon unterwegs sind. Es wird Zeit mal aufzustehen; Schlaf ist bei dem Lärm eh nicht möglich.
Ameg schiebt die Decke beiseite und steigt vorsichtig aus der schwankenden und für ihn etwas hoch angebrachten Hängematte. Noch ein wenig unsicher auf den Beinen zieht er sich sein Hemd und die Jacke wieder an, die über das eine Ende der Hängematte hängen. Dann sammelt er seine Stiefel wieder ein, die ein wenig über den Boden gerutscht sind und zieht sie wieder an.
Schon wieder sicherer auf den Beinen geht er schließlich zum Ausgang des Raumes... der allerdings durch diverse Matrosen versperrt wird. Vor der Gruppe bleibt er stehen und sagt, bei weitem nicht so laut wie die Matrosen, die sich unterhalten:
"EFFerd zum G'uß"
Freundlich und fröhlich lächelt er und wartet ob ihn vielleicht jemand vorbei lässt.
NORDSTERN - Mannschaftsraum: ALRIK und Sigrun
Jetzt, wo sowieso schon laute Gespräche die Ruhe im Mannschaftsraum stören, schwingt sich ALRIK entschlossen aus der Hängematte. Während er sich müde die Augen reibt, nähert er sich mit trägen Schritten der kleinen Versammlung am Durchgang.
"Ja, ja, so ist es", mischt sich der Schiffsjunge in das Gespräch ein, noch bevor Wasuren antworten kann.
"Wir müssen zum Fischerfest in Havena sein, da haben wir jetzt keine Zeit mehr zu vertrödeln. Aber soweit ich das gestern noch geseh'n habe, ist die Mannschaft vollzählig an Bord", nuschelt ALRIK.
"Kann ich mal durch hier?" Vage deutet ALRIK auf den Mannschaftsraumdurchgang.
"Huaeeehhh." Nur mühsam gelingt es ALRIK, die Hand vor dem Mund zu halten, während er herzhaft gähnt.
Sigrun hört ALRIKS Worte und wenn sie den Schiffsjungen nicht inzwischen schon eine ganze Weile kennen würde, wäre sie fest davon überzeugt, dass er noch in seinen Träumen weilt. Doch irgend etwas muss wohl dran sein an dieser merkwürdigen Erklärung.
Inzwischen fertig angezogen macht sich die Matrosin bereit, dem Schiffsjungen zu folgen.
"Wart mal ALRIK! Wieso denn zum Fischerfest?"
NORDSTERN - Gemeinschaftsraum: Alrik Fuxfell erwacht
Gestern früh hatte sich Alrik Fuxfell zerschunden und zerschlagen zurück zur NORDSTERN begeben. Mehr kriechend denn gehend war er zurück aufs rettende Schiff gehumpelt, und hatte sich dort sofort zur Gemeinschaftkabine begeben und war in ein tiefen totenähnlichen Schlaf gesunken. Aus diesem er bis jetzt nicht erwacht ist.
Langsam tröpfelt der Tag in Alriks Bewußtsein. Nach diesem anstrengenden Abenteuer in Salza, hatte er sich mühsam aufs Schiff geschleppt und bis jetzt durchgeschlafen. Erstaunt öffnet er die Augen als er das Stimmen- gewirr in der Gemeinschaftkabine vernimmt.
"Was geht denn hier vor?" Vor Müdigkeit blinzelnd richtet er sich auf seiner Koje auf und schaut sich fragend um.
NORDSTERN - Kabine D1: Anselm erwacht
Auch Anselm gehört zu denen, die nicht sehr zeitig aufstehen. Doch als irgendwelche Leute auf dem im Unterdeck umher stapfen und anscheinend auch auf dem Oberdeck schon etwas los ist, wird Anselm vom dementsprechendem Lärm geweckt. Beziehungsweise, der Lärm versucht Anselm's Bewusstsein aus dem tiefen Sumpf namens 'Schlaf' zu ziehen, in dem dieses noch steckt. Gut geschlafen hat Anselm nicht. Mehrmals in der Nacht erwachte er, aufgeschreckt durch irgendwelche Geräusche. Leute wie er sind nun mal mit besseren Sinnen beschenkt worden, was wohl nicht immer ein Vorteil ist. Jedenfalls war die Nacht weniger erholsam für Anselm, der nun noch müder ist, als den Abend zuvor, als er in's Bett ging.
Doch nach ein, zweimal Rumdrehen schafft er es doch aus seinem Bett zu springen und nachzuforschen, wer denn da so einen Krach macht.
"Huch", entfährt es ihm, als er leicht wankend auf dem Boden der Kabine aufkommt und erst mal sein Gleichgewicht finden muss. Und das unausgeschlafen...
"Wieso schwankt das Schiff denn so?!...Sind wir etwa...". Während er spricht achtet er nicht ob der Gaukler mit dem er sich die Kabine teilt schon erwacht ist, oder ob er ihn gerade mit seinen Aktionen erweckt. Es ist ihm auch egal.
Eher gemächlich gekleidet er sich vollends an und steigt den Aufgang hinauf. Mit verkniffenen Augen, die auch das wenige Licht, welches die PRAiosscheibe auf Dere hinab schickt, zu dieser Stunde nicht vertragen, blickt er sich auf dem Oberdeck um und wiederholt seine Worte
"Sind wir etwa wieder auf hoher See?" Er wankt in Richtung Reling wo er das Meer erblickt und die Wellen, wie sie gegen den Rumpf des Schiffes schlagen.
Immer noch leicht erstaunt, da immer noch im Halbschlaf, murmelt er nur "Na so was" vor sich hin, während er und seine Augen sich langsam an das Licht gewöhnen.
NORDSTERN - Oberdeck: Das Gebet
Immer noch vernebelt Müdigkeit Anselm's Geist. Und so steht er an der Reling, damit beschäftig sich die Augen zu reiben und aus vollem Halse (und nich gerade leise) zu gähnen.
"Uuuuahhhh...man, das war keine sonderlich angenehme Nacht...."
Mit dem linken Auge blickt Anselm über's Deck (das rechte wird noch vom letzten Sand befreit) als er einen Mann entdeckt, der wohl gerade seine Morgentoilette mit einem frisch geholten Eimer Meereswasser vollführt.
"Eiskaltes Wasser! Das kann ich gebrauchen! *Gähn*"
Mit einem mittlerweile halbwegs normalen Schritt bewegt er sich zu diesem, ihm noch unbekannten, Mann hin und fragt drauf los:
"Heda, guten Morgen. Könnte ich mal den Eimer Wasser haben?"
Hesindian nickt dem ihm entgegenkommenden freundlich zu.
"Sicher doch, es ist mehr als genug für beide von uns." antwortet der Geweihte auf die Frage des Händlers, ob er sich denn auch an dem Wasser bedienen dürfe. Hesindian schöpft mit beiden Händen noch einen guten Anteil Wassers heraus und verteilt es über seiner schmächtigen Brust, bevor er einen Schritt zurücktritt und sich daran macht, sich mit dem mitgebrachten Stofftuch wieder trockenzureiben; schließlich weht doch ein kühles Lüftchen an diesem frühen Morgen, und der Geweihte hat wichtigere Aufgaben, als sich unvorsichtigerweise einen Schnupfen zu fangen.
"Hesindian, Geweihter der göttlichen Hesinde, der Mutter der Weisheit, Behüterin des Wissens; Hüter der Hlg. Miesmuschel." stellt er sich vor.
"Feuerbach der Name, Anselm Feuerbach; Händler für Zuckergebäck" spricht der kleine Mann zum Geweihten. Er tritt vor den Eimer, welcher nun nicht mehr allzu viel Wasser enthält. Nach einem kurzen Blick in besagtes Gefäß spricht er zu seinem Gegenüber
"Na, das wird ausreichen. Ich brauch nur ein paar Handvoll um wach zu werden"
Kaum hat er dies gesagt schöpft er auch schon das kühle Naß aus dem Eimer und lässt es sich in Gesicht spritzen. Die Feuchtigkeit und die Kälte, welchem vom Wind an Deck noch unterstüzt wird, blassen Anselm's Kopf von jeder Müdigkeit frei. Nachdem er sich wohl einen halben Schank voll Wasser in's Gesicht spritzen ließ, lässt er es gut sein und trocknet sein Gesicht ein wenig mit den Ärmeln seines Hemdes.
Eine größer Waschung hat er nicht im Sinn, schließlich hatte er gestern nicht nur die Gelegnheit ein paar Dinge einzukaufen, sondern auch dem örtlichen Badehaus einen Besuch abzustatten.
"Ahhja, das was gut. Jetzt kann's frisch in den Tag gehen" sagt er verschmitzt zu Hesindian.
Hesindian beginnt, sich wieder in sein gewickeltes Oberkleid zu schälen, dessen zahlreichen Windungen entfernt an eine Schlange erinnern, die sich um sich selbst und den Geweihten gewunden hat; oder zumindest sieht Hesindian es gerne mit diesem Bild. Aufmerksam lauscht er den Ausführungen des Händlers, während er seine Kleidung richtet, den Rock streicht und auch den Sitz seines Schlangenhalsbandes prüft.
"Aber sicherlich nicht ohne ein kleines Dankgebet an HESinde und EFFerd, der uns dieses erfrischende, klare Naß bescherte." lächelt der Geweihte keck den Händler an und faltet bereits die Hände zum Gebet.
Anselm, welcher sich immer noch den einen oder anderen Tropfen Wasser aus den Augen wischt, sieht den Geweihten kurz verduzt an. Zum Glück kann man dies kaum als solches erkennen, da er sich ja noch im Gesicht rum fuchtelt.
'Beten zu EFFerd?..hm, naja, wenn er unbedingt will...'
Schnell hat er sich zurecht gemacht und faltet ebenfalls die Hände. Auffordernd schaut er zu Hesindian und sagt:
"Nun, da ihr Geistlicher seit, so sprecht doch ein kleines Gebet für uns beide, ja?"
Hesindian besinnt sich einen Moment und schließt die Augen, um die für das Gebet nötige innere Ruhe zu finden, und ein sanftes Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen, als er diesen seligen Zustand des absoluten Einklanges mit sich selbst und dem göttlichen Gefüge erreicht.
"EFFerd, Herr der Gezeiten, Herrscher über alles, was im und auf dem Wasser lebt; Wir danken Dir für diese erfrischende Gabe deines Reiches, Und bitten um ruhige und sichere Fahrt, Dir zu gefallen.
HESinde, Allwissende, gütige Mutter der Weisheit, die uns Menschen so sehr liebt, Führe uns sicher, in unserer Blindheit; halte Wacht ueber Unseren unwissenden Seelen Auf der Suche nach dem suessen Lotos der Erkenntnis, Dir zu gefallen."
Hesindian lässt die von ihm gesprochenen Worte noch einen Moment in sich wirken, dann öffnet er schlagartig die Augen. Sein Blick ist gefestigt und strahlt vor frischem Mut; und ruht wie von Gotteshand geführt direkt auf dem vorne am Deck, am Niedergang, stehenden ALRIK.
"Entschuldigt." sagt er leise zu dem Händler neben sich, ohne dabei den Blick von dem Schiffsjungen zu lassen. Der Kapitän hatte ihm vor einem Tag die Erlaubnis erteilt, den Jungen zu unterrichten; und Hesindian denkt nicht daran, den heutigen Tage so ungenutzt wie den vorigen verstreichen zu lassen.
"ALRIK!" ruft er dem Schiffsjungen entgegen, und Vorfreude auf den Tag beginnt sich in ihm zu verbreiten.
Anselm schaute eher etwas hilflos als konzentriert drein, während der Geweihte sein Sprüchlein abließ.
'Also, dass auch ich EFFerd danken sollte verstehe' ich ja, schließlich befinde ich mich 'grad auf/in seinem Reich, aber was hab ich mit HESinde am Hut?!'
Das schlagartiges Verlassen des Geweihten kommentiert Anselm nur mit einem dahingemurmelten:
"Ja, schon gut.."
Er schaut dem Mann hinterher und vervollständigt den Satz mehr zu sich selbst gesprochen:
"...ich werd' in der Zeit mal rausfinden warum wir schon abgelegt haben."
Durch die kurze Dusche wieder erwacht schreitet Anselm in gewohnt schnellen Schritt ueber das Deck, auf der Suche nach einem Offizier.
NORDSTERN - Kabine D1: Jarun ruht weiter ...
Immer noch in tiefsten Träumen, hat Jarun nicht bemerkt, dass seinZimmernachbar die Kabine verlassen. Auch dass das Schiff bereits seinen Weg fortgesetzt hat, bekommt er nur unterbewußt mit.
"pppffffffffiiiiiiiiiii! kkkknnnnnnnnnaaaaarrrrrrccchhhh! pppppfffffffiiiiiiii!"
Mit einem lauten Knarren dreht er sich in seinem Bett in Richtung Kabinenwand.
"Ingrimm's Zorn. Schon wieder. kkkknnnnaaaaarrrrcccchhhh! Diesmal... diesmal bin ich wohl nicht gemeint. kkkknnnnaaaarrrrcccchhh! Bin so schrecklich müde."
Und mit diesen Gedanken über den Zorn der Götter, der wieder mal dafür sorgt, dass sich Wände und Boden bewegen, fällt Jarun wieder in tiefen Schlaf.
"ppfffffffiiiiiiiiii! kkkkkkknnnnnnnaaaaaaarrrrrrrcccccchhhhhh!
pppppffffffiiiiiiii! ... ... ... ... !"
NORDSTERN - Kajüte der Bootsfrau: Nirka ruht
Für die Bootsfrau war dies eine extrem kurze Nacht. Zuerst hat sie all die Vorbereitungen des Auslaufens übernommen, während Lowanger sich auf Anweisung des Kapitäns noch einmal hingelegt hat, und während Jergan mit der Vorsteherin des EFFerd-Tempels geredet hat, und dann hat sie mit Jergan zusammen das Schiff auf das Meer hinaus gebracht und stand noch recht lange am Steuer, ehe Lowanger sie vor vielleicht zwei Stunden abgelöst hat - jene zwei Stunden, die sie jetzt geschlafen hat.
Die Geräusche verraten ihr sehr genau, wie viel Fahrt die NORDSTERN im Moment macht, und in welchem Winkel die Wellen das Vorschiff treffen. Das gleiche gilt für all das Getrampel an Bord - die Bootsfrau mag bei fast jedem Geräusch, das das Holz des Rumpfes weithin hörbar macht, ziemlich genau zu sagen, wo es verursacht wurde.
All diese Geräusche sind normal, und stören sie nicht weiter beim Schlafen - im Grunde könnte sie die Augen jetzt wieder schließen und weiter schlafen. Sie dürfte das sogar, denn Wache hatte sie lange genug. Doch da ist immer noch eine Unruhe, und auch das sehr starke Bedürfnis, Sigrun zu sehen und ihr von den Abenteuern des Vortags zu erzählen...
Erst einmal bleibt sie jedoch noch in ihrer Koje liegen und lauscht mit geschlossenen Augen den Geräuschen des Schiffes... ihres Schiffes.
NORDSTERN - Gemeinschaftkabine: Fargus
Nachdem Magus Darian keinerlei Anstalten unternommen hatte, auf sein Angebot, der Stadt noch einen Besuch abzustatten, einzugehen, beschloss Fargus , sich einfach in sein Quartier zu begeben, auf das sich sein geplagter Leib von den körperlichen und seelischen Strapazen des letzten Tages erholen könne.
So nahm er auch die anderen Passagiere in der Gemeinschaftkabine nur noch eingeschränkt wahr, plumpste auf seine Nachtstätte und viel bald in einen seeligen, tiefen Schlummer.
Er träumte von Piraten, mächtigen Piraten, mit langen Bärten und furchteinflößenden Säbeln. Piraten, die jedoch keineswegs die Passagiere einfach abstachen, sondern vielmehr durch ihre bloße Erscheinung eine dermaßene Panik auslösten, das ein Gemetzel gar nicht mehr notwendig war, sich vielmehr das Schiff samt Besatzung und seinem Kapitän von alleine ergab.
Die Schleier der Nacht wichen nur langsam, während der Druide erwachte, so dass er sich gut an seinen gerade durchlebten Traum erinnern konnte. Und so lag er auf seinem Nachtlager und überlegte, ob dieser Traum irgendeine Bedeutung haben könnte.
Die Stimmen der anderen Passagiere reißen den Druiden aus seinen trüben Gedanken. Er schaut sich erstmal um, wer um diese Uhrzeit schon solch laute Gespräche führen muss. Da die Lautstärke immer noch ein wenig zunimmt, beschließt Fargus, nun aufzustehen. Er fühlt sich zwar noch nicht wirklich fit, doch was hilfts.
Er steht von seinem Lager auf, streckt sich kurz und begrüßt die anderen mit einem kurzen:
"Guten Morgen zusammen! Mein Name ist Fargus".
Er muss ein Gähnen unterdrücken.
"Mit wem hab ich - so früh - die Ehre?".
NORDSTERN - Mannschaftsraum: Ole's Traum
Ole hat schlecht geschlafen, weniger deshalb, da er nicht genug müde gewesen wäre, denn das war er wohl gewesen, sogar sehr, nicht nur gestern, sondern auch heute. Seine Brandwunden sind zwar gestern früh noch magisch versorgt worden, dennoch spürt er die Verletzungen noch sehr gut. Es brennt, es juckt und es schmerzt auch noch ein wenig, überall dort wo ihn dieses geheimnisvolle, unsichtbare Feuer verbrannt hatte. Noch immer kann er sich keinen Reim darauf machen, was da in der Suite mit ihm geschehen war.
Doch spielen diese Vorgänge für ihn im Moment nur eine untergeordnete Rolle, denn sein träge erwachender Geist beschäftigt sich noch immer mit den gespenstischen Traumbildern der vergangenen Nacht.
Einen großen brennenden Berg hatte Ole da gesehen. Es war das einzige Licht rings umher gewesen, keine Sonne, keinen Mond - nichts. Eben nur dieser brennende Berg war da gewesen. Trotz der ungeheueren Hitze ist dann Ole näher an die flammende Erhebung heran gerückt. Da sah er im Schein des züngelnden Lichts, dass dieser Berg aus angehäuften, toten, menschlichen Körpern besteht, es müssen hunderte, ja tausende sein. Ober auf dem Berg, vor dem Hintergrund eines pechschwarzen Himmels ist ein ALtar aufgebaut, ein Opferaltar wie es scheint.
Der Altar ist nicht leer und er ist nicht verlassen. Ein Kultist, in einer unheimlichen, violetten Robe steht dort und vollzieht ein schauerliches Ritual. Schritt für Schritt kommt Ole näher, nicht weil er will, sondern weil er muss, es ist ihm, als gehorchen seine Beine nicht mehr seinem Willen.
Er tritt auf die Leiber der Toten, zertritt ihre Schädel, versinkt in ihren Eingeweiden. Abgetrennte Köpfe schnappen nach ihm, bleiche, dürre Hände greifen nach ihm und verdorrte Kehlen singen ihm ein Lied des Leids und des Hasses. Doch er geht weiter, Ole kann nicht anders, eine geheimnisvolle Macht treibt ihn dazu, weiter, immer weiter, hinauf auf den flammenden Berg des Todes.
Ole's Kleidung ist schon in Fetzen aufgegangen und die scharfen Spitzen knochiger Finger ritzen ihm schon die Haut, reißen ihm immer größere Wunden. Blut spritzt ihm aus allen offenen Adern und Ole fühlt sich immer schwächer. Doch der Altar ist nahe und nun kann Ole sehen, dass ein Mädchen auf diesem ALtar liegt. Sie schläft!
Ole kommt näher. Er weicht einem Hai aus, der plötzlich aus dem offenen Brustkorb eines Leichnams hervor schnellt. Der Hai hat eine Miesmuschel in seinen schrecklichen Maul und er zerbeißt sie ohne Anstrengung, so dass sie in tausend kleine Teile zerfällt. Dann taucht das mörderische Tier wieder in ein in das Gebein der Toten, Knochen brechen, stinkendes Fleisch wird zerquetscht, dann ist er wieder verschwunden, der Hai.
Ole kommt näher. Er kann den Blick nicht mehr abwenden von dem jungen Mädchen, das dort auf dem Altar liegt. Angst steigt in ihm auf, die sich zur Panik weitet, als er feststellen muss, dass dort Alkinoê liegt. Noch immer schläft sie. Ole will sie warnen, er will rufen, schreien, doch keinen Laut bringt er heraus, weil ihm ein kleiner, brauner Kobold die Kehle abdrückt und ihm permanent erklärt, er wolle kein Geschirr mehr abspülen.
Mühsam kämpft Ole sich vorwärts, mit allem, was er hat, keine Macht der Welt müßte ihn jetzt noch antreiben. Der dunkle Kultist hebt einen schwarzen Dolch. Er zerschneidet dem Mädchen die Kleidung und legt ihre Brust frei. Genau in der Mitte der Brust, zwischen den jungfräulichen Brüsten, ritzt er mit dem Dolch ein kleine blutiges Kreuz in die helle Haut, als markiere er den Zielpunkt seines Todesstoßes.
Dann ergreift der schwarze Priester den Griff des Dolches mit beiden Händen und hebt ihn weit über seinen Kopf, ein schauerliches Gebet an einen dunklen Gott richtend. Ole beschleunigt seine Schritte, doch er spürt, dass er, allen Bemühungen zum Trotz, immer langsamer wird. Er wird zu spät kommen, diese furchtbare Erkenntnis brennt sich in sein Herz!
Die Kapuze des Kultisten fällt nach hinten und Ole erkennt Phaylion, den gräflichen Gesandten auf der ZYKLOPENAUGE. Alle die Toten erheben nun anklagend den Finger, seltsame Stimmen dringen an Ole's Ohr, ein Chor der Bitternis, ein Zeugnis der Anklage.
Der Dolch saust herab, doch die Klinge hält an, kurz vor Alkinoês Körper. Der Gesandte hat Ole erblickt und unterbricht das Ritual. Ein bösartiges Lächeln breitet sich auf Phaylions Gesicht aus. Seine Zähne sind gelb und spitz zugeschliffen und sein Gaumen wirkt wie der Rachen eines Hais.
Phaylion lacht lautlos. Doch blickt er den Schiffszimmermann ernst an und spricht mit fremder Stimme und in fröhlichem Ton, als habe er eine wunderschönen Tag gehabt:
"Moin, mein Name ist Perval. Ich habe gestern auf der NORDSTERN angeheuert ...!"
Ole schlägt die Augen auf und er ist dämonisch schlecht gelaunt ...
Ole seufzt.
Nachdem es offensichtlich einigen der Anwesenden nicht zu nehmen ist, die behagliche Atmosphäre Schlaf fördernder Ruhe im Mannschaftsraum durch notorischen Frohsinn und krankhafter Aktivität aus der Stube zu schwätzen, beschließt auch der Schiffszimmermann, wenn auch schweren Herzens, sich aus der Hängematte zu erheben.
Schwer stapft er mit beiden Beinen auf dem Boden auf das Gesicht mißmutig verzogen. Er dehnt und streckt sich, zumindest versucht er es, denn gleich darauf fährt er zusammen, als habe ihn plötzlicher Schmerz durchfahren. So blickt er an sich herab und prüft den Heilungsfortschritt seiner Wunden und Verbrennungen von vorgestern. Richtig zufrieden ist er nicht. Zwar ist er gestern wieder halbwegs magisch zusammen geflickt worden, aber entweder ist diese Maßnahme etwas zu spät gekommen oder aber der Schiffsmagus hat sie nur mit halben Herzen durchgeführt. Zuzutrauen wäre es ihm ja, um so mehr, als Ottam und Ole kaum als 'gute Freunde' gelten können.
Über den meisten verletzten Stellen hat sich nun ein dunkler Schorf gebildet, zum Teil sehr großflächig, und dort wor er bereits abblättert, ist frische neue Haut zu sehen. Nun - ganz ohne Narben wird es wahrscheinlich nicht abgehen, aber Ole's Oberkörper ist ohnehin schon reichlich mit Narben geziert, vor allem mit jener, die Zeugnis darüber abgibt, dass der Schiffszimmermann vor längerer Zeit, vermutlich durch den Biß eines scharfen Schwertes, erheblich verletzt worden sein muss. Da kommt es dann auf ein paar Narben mehr oder weniger nicht mehr an.
Ole erhebt sich. Er beschließt auf das Oberdeck zu gehen, vielleicht kann ihm ja der frische Seewind die düsteren Gedanken vertreiben.
NORDSTERN - Suite: Alkinoês Erinnerung
Diese Nacht schlief Alkinoê traumlos, und daher ungestört, bis sie am Morgen durch die heftiger werdenden Bewegungen des Schiffes geweckt wird. Am liebsten möchte sie jedoch noch nicht aufstehen. Sie braucht dringend ein wenig Zeit für sich, um über die Ereignisse der vergangenen Tage und ihre jetzige Lage nachzudenken. Für die meisten anderen Menschen auf dem Schiff mag die Angelegenheit um die ZYKLOPENAUGE auf die eine oder andere Weise einen Abschluß gefunden haben. Nicht jedoch für Alkinoê.
' Du solltest dich schämen, hier zu sein, Alkinoê! Du hast dich davon gestohlen, Merian im Stich gelassen.'
Vor ihren Augen entsteht das Bild, wie sie ihre Schwester das letzte Mal gesehen hat, gestern am späten Nachmittag, aufgebahrt im Borontempel zu Salzerhaven zwischen den vielen anderen bedeckten Toten. Sie war bereits borongerecht und menschenwürdig hergerichtet worden, so dass sie im Grunde keinen erschreckenden Anblick bot. Trotzdem hatte Alkinoê irgendwie das Gefühl, an der Bahre einer fremden Person zu stehen. Vergeblich hat sie in dem starren, durchscheinenden Gesicht nach den vertrauten Zügen der Schwester gesucht. Ob sie wohl jetzt, zu dieser Stunde der Erde übergeben wird? Und ob der Boroni die versprochene Messe für sie liest? Wenigstens ist Merian nun identifiziert und ihr Grab wird einen Namen tragen, so dass Alkinoê irgendwann in ihrem Leben zu dem Grab zurückkehren kann.
Sie hat nicht einmal bis zur Beerdigung gewartet. Aber das ist nicht der Grund für ihr schlechtes Gewissen, hatte sie doch das Gefühl, der Schwester nirgendwo so fern zu sein wie gerade an ihrem Totenlager. Aber sie hat nichts über die Schuldigen am Tod ihrer Schwester herausfinden können! Ihre Hoffnung war gewesen, noch einmal mit dem anderen Überlebenden, Herrn Kenseîra sprechen zu können, denn sie vermutet nicht, sie weiß dass es seine Mission war, die verhindert werden sollte. Aber Phaylion war wie vom Erdboden verschluckt, in unbekannter Richtung verschwunden. Niemand hatte ihn gesehen, kannte auch nur Kutschen oder Kutscher, welche seine Ladung abtransportiert hatten. Und auch der Beamte vom Hafenamt war nicht zu sprechen gewesen.
Als Alkinoê am Morgen des 27. EFFerd zusammen mit einigen Passagieren und Mannschaftsmitgliedern sein Haus aufsuchte, konnte seine Frau ihnen nur sagen, dass er nicht zu Hause sei, und erst gegen Abend zurückerwartet werde. Trotz der aufregenden Ereignisse dieses Tages, die sehr wohl dazu angetan waren, Alkinoê von ihrem Kummer und Zorn abzulenken, hatte sie Cephiro Randalfson, den einzigen, der vielleicht etwas zu Phaylions Verbleib sagen könnte, nicht vergessen.
So begab sie sich abends zusammen mit Hjaldar, Ole und der Freifrau nochmals zu seinem Haus. Frau Randalfson, eine ordentlich gekleidete Bürgerin, deren Gesicht bereits die Falten beginnenden Alters zeigte, erschien diesmal deutlich beunruhigt und etwas ungehalten:
"Was soll ich euch sagen - ich verstehe es selbst nicht, warum er nicht kommt. "
Nervös schob sie eine braune Haarsträhne wieder unter ihre Haube. Auf massiveres Drängen hin fügte sie zornig hinzu:
" Er erzählt mir nicht immer von seinen Geschäften. Er tut seine Arbeit, und ich die meine. Alles was ich weiß ist, dass er schon längst zurück sein wollte. Wir sind unbescholtene Bürger dieser Stadt, dass kann euch jeder sagen. Wenn ihr mich nicht in Ruhe lasst, dann rufe ich die Wache! "
Damit trat sie einen Schritt zurück und schloss, etwas heftiger als nötig, die Tür.
Bis in den späten Abend hinein warteten die Menschen von der NORDSTERN, in einigem Abstand das Haus beobachtend, aber Herr Randalfson zeigte sich nicht. Nur eine dralle junge Magd verließ kurz das Haus, um bald darauf mit einem Korb frischer Wäsche zurückzukehren. Etwas unsanft befragt versicherte sie ängstlich und mit Tränen in den Augen, dass der Herr wirklich nicht zu Hause sei, und dass sie nichts darüber wüßte. Als man sie gehen ließ, huschte sie mit eiligen Schritten zur Tür und verschwand erleichtert, dass ihr von diesem bedrohlichen Volk nichts geschehen war, ins Haus.
Als sich die Nacht immer tiefer über Salzerhaven senkte, drängten Hjaldar und Ole schließlich darauf, zum Schiff zurückzukehren, wussten sie doch, dass die NORDSTERN bald auslaufen würde. Alkinoê bat darum, noch ein letztes Mal mit Frau Randalfson sprechen zu dürfen, diesmal allein.
Entschlossen betätigte sie den Klopfer der Tür. Erst nach geraumer Zeit öffnete ihr die junge Magd, schlug jedoch die Tür sofort erschrocken wieder zu. Einige Zeit darauf jedoch öffnete sich die Tür erneut, und eine kleine Öllampe beleuchtete Frau Randalfsons Gesicht. Diesmal zeigte es eher einen ängstlichen Ausdruck. Durch den Schein der Lampe schienen die zarten Fältchen mit einem Mal viel tiefer in ihr Gesicht gegraben.
" Ach, du bist es nur. Er ist immer noch nicht da. Aber vielleicht sollten wir uns mal kurz unterhalten. "
Alkinoê wurde ins Haus gelassen und in einen kleinen, sauber geschrubbten Raum geführt, der mit seinen Tonkrügen in Reih und Glied, den soliden Eichenstühlen und dem schweren Tisch den Eindruck gepflegter Bürgerlichkeit verstärkte. Da Alkinoê nicht den Eindruck hatte, in diesem Hause bedroht zu werden, erzählte sie auf wiederholte Nachfragen in kurzen Worten vom Überfall auf die ZYKLOPENAUGE von einer rätselhaften, göttergefälligen Mission, gegen die sich der Angriff ihrer Meinung nach gerichtet hatte und von Herrn Kenseîra, dem Einzigen der mehr darüber wissen könnte. Mit starrem Gesichtsausdruck hörte sich die Frau diese Geschichte an. Als Alkinoê zum Schluss berichtete, dass alle Spuren im Sand verlaufen seien und Frau Randalfson daher ihre letze Hoffnung wäre, schüttelte diese den Kopf, und erhob sich hastig. Sie wirkte sehr nervös und sah aus, als sei sie in den letzen Augenblicken um Jahre gealtert.
" Ich weiß nicht, was meinem Mann zugestoßen ist. Wer eine ganze Schiffsmannschaft umbringt, der schreckt auch nicht davor zurück, einen oder zwei weitere Männer zu töten. Aber du, du solltest besser verschwinden, und zwar schnell. Ich gebe dir nur einen Rat: Verlass Salzerhaven, und zwar so bald wie möglich. Ich will jetzt nichts weiter hören."
Damit stand sie auf, und schob Alkinoê zur Tür. Ehe Alkinoê es sich versah, oder protestieren konnte, fand sie sich auf der nächtlichen Straße wieder.
Dort wurde sie bereits von den Übrigen erwartet, welche kurz davor gewesen waren, die Tür sehr unfreundlich zu behandeln. Es war allerhöchste Zeit, zur NORDSTERN zurückzukehren. Verwirrt und entmutigt schloss sich Alkinoê den anderen an.
' Ich kann ja doch nichts mehr tun. Und hier sind wenigstens liebe Menschen, die sich um mich kümmern. Ohne sie bin ich ganz allein und hilflos, und kann Merian auch nicht helfen. Ich kann ja zurückkehren, wenn ich älter und stärker geworden bin. '
In ihrem tiefsten Innern jedoch hatte sie ganz einfach Angst, schreckliche, erbärmliche Angst.
*******************
Drinnen lehnte sich Frau Randalfson mit blassem Gesicht gegen die Tür. Sie dachte gar nicht daran, die Stadtwache zu benachrichtigen. Je später, desto besser. Mit starren Fingern umklammerte sie ein Amulett unter ihrem Kleid. Die unbestimmte Furcht, die in den letzen Jahren, während ihr Mann ihr immer fremder wurde, in ihr gewachsen war, ließ ihr das Herz bis zum Halse schlagen.
" Hoffentlich, hoffentlich habe ich jetzt keinen Fehler gemacht..."
NORDSTERN - Gemeinschaftkabine: Phexane und Torin
Phexane war gerade im Begriff zur Tür und somit aus der Kabine zu gehen, um noch einen kleinen Rundgang durch Salzerhaven zu machen, als Torin anfängt von der Druidin und seinen Abend mit ihr zu reden. Sie schaut ihn kurz etwas verwundert an, doch dann stiehlt sich langsam ein Grinsen, dem eine gewisse Schadenfreude nicht fehlt, auf ihr Gesicht.
'So, so, der Herr hat wohl was anderes erwartet,' denkt sie sich höhnisch.
Kurz blickt sie unschlüssig zur Tür.
"Ameg habe ich nicht gesehen, tut mir leid. Er ist wohl schon wach, denke ich. Aber...", sie dreht sich wieder zu Torin hin, "ich will noch ein wenig durch die Stadt schlendern."
Einen Moment länger als gewöhnlich ruht ihr Blick auf ihn, dann redet sie weiter.
"Möchtet ihr mit? Ihr braucht euch auch keine Sorgen machen - wenn ich etwas anstarre, dann...," sie senkt ihre Stimme etwas und beugt sich leicht zu Torin hinab, "... sind das lediglich Edelsteine, aber die werden dann nicht mehr allzu lang angestarrt."
Als sie sich wieder etwas aufrichtet, grinst sie ihn PHExisch an, aber dann fällt ihr etwas an einer Aussage von Torin auf.
"Was meint ihr eigentlich mit gestern abend? Ihr habt den ganzen gestrigen Tag in euerer Koje verbracht! Habt ihr das denn nicht bemerkt?"
'Bei Rahja! Was hatte der bloß gesoffen? Ob er weiß, wer ihn aufs Schiff geschleppt hat? Wahrscheinlich nicht... Und warum antwortet er mir nicht auf die Frage, ob er vom Schiff will?'
Als Phexane erwähnt, sie möchte noch ein wenig 'durch die Stadt schlendern', kann sich Hjaldar ein breites Grinsen nicht verkneifen. Und er mischt sich natürlich auch gleich ungefragt in das Gespräch ein.
"Woll Mädel, da musst Du aber wohl gut schwimmen können dazu. Wenn ich richtig schätze ham wir locker schon 30 Meilen Wasser hinterm Heck."
Genauso schwungvoll wie er die Beine aus der Koje verfrachtet hat, stößt Hjaldar sich jetzt ganz aus dieser heraus und landet mit einem lauten 'Wump' auf dem Boden.
Torin und Phexane lässt er dabei keinen Moment aus den Augen - die Gesichter lässt er sich nicht entgehen.
"IHR ladet mich ein, mit euch durch die Gassen Salzerhavens zu ziehen?" meint Torin verdutzt. Der Alkohol benebelt noch immer sein Hirn, als er zu reden beginnt. Und bevor er nachdenkt, sind ihm auch schon die nächsten Worte entfleucht.
"Und was ist mit euerem Matrosen? Will der nicht mit euch gehen?"
Kaum sind die Worte aus seinem Mund geflossen, schlägt er auch schon die Hand davor.
'Miu pikush! DENK DOCH MAL NACH!!! Mit ihr könntest du auch des Nachts durch die Gassen ziehen!'
Schnell antwortet er auch noch auf ihren anderen Satz bevor sie ihn anbrüllt oder Schlimmeres mit ihm anstellt.
"Was meint ihr damit, ich war den ganzen Tag in der Koje? Ich bin gestern nach Einbruch der Nacht mit Ameg und der da..." Wieder ein Kopfnicken in Richtung der Druidin. "...in einer kleinen Taverne gewesen..."
Dann erst merkt er, dass sich der andere Passagier in das Gespräch einmischt und langsam, Stück für Stück wird die von ihm gegebene Information verarbeitet.
'...locker schon...'
Torins Augenbrauen ziehen sich langsam nach unten.
'...30 Meilen...'
Ungläubig schwenkt er seinen Kopf in Hjaldars Richtung.
'...Wasser hinterm Heck.'
Torins Mund öffnet und schließt sich mehrmals, als in dem weichen Mus namens Hirn die gehörten Informationen verarbeitet werden.
"HäH?" ist dann auch das einzige, was er Hjaldar entgegnen kann.
Zwei Dinge auf einmal - das ist ein wenig viel für eine müde Phexane an so einem reichlich frühen Morgen!
So dreht sie ihren Kopf zwischen Hjaldar und Torin kurz hin und her, weiß nicht, auf was sie als erstes reagieren soll: Die Bemerkung von Torin bezüglich 'ihrem' Matrosen oder die Andeutung Hjaldars, dass sie wohl anscheinend etwas weiter von Salzerhaven entfernt sind.
"Wie jetzt???" fragt sie verwundert und blickt nun erstmal Hjaldar mit müden Augen und fragender Miene an - sie hat sich entschieden die Sache mit dem Matrosen, womit wohl Efferdan gemeint ist, vorerst zu ignorieren! Vorerst...
"Nix häh!" grinst Hjaldar die beiden fröhlich an. "Die NORDSTERN ist schon in der Nacht aus'm Hafen ausgebüxt. Wir haben's mächtig eilig nach Havena zum Fischvattertempel zu kommen."
"Moin Moin übrigens." wendet sich Hjaldar dann fast im selben Atemzug dem soeben erwachten zu, doch nicht allzu lange - die Gesichter von Phexane und Torin sind doch zu erheiternd...
NORDSTERN - Mannschaftsraum: Raschid erwacht
In einer weiteren Hängematte beginnt sich etwas zu regen. Grummelnd und vorsichtig darauf bedacht nicht aus der Matte zu fallen, zieht Raschid Arm und Bein, die aus der Hängematte heraus hingen, wieder an den Körper und dreht sich auf den Rücken, um das Geschehen an der Tür zu verfolgen.
Die Augen immer noch fast geschlossen beobachtet er die Matrosen an der Tür und lauscht ihren Worten.
'Wir haben bereits abgelegt? Sollte ich etwa verschlafen haben.'
Wie konnte es passieren, dass Raschid die Abfahrt verschlafen hat. Mit einem Satz springt er aus der Matte und schnappt sich sein rotes Kopftuch, dass neben seinem Schlafplatz an einem Haken hängt. Auf dem Weg zu den Matrosen an der Tür stülpt er sich, das bereits vorgebunden Tuch über die schwarzen Haare. Nicht besonders ordentlich, aber er hat momentan wahrlich andere Probleme.
Ohne darauf zu achten, ob er jemandem ins Wort fallen könnte plappert er los.
"Warum hat mich keiner geweckt. CHAL 'IMBRAL! TIL HALCHAR FEL BACH'AR! Was soll dar Kapitän nur davon halten, das ich hier unten schlafe, während ihr dort oben die NORDSTERN aus dem Hafen segelt."
Eine gewisse Mischung aus Zorn und Furcht spiegelt sich in seiner Stimme wieder, wobei die Furcht, dass man enttäuscht von ihm sein könnte und er gezwungen ist die NORDSTERN im Hafen zu verlassen, eindeutig überwiegt.
NORDSTERN - Gemeinschaftkabine: Des Geweihten MISSGESCHICK
Einzelne Gesprächsfetzen dringen langsam in die Traumwelt von Onaskje ein; 'Moin!, ...30 Seemeilen..., Haeh?' Dazu kommt ein Geraschel und Gekrame, dass sich der Priester bald aufrichtet und die Beine über den Kojenrand schwingt.
Blinzelnd seiht er sich um. Erstaunlich, was hier plötzlich für Leben ist, als er sich auf die Koje legte, war sonst niemand anders ansprechbar. Dort drüben schlafen dem Anschein nach eine junge Frau (Joanna) und ein älterer Herr (Fargus) sowie ein anderer Mann, jedoch beträchtlich jünger (Alrik Fuxfell). An der Türe steht eine etwas verschlafen aus der Wäsche blinzelnde junge Frau (Phexane), die sich mit sparsamen Worten mit dem kleinen Herren mit Hut (Torin natürlich) schräg unter Onaskje zu unterhalten scheint. Einen Schritt daneben steht ein wahrhaft großer und kräftiger Kerl (Hjaldar), der irgendwie schon richtig munter ausschaut. Wer sonst noch unterhalb von Onaskje in den Kojen liegt, kann der Praiosgeweihte von seiner Position aus nicht erkennen.
Und unten auf dem Kabinenboden (zwischen Torin und Hjaldar) liegt immer noch sein Brustpanzer mit der glaenzend polierten Praiosscheibe in ihrer Mitte. Der jedoch erstaunlichste Eindruck ist der des starken Schaukelns, wenn der Seegang schon hier im Hafen so zu spüren ist, muss auf EFFerds Ozeanen ja wirklich ein mächtiges Windchen blasen...
"Einen gesegneten Morgen wünsche ich Euch, liebe Dame, sehr geehrte Herren Mitreisende!"
Da es Zeit für die morgendliche Andacht im Antlitz der Morgenscheibe ist, zögert der Geweihte nicht, in mitten der anderen Anwesenden zu springen, da er der Rüstung ausweicht, trifft er statt dessen Torins Fuß, nicht mit voller Wucht, aber sicher nur ein Steingolem würde nichts bemerken.
"Oh, entschuldigt bitte! Es ist hoffentlich nichts passiert? Aber es ist ja auch eng hier!"
Mit etwas verlegenem Lächeln steht ein kleiner, aber sehr breit und kräftig gebauter, eher jüngerer, Mann in rotgegerbter Lederhose und einem leichten und stark zerknitterten blauen ärmellosen Hemd vor Torin. Das von weißem Haar und ebensolchem, sorgfältig gestutztem Bart gerahmte Gesicht mit den glizernden Augen, schaut den anderen Mann besorgt an.
Torin ist mehr als verdutzt, als Hjaldar den Beiden erklärt, dass sie schon weit draußen auf hoher See sind.
'Dreißig Meilen...'
Er merkt, wie sich der Druck in seinem Kopf wieder verstärkt. Das zuvor leichte Pochen hinter seiner Stirn wird wieder stärker. Die fröhliche Morgensbekundung des 'Kojennachbarns' bekommt er nur wie durch Watte mit.
Torin starrt noch immer auf Hjaldars Grinsen, das mit jedem Augenblick breiter zu werden scheint. Dann plötzlich beginnt er ganz leicht mit dem Kopf zu schütteln.
'Das kann doch nicht sein. Ich bin hier mitten auf...'
Weiter kommt er nicht. Für den Bruchteil einer Sekunde fällt ein breiter Schatten an ihm vorbei und donnert mit lautem Knall auf dem Schiffsboden. Zumindest fast!
Der Schmerz schießt durch seinen Fuß hoch und ebenso schnell rast auch der Verwunderung und Schmerz vereinende Schrei aus Torins Kehle.
"AAAAAAAAHhhhhhhhhhhh!"
Bevor sein Schrei überhaupt abgeklungen ist, steht Torin schon. Wütend blickt er auf den kleinen Kerl hinab der vor ihm steht. Die Tatsache, dass dieser sich längst entschuldigt hat, stört ihn bei seiner Handlung nicht im geringsten.
"Was fällt euch ein!" brüllt er den Kleinen erst an und schuckt ihn dann zurück. "Könnt ihr nicht aufpassen, wo ihr hinspringt!"
Phexane hüpft noch rechtzeitig zur Seite, als ein Mann, offenbar ein Neuer, von seiner Koje springt und dabei auf Torins Fuß landet. Dabei stösst sie leicht an etwas an und hört ein leises *ponk*.
Sie schaut zu Boden und sieht dort eine Brünne, gegen die sie wohl aus Versehen gestoßen ist. Schnell geht sie in die Hocke und schaut, ob sie eine Delle reingemacht hat, kann aber glücklicherweise keine erkennen. Dafür sieht sie aber etwas anderes: Eine glänzende Praiosscheibe ziert die Rüstung und scheint sogar im Zwielicht der Gemeinschaftkabine zu leuchten.
Unsicher schaut sie sich zu dem Mann um, der gerade von Torin geschubst wird.
'Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich werde wohl nur noch vom Pech verfolgt: Ein Praiosgeweihter... oder zumindest ein sehr praiosgläubiger Mann! Wie auch immer - diese Menschen haben mir bisher immer den meisten Ärger gemacht!'
Dann aber richtet sie sich wieder auf und hört Hjaldars Worte.
"Meint ihr etwa... den EFFerdtempel? In Havena?? Aber... WARUM???"
Obwohl es noch Menschen (und einen Zwerg) in der Gemeinschaftkabine gibt, die schlafen bzw. schlafen wollen, wird ihre Stimme immer lauter und fast schon ein wenig schrill, als sie Hjaldar fragt.
Die Müdigkeit in Phexanes Gesicht verflüchtigt sich rasch und mit großen Augen und ungläubig geöffneten Mund starrt sie den Thorwaler an.
Erinnerungen an ihren Bruder, an den Rest der Familie, an glücklicheren Tagen, an besonders schlechten Zeiten - all das wirbelt durch ihren Geist und sie spürt einen Stich im Herzen.
'Ich will noch nicht zurück!'
NORDSTERN - Gemeinschaftkabine: Alberik's gestörte Ruhe
Den Rest der Nacht hat Alberik gut durchgeschlafen. Das Ablegen des Schiffes hat ihn nicht gestört. Das Bier in seinem Bauch hat ihn nicht aufwachen lassen.
Aber jetzt wird er doch wach. Der Lärm, den die Menschen beim Reden verursachen, lassen ihn nicht mehr weiterschlafen. Zuerst dreht er sich erst einmal auf den Bauch, und versucht den Krach zu ignorieren, in der guten Hoffnung, dass er bald wieder enden würde. Aber man kann ja nur enttäuscht werden, wenn man guten Willens auf die Rücksicht der Menschen hofft.
Es wird nicht leiser. Ganz im Gegenteil. Einer ist lauter als der andere, und sie versuchen sich alle zu überbieten. Und dann springt doch tatsächlich auch noch irgendwer mit lauten Krach aus seiner Koje. Alberik kann sich nicht mehr zurückhalten. Mit einem Ruck fährt er auf.
"Könnt ihr denn nicht mal endlich leise sein! Einige Personen hier, die ihren Schlaf wirklich verdient haben, werden durch den Krach, den ihr verursacht, gestört!"
Er brüllt diese Worte nicht, spricht sie aber laut genug, damit jeder erkennen kann, dass ein Alberik, Sohn des Atosch, sehr gereizt ist, wenn er am frühen Morgen aus seinem Schlaf gerissen wird.
Das er dabei auch einen Geweihten des Praios anschnauzt, wird ihm nicht bewußt.
Zufrieden mit sich selber, und im guten Glauben, dass jetzt endlich wieder Ruhe einkehren wird, dreht er sich wieder auf die Seite und schließt die Augen, um vielleicht noch einmal in BORons Arme zu sinken.
NORDSTERN -Kabine D2: Anman's Traum
Glänzend und glatt wie frisch gegossene Bronze waren seine Arme, und die Haut spannte sich über Berge von Muskeln. Aus den Ärmeln einer weißen Tunika schauten sie heraus, diese saftigen Instrumente menschlicher Kraft, geformt mit der Lust eines Göttervaters an einem sonnigen Sommermorgen, und die Art, wie sie gehalten wurden, zeugte davon, dass ihr Besitzer wußte, wie atemberaubend schön und furchteinflößend sie waren.
Anmans Blick wanderte nun an sich selber herunter, in der wagen Hoffnung, diesem Anblick, an dem er sich sattgetrunken hatte in den letzten Augenblicken, etwas ähnliches entgegensetzen zu können. Da war sein Bauchansatz, nicht übermäßig, aber fürwahr vorhanden. Seine breiten Schultern lenkten immerhin ab davon. Anmans Arme waren kräftig und der Griff seiner Hände konnte schmerzen. Finger wie die Arme eines Kindes zeugten davon, dass harte Arbeit nicht selten vorkam im Leben dieses Händlers. Aber beiweiten, nicht im geringsten, in keinster Weise, niemals, würde da diese zügellose, gierige Schönheit seines Gegenübers zum Vorschein kommen. Nein, so wie dieses Abbild eines Liebesgottes würde wohl nie wieder jemand aussehen.
´Und lange auch nicht mehr Du, mein Freund.´, dachte Anman sich. Seine Augen fest auf den Körper des Gegners gerichtet, holt Anman zu einem furchterregenden Schwung mit der Keule aus. Gleichzeitig erhebt er ein markerschütterndes Geschrei, so tief aus seiner Kehle kommend, dass jeder gottesfürchtende Mensch glauben müßte, aus den tiefsten Abgründen der Hölle schreit ein Dämon seine jahrtausendealte Wut hervor. Dumpf wie ferner Kanonendonner hallt sein Kriegsschrei durch die Kampfarena. Erst jetzt, im Augenblick der Schlacht, schaut Anman seinem Gegenüber ins Gesicht. Vor Schreck stolpert er und lässt beinahe die Keule fallen....
"Ra........."
´Wie war der verflixte Name für diesen Mistkerl ?´, rasen seine Gedanken, nach einer Antwort suchend, durch sein Gehirn. Verzweifelt sucht er, den Laut zu fassen, doch wie ein Aal den Händen eines Fischers, so entgleitet der Name dem Griff seiner Gedanken. Schliesslich, fast gänzlich ermattet, findet er ihn :
"RASCHID ???", schreit Anman auf,"Wa......Was soll das ?"
Der Liebesgott mit dem Kopfe Raschids lächelt sanft und neigt den Kopf zur Seite. Seine Hände breitet er nach vorne aus, die Handflächen nach oben. Mit einem Auge zwinkernd, vertieft er sein Lächeln, und Anmans Herz fängt an zu singen. Wie eine göttliche Eingebung rieseln die Worte in sein Gehirn, und Frieden erfasst ihn. Langsam entgleitet die Keule seiner Hand und fällt leise auf den lehmigen Boden.
"Leg die Waffe hin.", sagt sein göttliches Gegenüber sanft, mit einer Stimme so süß wie frischer Honig,"Lass uns Freunde sein."
"NEIN!", schrillt eine Frauenstimme durch die dunkle Halle."NEIN! Ihr werdet kämpfen."
Anman springt herum, um zu sehen, wer dort mit befehlsgewohnter, arroganter Stimme herumkommandiert. Wieder fährt der Schreck durch seine Glieder. Rote, lange Haare, ein grell geschminkter Mund, dazu Augen, die so tief sind wie der Schatten des Mondes auf dem Meer lang. Geilheit und Gier nach diesem Weib ergreift ihn, hündische Ergebenheit zwingt ihn, sich nach seiner Keule umzuschauen. Wild wird er bei dem Gedanken, dieser Hexe helfen zu dürfen, bewusst, von ihr mit einem mächtigen Spruch belegt worden zu sein. Wie ein Krampf zieht sich sein Unterleib zusammen, bei dem Gedanken an eine eventuelle Belohnung nach erfolgreicher Tat.
"Aber, Fiana !", Anman deutet in Richtung des Liebesgottes Raschid, "Fiana, meine Werteste, er ist doch unschuldig !"
"GREIF IHN AN, Du.......", keift sie in seine Richtung, doch ihr Lächeln und ihr lüsternes Augenzwinkern zwingen ihn zurück ihn ihre Willenskraft,
"DU JÄMMERLICHER SCHLAPPSCHWANZ ! GREIF IHN AN !"
Schon ist die Keule wieder in seiner Hand, und mit einem fürchterlichen Geschrei wie von Kreide auf Schiefer fällt er Raschid letztendlich an.....
"ARRRRRRRGGGGGGGGGGHHHHHHHHHHHHH!!!!!"
Nur langsam erfasst Anmans Blick die Umgebung, eine dunkle Kammer. Schaukelnde Bewegungen verkünden ihm schliesslich, dass er an Bord eines Schiffes ist, trotzdem fehlt ihm die Eingebung, welches das sein könnte. Seine Gedanken rasen vor sich hin, versuchen, die Situation zu begreifen.
´Was war das ?´, fragt er sich.´Raschid ? Fiana ?´
Anman setzt sich auf, und lässt die Beine von der Bettkante hängen. Mit einem Ruck springt er zu Boden und schaut sich um.
"Umpf.", sagt Anman laut. Immer noch hat er keine Ahnung, wo er ist. Mit einem kräftigen Schlag auf den Kopf versucht er, seiner Gedanken Herr zu werden.
"NORDSTERN.", schreit er auf einmal.
´Klar, die NORDSTERN.´, kommen die Gedanken,´Da sind wir jetzt. NORDSTERN.´
Langsam geht sein Blick nach unten, an seinem Körper hinab. Fast unbekleidet steht Anman da, nur ein Hemd hat er an und eine kurze Hose.
´So dick ist der Bauch gar nicht.´, denkt er sofort, mit einer Hand darüber streichelnd. Ein kleines Lächeln zeigt sich auf seinem Gesicht.
Mit einem Schritt ist er an der Tür und öffnet sie. Vorsichtig in den Gang hinausschauend, überlegt Anman, wo er Wasser herkriegen könnte. Durst quält ihn, und über den Traum will er später nachdenken.
Kurze Zeit später steht Anman, nun mit langer Hose, aber das Hemd immer noch lose herumhängend, vor der Kajüte und schliesst die Tür zu. Rasch schaut er sich um, und steuert den Aufgang an. Mit Schwung nimmt er die paar Stufen zum Deck und schaut sich um.
Als Anman schließlich den Niedergang, oder aus seiner Sicht, den Aufgang findet und ihn hinauf aufs Oberdeck klettert, hat die Sonne am Himmel schon ein gutes Stück ihres täglichen Pensums hinter sich gebracht und ist ein oder zwei Handbreit über den Horizont gestiegen. Nur ein schwacher Strich auf dem Meer unter ihr verkündet, wo vor kurzem noch das Land war. Anman ist schockiert. Immerhin ist dies seine erste Seereise, und die beginnt nun auch noch um einiges früher als angekündigt.
"Ähe ?", bringt er seine Überraschung laut zum Ausdruck, die linke Hand halb erhoben in Richtung des linksseitigen, oder auch backbordigen, Horizontes, hinter dem sich das gewohnte Land nun alsbald verstecken wird. Fragend, mit weit aufgerissenen Augen, blickt er um sich, und wird sich doch gleich seiner lächerlichen Hilflosigkeit bewusst. Schnell lässt Anman die Hand sinken, und geht zaghaften Schrittes in Richtung der Backbordreling.
´Ich wollte doch nur noch mal kurz meinen Fuß auf das Land setzen.´, kommt ihm ein verzweifelter Gedanke,´Habt Gnade mit mir, Götter der Meere !´
Während Anman sich so langsam und, ob der schlingernden, stampfenden und rollenden Bewegungen des Schiffes, unsicher seinen Weg in Richtung der backbordseitigen Reling bahnt, schaut er sich auf dem Deck um. Mehrere Passagiere und Matrosen sind zu sehen, und einige von ihnen scheinen gleichermaßen überrascht zu sein wie Anman von der eiligen Abfahrt. Jedenfalls tragen sie teils amüsante Gesichtsausdrücke zur Schau.
NORDSTERN - Mannschaftsraum: Seemannsgarn?
Wasuren schaut sich im Mannschaftsraum gründlich um und entdeckt das die Hängematte von Efferdan leer ist.
'Der Bursche hat echt eine Nase für Arbeit. Es kann gar nicht so lange her sein, dass er den Raum verlassen hat, denn oben hab ich ihn nicht gesehen.' denkt Wasuren als sich einer der Matrosen rührt und ihn wenig später anspricht.
Innerhalb weniger Augenblicke erwacht fast der ganze Mannschaftsraum zum Leben.
"Ich heiße Wasuren" antwortet er freundlich auf die Frage des Neuen Matrosen (Perval). Alles geht nun drüber und drunter, weil Wasuren noch immer die Tür blockiert.
'Immer mal langsam Leute, alles der Reihe nach.'
Wasuren wird ein wenig kribbellig, bei so vielen Anfragen und Aktionen. Also lässt er als erstes einmal den kleinen AMEG an sich vorbei quetschen und drängt somit die ganze Meute notgedrungen etwas in den Raum hinein. Nun ist der Weg auch für größere Leute frei. Besonders für solche die es eher eilig haben, wie z.B. Sigrun.
Aber auch der kesse ALRIK, der Wasuren die Neugkeiten aus dem Mund genommen hat kann seinen Weg zur Arbeit nun vortsetzen.
ALRIK quetscht sich durch die Lücke, die Wasuren gemacht hat.
"Ho, Wassy... huaeehhh... du siehst auch so aus, als könn'ste 'ne Mütze Schlaf vertragen."
Mit einem frechen Grinsen knufft ALRIK seinen alten Kumpel Wasuren in die Seite und so langsam wird der Schiffsjunge auch schon wieder etwas munterer.
Auf dem Gang angekommen, hält ALRIK dann wieder inne, als er bemerkt, dass Sigrun, die ja noch gar nichts von der Muschelsuche weiß, neugierig geworden ist.
"Klar Sigrun, du weißt es ja noch gar nicht, stimmt's? Wir werden Nostria nicht anlaufen, sondern segeln gleich bis nach Havena durch. Der Käpt'n war auch sofort einverstanden. Denn wenn wir erst nach Nostria fahren würden, dann schaffen wir es nicht mehr rechtzeitig zum Fischerfest nach Havena, denn das ist ja schon in zwei Tagen."
ALRIK muss leicht schmunzeln, doch dann beschließt er, Sigrun nicht länger auf die Folter zu spannen:
"Wir haben ein heiliges Artefakt der EFFerdkirche an Bord. Das muss bis zum Fischerfest im EFFerdtempel zu Havena sein, unbedingt. Hoffentlich haben wir guten Wind...."
Noch bevor Perval den Jungen, der sich so flink durch die Personen am Eingang zum Mannschaftsraum geschlängelt hat, fragen kann, warum man den schon auf See ist und warum man direkt Havena anläuft, sprudelt der schon man allen Antworten heraus.
'Heiliges Artefakt der EFFerdkirche muss bis zum Fischerfest in zwei Tagen im EFFerdtempel in Havena sein. Ob der uns mal nicht versucht 'ne ganze Menge Seemannsgarn aufzubinden. Obwohl, das Fischerfest müßte jetzt wirklich irgendwann sein und das frühe, heimliche Auslaufen, ohne das die Besatzung bescheid weiß, ist schon irgendwie seltsam. Wie auch immer. Schade ist nur, dass jetzt doch nichsts aus dem Besuch in der Duftenden Blüte wird. Ich hätte zu gerne gewußt, ob die kleine Rahjablume noch da ist. Ein paar Stunden mit ihr wären sicher sehr angehm geworden. Aber was soll's, in Havena gibt's auch die eine oder andere, die nicht zu verachten war. Am besten, ich geh mal auch schnell oben und seh', was es für Arbeit gibt. Vielleicht hört man ja noch was.'
Bevor Perval sich allerdings wirklich auf den Weg nach oben macht, dreht er sich noch kurz Raschid zu, den er gestern schon kennengelernt hatte.
"Mal keine Panik, Raschid. Du bist nicht der Einzige, der nicht oben war, als wir ausgelaufen sind. Auch ich bin eben erst wach geworden und habe nichts mitbekommen. Wenn der Kapitän gewollt hätte, dass wir an Deck sind, hätte der uns sicher holen lassen. Laß uns besser mal nach oben gehen und sehen, was dort zu tun ist. Wenn alle, die beim Auslaufen beteiligt waren, so aussehen wie Wasuren hier, ist wahrscheinlich bald keiner mehr an Deck, der die Augen noch offen halten kann. Vielleicht erfahren wir dann auch, was wirklich los ist und ob der Junge nicht nur 'ne ganze Menge Seemannsgarn spinnt."
Aus der Stimme Pervals und dem Blick, dem er dem Schiffsjungen hinterwirft, kann man deutlich erkennen, das er dem Jungen seine Geschichte nicht unbedingt glaubt.
"Wenn ich wirklich nicht der einzige bin, dann scheint es der Kapitän wirklich so gewollt zu haben. Du hast recht Perval, wir sollten besser schnell an Deck gehen und die anderen ablösen."
Erleichtert macht sich Raschid auf der Weg zum Oberdeck. Immernoch darüber grübelnd was wohl geschehen sein mag. Am Aufgang bleibt er noch einmal kurz stehen, um sich nach Perval umzuschauen.
Wasuren trottet nun von der Tür und dem Eingangsbereich weg in Richtung seiner Hängematte. Als er die zweifelnden Worte von Perval hört, blickt er grimmig zu diesem über seine Schulter zurück und brummt verärgert und etwas entnervt :
"ALRIK ist von der Stammmannschaft hier. Alles was der Junge sagte IST vollkommen wahr."
Jeder der Wasuren kennt und ihn so reden hört, verliert sofort jeden Zweifel an der Aussage des Schiffsjungen. Dann nimmt Wasuren seinen Gürtel mit dem Wurfbeil und seinem Wertgegenständen ab und hängt ihn an seine Hängematte. Kurz darauf liegt er in mehr oder minder voller Montur in der Hängematte und versucht die Geräusche der Aufstehenden zu verdrängen.
Noch kurz blickt Perval dem davon eilenden Schiffsjungen und der Matrosin nach, als er den Kommentar von Wasuren hört.
'Nur weil einer länger auf einem Schiff fährt als ein andere muss der nicht unbedingt die Wahrheit sagen. Aber laß mal gut sein, solche Kerle gibts überall. Am besten ignorieren. Gibt schließlich noch genügend andere Matrosen an Bord.'
Als Raschid sich aufmacht in Richtung des Aufgangs, wirft Perval Traviana ein kurzes Lächeln zu, dass in etwa mit 'Komm doch mit' zu deuten ist, und folgt dann Raschid.
Traviana lächelt zurück.
'Soll ich mitgehen...Oder war das nur einfach so?'
Traviana überlegt kurz, entscheidet dann aber recht schnell und läuft den anderen Matrosen gespannt hinterher.Vielleicht hat sie so schon einige neue Freunde gefunden...
Wasuren liegt in seiner friedlich schaukelnden Hängematte und versucht endlich seine verdiente Ruhe zubekommen.
' Tja wenn keiner die Neuigkeiten aus meinem Mund hören will, dann bin ich bestimmt hier bald wieder alleine und hab mir so meinen wohlverdienten Schlaf verschafft.'
Denkt sich Wasuren und schließt seine Augen und die Ohren wenn das mal so gut ginge, ganz fest.
NORDSTERN - Kabine der Bootsfrau: Nirka lauscht ...
Nirkas Ohren registrieren Stimmen vor der Tür auf dem Gang, und insbesondere eine davon erkennt sie besonders gut - eine weibliche Stimme, die einer Matrosin gehört, deren Gesicht sie mit geschlossenen Augen sofort vor sich sieht.
Sie spürt den Impuls, jetzt sofort aufzuspringen und nach draußen zu Sigrun zu eilen, aber das wäre weder schlau, noch würde es Sigrun wohl gefallen.
Ein kurzes Grinsen huscht bei dem Gedanken über das Gesicht der Bootsfrau, was Sigrun wohl sagen wird, wenn sie erfährt, dass sie, Nirka, am Vortag noch einmal beim "Fröhlichen Kutscher" war. Immerhin sollte sie sich dort aber so verhalten haben, dass niemand bemerkt haben dürfte, dass sie schon einmal hier gewesen ist.
Langsam richtet sich die Bootsfrau auf, schiebt die Decken beseite, und fummelt kurz an der seegang-geschützten Öllampe herum, die die fensterlose Kabine dann in ein schummriges Licht taucht. Viel Platz ist hier ohnehin nicht, und so setzt sie sich wieder auf die Koje - nackt, wie sie geschlafen hat.
Sie macht noch keine Anstalten, diesen Zustand zu ändern, sondern betrachtet nachdenklich ihre Hände - Hände, denen man ansieht, dass sie kräftig zupacken können, und die von den Spuren vieler verrichteter Arbeit gezeichnet sind. Hände jedoch auch, die erstaunlich zärtlich sein können, doch dies weiß auf diesem Schiff wohl nur Sigrun.
Diese Kabine wäre beinahe groß genug, um sie mit der Matrosin zu teilen, aber das ist etwas, von dem Nirka ganz sicher weiß, dass es es nie geben wird, denn es gibt im Normalfall keinen Grund, eine andere Person mit in diese kleine Kammer zu nehmen. Wenn man es doch tut... dann gibt es Gründe, und die machen ganz sicher andere auf dem Schiff ziemlich neugierig. Die Bootsfrau ist sich zwar recht sicher, dass ihre Beziehung zu Sigrun bislang noch niemanden aufgefallen ist, aber das ist ein Zustand, den sie auch gerne so erhalten möchte - in erster Linie, um zu vermeiden, dass Sigrun deswegen Probleme bekommt.
Gedanken dieser Art beschäftigen Nirka, während sie immer noch untätig auf ihrer Koje sitzt, und nur schwach mit dem Körper die Bewegungen der NORDSTERN ausgleicht, die hier vorne in Bugnähe wesentlich stärker zu spüren sind als weiter hinten im Achterschiff.
Nirka erhebt sich schließlich wieder. Sie muss zwar noch nicht los, aber einschlafen kann sie ohnehin nicht mehr, und das frische Seewetter lockt sie sehr. Außerdem ist sie sehr gespannt darauf, zu sehen, wie die Fahrgäste so reagieren, wenn sie sich plötzlich und unerwartet mit dem offenen Meer Konfrontiert sehen, statt im Hafen zu erwachen...
Die Bootsfrau streckt sich kurz, und lässt ihre Blicke dabei abwärts über ihren nackten Körper gleiten, was automatisch Gedanken an Sigrun wach ruft. Es ist wirklich mal wieder an der Zeit, dass sie beide... äh... Laderäume kontrollieren.
Grinsend dreht sie sich um, und beginnt, sich schnell und effizient anzuziehen.
Die Bootsfrau hat noch nie lange gebraucht, um sich anzuziehen, und sie hat dabei auch noch nie Hilfe gebraucht. Ebenso hat sie keinerlei Verständnis für diese Frauen, die alleine für die Auswahl ihrer Kleidung länger brauchen als sie für diesen ganzen Vorgang. Für sie hat die Kleidung nur einen einzigen Grund, und denn erfüllt diese schmucklose und einfache Seemannskleidung wunderbar.
Rasch schweifen ihre Blicke durch die kleine Kabine, um zu sehen, ob sie irgend etwas vergessen hat - wobei das im Grunde auch nicht schlimm wäre, denn diese Kabine ist nie weit entfernt, wenn man auf einem Schiff arbeitet. In einer Stadt wäre das ärgerlicher, hier kostet es nur wenig Zeit, hinterlässt aber möglicherweise einen schlechten Eindruck bei den Matrosen, und das ist gerade für eine Vorgesetzte alles andere als gut.
Schließlich kommt sie zu dem Schluß, dass alles in Ordnung ist, und nichts fehlt, und greift mit einem Lächeln auf den Lippen nach der Klinke der kleinen Tür ihrer Kabine.
Abwartend bleibt die Bootsfrau in genau dieser Position stehen - eine Hand an der Klinke, bereit, diese herunter zu drücken, und ansonsten angespannd lauschend. Dieses Lauschen ist ein Lauschen mit dem ganzen Körper, nicht nur mit den Ohren. Sie hört die Schritte und Stimmen der anderen auf dem Gang vor der Tür, aber sie fühlt auch die Bewegungen des Schiffes, die geradezu allgegenwärtig sind, und denen man sich auf einem Schiff nicht entziehen kann. Für sie ist das freilich mehr als nur Schaukeln - jede kleine Bewegung kann sie mit ihrem Ursprung einordnen, und kann sich den Seegang dort draußen damit auch sehr gut vorstellen, ohne ihn zu sehen. Ordentlicher Seegang, bei dem es mit dem nun reparierten Steuer bestimmt mächtig Spaß macht, die Karavelle sicher durch die Wogen zu geleiten.
Nirka freut sich sichtbar auf diesen Tag, an dem es sicher richtig viel zu tun gibt, aber an dem auch sehr angenehme Dinge auf sie warten... es gibt noch so vieles, dass sie ihrer Freundin erzählen muss, und nicht zuletzt ist sie auch gespannt, wie einige andere Dinge, die an Land ihren Anfang genommen haben, wohl weitergehen werden.
Doch zuvor... die Bootsfrau lässt die Klinke wieder los und ist mit zwei raschen Schritten am anderen Ende der kleinen Kabine, denn sie hat DOCH noch etwas vergessen! Rasch hockt sie sich vor die kleine Truhe, die ihre Besitztümer enthält, und beginnt, kurz in dieser zu wühlen.
Nirka hält inne, als ihre Finger das finden, was sie gesucht haben - eine kleine, aus Holz geschnitzte Delphinfigur mit einem Lederbändchen daran, jener gar nicht so unähnlich, die am Vortag der Geweihte Efferdros getragen hat. Nur ist diese Figur, die Nirka gerade in der Hand hält, recht schmucklos, und vor allem auch extrem abgegriffen - das Holz, das vielleicht einmal eine Farbschicht hatte, hat diese schon längst eingebüßt, und ist alleine durch die vielfache Berührung wunderbar glatt geworden.
Die Bootsfrau der NORDSTERN betrachtet die alte Figur eine Weile, dann streift sie sich das Lederband entschlossen über den Kopf. Es ist lang genug, um die kleine Figur fast vollständig unsichtbar zwischen ihren Brüsten verschwinden zu lassen - eine Möglichkeit, die Nirka jetzt auch nutzt.
Sie hat diese Figur lange nicht getragen, und das hat auch seine Gründe, aber bei dieser Mission, diesem Transport eines dem EFFerd geweihten Artefakts, da ist das einfach richtig. Und nicht nur das... denn die Gedanken der Bootsfrau reichen noch weiter.
Doch zuvor schließt sie die kleine Truhe rasch, und durchquert die kleine Kabine wieder einmal raschen Schrittes. Diesmal hält sie an der Tür nicht inne, sondern öffnet sie und tritt hinaus auf den Gang des Unterdecks vor einem der Zugänge zum Mannschaftsraum. Den Matrosen, die zufällig in ihre Richtung blicken, nickt sie lediglich zu, dann verschwindet sie auch schon in Richtung des bugwärts gelegenen Niederganges, dessen Stufen sie mit großen Schritten nimmt - schließlich lockt das Oberdeck und damit die See und der Wind und die Wogen und das herrliche Segelwetter...
Schließlich ist die letzte Stufe des Niedergangs überwunden, und die Bootsfrau steht auf dem Oberdeck der NORDSTERN. Rasch finden ihre Augen die Person, die sie am liebsten sehen - und ihr entgeht auch das kurze Lächeln in Sigruns Gesicht nicht.
Erst danach mustert sie die anderen Ereignisse auf dem Deck, und bekommt rasch mit, was Sigrun da tut - nämlich die Sicherungsleinen spannen. Das ist vernünftig, auch wenn Nirka den Befehl Lowangers, den sie vernommen hat, als sie gerade den ersten Fuß auf das Deck gesetzt hat, ein wenig übertrieben findet. Doch das muss der Offizier selbst wissen, schließlich trägt er die Verantwortung. Zumindest noch, denn Nirka sieht, dass auch der Kapitän auf dem Deck ist - vielleicht will er ja Fahrgäste, die möglicherweise danach fragen, über die Gründe der verschobenen Abfahrt informieren.
Bei diesen Gedanken muss Nirka kurz grinsen, und fast wie zufällig geht sie ein wenig in Sigruns Richtung los.
NORDSTERN - Laderaum vier: Meergün's neue Heimat
Meergrün tritt vor die Tür und verschließt sie hinter sich. Den Schlüssel lässt er mit einem lockeren Handschwung in der Luft verschwinden, das ist besser als unter der Fußmatte. Dann dreht er sich um und blickt erwartungsvoll in den Laderaum.
Die Nacht über hat Meergrün natürlich nicht geschlafen. Klabauter haben einen etwas anderen Schlafrhythmus als Mensch. Statt dessen hat er sich um sein altes und neues Heim gekümmert. Die Wasserschäden sind jetzt zum größten Teil behoben, auch wenn es noch etwas feucht riecht. Er hat zwar versucht, ein paar Kräuterzweige zu verbrennen, aber das hat nicht wirklich den Geruch vertrieben.
Jetzt ist der Klabauter der NORDSTERN - bei dem neuen Titel schwillt dem kleinen Wesen die Brust - neugierig auf sein Schiff, wie es sich am Tag macht, auf See, wie die Mannschaft ist und natürlich auch auf die Gäste, Gäste sind immer lustig.
denn wollen wiir mal
eiin neuer start
Kaum hat Meergrün ein paar Schritte in den Lagerraum hineingemacht, trifft er auch schon auf das erste Lebewesen. Es ist eine dicke, fette Ratte, genauer gesagt ein stattliches Rattenmännchen, mit dichtem, jetzt feuchtem, aber grundsätzlich seidigem Fell, das man nur findet, wenn sein Träger in gutem Futter steht.
Der Ratterich war vermutlich grade auf dem Heimweg von einer seiner vielen Geliebten, in Gedanken noch bei der Zeugung einer ganzen Handvoll weiterer hungriger Mäuler, und ist mindestens so überrascht, plötzlich einem Klabauter gegenüberzustehen, wie dieser selbst.
Die fingerlangen Haare in der rosaglänzenden Schnauze vibrieren leicht; er scharrt mit spitzen, metallischen Klauen auf den Holzplanken und der nackte Schwanz peitscht unsicher hin und her.
Iiiih das iist ja
ganz ekeliig
Meergrün erholt sich als erster von dem Schreck und haut der Ratte eines auf die Schnauze.
*Quuiik*
Dann hört man nur noch das schnelle Getrappel einer flüchtenden Ratte.
weiiter geht das
so aber niicht
da muss man mal
was gegen tun
diie schiiffskatze
wo iist siie nur
NORDSTERN - In der Suite: Erwachen
Nun ist es jedoch zu spät für Selbstvorwürfe. Ein Blick aus dem Fenster der Suite beweist, das Salzerhaven schon weit hinter der Nordstern liegt. Alkinoê setzt sich in der Koje auf, und blickt nachdenklich auf den nördlichen Horizont: Dort irgendwo muss Thorwal liegen, welches sie nun wohl nie erreichen wird. So viele Hoffnungen waren daran geknüpft, ihr ganzes früheres Leben hatte sie ändern wollen. Nun ist sie auf dem Weg zurück in den Süden.
Eigentlich ist sie sich nicht sicher, was sie nun anfangen soll, denn sie hat bisher mit niemandem besprochen, was aus ihr werden soll. Die Freifrau hat ihr angeboten, solange bei ihr zu bleiben, wie sie wollte. Wenn es nach Alkinoês innersten Wünschen ginge, so würde sie dies einfach schamlos ausnutzen. Aber objektiv betrachtet ist das natürlich ganz ausgeschlossen. Am vernünftigsten ist es sicherlich, wenn sie nun zu ihrer Tante nach Drôl zurück kehrt. Ein Gedanke, der Alkinoê ganz mutlos werden lässt: Sie hat schon Szantas maliziöses Lächeln vor Augen, wenn sie dort wieder auftaucht. Andererseits: Hat sie denn eine andere Wahl? Sie hat ja nichts Vernünftiges gelernt!
Wenigstens hat sie einen Teil ihrer gemeinsamen Besitztümer von der Zyklopenauge zurückerhalten. Sie wirft einen Blick auf die drei großen Truhen, die neben der Koje aufgestapelt sind. Wenn auch alles wirklich Wertvolle fehlt, so mag doch noch manches darunter sein, das sich verkaufen lässt, so dass sie wohl (hoffentlich!) wenigstens die Rückfahrt bezahlen kann. Wenn sich auch einige liebe Menschen erboten haben, für ihre Kosten aufzukommen, so wäre es wohl doch der Gipfel der Unverschämtheit, dies auch tatsächlich anzunehmen! Sie steht schon genug in der Schuld ihrer Mitreisenden.
Bei einem Blick auf den ihr verbliebenen Besitz kommt ihr der Gedanke, nun doch das viel zu große und weite, mühsam geraffte Kleid der Freifrau auszuziehen und sich wieder passend zu kleiden. Mit einiger Mühe, da ihr linker Arm ja immer noch bandagiert ist, entledigt sie sich des gelben Kleides. Mit einem fast bedauernden Blick legt sie es sorgsam zusammen und fährt noch einmal zärtlich mit der Hand darüber. Erstens war Reckinde so lieb zu ihr gewesen. Diese Art der Fürsorge ist ihr völlig fremd. Außerdem knüpfen sich daran noch andere Erinnerungen des gestrigen Tages. Ein schelmisches Lächeln fliegt plötzlich über ihr Gesicht, als sie an die Ereignisse mit Alrik, Ameg und Hesindian zurückdenkt.
' Wie die geguckt haben bei ihrem Vorschlag! Oh - und später hoffentlich nicht geguckt haben! '
Sie wird in Gedanken daran ein wenig rot. Wie konnte sie nur... Aber irgendwie hatte sie sich dort völlig losgelöst gefühlt, weit entfernt von allen Regeln und Vorschriften, von Kummer und Sorgen, fast schon glücklich. Daher hatte sie auch gezögert, diesen Ort wieder zu verlassen. Aber irgendwie... als die anderen drei durch das Tor traten, war sie ihnen einfach gefolgt.
Entschlossen wendet sie sich jetzt den Truhen zu.
Als sie die erste Truhe öffnet entsteigt ihr ein feiner Duft. Alkinoê hat sofort einen dicken Kloß im Hals. Zwar herrscht darin eine große Unordnung, aber ganz obenauf liegen Kleidungsstücke von Merian. Später einmal müssen die wieder ordentlich zusammengelegt werden, aber zur Zeit fühlt sich Alkinoê dazu nicht in der Lage. So sucht sie sich aus der Truhe nur ihre eigenen Sachen heraus und schließt sie dann wieder. Die zweite Truhe enthält jene Sachen, welche die Mädchen glaubten, auf der Überfahrt zu benötigen. Alkinoê holt die gemeinsamen Toilettenartikel, kleine Scheren, Feilen, Bürsten und Schwämme heraus, außerdem das, was an Kleidung ihr gehörte. Die dritte Truhe ist am leersten. Ursprünglich enthielt sie einen Satz silberner Löffel, die Schatulle mit Familienschmuck, einen Beutel mit Goldstücken, kostbare Gläser, silberne Leuchter, Flaschen mit Drôler Rosenöl und zahlreiche Stücke aus Drôler Spitze. Von all dem ist nur die Spitze geblieben. Darauf packt Alkinoê nun ihre eigenen Sachen. Aufeinanderstapeln kann sie die Truhen mit dem verletzten Arm nicht wieder, dabei mag ihr später der kleine dicke Diener der Freifrau helfen.
Das erste Kleid, das ihr in die Finger gerät, ist esmaraldgrün und besonders festlich. Sie hatte es auf Merians Hochzeit tragen wollen. Die aufsteigenden Tränen unterdrückend legt sie es rasch zurück. Das ist nun wirklich nicht passend. Das nächste, ein himbeerfarbenes Kleid, ist schon besser. Es ist nach drôler Mode mit hoher, unmittelbar unter der Brust angesetzter Taille geschneidert. Das figurbetonte, Bruststück ist mit weißer Spitze überzogen, der Rock fällt glatt herunter.
Es kostet Alkinoê einige Zeit und Mühe, sich ohne Hilfe anzukleiden, da ihr linker Arm sie doch einigermaßen behindert. Hinzu kommen noch die starken Schiffsbewegungen. Andererseits kann sie den Diener der Freifrau ja nicht rufen, ohne diese zu wecken, und das mag sie zu dieser frühen Stunde wirklich nicht tun. Nun, schließlich hat sie es auch allein geschafft. Nur die Knöpfe im Rücken kann sie nicht schließen, und ihr hüftlanges schwarzes Haar muss auch offen bleiben.
Erschöpft setzt sie sich ersteinmal wieder auf das Lager. Dabei stellt sie fest, dass sich bei den heftigen Bewegungen des Schiffes allmählich ein mulmiges Gefühl im Magen einstellt, an das sie sich noch recht gut von ihrem ersten Tag auf der ZYKLOPENAUGE her erinnern kann.
' Ich glaube, ich sollte lieber an Deck gehen, das Einzige was mir geholfen hat, war frische Luft und der Blick auf EFFerds Element. '
NORDSTERN - In der Suite: Radisar und Alkinoê
Radisar's Füße schmerzen niederhöllisch. Er hatte am Vortag von früh bis spät die Briefe der Freifrau verteilt und hat dabei ziemliche Wege zurückgelegt. Schon bis er endlich eine Zweigstelle er Beilunker Reiter gefunden hatte, denn nicht alle der Adressaten wohnten hier in der Doppelstadt, hatte sich das Praiosgestirn bereits bis kurz vor den Zenit geschoben. Doch auch die Zielpunkte im Ort lagen derart verstreut, dass es eines gewaltigen Fußmarsches bedurfte, um alle Schreiben der Freifrau zustellen zu können. Und so hatten die Praiosscheiben und das Madamal schon längst die Positionen getauscht, als Radisar endlich zur NORDSTERN zurückkehren durfte.
Salza und Salzerhaven sind wirklich sehr beeindruckende Ortschaften und Radisar bedauerte es zutiefst, nicht mehr Zeit für die Betrachtung aller Sehenswürdigkeiten zur Verfügung zu haben. Lediglich am Reiterstandbild Kasimir's auf dem Marktplatz Salza's hielt er kurze Rast. Der kleine dicke Diener musste grinsen als er das Stadbild genauer betrachtete, es muss schon entliche Götterläufe her sein, da der König Nostrias für diese Statue Modell gestanden hatte. Nun - Satinav's Zahn macht auch vor den Edlen nicht halt und das ist gut so, meint Radisar.
Radisar hat dann noch einmal Platz genommen an dem kleine Schreibtisch der Suite, um in seinem Arbeitsbuch den Vollzug seiner Aufträge zu notieren, als Bishdariels Atem ihn erreichte und der bunt Gefiederte dem kleinen Diener angenehme Dinge zuzuraunen begann. Die Schreibfeder fiel Radisar aus der Hand.
**********
Ein leises Geräusch weckt den kleinen Diener. Radisar blinzelt verschlafen in den Raum, wie lange hatte er wohl geruht? Radisar's Hand prüft die Temperatur des Teekessels auf dem erwärmten Samowar, den er, kurz bevor er nächtens hinweg gedämmert war, noch deftig angeschürt hatte, damit er für seine Arbeit ausreichend zu trinken gehabt hätte. Zufrieden stellt er fest, dass der Tee noch immer warm genug ist für einen sofortigen Trunk.
Schnell gießt er zwei Tassen ein, trinkt die eine davon sofort und stellt die andere auf ein silbernes Tablett, zusammen mit Candis und anderen aromatischen Gewürzen, welche die Herrin gerne zusammen mit dem Tee verzehrt. Schwungvoll nimmt er das Tablett auf und läuft beschwingt aus der Ecke, wo der Schreibtisch separat zum restlich ausgestellt ist, und will gerade einen gut gelaunten Morgengruß von sich geben, als er unvermittelt erkennen muss, dass sich dort nicht die Herrin aufhält, sondern das junge Mädchen, dass Alkinoê heißt.
Doch nicht allein die Tatsache, dass dort nicht die Herrin steht, verwirrt den Diener zusehends, sondern auch der Umstand, dass das Mädchen ein 'Kleid' trägt, von dem man in der Heimat Radisars sagt, es wäre das Kleid, dass Tsa und Rahja zu Beginn des Frühlings gemeinsam trügen, nämlich gar keines.
Soviel pure, blanke Anmut kurz nach Tagesanbruch überfordert den kleinen, dicken Diener bei weitem. Wie vom Donner gerührt bleibt er stehen, der Schweiß bricht ihm aus, die Knie zittern und die Kehle verkrampft dermaßen, dass er nicht einmal das Krächzen einer greisen Krähe hervor bringen könnte.
Das Mädchen hat ihn offensichtlich noch nicht bemerkt. Sie beugt sich über die Truhen, die gestern, während seiner Abwesenheit, angeliefert worden waren und über die Radisar bei seiner Rückkehr im Dunkeln der Nacht ziemlich schmerzhaft gestolpert war. Radisar ist sehr bemüht einen 'Plan' zu entwickeln, der die Situation nicht noch peinlicher werden lässt, als sie ohnehin schon ist.
Sodann kommt er zu dem Entschluß, dass es wohl das Beste wäre, sich erst einmal diskret bemerkbar zu machen. Ein lautes Räuspern wäre keine schlechte Sache, findet er. Und dann räuspert er sich laut .....
Erschrocken blickt Alkinoê auf, und bemerkt den kleinen Diener mit seinem Teetablett. Wie lange er wohl hier schon gestanden hat? Ob er gesehen hat, wie sie...? Sie kann nicht verhindern, dass ihr Gesicht bei diesem Gedanken eine ähnliche Farbe annimmt wie ihr Kleid.
Andererseits ist er ja wohl der Leibdiener der Freifrau und hilft daher auch dieser beim Ankleiden. Im Süden würde eine Dame von Stand zwar eher eine Kammerfrau mitnehmen, aber hier ist ja so vieles anders. Außerdem braucht man sich vor Dienern ja eigentlich nicht zu schämen. So erlangt sie schnell ihre Fassung zurück. Mit einem freundlichen Lächeln blickt sie ihn an:
" Oh, ein Tee! Wie schön. Das ist genau das Richtige an so einem Morgen. Ach, kann er mir vielleicht bei meinem Kleid helfen? Ich kann die Knöpfe nicht allein schließen. "
Damit steht sie auf und stellt sich auffordernd vor ihn hin, den Kopf leicht nach vorne geneigt, mit der einen Hand ihr langes schwarzes Hahr nach vorn haltend und bietet ihm ihren Rücken dar, wo zwischen den offenstehenden Knöpfen des Kleides noch ein gutes Stück von der nackten Haut zu sehen ist, die Radisar eben in Gänze bewundern durfte.
Der kleine Diener hüstelt ein wenig, als sich Alkinoê umdreht und ihm ihren Rücken zuwendet, damit er ihr das Kleid schließe, als müsse er sich selbst seiner Pflichten als Diener erinnern. So stellt er das Tablett ab, um beide Hände frei zu haben. Ein wenig zittern seine Finger aber schon, als er die Verschlüsse einhängt, schnell und sicher, als habe er seit Ewigkeiten nichts anderes gemacht, als jungen Damen bei Einkleiden zu helfen.
Radisar ist ein sehr verantwortungsvoller und pflichtbewußter Diener, dennoch fällt es ihm schwer bei diesem delikaten Auftrag die angemessene Distanz zu wahren. Alkinoês Haut ist hell und makellos und sicherlich sehr, sehr samtig anzufühlen. Dennoch ist der kleine, dicke Diener äußerst bedacht darauf den Rücken Alkinoês nicht zu berühren, es wäre ihm eine grobe Pflichtverletzung gewesen.
Als das Kleid dann endlich geschlossen ist, räuspert sich Radisar noch enmal kurz und erklärt dann, wie beiläufig erwähnt:
"Fertig, junge Dame! ... und nun der Tee!"
" Danke, " erwidert Alkinoê in gedämpftem Ton, und lässt ihr Haar mit einem Schwung nach hinten gleiten, so dass es wie ein sanfter Hauch über Radisars Hände fährt. Dann dreht sie sich zu ihm um und schaut ihn halb fragend, halb auffordernd an:
"Es wäre mir lieb, wenn er den Tee draußen auf Deck sevieren könnte, so würde ich Ihre Hochwohlgeboren nicht stören und könnte gleichzeitig ein wenig frische Luft atmen. "
Bei den letzten Worten beginnt sie bereits, vorsichtig auf die Außentür der Suite zuzugehen, immer sorgsam darauf bedacht, bei den heftigen Schiffsbewegungen nicht irgendwo gegen zu stoßen und dadurch Lärm zu verursachen.
NORDSTERN - Gmeinschaftskabine: Onaskje's Empörung
Mit einem Stirnrunzeln blickt Onaskje dem anderen Mann in die Augen.
'Hat der aber eine schlechte Laune. Kann ich sogar fast nachvoll ziehen.'
Als der dann aber noch blitzschnell einen Schubser hinterher setzt, ist der Geweihte doch perplex.
'Was für ein Primitivling. Kann der sich nicht ein bißchen am Riemen reißen?!'
Mit einem schnellen Halbschritt und einem Auspendeln des Oberkörpers nimmt er dem Stoß die Kraft. Mit festem Blick fixiert er die Augen seines Gegenübers und blickt ihn kühl an. Dessen Aktion lässt sich wohl nur durch seine Unkenntnis darüber, wer da vor ihm steht, ignorieren. Nun ja, jedenfalls nicht ganz.
"Wir sind wohl ein klein wenig temperamentvoll, heute morgen, wie? Passieren Euch nicht auch gelegentlich kleine Mißgeschicke, oder werden diese Euch immer gleich handgreiflich vergolten? Immerhin habe ich mich bei Euch entschuldigt!"
Des Geweihten Blick wird ein wenig prüfender, als er den Kopf leicht schraeg legt und Torin dabei aufmerksam mustert. Am Rande nimmt er die junge Frau neben Torin und auch den Thorwaler, sowie eine nörgelnde Stimme wahr, die sich über den Lärm beschwert; da aber von hinten bald wieder Ruhe ist, konzentriert er sich lieber ganz auf den Mann mit Hut.
Durch den noch immer leicht nachwirkenden Alkohol staunt Torin nicht schlecht, als sein Gegenüber nicht fällt. Ungläubig zieht er die Stirn kraus. Dann schließt er für einen Augenblick die Augen.
Als er sie wieder öffnet, steht der Kleine noch immer vor ihm. Sehr zu Torins Verwunderung macht er keinerlei Anstalten, die Fäuste zu heben und ihn zu schubsen.
Noch immer ist Torin etwas verärgert. Zum einen schmerzt sein Kopf und zum anderen nun auch noch sein Fuß. Erst als der Andere ihn anspricht weicht der Ärger aus Torins Gesicht.
'DAS ist auf keinen Fall ein Krawallhans, der es auf eine Schlägerei anlegt.'
Zusehends lockert sich die drohende Gewitterfront in Torins Gesicht auf und lässt wieder Raum fuer einige Sonnenstrahlen als er Onjaske anblickt.
"Es tut mir leid, aber ich hatte euch im ersten Augenblick für einen Kneipenschläger gehalten. Aber ihr habt Recht, auch mir passieren hin und wieder Mißgeschicke. Auch wenn ich bei meinem Handwerk doch sehr vorsichtig sein muss, damit mir nicht der eine oder andere Finger fehlt."
Er streckt Onjaske die Hand zum Handschlag entgegen.
"Ihr müßt nämlich wissen, ich bin Tischler."
Noch während in Phexanes Kopf die Erinnerungen herumwirbeln, kriegt sie am Rande Torin Rotmarders Gespräch mit dem Geweihten mit.
Dieser Morgen gestaltet sich in der Gemeinschaftkabine interessanter, als man es glauben möchte! Nicht nur, weil man hier erfährt, wohin die Reise denn nun wirklich geht, nein, man erfährt auch von Leuten, denen man es nie zugetraut hätte, deren 'interessanter' Beruf!
'Tischler! So ein Unsinn,' denkt sich Phexane bei Torins Aussage, 'aber... er treibt genauso ein Spiel wie ich!'
Kurz geht ihr Blick zu Torin und wenn man genau hinschaut, dann scheint sich einer ihrer Mundwinkel leicht zu heben, so als hätte sie sich doch entschieden an diesem frühen Morgen ausnahmsweise zu lächeln.
Doch dann richtet sie schnell wieder ihre Aufmerksamkeit auf den Thorwaler, bei dessen Kauderwelsch, auch bekannt als thorwalsche Mundart, sie sich durchaus etwas Mühe geben muss, um es zu verstehen.
"Erkenhild? Wer ist das? Und was denn Wichtiges? Und warum zum Fischerfest? Und warum Havena?"
Phexane holt kurz Luft.
"Und warum überhaupt?"
Grad will Hjaldar die verdutzten Gesichter der beiden voll auskosten, da deutet sich noch weit Erheiternderes an.
"Heda, Schlägereien oben auf Deck, damit alle was davon haben!" tönt er mit einer guten Laune, die Morgenmuffel an Mord denken lassen könnte.
Doch leider legt sich das Gerangel schnell wieder, so dass er sich Phexane zu wendet, die dreinschaut wie die Kuh, wenn der Blitz in den Bauern einschlägt und nach dem Warum fragt.
"Na, die olle Erkenhild hat uns wat Wicht'ges in die Hand gedrückt und das soll bis zum Fischerfest in Havena sein. Da muss EFFerd ganz schön pusten, dat dat wat wat."
"Na, dann freut´s mich ja wirklich, Eure Bekanntschaft zu machen. Ich befürchtete schon, dass ich mich gleich an meinem ersten Morgen hier an Bord ungeschickt eingeführt hätte."
Mit einem erleichterten Grinsen im Gesicht ergreift Onaskje die dargebotene Hand und schüttelt sie kräftig, ein Handwerker kann ordendlich zupacken und dieser soll ihn keinesfalls für einen Weichling halten, kann man im Augenblick doch nicht erkennen, dass Onaskje andere Dinge besser kann als predigen. Er nutzt die entspanntere Atmosphäre, um mit einer angedeuteten Verbeugung in die unbestimmte Richtung der meisten umherstehenden Mitreisenden sich vorzustellen.
"Ich möchte mich Euch allen vorstellen," jetzt lässt er auch endlich Torins Hand los, "mein Name ist Onaskje, vollständig Wulff Onaskje, und meine Berufung ist die eines Dieners unseren Götterfürsten PRAios. Und natürlich möchte ich alle Anwesenden zu einer kleinen Morgenandacht auf Deck im Antliz PRAios´einladen."
Er wendet sich zu Hjaldar hin:
"Danach müßt Ihr auch unbedingt von diesem Fest der Fischer berichten!"
'Miu pikusch!' denkt sich Torin auf die Andachtsansage von Onjaske.
'Wenn wir noch im Hafen wären, könnte ich schnell von Bord huschen. Aber so muss ich meine Rolle wohl spielen.'
Als sich der PRAiosgeweihte zu Hjaldar wendet, blickt er schnell zu Phexane hinüber. Auch sie scheint nicht unbedingt begeistert von der Vorstellung zu sein, sich eine PRAiospredigt anhören zu dürfen.
Natürlich hat Torin nicht direkt etwas gegen Andachten, aber gerade nach einer durchzechten Nacht kann er sich wahrlich etwas Besseres vorstellen, als in einer praiotischen Andacht zu sitzen. - Zum Beispiel etwas handfestes Essen vom Smutje.
Deswegen antwortet er auch nur halblaut auf den Gruß des weißhaarigen Druiden, der vor seiner Koje steht.
"PHEx zum Gruße, Herr Fargus."
Kurz blickt er noch einmal kritisch auf die schlafende Druidin hinunter. Dann jedoch will auch er wissen, was Hjaldar zu berichten hat und schaut in dessen Richtung.
Phexane hört die Worte Onaskjes und wird in ihrer Vermutung bestätigt - sie teilt die Gemeinschaftkabine unter anderem mit einem PRAiosgeweihten!
'Besser' kann es wohl nicht mehr werden!
Doch nicht nur das: der Geweihte will eine Morgenandacht halten - zusammen mit allen anderen, also auch einschließlich ihr.
'Schön! Toll! So etwas habe ich mir doch immer schon unter einem 'tollen' Morgen vorgestellt! Früh aufstehen und zu PRAios beten!'
Phexane erwidert den Blick, den Torin ihr zuwirft und verdreht kurz die Augen Richtung Kabinendecke. Doch dann fällt ihr etwas ein...
"Gerne," antwortet sie dem PRAiosgeweihten und lächelt ihn an, wobei sie sich schon sehr zusammen reissen muss, "vielen Dank für die Einladung!"
'Naja, vielleicht kann ich mich so ja mal bei PRAios ein wenig beliebter machen. Zumal kein Dieb der Welt, der etwas länger im Geschäft bleiben möchte, PRAios mißachten würde. Jeder der Zwölfe ist wichtig, und heute ist bei mir halt PRAios an der Reihe.'
Dann aber richtet sie schnell wieder ihre Aufmerksamkeit auf Hjaldar.
Noch während Onaskje zu Hjaldar blickt, hat er das unbestimmte Gefühl einer seltsamen Stimmung in seinem Rücken.
'Wird wohl die unbekannte Atmosphäre an Bord dieses Schiffes sein.' denkt er sich und überlegt sich schon einmal, was er nachher predigen wird.
'Lieber nicht zu lange reden, die meisten einfachen Leute halten es doch lieber mit anderen Göttern aus dem Zwölfkreis...'
'Das darf einfach nicht wahr sein.'
Alberik setzt sich auf und schüttelt mißmutig den Kopf.
"Da kann man noch so freundlich um Ruhe bitten, aber was passiert? Sie werden alle noch lauter."
Der Zwerg spricht diese Worte brummelnd vor sich hin, so dass nur ein aufmerksamer Zuhörer sie verstehen könnte, während er aus seiner Koje steigt. Nun ist auch erkennbar, dass er während der Nacht seine Stiefel nicht ausgezogen hat. Auf seinem nackten Oberkörper kann man die Hautmalereien sehen, die diesen schmücken.
"Nicht mal in Ruhe schlafen kann man. Das wird ja noch eine schöne Reise, wenn das jetzt jeden Morgen so läuft."
Weiter vor sich her redend überprüft er, ob seine Sachen noch alle da sind, oder irgendein goldgieriger Mensch ihn vielleicht schon beraubt hat. Den Spiegelpanzer samt wattierter Unterrüstung, die beiden Äxte und die zwei Wurfbeile hat er schnell gefunden. Sie befinden sich alle noch neben seiner Koje.
"Aber die werden schon sehen was passiert, wenn ich morgen wieder so früh aufgeweckt werde. Da wird auch der PRAiosdiener ein Wunder erleben, wenn der wieder so einen Krach macht."
Der Zwerg nimmt den Schlüssel, der unter der Matraze liegt, und öffnet die kleine Truhe neben seinem Bett.
"Das sind sowieso die schlimmsten. Kaum ist die PRAiosscheibe am Himmel, schon soll es eine Morgenandacht geben. Als ob man nicht auch noch später beten könnte."
Der Deckel wird angehoben. Nach genauester Überprüfung des Inhalts wird die Truhe wieder verschlossen. Es ist alles vollständig.
"Aber so etwas gibt es bei Alberik, Sohn des Atosch, nicht. Jeder der mir noch mal mit so einer Morgenandacht kommt, wird aus dem Raum geworfen!"
Alberik wendet sich seiner Rüstung zu.
Na, so langsam kommt ja richtig Leben in die Bude.
"'n morgen allesamt." wiederholt Hjaldar seinen Gruß noch einmal an alle frisch Erwachten.
Mit Schmunzeln stellt er fest, dass inzwischen auch ein Zwerg an Bord ist. Gar nicht übel - die verscheuchen mit ihrer Quengelei und Nörgelei vermutlich sogar Seeschlangen, wenn's nötig ist.
Das Angebot des PRAiospriesters indes schnappt er sichtlich mit gemischen Gefühlen auf - zwar hält er durchaus hohe Stücke auf die Zwölf Götter, ebenso wie auf Kor, Marbo und wie sie alle heißen, allen voran Swafnir.
Nur dass die sich davon beeindrucken lassen, wenn man sich irgendwo hinstellt und unverständliches Kauderwelsch vor sich hin brabbelt, glaubt er nicht - da muss man schon was für tun, dass einer von denen mit Anerkennung runter guckt und sacht:
'Nu guck sich mal einer den Spinner da an...'
Außerdem gibt es ja fürwahr Wichtigeres. Nämlich dass er denen mal erzählt, was sie so alles verschlafen haben hier an Bord.
"Also, die Erkenhild ist die Baas vom EFFerdtempel. Wir ham halt gestern früh auf dem Weg zum Markt 'nen verkleideten Geweihten gefunden, der grad über's Nirgendmeer geschippert ist. Ich mein, dass er'n Geweihter war haben wir erst später raus gefunden, aber dann hat uns Erkenhild halt verklickert, dat er so'ne furchtbar alte, heilige Muschel gesucht hat - naja, so'ne halbe halt, die andere Hälfte hatten'se schon - und ob wir da nicht weitersuchen könnten."
Das ergebnislose Herumlaufen in der Stadt auf der Suche nach diesem feinen Pinkel von der ZYKLOPENAUGE lässt Hjaldar dabei außen vor. Im Endeffekt hat sich da ja auch nur ergeben, dass er irgendeinen Dreck am Stecken hat, sonst hätt' er sich nicht so flott von dannen gemacht.
Torin wundert sich nicht über die Worte Phexanes, schließlich schätzt er sie so ein, dass sie wohl doch vom gleichen Schlag wie er selbst ist. Und da gehören eben kleine Flunkereien zum täglichen Leben.
Noch immer ist er nicht ganz fest auf den Beinen und der Seegang, der schlimmer ist als alles, was er bisher erleben durfte, tut ein übriges, dass nicht nur das leise Pochen in seinem Kopf bleibt. Nein, zu allem Übel spürt er jetzt auch noch ein leichtes Rumoren in seinem Magen.
Mehr aus den Augenwinkel sieht er, dass sich jetzt auch einer der wenigen noch Schlafenden rührt.
'Alrik Fuxfell, wenn ich mich richtig erinnere, Frau Fuxfells Bruder.'
Doch weder auf die Worte des schwarzhaarigen Zauberers noch auf das Gemurmel des weisshaarigen Zöpfchenzwerges achtet er. Zu gespannt wartet er ab, dass Hjaldar mit Informationen heraus rückt.
Dann endlich ist es so weit. Hjaldar spricht!
Das Gebabbel, das der Thorwaler von sich gibt, kann er mit einiger Mühe noch verstehen. Doch der genaue Sinn will sich Torin nicht erschließen. Nur, dass es um eine Muschel geht, das hat er kapiert.
"Was habt ihr mit der Muschel gemacht?"
Phexane sieht, dass nun auch Alrik und der Zwerg wach sind, doch vielmehr interessiert es sie, was Hjaldar zu sagen hat. Zumal sie außerdem noch gewisse Probleme mit Thorwalsch hat.
"Baas? Ist das ein Geweihter?" fragt sie, wobei die anderen Fragen noch längst nicht in den Hintergrund getreten sind.
'Bei HESinde! Kann der nicht vernünftig Garethi sprechen? Ich rede doch auch nicht ständig albernisch!'
"Und was ist nun mit dieser komischen Muschel? Habt ihr die gesucht?"
Eine Muschel ist für Phexane nicht weiter wichtig - als kleines Kind hatte sie oft welche gegessen, die sie von Muschel-Serc auf dem Fischmarkt in Havena bekam. Aber wenn sie alt und heilig ist, dann mag da wohl was Besonderes dran sein. Immerhin ist für diese Muschel ein EFFerdgeweihter gestorben.
'Ich frage mich ja, was sie bloß alles erlebt haben. Das nächste Mal werde ich mich nicht wieder mit mieser Laune aufs Schiff verkrabbeln, sondern auch etwas mehr in der Stadt herumlaufen... zumal die nächste Stadt dann ja Havena ist....'
Wieder kehrt sie in Gedanken zurueck in ihre Heimatstadt. Sie sieht vor ihrem geistigen Auge die bunten, großen Märkte, auf denen man exotische Dinge aus aller Herren Länder erstehen kann; das riesige Immanstadion, in dem mal wieder die Havenabullen zeigen, wer die Könige des Immans sind (zumindest ist das Phexanes Meinung - also reiner Lokalpatriotismus!); das Vergnügungsschiff "Thetis", auf das sie sich mit Sciba mehrmals geschlichen hatte, nur um wieder hochkant rauszufliegen; Nalleshof, mit den vielen, urigen Tavernen; Dotos Laden, in dem sie sich immer wieder gerne umgeschaut und hin und wieder sogar etwas geholfen hatte, trotz seines unheimlichen Raben; der EFFerdtempel, der im Fischerdorf dasteht, als wäre er ein Bollwerk wider der Schrecknisse der Unterstadt...
NORDSTERN - Gemeinschaftkabine: Joanna's Visionen
Egal wie laut es auch in der Gemeinschaftkabine sein mag, es dringt kein einziger Laut zu der Druidin durch. Sie liegt ruhig in ihrer Koje. Doch es ist kein Schlaf, der die junge Frau umgibt. Sie glüht vor Hitze und ein leichtes Zittern schüttelt ihren zarten Körper - fast unmerklich für die Anwesenden.
*****
'...Joanna... Joanna...' Eine beruhigende, sanfte, jedoch aber sehr vertraute Stimme weckt sie aus ihren Schlaf. 'Joanna?' Die Stimmlage lässt auf Besorgnis schließen. Langsam öffnet sie ihre Augen. Das grelle Licht bringt sie dazu ihre schwarzen Augen schnell wieder zusammenzukneifen. Sanft streicht eine Hand über ihr Gesicht, 'Schließ deine Augen!' und über ihre Lider.
Es gibt für Joanna keinen Grund zu fragen, wer diese 'fremde' Person denn sei. Diese Spannung, dieses Gefühl zwischen den beiden macht ihr klar, dass es nur ihr Mentor, Osin al Gossara, sein kann.
"Wo, wo.." stammelt sie.
Die Hand gleitet über ihre Lippen.
'psssssst! Ruhig!....'
Eine erdrückende Stille liegt in der Luft. Doch wenn man genau hinhört kann man das leise Rauschen des Windes in den Bäumen und das Plätschern eines Baches der sich durch ein unwegsames Gelände schlängelt hören. Sowie fast unscheinbares zwitschern von Vögeln.
Die Hand entfernt sich von ihr doch noch immer durchströmt ein angenehmes, warmes Gefühl ihren Körper.
*****
'Dieners... Götterfürsten PRAios... Morgenandacht...'
Ab und zu dringen einige Worte in das Unterbewusstsein der Druidin durch, doch die Bindung, die schon seit frühester Kindheit zwischen der Druidin und ihrem Lehrmeister besteht, ist viel zu stark, als dass ein solches Stimmengewirr ihre Visionen stören könnte. So dauert es nicht lange, bis auch jede Verbindung zur Realität wieder verschwunden ist. Das Zittern ist nun etwas stärker zu erkennen und auch ihr Körper glüht noch immer.
*****
Nun endlich öffnet Joanna ihre Augen. Doch das grelle Licht ist verschwunden. Es ist auch kein rauschender Bach oder Vogelgezwitscher mehr zu hören. Die Druidin ist vollkommen von Dunkelheit umgeben.
'Folge mir...' sagt ihr die bekannte Stimme.
'Wohin?'
'Ach, meine kleine Joanna. Du weißt es also noch nicht...'
Mitleidig sieht er in ihre schwarzen Augen
'Ich dachte du wärst soweit, es von allein zu begreifen...'
Verwirrt blickt die junge Frau ihren Mentor an.
'Du weißt doch, diese Krankheit.... Wir hatten eine Chance, eine geringe Chance, aber hättest du mich auch gefunden, du wärst zu spät gekommen... Also, wir haben nicht mehr viel Zeit,...folge mir!'
Mit diesen Worten streckt ihr Osin seine Hand entgegen. Dies ist das einzige, was sie in der Dunkelheit erkennen kann.
'Aber...aber...' stottert Joanna. 'Ich...ich hab Angst.'
'Der Tod ist doch nicht das Ende!'
Noch immer streckt Osin der Druidin seine Hand erwartungsvoll entgegen.
'In jedermann steckt eine Magie, die sich verflüchtigt und in die Erde zurückkehrt, wenn er sein irdisches Dasein beendet. Ebenso wird diese Energie, diese Lebensmagie, an all diejenigen zurückgegeben, die aus der Erde neu geboren werden. Es ist keine Magie der einfachen Worte und mystischer Symbole. Es ist vielmehr eine urtümliche Kraft der Erde, die wir Druiden zu nutzen und beherrschen gelernt haben. Allein sie ist beides, lebensspendend und tödlich. Zusammen können sich die Elemente vermischen und einzigartige Zauber weben. Die majestätische Anerkennung aller Erdenkräfte und des Geistes, der sie kontrolliert, darin liegt das Wissen des Wahren Druiden.' Er legt eine kurze Pause ein, bevor er weiterspricht: 'Somit ist der Tod erst der Anfang, denn dadurch entsteht neue Energie und es ist ein Neubeginn gegeben. So, ... nun musst du dich entscheiden...!
Joanna zieht es magnetisch zu der ihr entgegengestreckten Hand hin, doch innerlich weigert sich noch ein Gefühl dagegen.
*****
Ihre Augen werden feucht und einige Tränen fließen über ihre Wangen, bis sie über ihren Hals hinunterlaufen.
NORDSTERN - In der Suite: Der Freifrau neuer Kamerad
Daran wird sich die Freifrau noch gewöhnen müssen. Noch nie hatte sie einen derart treuen Begleiter wie diesen Hund. So folgt er ihr auf Schritt und Tritt und gehorcht ihr aufs Wort - manchmal. Doch so viel Zuneigung kann auf die Dauer auch lästig werden. Reckinde schüttelt den Kopf jedesmal, wenn sie an diese Geschichte denkt. Es ist bestimmt das erste mal, dass sie sich hatte überreden lassen, bei einem Einbruch in ein Lagerhaus mit zu wirken.
Es wird die Behörden in Salzerhaven bestimmt noch lange beschäftigen, einen Einbruch aufklären zu müssen, bei dem nichts weiter als der Wachhund geklaut worden war. Doch wurde er ja gar nicht gestohlen, er kam freiwillig mit, hat sozusagen die Seiten gewechselt und nun folgt er der Freifrau treu und ergeben auf allen ihren Wegen.
Als sie sich nach ihrer Rückkehr auf die NORDSTERN niedergelegt hatte war Reckinde nach kurzer Zeit eingeschlafen. Sie erwachte wenig später dadurch, dass ihr der Hund das Gesicht ableckte. Barsch befahl sie ihn in eine Ecke der Suite, wohin sich der Hund dann auch traurig trollte. Doch nicht für lange. Wieder kam er heran geschlichen und wieder stieß er auf die unerbittliche Abwehr der Freifrau. Das konnte den Hund allerdings nicht abhalten, es erneut und immer wieder zu versuchen, solange, bis die Verteidigungsbereitschaft Reckindes, schon allein deshalb, um sich wenigstens noch ein wenig Schlaf sichern zu können, erheblich nachließ, bis er dann endlich die 'Festung' seiner Herrin erstürmen konnte und sich auf dem Bett, gleich neben Reckinde, feierlich, mit der Ausstrahlung eines Eroberers niederließ und behaglich einschlief.
*********
Reckinde träumte wirres Zeug und sie ist nun eigentlich erleichtert, als sich ihr der Schlaf entzieht. An den Hund hat sie gar nicht mehr gedacht und so erschrickt sie nicht schlecht, als sie die Augen öffnet und genau in den Rachen eines hechelnden Hundes blicken muss.
Der Hund derweilen, setzt sich hin, wedelt freudig mit dem Schwanz und gibt ein lautes und vernehmbares 'WUFF' von sich.
Aber noch bevor Alkinoê die Tür erreicht, hört sie ein lautes "Wuff".
Wer diesen Laut verursacht hat, kann sie sich sehr wohl vorstellen, schließlich hat sie den struppigen Wolfshund bereits gestern kennen gelernt. Da war sie allerdings schon ziemlich verblüfft gewesen, als sie plötzlich dieses große, gefährlich aussehende Tier lammfromm neben Reckinde stehen sah. Noch größer war ihr Erstaunen allerdings, als der Hund nicht mehr von Reckindes Seite wich und diese durchaus auf die NORDSTERN begleiten wollte.
Als sie jetzt in die Richtung des Bellens blickt, bietet sich ihr ein Anblick, der wohl selbst auf einen Boronspriester erheiternd gewirkt hätte: Die Freifrau liegt in leicht derangiertem Zustand in ihren Kissen und starrt mit erschrecktem Gesicht auf das hechelnde, freundlich wedelnde Ungetüm, dass es sich offensichtlich halb neben, halb auf ihr bequem gemacht hat und jetzt Anstalten macht, sie mit einem feuchten Kuß zu begrüßen.
Alkinoê kann ein leichtes Kichern nicht unterdrücken, bevor sie herausbringt:
" Guten Morgen, Euer Hochwohlgeboren, ich hoffe ihr habt gut geschlafen? "
Wie angewurzelt bleibt der kleine Diener stehen. Auch er hat das Gebell gehört, anders als das Mädchen, kann er sich allerdings die Herkunft dieser Laute nicht so schnell erklären, denn es war dunkel, als er gestern in die Suite zurückkehrte und auch der Hund hatte zu diesem Zeitpunkt keinerlei Absichten sich bemerkbar zu machen.
So ist das erste, was er nun von diesem Tier zu sehen bekommt, dass sich da ein riesige Vieh aus den Decken des herrschaftlichen Schlaflagers frei schüttelt und der ruhenden Freifrau mit wachsender Leidenschaft am Ohr herum schnuppert. Für Radisar, der gewohnt ist, alle neue Situationen eher negativ zu beurteilen, sieht es allerdings so aus, als wolle das Untier, in unlauterer Absicht, seiner Herrin an die Kehle und sofort erwacht der 'Held' in den kleinen dicken Diener, eine Charaktereigenschaft Radisar's, die sonst eher im Verborgenen blüht.
"EIN WOLF, EIN WOLF !! Haltete aus Herrin, ich eile euch zu retten !!!"
Mit diesem 'Schlachtruf' auf den Lippen rennt er vorwärts, er nimmt sich nicht einmal mehr die Zeit das Tablett wieder abzulegen. Er hebt es, während er rennt, hoch über den Kopf, in der Art, wie ein angreifender Krieger mit dem Schwert ausholen würde und so sieht dann es aus, als wolle er den vermeintlichen Wolf, statt mit einer Waffe, mit einem einfachen, silbernen Gedeck zur Strecke zu bringen.
Der riesige Hund wedelt noch immer freundlich mit dem Schwanz, als ihn die Freifrau etwas unsanft zurück drängt, da sie es gar nicht schätzt, gleich mit dem Erwachen das Gesicht abgeschleckt zu bekommen. Und es scheint, als hätte der Hund in diesem Punkt ein Einsehen.
Doch seine Stimmung ändert sich schlagartig, als da ein dicker, glatzköpfiger Mensch angestürmt kommt, der da laut und hektisch herum schreit und zudem mit dem Schweiß, der dem kleinwüchsigen Hektiker fontänenartig aus den Poren schießt, eine Aura der Furcht und der Angst verströmt.
Der Hund geht einen Schritt nach vorne, legt die Ohren nach hinten, senkt den Kopf und fängt an sehr bedrohlich zu knurren. Auch er sieht seine 'Herrin' in Gefahr und es gewillt, mit allem, was ihm gegeben ist, für ihre Verteidigung zu sorgen.
Gegeben sind ihm, vor allen Dingen, ein mächtige und sehr imposantes Gebiss, welches dem kleinen Diener wahrscheinlich mit Leichtigkeit einen Arm abtrennen könnte, gerade so, wie Radisar, wenn er in eine Blutwurst beißen würde. Die drohenden Reißzähne des Hundes sind wirklich zwei gute Gründe, dem Tier augenblicklich nicht zu nahe zu kommen.
Radisar stoppt mitten im Lauf. Geschickt fängt er das Tablett ab, es wäre sonst ja weiter geflogen und der Tee hätte sich diesmal auf dem Schlaflager der Freifrau verteilt. So steht er nun also da, der kleine, dicke Diener und der Schweiß strömt ihm von der Stirn, als wäre er in einen plötzliche Regenschauer geraten.
Es ist ihm völlig klar, jeder weitere Schritt momentan, wäre eine Riesendummheit. Obwohl ihm die Furcht den Verstand leicht vernebelt, dämmert ihm die Erkenntnis, dass die Herrin in weitaus weniger großer Gefahr schwebt, als er selbst. Wahrlich, nur ein Narr würde mit diesem Tier einen unbewaffneten Konflikt suchen und dafür ist selbst Radisar nicht Narr genug.
Radisar lächelt gequält, gute Miene zum bösen Spiel machen:
"Gutes Hundchen, ... braves Hundchen .... ruhig, ganz ruuuuhig ...geh doch nach draußen und freß einen Elch .... !"
Vorsichtig und langsam geht er Schritt für Schritt nach hinten, das Tablett auf den Fingern balancierend. Noch immer, man mag es fast nicht glauben, hat er kein Tröpfchen Tee verschüttet.
Im ersten Moment starrt Alkinoê völlig verdattert auf die unerwartete Entwicklung der Dinge. Das nächste, was sie in ihrer Verblüffung realisiert ist Radisars Versuch, den kostbaren Tee ins Bett der Freifrau zu befördern, eine Maßnahme, die sie keineswegs billigen kann. Zwar fängt er sich im letzten Moment noch, aber sie hat noch nicht den Eindruck, als sei damit die Situation entschärft.
So tritt Alkinoê mit zwei raschen Schritten zu Radisar, ergreift das Tablett und nimmt es dem Diener aus den Händen. Und dann sagt sie in nachsichtigem Tonfall, etwa wie man einem ungeschickten kleinen Kind etwas erklärt:
" Das gebe er mir mal besser. Und jetzt mag er sich setzen und sich beruhigen. Das ist nun wirklich ein ganz harmloses, freundliches Tier, wenn man lieb zu ihm ist. Würde es IHM etwa gefallen, direkt nach dem Aufwachen mit Tee beworfen zu werden? "
Wobei sich das "Ihm" eindeutig auf Radisar und nicht auf den Hund bezieht.
Die Freifrau von Beibach und Bruch muss nun lächeln, fast gegen ihren Willen, denn die Situation war ihr zu Beginn nicht besonders angenehm gewesen. Sie wird nun einmal eben nicht gerne geweckt, und von der feuchten Zunge eines riesigen Hundes schon gar nicht. Aber es erheitert sie dann doch zu sehen, wie der kleine Diener zu Ihrer Rettung mit Todesverachtung vor stürzt, um gleich darauf bleich und schlotternd wieder den Rückzug anzutreten.
Reckinde krault dem Hund das Nackenfell und das Tier beruhigt sich schnell. Der Hund setzt sich auf das Leinentuch des Bettes, wedelt mit dem Schwanz und hechelt vor sich hin. Mit sanften Augen blickt er zu Alkinoê hinüber, als ahnte er, dass das Mädchen so liebe Worte für ihn gefunden hatte.
Die Freifrau setzt sich nun auf und trocknet sich die Stirn. Dann sagt sie zu Alkinoê:
"Recht gesprochen, mein Kind! Und sehr umsichtig gehandelt. Der Tee dürfte hiermit gerettet sein. Darf ich zum Morgenmahl mit euerer Gesellschaft rechnen, mein Kind?"
" Oh, mit dem größten Vergnügen. "
Sie kann es nicht verhindern. Trotz des Kummers und der Bitterkeit wegen der Ereignisse um die Zyklopenauge stielt sich ganz unversehens ein kleines, bescheidenes Glücksgefühl in Alkinoês Herz. Eigentlich ist sie ohne eigenes Zutun genau da gelandet, wo sie sich hin wünscht. Sie befindet sich bei einer Dame von Stand (ein Umstand, der für Alkinoê nicht unerheblich ist), welche offensichtlich von großem Anstand und von starker Integrität ist. Sie hat bei Reckinde bislang keine Spuren von mondänen Mätzchen, politischem Intrigieren oder jenem vordergründigen Charme entdeckt, der andere Menschen in seinen Bann zu ziehen sucht, um sie anschließend auszupressen wie eine reife Frucht. Alles Eigenschaften, die viele selbständige Damen von Stand aufweisen.
Andererseits ist sie auch keineswegs ein hilfloses kleines Weibchen, stets bemüht, den Anforderungen der Umwelt gerecht zu werden, oh nein! Souverän und selbstbewusst formt sie kraft ihrer Autorität ihre Umgebung nach ihrem Willen, ohne dabei jedoch eine große Herzensgüte vermissen zu lassen.
' Ach, wäre ich doch nur ein bisschen so wie ihre Hochwohlgeboren! ' Schwärmt Alkinoê im stillen.
Reckinde hat jedoch noch eine weitere, sehr positive Eigenschaft: Sie ist reich! Wie angenehm und entspannend ist es doch, stets einen dienstbaren Geist zur Seite zu haben, der die Widrigkeiten des Alltags von einem fern hält und der sie gewiss gleich bei dem nun folgenden Frühstück auf eine unauffällig distinguierte, aber trotzdem stets präsente und aufmerksame Weise bedienen und umsorgen wird. Welch ein Unterschied zu der Reise auf der ZYKLOPENAUGE, wo man sich um die kleinsten Dinge selbst bemühen musste und vieles trotzdem nicht bekam.
Alkinoê spürt eine große Dankbarkeit für Reckinde, und unwillkürlich steigt ein Gefühl des Mitleids in ihr hoch, Mitleid für einen Herren, dessen Bekanntschaft zu machen sie gestern das Vergnügen hatte. Wenn ihm auch der Titel geblieben ist, so hat er doch anscheinend ebenfalls ein bitteres Schicksal erleiden müssen, ganz ähnlich wie sie selbst. Wie mühselig und erniedrigend muss es für ihn sein, vor der Kombüse anzustehen, nur um ein wenig Tee und Brot zu erhalten, während die Damen hier in der Suite die angenehmen Seiten des Lebens genießen. Da er doch in seiner Jugend ganz Ähnliches erleben musste wie sie selbst, und noch dazu gestern sehr freundlich war, hat sie jetzt das Bestreben, ihm auch etwas Gutes zukommen zu lassen...Nur: Reckinde darf natürlich auf keinen Fall verärgert werden. Andererseits muss es ihr doch auch angenehm sein, ein wenig amüsante Gesellschaft zu haben.
Während sie sich angelegentlich mit dem Tee beschäftigt, fügt sie deshalb zögernd hinzu:
" Euer Hochwohlgeboren, was haltet ihr von dem Gedanken, Seine Edelhochgeboren, den Comto di Vespasio zu bitten, uns beim Tee Gesellschaft zu leisten? Er ist ein recht angenehmer Gesellschafter, wie ich gestern feststellen konnte..."
Freifrau Reckinde nickt.
"Oh ja, der Comte ist auch mir aufgefallen. Zweifellos ist er ein Mann von außerordentlich gutem Benehmen. Seine Gesellschaft wäre durchaus eine Bereicherung."
Reckinde lächelt Alkinoê an.
"Dann aber müsste ich euch bitten, mir behilflich zu sein, denn so wie aussehe, kann ich niemanden empfangen."
In der Tat sieht die Freifrau ein wenig befremdlich aus, zumindest für Betrachter, die sie sonst nur etwas distanziert zu sehen bekommen haben. Ihre langen, schwarzen Haare, die hier und dort manchmal von der einen oder der anderen kleinen grauen Strähne durchzogen sind, hängen ihr offen um die Schulter.
In der Öffentlichkeit hat sie diese Haare streng zu einem Knoten zusammen gebunden, es liegt ihr dann glatt und gebändigt am Kopf wie ein Helm. Das verleiht dem Aussehen der Freifrau Härte und trotzigen Stolz. Aber nicht so im Augenblick!
Da ihre Haare nun offen getragen sind, wirkt ihr Gesicht etwas rundlicher, freundlicher. Sogar die steile Stirnfalte, die sich zwischen den buschigen Augenbrauen in die Stirn der Freifrau gegraben hat, und die besonders dann immer gut sichtbar wird, wenn es für die Freifrau einen Grund zum Zorn oder zur Missbilligung gibt, im Grunde genommen also immer, selbst diese Stirnfalte ist im Moment unsichtbar.
"Helft mir bei den Haaren, mein Kind, dann kann sich Radisar schon einmal auf den Weg machen, dem Herrn Di Vespasio unsere Einladung zu übermitteln!"
Radisar bringt gerade eine Schale mit Zuckergebäck heran, als er hört dass sich die Herrinnen über den Comte Di Vespasio unterhalten, dass sie seine Manier und seine Umgangsformen sehr schätzen würden. Oh ja, da kann der kleine Diener nur beipflichten, auch ihn hat der Comte sehr fasziniert.
Eifrig, aber auch gleichzeitig zurückhaltend schüchtern bemerkt er mit erhobenem Zeigerfinger:
" ... und er ist auch ein sehr gelehrter Mann, der Herr Di Vespasio, weiß der nicht alles weiß, es ist schon exorbitant!"
" Oh, natürlich, ich helfe Euch gerne. Ich glaube ich kann das recht gut, schließlich habe ich das bei Merian auch immer gemacht. " beeilt sich Alkinoê zu erwidern.
Bei ihren letzten Worten fliegt ein Schatten über ihr Gesicht.
' Jetzt bloß nicht an Merian denken. Es gibt nichts Schlimmeres als eine Dame, welche sich in Gesellschaft gehen lässt und andere mit ihren Gefühlen belastet. '
So lächelt sie sofort wieder, und fährt fort:
" Habt Ihr vielleicht eine Visitenkarte? Ich könnte ja kurz eine Nachricht für den Comte schreiben, in Eurem Namen natürlich, welche ihm Euer Diener dann überbringt. "
Dieser Gedanke ist nun tatsächlich so reizvoll, dass sie ihren Kummer vergisst. Ihr Gesicht wird von einer leichten Röte überzogen und die Augen beginnen zu leuchten. Die Vorstellung, eine Einladung per Visitenkarte überbringen zu können wie eine richtige Dame hat für sie eine große Faszination. Flüchtig taucht ein Bild in ihrer Erinnerung auf, wo ihre Tante an einem zierlichen Schreibtisch sitzend Einladungen für eine Soiree schreibt.
' Das wäre ja wie bei einer Fürstin, und ich wäre dann Reckindes Hofdame...'
Während sie sich eifrig daran macht, Kleidung für die Freifrau zurecht zu legen, blickt sie fragend zwischen Radisar und Reckinde hin und her.
Freifrau Reckinde merkt auf. Die Idee Alkinoês gefällt ihr. Zwar war Reckinde schon lange nicht mehr so förmlich gewesen, der Umgang mit den gerissenen Handelsherren und heimtückischen Kaufleuten gestaltete sich doch ein wenig anders, als es sonst bei Hofe so üblich ist, aber warum sollte man nicht hin und wieder einmal die Etikette pflegen?
"Das ist eine reizende Idee, mein Kind! Ihr würdet mir die Freude machen, den Text aufzusetzen? Lasst euch von Radisar geben, was ihr benötigt!"
Reckinde winkt ihren Diener heran.
"Ich hoffe, er hat verstanden. Es ist mein Wunsch, dass er der jungen Dame hilfreich zur Seite stehe und ihren Anweisungen sofort Folge leiste!"
Radisar nickt folgsam, in einer Ruhe, als habe ihn der Befehl der Herrin in keiner Weise überrascht. Tatsächlich aber ist er über alle Maßen erstaunt, dass die Freifrau plötzlich so viel auf ein protokollarisches Vorgehen hält. Zwar stört ihn dieser Gesinnungswandel kaum, er selbst hat ja schon unzählige male daraufhin gewiesen, dass etwas mehr Förmlichkeit dem allgemeinen Ruf der Freifrau in keiner Weise abträglich sein könnte, im Gegenteil; dennoch trifft es ihn unerwartet, dass der spielerische Gedanke eines Kindes genügte, Frau Reckindes Einstellung hierzu so komplett zu verändern. Ihm selbst war dies all die Jahre nicht geklungen und so keimt in der Nähe des Herzens des kleinen, dicken Dieners ein winziges, aber bohrendes Gefühl auf, dass er so bisher noch nicht kannte. Es wird wohl noch eine kleine Zeit vergehen, bis Radisar dieses Gefühl als einen Anflug von Eifersucht erkennen wird.
"Sehr wohl, Herrin!" sagt er aber, trotz seines inneren Zwistes und er macht eine kleine Verbeugung dabei.
Radisar ist ein sehr guter Diener und seine Ergebenheit ist ohne Beispiel. Und so ist ihm auch nichts anzumerken, von seinen inneren Besorgnissen, als er Alkinoê anlächelt, ein mildes, warmes, freundliches Lächeln.
"Wenn ihr mir folgen wollt!"
Rasdisar begibt sich zum Schreibttisch der Suite. Aus einer kleine Kiste holt er Kiel und Tintenfaß. Dann breitet er ein kleines Pergamentpapier aus, auf dem, in einem farbigen Druck, das Wappen derer zu Beibach und Bruch abgebildet ist. Es ist ein geflügelter Bär auf blutrotem Hintergrund, umgeben von zwei großen Weiden, die sich untertänigst vor dem Tier zu verbeugen scheinen.
Radisar hat alle Utensilien auf dem Schreibtisch ausgebreitet, einschließlich einer kleinen Kerze, etwas Siegelwachs und dem Siegelring der Freifrau.
"Wollt ihr mir diktieren oder ist euer Begehr selbst zu schreiben, junge Herrin?"
Mit vor Eifer geröteten Wangen folgt Alkinoê dem Diener zum Schreibtisch. Hm...diktieren? Klingt zwar eigentlich auch nicht schlecht, andererseits bringt sie sich so um dass Vergnügen, die Karte selbst zu schreiben. Schließlich kann es ja eigentlich auch nichts schaden, wenn der Comte sehen kann, wer diese Karte verfaßt hat.
So antwortet sie nur ruhig:
"Danke, ich schreibe selbst. "
Geradezu andächtig setzt sie sich an den Tisch, ordnet ihr Kleid und betrachtet einen Moment neugierig die Visitenkarte:
'Ach, eine Freifrau ist sie also! Aber der Druck ist wirklich schön, sogar in Farbe. Und das Wappen ist auch recht beeindruckend. '
Vorsichtig taucht sie die Feder in das Tintenfass, streift sorgfältig die überschüssige Tinte ab - (Es wäre ja auch zu peinlich, wenn sie, noch dazu vor den Augen des Dieners, einen Klecks auf die Karte machen würde) - und setzt in zierlich gerundeter, etwas schnörkeliger Schrift zwei Buchstaben unter das Wappen:
p. i.
Ach, wie lange hat sie sich gewünscht, einmal so etwas schreiben zu dürfen.
' Der Comto wird ja wohl wissen, was diese Kürzel bedeuten? Aber sicher, im lieblichen Feld sind sie ja noch viel förmlicher als bei uns. Heute aber soll man sich über die kulturlosen Drôler nicht beschweren können. '
Vorsichtig pustet sie über die Tinte, um sie zu trocknen und dreht dann die Karte um:
Nach kurzer Überlegung beginnt sie zu schreiben, sehr langsam und vorsichtig, um die Schiffsbewegungen auszugleichen. Dabei ist vor Eifer ihre rosa Zungenspitze zwischen den Lippen zu sehen:
" Im Namen Ihrer Hochgeboren, Freifrau von und zu Beibach und Bruch bitte ich um die Ehre und das Vergnügen, Seine Edelhochgeboren, Comto di Vespasio zu einem bescheidenen Dejeuner in der Suite begrüßen zu dürfen.
Alkinoê Shilaiellys"
Zufrieden schwenkt sie die Karte mit einer lässigen Bewegung, die sie ihrer Tante abgesehen hat, durch die Luft, um die Tinte zu trocknen. Dann übergibt sie sie Radisar mit den Worten: "Bring er dies dem Comto di Vespasio, er wird ihn ja sicherlich zu finden wissen. Und dann kann er auch gleich das Frühstück besorgen; um ihre Hochgeboren kümmere ich mich schon."
Sehr zufrieden mit sich selbst aber ohne einen weiteren Blick auf Radisar tritt Alkinoê jetzt an die Freifrau heran und stellt ihr eine große leere Schale und einen Krug mit Trinkwasser hin. In letzteres gibt sie noch ein paar Tropfen Rosenwasser. Dazu legt sie ein leichtes Leinentuch, wie es Reckinde vor zwei Tagen zum Waschen benutzt hat.
" Zu eurer Erfrischung, Euer Hochgeboren. Setzt Euch einfach hin und sagt mir, was Ihr noch benötigt, ich bringe Euch alles. Die Haare stecke ich am besten nach dem Ankleiden hoch, sonst wird nur die Frisur durcheinander gebracht. Welches Kleid wünscht Ihr denn heute Morgen zu tragen? "
Radisar nimmt das beschriebene Pergament entgegen, macht eine kleine Verbeugung und erklärt feierlich:
"Sehr wohl, junge Herrin, es soll sofort geschehen ..."
Als er wieder aufblickt, muss er verwirrt und verwundert feststellen, dass sich Alkinoê schon der Freifrau zugewandt hat, die ergebene Bestätigung des Auftrags durch den kleinen Diener somit also gar nicht mehr wahrgenommen haben kann. Sodann ergänzt Radisar seine Aussage:
" ... euer Wunsch sei mir ein Befehl!"
Gut, dass die junge Dame, vor allem den zweiten Teil des Satzes nicht hatte hören können. Die Schwingungen in Radisar's Worten machten einen Hauch von Missmut und Ärger deutlich. Mit der Botschaft in der Hand verlässt Radisar die Suite und macht sich auf die Suche nach dem hohen Herren Di Vespasio.
Freifrau Reckinde überlegt einen Augenblick lang, wägt ab und entscheidet dann:
"Ich werde das helle Hauskleid tragen. Ihr findet es zu vorderst in der großen Kleidertruhe, men Kind."
Die genannte Truhe steht aufrecht an der Heckwand der Suite. Sie ist beachtlich hoch, hoch genug, dass Kleider darin aufgehängt werden können. Reckinde mag es nicht, wenn sie Kleidungsstücke anziehen muss, die, wer weiß wie lang, auf kleinsten Raum zusammengelegt waren.
Das Hauskleid, welches Reckinde so genannt hatte, ist ein sehr auffälliges Kleid in der Freifrau Garderobe. Zumeist kleidet sie sich ja dezent oder gar sehr dunkel. Es scheint ein Ausdruck ihrer prächtigen Laune zu sein, sich heute gefällig und dem Hellen zugetan zu kleiden.
Es ist ein weites, gürtelloses Kleid, aus einem Material, dass bei einer ungenauen Betrachtung wertvoller Seide gleich zu sein scheint. Erst ein genaueres Betrachten offenbart, dass es sich um ein einfaches Leinengewebe handelt, allerdings aus einem derart fein gewirkten Faden und in meisterlicher Kunst zu einem Tuch gewebt, dass der Stoff, kaum schwerer als die Luft, ein schwingenden Linien zu Boden fällt.
Die Ärmel und der weit ausgeschnittene Kragen sind mit breiten, verstärktem Saum verziert. Es sind dunkelblaue und braune Ormamente ausgestickt, zweifellos hervorragende Arbeiten aus einer norbardischen Meisterwerkstatt.
Das Kleid strahlt eine schlichte Würde aus, vornehm und bescheiden zugleich, und ist ein Zeugnis feinsten Schneiderhandwerks, das, obwohl mit einfachen und provinziellen Materialien arbeitend, höchstwertige Kleidung zu erschaffen imstande ist, in einer Qualität, die sich leicht mit Produkten aus den aventurischen Metropolen vergleichen lässt.
"Findet ihr meine Wahl passend, mein Kind!" fragt Reckinde und lächelt Alkinoê geradezu schelmisch vergnügt an.
Mit flinken Schritten eilt Alkinoê zu der Schranktruhe und öffnet sie. Da das Kleid ganz vorn hängt, fällt es ihr sofort ins Auge: Es sieht ganz anders aus, als die Kleider die sie aus dem Süden kennt. Fast andächtig fährt sie mit der Hand über den zarten Stoff und die kunstvolle Stickerei am Saum.
" Oh! Das ist aber wirklich schön - ich finde, es passt sehr gut zu....."
Sie zögert einen winzigen Moment. Eigentlich hatte sie "zu Euch" sagen wollen, aber im gleichen Moment hat sie das Gefühl, dass dies als platte Schmeichelei verstanden werden könnte. So ergänzt sie schnell:
" ...diesem Morgen. "
Vorsichtig löst sie das Kleid von den Haken und trägt es mit Sorgfalt zur Freifrau. Ein heftiger Stoß des Schiffes, als ein besonders hoher Wellenkamm das Schiff steuerbords trifft, lässt sie einen hastigen Ausfallschritt machen. Zwar stößt sie dabei mit dem Schienenbein gegen einen Stuhl (Au!), aber dem Kleid ist nichts passiert.
"Eine wirklich schöne Arbeit." sagt, sie, den kurzen Schmerz überspielend, "So eine Stickerei habe ich noch nie gesehen. Das ist gewiss ein seltenes Stück? "
Damit beginnt sie, Reckinde ins Kleid zu helfen.
Der Freifrau ins Kleid zu helfen und die kleinen Ösen zu schließen, ist selbst bei diesem Seegang kein Problem. Nun aber macht sich Alkinoê daran, Reckinde zu frisieren. In der Kabine ist es relativ eng, ein Umstand, den Alkinoê bislang nicht gerade begrüßt hat. Jetzt ist sie aber doch recht froh darüber, gibt ihr die Enge doch Gelegenheit, ihr Hinterteil gegen eine Kommode zu stützen und so die Schwankungen des Schiffes besser ausgleichen zu können. Trotzdem:
' Diese niederträchtige Schaukelei. Wie soll ich denn da eine anständige Frisur zustande bringen? Am Ende werde ich ihre Hochgeboren noch mit einer Nadel stechen! ' Außerdem macht sich wieder dieser unangenehme Druck in der Magengegend bemerkbar. Gerade jetzt, wo sie wirklich nicht darauf reagieren kann!
Bedächtig greift sie zur Bürste und beginnt, mit sanften, fast zärtlichen Bewegungen das dichte Haar zu bürsten:
" Was Ihr für schönes, kräftiges Haar habt."
' Das ist mir gestern gar nicht aufgefallen, so straff und unkleidsam, wie die Haare aufgesteckt waren. Das Frisieren scheint nicht gerade zu den besonderen Fähigkeiten des Kammerdieners zu gehören. A propos Fähigkeiten: Hat er nicht eben angeboten, die Karte selbst zu schreiben?! '
Jetzt, wo sie darüber nachdenkt, kommt ihr das schon aranisch vor:
' Die hier im Norden sind schon komisch: Statt ihre Diener in handwerklichen Dingen auszubilden, bringen sie ihnen Lesen und Schreiben bei, was sie ja nun wirklich nicht benötigen. Das liegt an solchen Menschen wie Hesindian. '
Sie schüttelt fast unmerklich den Kopf über solchen Unverstand.
Die Freifrau fühlt sich durch das Kompliment Alkinoês sichtlich geschmeichelt, wird für einen Augenblick sogar sehr verlegen.
"Ihr habt geschickte Hände, mein Kind, kraftvoll, doch sehr einfühlsam."
antwortet sie ausweichend, aber ehrlich gemeint. Die tägliche Haarpflege war ihr bisher zwar ein dringendes Bedürfnis, dennoch aber eine sehr anstrengende und ungeliebte Prozedur. Heute jedoch fühlt sie sich wohl dabei. Es ist ihr gerade so, als spüre sie bei dem Frisieren durch Alkinoê deren äußere Anmut auch im Tun und Handeln.
Nachdenklich streicht Reckinde eine Falte aus ihrem Kleid. Ach ja, das Kleid. Reckinde seufzt. Wie fast alles, was Reckinde auf ihren Reisen mit sich herum schleppt - besser gesagt: Schleppen lässt! - , hat auch das helle Kleid ein Geschichte aus dem bewegten Leben der Freifrau. Reckinde seufzt noch einmal und dann erklärt sie:
"Dieses Kleid hat eine besondere Bedeutung für mich. Es ist für mich wie ein bindendes Tuch zu meiner Heimat und lässt mich auch dann noch Sehnsucht fühlen, wenn die quälenden Erinnerungen an die Zeiten damals übermächtig zu werden drohen."
Reckinde seufzt ein drittes mal und über ihr Gesicht huscht ein Schatten von Trauer und Melancholie.
Reckindes Haare sind nun seidig und locker, fertig zum Aufstecken. Alkinoe legt sich eine handvoll Haarnadeln zurecht und greift wieder nach dem Haar. Als dann die Freifrau über ihre Heimat redet, spürt Alkinoê sofort wieder den Kloß im Hals. Tief in Gedanken beginnt sie damit, die Haare hoch zu stecken, zuerst die oberen, ganz locker und gefällig, ähnlich, wie sie es bei Merian gemacht hätte.
' Heimat - bestimmt hat sie eine schöne Heimat, ein herrliches Schloss zwischen Hügeln und Wäldern. Und ich? Ich wüßte nicht mal, was ich meine Heimat nennen soll: Articona, an das ich nur wenige Erinnerungen habe oder Szantas Haus in Drôl? '
Aber dann fährt die Freifrau ganz anders fort, als Alkinoê erwartet hätte.
' Quälende Erinnerungen? Das ist doch merkwürdig. Mit wem ich mich auch über die Vergangenheit unterhalte, immer gibt es schlimme Ereignisse zu berichten. Und vor kurzem hatte ich noch das Gefühl, ich sei der allertraurigste Mensch auf Dere. '
Während sie nach und nach einen Teil der Nadeln im Haargebäude verankert, wandern die Gedanken weiter. Sie zögert zunächst, auf Reckindes Worte zu antworten. Vielleicht hat diese sie nur so dahin gesprochen, quasi zu sich selbst, und empfände es jetzt als aufdringlich oder neugierig, wenn Alkinoê nachfragt. Andererseits hat sie irgendwie das Gefühl, dass Reckinde das Bedürfnis haben könnte, darüber zu sprechen. Vorgestern Abend hatte die Freifrau sie ja auch ermutigt, nicht alles hinunter zu schlucken. Bevor also das Schweigen zu drückend wird, fragt Alkinoê zögernd:
" Ihr habt Sehnsucht - gibt es denn etwas, das Euch abhält, nach Hause zurückzukehren? "
Die Freifrau blickt überrascht auf. Mit dieser Frage hat sie nicht gerechnet. Doch sie schüttelt die Unsicherheit rasch wieder ab, wie sie es immer tut. Und so lächelt sie wieder, als sie Alkionê antwortet:
"Nun, mein Kind, es gibt da eigentlich nichts, was mich davon abhalten könnte. Doch allein das Wort 'eigentlich' dürfte verraten, dass dies nur die halbe Wahrheit ist.
Es ist die Furcht vor der Zeit und vor TSA's rastlosen Händen. Es ist der Wandel, der mich schreckt, die Veränderungen der Welt und meiner selbst. Es kommt im Leben eines Menschen stets irgendwann die Zeit, da ihm die Erinnerung an frühere Tage kostbarer werden als der prächtigste Schatz.
Nun stelle dir eine Perle vor - groß und schön - und sie ist dein! Du bewunderst sie, du liebst sie und sie wird dir zum Ideal. Der Gedanke an sie wird dir zum Begleiter in der Fremde und in deinen Träumen ist sie dir ein leuchtendes Wegfeuer.
So kehrst du nach Hause, Götterläufe später, und plötzlich siehst du in dieser Perle nur noch den abgestumpften Glanz, kaltes abweisendes Leuchten. Sie ist kleiner, als du dir die ganze Zeit über gedacht hattest, sie ist matter als du dir die ganze zeit über gedacht hattest und ihr Wert ist weit unter dem, den du lange zuvor taxiert hattest.
Was hat sich nun verändert? Die Perle? Du selbst? Deine Wertvorstellungen? Wie konnte dich die Erinnerung so täuschen? Was immer es auch gewesen sein mag. Du spürst herben Verlust und das tut weh!
Dein Wegfeuer erlischt, dein Ideal bröckelt und in deinen Träumen wirst du einsam! Das ist es, was mich schreckt und davon abhält nach Hause zurück zu kehren!"
Reckinde lächelt und streichelt kurz den Handrücken Alkinoê's.
"Aber nun genug erzählt von den Sentimentalitäten einer alten Frau. Erzählt ein bißchen von euch, mein Kind!"
" Von mir? " entgegnet Alkinoê überrascht.
Erstaunt hat sie Reckindes Ausführungen gelauscht, sind dies doch Überlegungen, die ihr völlig fremd sind. Ihr Leben besteht zur Zeit aus sehr realen Ängsten, Befürchtungen und Wünschen, und ihr Denken ist ganz auf die Zukunft ausgerichtet. Um diese Gefühle wirklich nachvollziehen zu können fehlt ihr die Erfahrung eines langen, ereignisreichen Lebens. Sie strebt noch dem Zenit ihres Lebens entgegen und weiß daher nicht wie es ist, wenn man ihn hinter sich gelassen hat, wenn man meint, die schönsten Dinge im Leben bereits erlebt zu haben. Qualvolle Erinnerungen: Ja, die kennt sie schon, aber eher in der umgekehrten Form: dass etwas, was sie damals als gar nicht als so schlimm erlebt hat, sich, je älter sie wird, um so schrecklicher auswächst, so sehr, dass sie den Gedanken daran kaum noch erträgt.
Aber schöne Erinnerungen gleich Perlen... Vielleicht ihre frühe Kindheit in Articona. Sie hat sich jedoch noch gar keine Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, dorthin zurückzukehren. Vielleicht wäre das ja dann so, wie es die Freifrau beschrieben hat.
" Schöne Erinnerungen habe ich hauptsächlich an das Landgut meiner Eltern, aber die sind nicht sehr deutlich, ich war nämlich erst sechs Jahre alt, als ich dort wegging. "
Während sie versucht, sich zu erinnern, formen ihre Hände instinktiv eine Steckfrisur, die sie Merian öfter machen musste. Mit Kämmen wird das äußere Haar leicht gebauscht hin zum Knoten gesteckt und dann aus den Spitzen kleine Zöpfchen geflochten, die als kunstvolles Gespinst um den Knoten geschlungen werden...
" Eigentlich erinnere ich mich eher an einzelne Bilder: Da war ein Wasserbecken in unserem Innenhof. Ich konnte es von meinem Zimmer aus erreichen, wenn ich auf die Galerie und dann die Treppe herunter ging. In dem Becken waren kleine Fische. Wenn man den Finger hinein hielt, dann saugten die Fische daran - Das war ein komisches Gefühl! Merian hat mir das gezeigt, als mich einmal heimlich mittags raus geschlichen hatte. "
Unwillkürlich steigen ihr die Tränen in die Augen. Schnell spricht sie daher weiter, von etwas anderem.
" Meine Mutter war eine sehr schöne Frau. Ich glaube, Merian wurde ihr ähnlich. Sie war, wenn ich mich recht entsinne, sehr lieb, aber immer sehr schwach. Manchmal durfte ich in ihre Räume kommen. Da roch es immer so komisch...Sie lag dann ausgestreckt auf einer Ottomane und hielt mir die Hand entgegen..."
Das erste Mal seit der Zeit, als sie vom Tod der Eltern erfuhr, erinnert sie sich wieder so deutlich. Heute glaubt sie zu wissen, was damals mit der Mutter los war, aber das kann sie Reckinde natürlich nicht erzählen.
" Da war auch noch ein Garten, der war riesig groß, und die Pflanzen wuchsen alle ganz wild. Da hab ich immer versucht, mich vor Teti zu verstecken. Teti war mein Kindermädchen. Ich weiß gar nicht, wie sie richtig hieß, aber ich nannte sie immer Teti. "
Plötzlich wird ihr bewusst, was für nebensächliche Kleinigkeiten sie der Freifrau da erzählt. Wahrscheinlich wollte diese nur Genaueres über ihre Herkunft wissen, um zu entscheiden, was aus ihr werden soll, und sie hat vor sich hin geplappert wie ein kleines Kind!
Verlegen lächelnd reicht sie Reckinde einen Spiegel und sagt ablenkend:
" Ich bin jetzt fertig. Seid ihr zufrieden? "
Das Gesicht, das Reckinde aus dem Spiegel entgegenblickt, hat allerdings nur noch entfernte Ähnlichkeit mit der Freifrau, wie man sie kennt.
Die junge Dame hat ein wahres Wunder vollbracht. Nicht nur, dass die veränderte Frisur sehr viel zornige Strenge aus der Erscheinung der Freifrau herausfiltert, dass Reckinde nun sehr viel jünger aussieht, nein, das Wunder besteht darin, dass sich Reckinde gefällt. Die Freifrau, in ihren Entscheidungen bisher immer ausschließlich von Vernunft und Praxisverständnis geleitet, entdeckt an sich selbst einen Wesenszug, von dem sie bis zur Stunde nichts gewusst hatte: Eitelkeit!
Rekinde gefällt sich. Vielleicht ist diese lockere Frisur ihrem Alter nicht so sehr angepasst und jüngere Frauen sehen damit ohne jeden Zweifel besser aus, aber die Freifrau genießt den Frohsinn, der damit verbunden ist, wenn man etwas hübscher gemacht worden ist.
Auch der Hund scheint von Reckindes verändertem Äußeren angetan zu sein. Er schleicht auf leisen Pfoten heran und legt seine große Schnauze in Reckindes Schoß, schaut sie mit treuen Augen an und wedelt mit dem Schwanz dabei.
"Ihr seid eine Künstlerin, mein Kind!" erklärt Reckinde sichtlich bewegt. " .. und ihr seid, obwohl noch sehr jung an Jahren, sehr weise. Und es scheint als habt ihr schon eine große, glänzende Perle gefunden, in euerer Erinnerung - bewahrt sie euch!"
Es ist der Freifrau sehr wohl aufgefallen, dass Alkinoê bei ihren Erinnerung sehr weit zurückgegriffen hatte, aus dem Alter, da sie ein Kindmädchen brauchen würde, ist sie ja schon längst entwachsen. Alkinoê muss sehr glücklich gewesen sein, damals, als ihre Eltern noch lebten. Alkinoê hatte zwar nicht erwähnt, dass ihre Eltern gestorben wären, doch Reckinde ist sich sehr sicher, dass es so ist. Denn die Erzählungen aus unbeschwerten Kinderjahren, klangen entfernt und abgeschlossen, als habe Alkinoê kaum noch Möglichkeiten den Zauber verflossener Tage auch heute noch zu beschwören!
Die Jahre, die darauf folgten erwähnte Alkinoê mit keinem Wort und so schließt Reckinde, dass diese Zeit nicht unbedingt zu den glücklicheren Lebensabschnitten des jungen Mädchens gehört haben können.
Reckinde betrachtet sich noch einmal im Spiegel, aufmerksam und kritisch, doch gleich darauf lächelt sie wieder. Es gefällt ihr wirklich! Sie schiebt den Hund auf die Seite, damit sie sich von ihrem Stuhl erheben kann. Der Hund trollt sich beleidigt, springt auf die Koje der Freifrau, lässt sich gähnend dort nieder und vergräbt seine Schnauze in einem der seidenen Kissen.
"Und ich sage es noch einmal: Ihr seid eine Künstlerin, mein Kind, und so wie ich das sehen, auch ein sprudelnder Quell ungeahnter Talente!"
Während die Freifrau sprach traf eine große Welle das Schiff. Die Freifrau, die schließlich sitzt, hat sie wohl leicht ausbalancieren können. Alkinoê jedoch wird fast von den Füßen gerissen. Gerade kann sie sich noch festhalten. Auch das Bohren in ihrem Magen wird immer unangenehmer.
' Wenn es wenigstens gleichmäßig schaukeln würde, dann könnte man sich darauf einstellen, aber so Etwas! Gut dass ich mit der Frisur fertig bin, sonst wäre alles ruiniert.'
Im Augenblick ist Alkinoê ganz zufrieden mit sich. Sie findet selbst, dass die neue Frisur viel kleidsamer ist als die alte. Als Reckinde jedoch ihre Talente erwähnt, seufzt sie leise auf, gehört das doch mit zu dem Problem, mit dem sie sich herumschlägt.
" Ach, eigentlich kann ich gar nicht viel. Jedenfalls nichts Nützliches. Alles was ich gelernt habe ist schlichtes Schulwissen, und natürlich Tanz und Gesang. Aber nichts, wovon ich leben könnte."
Hundertprozentig ist sie hier nicht bei der Wahrheit geblieben, aber schließlich ist eine Auslassung nicht gleich eine Lüge...
" ...Aber wenn ihr meint, dass ich gut frisieren kann... Vielleicht könnte ich ja Kammerfrau werden. "
Alkinoê lacht hell auf, aber es ist ein aufgesetztes, unfrohes Lachen.
" Jedenfalls könnte ich eurem Diener ein wenig beibringen. Mit ein wenig Anleitung dürfte er bald in der Lage sein, euch passender zu frisieren. "
Bei der Erwähnung des Dieners kommt es ihr in den Sinn, dass dieser schon recht lange fort ist. Jedenfalls kommt es ihr lange vor. Naja, er sollte sich ja auch um das Frühstück kümmern. Sie selbst macht sich schon einmal daran, das Zimmer aufzuräumen.
NORDSTERN - Unterdeck: ALRIK'S Erzählungen
Eilig folgt Sigrun ALRIK ohne sich weiter um die Ansammlung im Mannschaftsraum zu kümmern. Neben Wasuren scheint ALRIK der einzige zu sein, der etwas von diesen merkwürdigen Ereignissen mitbekommen hat, und wenn Wasuren es wichtiger findet, sich einem neuen Matrosen vorzustellen als den Anderen die Zusammenhänge zu erklären, auch gut.
'Die beiden Neuen werde ich noch früh genug kennen lernen. Jetzt muss ich erstmal wissen, was das mit diesem Artefakt auf sich hat.'
Im Gegensatz zu Perval zweifelt Sigrun nicht an ALRIKS Worten. Sie fährt jetzt schon eine ganze Weile auf der NORDSTERN unter Kapitän Efferdstreu und einiges ist hier an Bord seitdem passiert, aber ein heimlicher Aufbruch des Nachts, ohne die Mannschaft zu informieren, gehört ganz eindeutig nicht zu den Gewohnheiten dieses Kapitäns. Nein, da muss schon ein wirklich triftiger Grund vorliegen, soviel ist sicher!
"Zwei Tage bis Havena, das wird aber knapp! Was ist denn das für ein Artefakt? Und wieso haben wir es an Bord? Hat das was mit eurem Landgang gestern zu tun?"
Die Fragen sprudeln geradezu aus ihr heraus. Sigrun hat irgendwie das Gefühl, als würde das Leben auf der NORDSTERN in letzter Zeit an ihr vorbei laufen. Erst hat sie das Abschleppen dieses anderen Schiffs, das von Piraten überfallen wurde, verpasst und jetzt hat der Kapitän ein merkwürdiges heiliges Artefakt an Bord genommen und ist mitten in der Nacht aufgebrochen, wieder während Sigrun nichts davon mitbekommen konnte.
ALRIK nickt, während er jetzt deutlich langsamer über das Unterdeck geht.
"Die 'Heilige Miesmuschel', so heißt das Artefakt. Wir haben der Tempelvorsteherin versprochen, sie rechtzeitig nach Havena zu bringen. Das Ding ist echt riesig, ich wusste vorher gar nicht, dass es so große Muscheln gibt."
ALRIK deutet für Sigrun die Größe der Muschel an, in dem er mit beiden Händen ein Oval beschreibt, das gut und gerne 25 Halbfinger Durchmesser misst.
"Aber ich erzähle mal lieber von Anfang an. Gestern mussten wir ja an Land was Essen geht, weil ja nun wirklich kaum noch was zu beißen an Bord war. Der Smutje konnt' ja nichts dafür, dass Sören damals nicht auf die Vorräte geachtet hat. Und die neuen Sachen wurden ja auch nicht sofort geliefert. Jedenfalls haben wir Kohldampf geschoben und wollen dann auf den Markt gehen. So weit sind wir aber gar nicht gekommen, weil uns dann so ein Kerl vor die Füße gefallen ist. Er hat noch ein bisschen was gebrabbelt, was ich nicht genau verstanden habe, und dann war er mausetot."
Nach dieser Eröffnung macht ALRIK erst einmal eine Pause, um die Dramatik der Situation noch ein wenig hervorzuheben. Doch im Grunde war der Anblick des Toten gar nicht so schlimm, kein Blut, keine offensichtlichen Verletzungen und in einer Gruppe von mehreren Menschen fühlte sich ALRIK auch wirklich sicher, so dass es erst gar nicht unheimlich geworden ist.
"Einfach so vor eure Füße? Was war denn das für einer?" ALRIKS Worte haben die erwünschte Wirkung auf Sigrun nicht verfehlt. Nur am Rande nimmt sie wahr, dass Ameg sich an den beiden vorbei drängt, immerhin bewirkt dies aber, dass sie ihre Füße wieder in Richtung Oberdeck in Bewegung setzt. Allerdings geht sie nicht besonders schnell, denn schließlich möchte sie die Fortsetzung der Geschichte nicht durch zu schnelles Ankommen an Deck verpassen.
'Eine 'Heilige Miesmuschel', die schnell nach Havena muss. Naja, diese Geweihten haben immer sonderbare Probleme', denkt Sigrun, während sie darauf wartet, dass ALRIK fortfährt.
"Ein EFFerdgeweihter", erwidert ALRIK prompt. "Aber das haben wir erst von den Geweihten erfahren, die auf dem Marktplatz nach ihm gesucht haben, weil er vermißt wurde. Wir haben sie dann bis zum Tempel begleitet, wo uns dann die Vorsteherin des Tempels berichtete, dass der Geweihter einen geheimen Auftrag hatte, der ihm offensichtlich das Leben gekostet hatte. Die Suche nach der verschollenen zweiten Hälfte der 'Heiligen Miesmuschel'."
Langsam nähert sich ALRIK dem vorderen Niedergang. Doch bevor er nun beginnt, die Stufen nach oben zu erklimmen, dreht er sich noch einmal zu Sigrun um.
"Erst dachten wir, es hätte auch noch was mit der ZYKLOPENAUGE zu tun, weil Alkinoê was von einer 'göttlichen Mission' der ZYKLOPENAUGE mitbekommen hatte, oder so ähnlich war das glaube ich. Und dann sind wir eben noch zu den Werften gegangen, wo sie das Schiff zum abwracken hingeschleppt hatten. Der alte Ole hatte sowieso noch seine Werkzeugkiste vergessen und ein paar von Alkinoês Reisekisten konnten wir auch noch retten. Sie kann ja nicht immer das gelbe Kleid von der Freifrau tragen."
'Nun, das gelbe Kleid hat sie ja auch nicht immer angehabt.' ALRIK grinst bei den Gedanken, aber unter Sigruns Blicken fühlt er sich dabei irgendwie ertappt. Also dreht er sich rasch zur Seite und stapft erst mal den Niedergang empor.
Sigrun muss grinsen. Den Anblick von Alkinoê mit dem gelben Kleid der Freifrau hat auch sie am Vortag genießen können, als sie auf Deck ihre Arbeiten verrichtete, während die große Gruppe aus Passagieren und Seeleuten zu dem Landgang aufbrach. Und sie hat sich ein wenig darüber amüsiert, wenn sie sich auch gleichzeitig über die ungewöhnliche Hilfsbereitschaft der Freifrau gewundert hat.
"Nein, das kann sie wohl wirklich nicht," antwortet sie daher ein wenig verschmitzt. Warum ALRIK jetzt allerdings so schnell wegguckt, kann sie nicht verstehen. Doch so sind Halbwüchsige halt, immer fallen ihnen irgendwelche verqueren Dinge ein.
Dann versucht sie sich einen Reim auf die Geschichte zu machen, die ALRIK ihr da erzählt.
"Und dann habt ihr gedacht, wenn es was mit der ZYKLOPENAUGE zu tun hat, dann hat es irgendwie auch mit euch zu tun ..."
Sigrun ist froh, dass sie gestern wenigstens etwas mehr von der Geschichte um das Wrack erfahren konnte. So weiß sie wenigstens, wovon ALRIK redet.
"Ja, das hatten wir vermutet. Zumal der Geweihte noch etwas von einem 'Kutscher' erzählt hat, bevor er starb. Und wir haben dann festgestellt, dass von der ZYKLOPENAUGE noch irgendeine Ladung abtransportiert worden ist - in Kutschen. Aber damit kamen wir dann auch nicht weiter. Es war schon seltsam, alle Spuren verliefen wie im Sande. Die Kutschen waren hier vollkommen unbekannt, dieser Überlebende, der Gesandte des Seegrafen oder soundso war spurlos verschwunden und auch der Mann vom Hafenamt wird inzwischen vermisst."
ALRIK ist inzwischen auf dem Oberdeck angekommen und wartet jetzt mit seiner Erzählung, bis auch Sigrun die Stufen zurückgelegt hat.
"Aber was wir da noch nicht wussten: Der Geweihte meinte mit seinen Worten gar nicht richtige Kutschen. Er meinte eine Taverne, die so hieß: 'Zum fröhlichen Kutscher'. Ja, so war der Name."
NORDSTERN - Oberdeck: Ameg
Ameg freut sich, dass sein Gruß sogar von einem der Matrosen beantwortet wird. Irgendwie hatte er schon das Gefühl man würde ihn wohl nicht bemerken. Andererseits sollte man natürlich schon erwarten, dass, wenn man Efferd im Gruß verwendet, mindestens einer dieser Matrosen auch antwortet.
Ameg lächelt und nickt dem Matrosen, den er bisher noch nicht an Bord gesehen hatte, dankend zu.
Einen kurzen Moment später ist für Ameg auch der Weg frei, als Wasuren Platz macht. Natürlich drängelt sich Alrik als erstes hindurch, aber Ameg hat da nichts dagegen. Erstens ist nach Alrik der kurzzeitig entstehende Durchgang noch viel größer geworden, andererseits hat er auch nicht vor mit der Schiffsratte, ähm... dem Schiffsjungen einen Streit anzufangen. In Salzerhaven hatte er sich ja auch einigermaßen mit ihm verstanden. Als Alrik irgendwo in dem Hinterhof wo die Kekse herum lagen einfach so verschwunden war hatte Ameg sich sogar ein wenig Sorgen gemacht, aber das würde er natürlich nie zugeben.
Durch die kleine Gasse schlängelt sich Ameg schnell hindurch, bevor die Matrosen den Platz wieder versperren. Gleich dahinter verstellen Sigrun und Alrik auch schon wieder den Weg, aber Ameg lässt sich nicht weiter stören und drängelt an den beiden vorbei. Ohne sich von irgendetwas weiter stören zu lassen geht er den vorderen Niedergang herauf auf das Oberdeck und blinzelt in die noch nicht allzu hoch stehende Sonne.
NORDSTERN - Oberdeck: Eifriger Efferdan
Flinken Schrittes kommt Efferdan an der Seilwinde an, dienstbefliessen prüft er mit seinen Blicken, ob er irgendwo helfen kann... - und muss erkennen, dass es hier nichts für ihn zu tun gibt.
Noch kurz bleibt der hellhäutige Matrose stehen - es könnte ja sein, dass einer der Matrosen etwas zu ihm sagen will - und sieht sich an Deck um.
Die Winden sind besetzt, die Segel werden also bedient. Garulf ist an Deck und sucht wohl jemanden, der ihm in der Kombüse hilft. Dies ist etwas, was Efferdan nicht gerne macht. Oh, er hat nichts gegen Garulf oder Küchenarbeiten - er hat etwas gegen die Kombüse. Sie hat den einfachen Nachteil, dass sie nicht an Deck ist und Efferdan sich so bei der Arbeit von Efferds Element abgeschlossen fühlt, wenn er lange genug dort drinnen `gefangen` ist.
Und gerade jetzt, bei diesem Wetter, wenn der Wind einem durch die Haare zaust und die feine Gischt die Haut benetzt, will Efferdan wenn möglich an Deck bleiben, will sehen, wie die Praiosscheibe sich immer höher schiebt und das Meer unter dem goldenen Licht erstrahlt...
Da fallen Efferdans Blick auf die Wanten und Haltetaue an Deck. Ob sich jemand schon darum gekümmert hat, nachzusehen, ob sie auch noch fest sind? Wohl kaum - wenn Efferdan richtig vermutet, hatten die wenigen an Deck befindlichen Matrosen genug Mühe damit, die NORDSTERN des nachts auf Fahrt zu bringen... Und bei diesem Seegang wäre es recht gefährlich, sollte sich eines der Taue lösen...
Hier hat Efferdan seine Aufgabe gefunden, die es zu erledigen gilt. Rasch huscht Efferdan zum nächstgelegenen Want und fängt an, mit geübtem Blick und dem ein oder anderen Handgriff die Haltbarkeit der Befestigungen zu prüfen...
Prüfend tastet die rechte Hand des scheuen Matrosen über das Tau, zieht daran, um zu prüfen, ob es noch fest sitzt. Die meerblauen Augen prüfen das Aussehen des Knoten, sein Blick folgt den Windungen, bevor Efferdan auch hier Hand anlegt und sorgfältig testet, ob der Knoten hier »unten« sich auch in nächster Zeit nicht lösen wird.
So geht er von Tau zu Tau, von Want zu Want.
Hin und wieder wirft er einen Blick auf die lebendige Fläche des brausenden Meeres. Seine Nase saugt den Salzgeruch auf, den Duft der Frische, den Duft der Freiheit und des Ungestüms. Er genießt es, von der Gischt getroffen zu werden, genießt die feinen Tropfen Salzwasser auf seiner Haut. Er fühlt sich gestärkt, voller Lebenskraft, frei - und irgendwie auch zuhause... Er meint die Kraft des Meers zu fühlen, die ungestüme Wildheit, die sich hier - noch lange nicht in ihrer vollen Gänze - offenbart.
NORDSTERN - Oberdeck: Garulf und Efferdan
Da sonst alle Matrosen beschäftigt zu sein scheinen, wendet sich der Smujte schlieszlich an Efferdan, der anscheinend aus Langeweile Taue kontrolliert, die doch sicher vor dem Auslaufen kontrolliert worden sind. Oder muszte man so überstürzt aufbrechen, dasz nichtmal mehr dafür Zeit war?
´Was bei Swafnir ist passiert?´
"Moin Efferdan, sach ´ma is die Stadt abgebrannt oder warum sind wir mitten in der Nacht ausgelaufen?"
Efferdan zuckt zusammen, als Garulf ihn so plötzlich von der Seite anspricht. So sher war er mit seiner Arbeit (und dem Meer) beschäftigt, dass er gar nicht bemerkt hat, wie Garulf sich neben ihn gestellt hat - und dass obwohl es doch recht schwer sein dürfte, den Smutje zu übersehen. Mit vor Erschrecken geweiteten Augen starrt Efferdan Garulf an, im ersten Moment unfähig, etwas zu sagen.
`Will er mich in die Kombüse holen...` schießt Efferdan zuerst durch den Kopf, ein Befürchtung, bei der er beinahe zu zittern anfängt. Doch momentan hat der Smutje wohl nur Fragen, wie Efferdan etwas erleichtert feststellt...noch.
Allerdings weiß Efferdan auf Garulfs Fragen auch keine Antwort, so dass er den Smutje nur verlegen ansieht und mit den Schultern zuckt, um eben genau dass auszudrücken...
Ein unwissendes Schulterzucken, das war ja zu erwarten.
´Er kann nicht richtig laufen und reden kann er auch nicht, wie der wohl hier an Bord gekommen ist?´
"Na, Jergan hat es wohl richtig eilig, wenn nicht mal die ganze Mannschaft wecken lässt," mit diesen Worten lässt er Efferdan dann auch wieder mit seinen Knoten alleine und begibt sich zum vorderen Niedergang, vielleicht ist im Mannschaftsraum ja jemand, der Bescheid weiß.
Der Matrose nickt zustimmend zu Garulfs Worten - auch wenn er es etwas respektlos findet, den Kapitän nur beim Vornamen zu nennen - und sieht dann noch kurz dem nun davoneilendem Smutje hinterher, bevor er sich wieder den Tauen und Wanten zuwendet, respektive der Überprüfung derselben.
`Ein merkwürdiger Mann, unser Smutje...` schießt ihm noch kurz durch den Kopf, dann konzentriert er sich wieder auf die Festigkeit der Knoten...
NORDSTERN - Am vorderen Niedergang: ALRIK'S Erzählungen
Am vorderen Niedergang angekommen, kommt ihm der Schiffsjunge entgegen, der eben den umgekehrten Weg, zum Oberdeck hinauf, gegangen ist.
´Ob er was gesehen hat?´
"Sach ma is Salzerhaven von Orken angegriffen worden oder warum flüchten wir?" fragt der Smutje ALRIK in einem Tonfall, der klarstellt, dass er in Wahrheit keineswegs an einen solchen Angriff glaubt, aber sehr wohl den Grund für diesen überstürzten Aufbruch wissen will.
"Nene, sind wir nicht, s' ist alles noch im Lot", antwortet der Schiffsjunge dem Smutje, während er noch auf Sigrun wartet.
"Ich erzähl's gerade schon Sigrun. Wir haben's nämlich deshalb so eilig, weil wir so eine wichtige Riesenmiesmuschel nach Havena bringen sollen. Ist ein Auftrag vom EFFerdtempel, das Ding ist auch heilig, weißt du, und es muss unbedingt zum Fischerfest in Havena sein, sonst wäre die ganze Mühe wohl vergebens gewesen."
ALRIK holt noch einmal tief Luft und fast für Garulf noch einmal kurz zusammen:
".... und dann sind wir in dieses Gasthaus 'Zum fröhlichen Kutscher' gegangen. Dort konnten sie sich auch erinnern, dass der EFFerdgeweihte am Vorabend auch da war. Hat wohl am Fenster gesessen und irgenwas im Haus gegenüber beobachtet. Das war dann auch so ein seltsamer Händler. Handelte mit Schiffsproviant, Wein und all so'n Zeug, aber hatte auch 'ne nette Sammlung mit Schätzen aus EFFerd's Reich. Auch Muscheln und so."
"Als wir alle dort im Laden standen, war der ganz schön im Schweiß. Gucken, aber nur mit den Augen, nicht mit den Händen, ham'se alle gesagt, aber selbst ham'se sich auch nicht dran gehalten", kommentiert ALRIK grinsend die Neugier und den Forscherdrang seiner Begleiter.
Sigrun lauscht gespannt ALRIKs Erzählung, als ein bekannter Name sie veranlasst, erstaunt den Mund aufzureißen. Doch bevor sie noch dazu kommt eine Zwischenfrage zu stellen, mischt sich Garulf in das Gespräch und möchte ebenfalls wissen, was passiert ist. Sigrun kann ihm dies natürlich nicht verdenken, doch tritt sie etwas ungeduldig von einem Fuß auf den Anderen, während ALRIK alles noch einmal kurz für Garulf zusammen fasst.
Zum Glück erwähnt er den 'Fröhlichen Kutscher' aber noch einmal, allerdings nur sehr kurz, um dann gleich von dem Händler gegenüber zu erzählen. Ob das der Händler war, den Nirka ihr gezeigt hat? Wahrscheinlich!
Dennoch: wenn dieser EFFerdgeweihte im 'Fröhlichen Kutscher' war, dann vielleicht sogar gleichzeitig mit Nirka und ihr.
"Im 'Fröhlichen Kutscher' war dieser Geweihte?" fragt sie daher noch einmal nach. "Das muss doch vorgestern gewesen sein, da waren Nirka und ich da auch ... zum Essen."
Kurz gleitet ihr Blick zu Garulf in der Hoffnung, dass es ihm nicht allzu viel ausmacht, wenn Mannschaftsmitglieder mal nicht an Bord essen wollen, doch dann sieht sie wieder neugierig zu ALRIK.
'Ob wir den wohl gesehen haben, diesen Geweihten?'
"Wie? Du warst mit Nirka da? Da hat sie ja die ganze Zeit gar nichts von erzählt! Und wir laufen uns die Füsse wund, auf dem Weg von einer Kutschstation zur nächsten. Da hätte sie ja ruhig mal vorher was sagen können."
Wie man sehen kann, sind ALRIKs Füße weder wund, noch ist der Junge anderweitig fußkrank oder -lahm. Von daher handelt es sich wohl um eine dramatische Übertreibung. Dennoch scheint er sich schon sehr zu wundern, dass Nirka diese Begebenheit des vorgestrigen Abends einfach so 'vergessen' hat. Doch über mögliche Gründe, weswegen Nirka sich so verschwiegen verhalten hat, macht er sich wohl keine weiteren Gedanken mehr. Viel lieber erzählt er nun seine Geschichte weiter, jetzt schon mit zwei neugierigen Zuhörern.
"Jedenfalls waren die anderen noch drüben beim Händler, als ich dann mal 'wohin' musste. Da bin ich dann nach drüben, durch das Gasthaus auf der anderen Straßenseite. Ich war gerade auf dem Weg zurück, da sah ich diese Kekse auf dem Fensterbrett. Und da gehörte wohl niemand dazu und irgendwie hatte ich dann mächtig Hunger darauf."
Grinsend blickt ALRIK von Sigun zu Garulf, um sich zu versichern, dass er auch deren ungeteilte Aufmerksamkeit genießt.
"Ich beiße also in den Keks und: Peng!"
ALRIK klatscht zur Bekräftigung seiner Worte kräftig in die Hände und hält dann wiederum in seiner Erzählung inne.
Puh, das ist ja noch gerade einmal gut gegangen. Ganz gedankenlos hat Sigrun da den gemeinsamen Abend mit Nirka erwähnt. Es ist aber auch schwierig, so viel gemeinsam verbrachte Zeit einfach zu verschweigen. Trotzdem, das hätte ihr besser nicht passieren sollen. Nun ja, ALRIK scheint sich nicht weiter zu wundern und Garulf hat bisher nichts dazu gesagt, also kann frau hoffen, dass ihm der Einwurf kaum aufgefallen ist.
So kommt es Sigrun, die sich plötzlich dessen bewußt wird, was sie da gerade verraten hat, sehr gelegen, dass ALRIK offensichtlich gerne mit seiner Geschichte fortfahren möchte. Also geht sie bereitwillig, und mit einem unauffälligen Blick in Garulfs Richtung, darauf ein.
"Peng?! War der Keks etwa gesalzen?" fragt sie. So richtig kann sie sich nicht vorstellen, was an einem Keks besonderes sein soll, aber ALRIK wird es ja bestimmt gleich erzählen.
"Nenene, der Keks hat ganz lecker geschmeckt und richtig süß und zuckrig. Aber kaum hatte ich den ersten Happen abgebissen, schon wurde mir ganz schwummerig und komisch. Und kaum, dass ich wieder klar denken konnte, da stand ich vor so einer Felsspalte und das Braunchen, das hat mich schnell heran gewinkt, weil da immer so dicke, braune Brocken steinschlagmässig einschlagen. Wißt ihr das Braunchen, eigentlich heißt es Feyronimus, aber ich hab's immer nur Braunchen genannt, weil das konnte ich mir auch besser merken, das hatte mich her gewünscht oder sowas. Erst mich und dann später auch den Ameg, seine Gnaden Hesindian und auch Alkinoê, äh... ich meine, die Edle Dame Shilaiellys."
ALRIK kratzt sich nachdenklich am Kinn, bevor er mit seiner Erzählung fortfährt.
"Wißt ihr, das lässt sich alles nur sehr schwer erklären, weil ich auch nicht so richtig weiß, was da so passiert ist. Jedenfalls war das Braunchen echt lieb. Es hatte grasgrünes Haar und eine fette Knollennase und es weinte ganz bitterlich, so richtig dicke Kullertränen, weil es nicht mehr weiter wußte. Denn es wollte doch nur heim, zurück in die Feenwelt, wo es zuhause war. Damals, bevor es fortgeschickt wurde in die Menschenwelt, um dort zu putzen und zu waschen, wißt ihr. Äh.... Ihr könnt mir doch noch folgen, oder?"
Aufgeregt blickt ALRIK von Garulf zu Sigrun, denn der Gedanke an das kleine Braunchen bewegt ihn immer noch sehr. Der arme kleine Kobold! Er war doch so lieb und hatte bestimmt keine Schuld an alldem, man konnte ihn eigentlich nur gernhaben, trösten und helfen. Aber wie erklärt man sowas zwei gestandenen Seeleuten?
An der Reling entdeckt ALRIK derweil den HESindegeweihten. Der könnte bestimmt besser erklären, was gestern passiert ist, aber - oh, weh - ALRIK erinnert sich plötzlich auch an einige Versprechungen und Ankündigungen des Geweihen.
"Was mir dabei gerade einfällt, weiß jemand von euch beiden zufällig die Zwölfgötter in der richtigen Reihenfolge zu benennen?"
Der Smujte lauscht den Worten des Schiffsjungen, der da von so merkwürdigen Dingen wie Braunchen, Feen und magischen Keksen erzählt. Unversehen fängt Garulf an zu lächeln, in all den Jahren hat er selbst genug Seemannsgarn gesponnen, um zu wissen, dass man besser nur glaubt, was man mit den eigenen Augen gesehen hat. Dann bricht der Junge plötzlich seine Erzählung ab und fragt nach der Reihenfolge der Zwölfgötter.
"Die Reihenfolge der Zwölf Götter?" antwortet Garulf, "ist doch ganz einfach, erstmal EFFerd - denn ihm gehört das Meer, dann wenns an Land geht, in die Taverne, dann halt Dich an TRAvia und an RAHja, wenn Du den Mädels nachstellst," er grinst beim letzten Satzteil, "und dann gibt es noch neun andere."
Sigrun ist noch jung. Nicht so jung wie ALRIK zwar, doch kann sie sich noch gut erinnern, wie es ist, wenn man immer phantastischere Geschichten erfinden muss, damit die Erwachsenen einen beachten. Daher bemüht sie sich sorgsam, das aufkommemde Grinsen nicht zu zeigen.
'Braunchen, soso!' denkt sie.
Und das ALRIK von einem spannenden Abenteuer in Begleitung des jungen Amegs und der hübschen jungen Dame aus der Suite träumt, kann Sigrun sich gut vorstellen. Warum er allerdings den Geweihten mit einbezieht ...?
Nun, die Wege der Vorstellungskraft sind unergründlich.
Und warum ihn plötzlich die Frage nach den Göttern aus dieser Phantasiewelt zurückführt, werden wohl auch nur die Götter allein verstehen.
Als Garulf dann eine etwas eingeschränkte Sichtweise der Dinge zum besten gibt, schließt sie sich dessen Grinsen an. Erstaunt ist sie aber, als der Geweihte plötzlich nach dem Schiffsjungen ruft. Nun ja, er wird ihm wohl einen Auftrag erteilen wollen.
"Wenn ihr's halt nicht glauben wollt, dann fragt doch einen anderen", antwortet ALRIK und guckt ein wenig beleidigt, weil Sigrun und Garulf beide so komisch grinsen. "Jedenfalls ist das alles wahr und dann bleibt es eben ein Geheimnis, wie wir das Braunchen gerettet haben."
Sicher, etwas unglaublich klingt das schon alles. Und es ist auch nicht einfach zu beschreiben, wenn man selbst nicht wirklich verstanden hat, warum Schlüssel Flügel haben und Besen fliegen können. Aber soweit war ALRIK ja noch gar nicht mit seiner Erzählung. Und wenn er sich das recht überlegt, dann lässt er das doch mal lieber weg, wenn man ihm schon nicht glauben will, dass es sowas wie fleissige Braunchen gibt.
Und so kommt es ihm gerade recht, dass Hesindian nach ihm ruft. Denn das gibt ihm eine willkommene Gelegenheit, die beiden Ungläubigen einfach noch für eine Weile schmoren zu lassen, bis sie von ihm oder anderen das Ende des abenteuerlichen Ausflugs in Salzerhaven zu erfahren.
"Man hat mich gerufen, also bis später."
Der Schiffsjunge dreht sich rasch um und marschiert dann freudig auf Hesindan zu. Jedoch nach einigen Schritten wird ihm erst bewußt, was wohl der Anlaß dieses Rufes sein könnte - und die Freude darüber, Sigrun und Garulf unwissend zu lassen, hat sich rasch gelegt.
'Also erst EFFerd, dann TRAvia, dann RAHja und dann die anderen neun. so richtig hilft das jetzt auch nicht weiter... aber immerhin für den Anfang auch so schlecht wieder nicht.'
"EFFerd zum Gruße, Euer Gnaden... und HESinde natürlich auch. HESinde natürlich vor allem."
Nun wird der Schiffsjunge also tatsächlich von Hesindian gerufen. Kurz überlegt Garulf, ALRIK kurzerhand zum Kartoffelschälen einzuteilen, aber so früh am Morgen, wäre das wohl etwas auffällig. Aber vielleicht findet sich ja irgendeine andere Arbeit in der Kombüse, die den Jungen vom Lernen abhalten könnte - oder den Smutje vom anhören von Geschichten, schließlich werden wohl schon bald die ersten Passagiere dort stehen und nach Frühstück verlangen, auch die Matrosen, dürften nach dieser außerplanmäßigen Nachtschicht hungrig sein.
"Scheint ja ´ne blühende Fantasie zu haben, der Junge," wirft er Sigrun noch zu, dann stapft er die Stufen des vorderen Niedergangs hinunter, auf zur Kombüse.
Sehr brav von ALRIK, dem Ruf des Geweihten so schnell zu folgen, doch irgendwie kann sich Sigrun des Gedankens nicht erwehren, dass es wohl auch damit zusammenhängt, dass Garulf und sie die Geschichte mit dem Braunchen so schnell abgetan haben. Naja, das muss der Junge noch lernen. Nicht jede schöne Geschichte wird geglaubt und es gehört ein wenig Reife dazu, nicht enttäuscht zu sein, wenn so etwas passiert.
Gern hätte Sigrun erfahren, was wirklich weiter passiert ist, aber vielleicht findet sich jemand anders, der etwas weniger phantasievoll erzählt als ALRIK.
Garulf geht auch wieder arbeiten und so steht Sigrun allein neben dem Aufgang und sieht sich auf dem Oberdeck um. Es scheint hier alles seinen gewohnten Gang zu gehen, alle Positionen sind besetzt und Efferdan ist offensichtlich damit beschäftigt, die Taue zu kontrollieren. Also wird sie zunächst nicht dringend gebraucht, obwohl sie den Verdacht nicht loswird, dass einige der gerade beschäftigten Matrosen auch schon in der Nacht beim Ablegen mitgeholfen haben müssen. Nun, niemand weiß so gut wie Sigrun, von wem frau sich am besten die Information holt, wer abgelöst werden soll.
Suchend blickt sie sich nach Nirka um.
NORDSTERN - Mannschaftsraum: Wasuren wird hungrig
Wasuren räckelt sich gemütlich in seiner Hängematte. Im Mannschaftsraum ist es nun auch scheinbar ruhig geworden, als ein lautes Knurren von Wasurens Schlafecke aus zuhören ist.
'Och nö, so kann ich nie einschlafen. Jetzt brauch ich erstmal nen Happen zu Essen. Ob mir da Garulf weiter helfen kann? Mal sehn!'
Schwerfällig und träge erhebt sich Wasuren aus der Hängematte und trottet hoffenden Blickes hinaus auf den Flur vor dem Mannschaftsraum.
NORDSTERN - Oberdeck: Anman's Durst
Endlich an der Reling stehend, streckt Anman beide Arme hoch in die frische Meeresluft hinaus, holt tief Luft, und atmet langsam und genüsslich, dabei tief gähnend, aus. Sein Blick gleitet über den leicht bewölkten Himmel und die rasch dahinziehenden Wolken, anschliessend über die Wogen des Meeres in ihrer grünlichen Farbe mit den Schaumkronen darauf bis schliesslich hin zu der Gischt, die das Schiff seitlich aufs Wasser wirft. Gute Fahrt macht die Nordstern, und trotz der ungewohnten Bewegungen des Schiffes ist Anman frohen Mutes, endlich das Land hinter sich gelassen zu haben.
"UUUUOOOOOOOOOOOAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHH", klingt seine Stimme, dumpf gähnend, über das morgendliche Deck.
Anschließend beginnt Anman sich nach allen Seiten zu strecken, wobei teils schrecklich knackende Laute aus seinen Knochen dringen. Am lautesten werden diese Anzeichen fehlender körperlicher Ertüchtigung der letzten Tage, als er beginnt, seinen Oberkörper seitlich hin- und herzudrehen, wobei er auf leicht ausgebreiteten Beinen steht und die Arme angewinkelt hält.
´So. Beine zusammen. Taler greifen !´, denkt Anman, schliesst den offenen Stand seiner Füße, streckt seine Beine und versucht, mit den Händen die Füße zu erreichen, dabei leicht federnd.
"Uff ! Uff ! Uff !", presst Anman im Takt hervor.
Runter auf die blank gewienerten Planken des Oberdecks lässt er sich fallen, die Beine ausgestreckt, die Arme seitlich abgewinkelt. Rauf und runter bewegt er nun seinen Körper und man kann die Anstrengung sehen, die diese Übung mit sich bringt. Nach etwa dreißig von ächzenden Lauten begleiteten Malen, setzt Anman sich hin, und fängt an, nacheinander alle Arme und Beine zu dehnen und zu strecken.
Erst dann lässt Anman sich auf seine Unterschenkel herab, beugt sich zu Boden und küßt die Planken des Schiffes mehrmals. Einige Sekunden später richtet er seinen Oberkörper auf und schaut geradeaus, obwohl dort nur die Reling zu sehen ist. Einige Fetzen Schaum und Wasserspritzer fliegen ab und zu in sein Gesicht und der Wind pustet die zerzausten Haare hin und her. Wieder beugt sich Anman auf die Planken herab und küsst die mehrmals, um gleich danach aufgerichtet in den Himmel zu schauen. Beide Hände in Richtung seines Blickes erhoben, schlägt er sich anschließend auf die Oberschenkel und steht langsam und mühselig auf, ein Bein nach dem anderen aufrichtend und sich dabei auf den Knien aufstützend.
´DURSSSCCHHHHHTTTTT!!!´, kommt ihm nun ein Gedanke.´ICH HHAABBBBEE DUURRRRSSSCCHHHHTT!´
Sich umschauend, ob Matrosen in der Nähe stehen, lehnt er sich mit dem Gesäß an die Reling. Kurz will er noch abwarten, dann beabsichtigt Anman, in die Kombüse zu schreiten, um zu trinken.
Mittlerweile hat Efferdan einige Taue kontrolliert und nichts gefunden, was Grund zur Beanstandung wäre. Alles noch fest. Doch dies darf kein Grund zur Nachläßigkeit sein! Nur, weil die bis jetzt kontrollierten Taue und Wanten festgezurt waren, heißt das nicht, dass auch die anderen fest und sicher sind. So setzt Efferdan also weiterhin aufmerksam seinen Kontrollgang fort.
Hin und wieder sieht sich Efferdan um, um zu sehen, was an Deck vorgeht, scheint sich aber nicht groß darum zu kümmern. Es betrifft ihn ja nicht...
Auch jetzt, als einer der Passagiere an die Stelle der Reling tritt, an der er gerade Taue kontrollieren wollte, und dort seine Morgengymnastik vollführt, sagt er nichts. Stumm huscht er um Anman herum und nimmt sich vor, die Stelle später zu kontrollieren. Derweil kann man ja etwas weiter weg weitermachen...
Die Passagiere sind Passagiere und wenn sie Morgengymnastik machen wollen... solange sie nicht wirklich stören... auch wenn es Efferdan lieber wäre, wenn nicht dauernd Fremde auf dem Schiff umherwandern würden - aber irgendwie muss ja etwas verdient werden...
Es auch diese Scheu, die verhindert, dass er etwas zu Anman sagt. Zwei Schritt von dem Passagier entfernt wendet er sich wieder den Tauen zu...
Die frische, klare Luft des Morgens wirkt beruhigend auf Anman und fast möchte er seinen ersten Morgen auf See letztendlich doch im Bett fortsetzen. Einer der Matrosen, ein jungenhafter, zerbrechlich wirkender Mann, hat sich langsam in die Nähe von Anman gearbeitet, ständig die Taue kontrollierend, die die Takelage an der Reling, oder besser, an den Befestigungen darauf, halten. Nachdem Anman ihn so eine Weile betrachtet hat, und der junge Matrose offensichtlich nichts mehr zu tun hat, da er nun schon einige Zeit in Anmans Nähe stehen bleibt, beschließt Anman, Efferdan nach Wasser zu fragen.
"Bur......", spricht Anman ihn, nach einem Becher Wasser dürstend, an.
`Bursche ! Der letzte, den ich so ansprach auf diesem Schiff voller gemeingefährlicher Irrer, wollte mich umbringen....´, kommt Anman ein Gedanke, und mit Sorgfalt sucht er nun nach anderen Begriffen für junge Männer oder Kerle.
"Ker.....Matrose !", setzt Anman die Anrede fort, "Matrose, sagt, wo kann man denn eine köstliche Karaffe feinsten Wein, oder etwas Met, meinetwegen auch nur einen mundenden Becher voll klarstem Wasser bekommen ?"
Sich auf dem Deck umschauend, fragt Anman weiter :
"Es muss doch auch auf dem Deck ein Faß Wasser geben, die Matrosen werden doch auch durstig, he ?"
Gerade hat sich Efferdan wieder seiner Arbeit zugewandt, als er eben von jenem Passagier angesprochen wird, den er gerade umgangen hat, ums eine Arbeit fortzusetzten.
`Warum immer ich? Warum fragen sie immer mich? Ob ich einfach so tun soll, als ob ich ihn nicht gehört hätte? Nein, nein, das wäre wohl grob unhöflich und außerdem, wenn er sich beschwert...`
Innerlich seufzend dreht Efferdan sich zu dem Fragensteller um. Sein Blick ist gesenkt, er scheint irgendwo auf Anmans Brust zu ruhen. Seine Finger klopfen nervös an die Beine seiner Leinenhose. Seine Stimme klingt glockenhell und wohlklingend, als er recht leise - und merklich schüchtern - antwortet:
"Da...da geht Ihr am Besten...zum Smutje. Er..."
`Garulf war doch eben noch an Deck gestanden...`
Der blasshäutige Matrose sieht sich um und entdeckt die massige Gestalt des Smutje gerade, als dieser beginnt, den Niedergang hinunterzugehen.
"...er geht dort gerade den vorderen Niedergang...hinab. Wasser... Wasser haben wir normalerweise in...der Kombüse..."
Efferdans Finger zeigt kurz in Richtung des Niedergangs, dann blickt er wieder nach unten. Ihm ist gar nicht wohl. Selten unterhält er sich mit Menschen, fremden noch dazu - das mit Níalyn war ein seltene Ausnahme... Lieber verrichtet er ungestört seinen Dienst, betrachtet das Meer oder hört Geschichten zu, die andere erzählen - aus etwas Entfernung versteht sich. Und auch jetzt huscht hin und wieder ein flehentlicher Blick in Richtung Reling, viel lieber würde er seine Arbeit wieder aufnehmen, als sich mit einem Fremden unterhalten zu müssen.
`...einsame Hüte am Strand..." kommt ihm in den Sinn...
Der Matrose antwortet, stotternd zwar, und auch etwas verängstigt, wie es scheint. Anmans Augen folgen der ausgestreckten Hand und sehen gerade noch, wie ein Rücken den Hintergang hinunter entschwindet.
´Aha.´, denkt Anman,´Na, wenn man so lange auf diesem Schiff voller prügelnder Tulamiden ist, wird man wohl so tattrig wie du, mein kleiner Freund.´
"Danke, Junge.", sagt Anman laut, und schaut dem Jungen ins Gesicht, "Nun will ich Euch mal platzmachen für Eure wichtigen Geschäfte ."
Damit stößt er sich ab von der Reling und schickt sich an, dem Koch in die Kombüse zu folgen. Mit einem Ruck bleibt er stehen und wendet sich noch einmal an Efferdan.
"Eins noch, Matrose.", richtet sich Anman fragend an ihn,"Warum sind wir schon auf See ?"
NORDSTERN - Gemeinschaftkabine: In der Enge des Raums
Als der Thorwaler erneut die Runde grüßt, lässt auch Alberik ein "Morgen!" von sich hören. Gerade so, dass man es verstehen kann, wenn man hinhört.
Danach zieht er sich die wattierte Unterkleidung und anschließend den Spiegelpanzer an. Dazu setzt er sich wieder auf seine Koje. Währen er die Rüstung zurechtrückt, damit sie richtig sitzt und ihn beim Kampf nicht behindern wird, schaut er sich einmal im Raum um, damit er sich die Menschen, mit denen er die nächste Zeit verbringen muss, anschauen und einprägen kann.
'Na, das ist ja ein Durcheinander hier!' denkt sich Onaskje.
"Also, dann sollten wir mal an Deck gehen, hier tritt man sich ja tot... "
Aber irgendwie hat er das Gefühl, dass die Absichten, zu den Göttern zu beten, hier teilweise eher vorgeschoben worden sind. So seufzt er einmal und fragt Hjaldar:
"Was hat es denn genau auf sich mit dieser heiligen Muschel? Aus Eurem Gerede wird man ja nicht recht schlau!"
"Ein Baas is' halt der oder die Oberste, wie der Hetmann oder die Hetfrau in der Otta. Nur is so'n Tempel ja keine Otta, nich'. Und dat mit der Muschel will ich ja grad verteelen."
Hjaldar zieht eine leicht beleidigte Grimasse.
"Das ist halt so'n heiliges Artefaktdings, das ursprünglich aus Havena kommt und verschollen war. Und hier in Salzerhaven ham'se halt eine Hälfte gefunden und nach der annern gesucht. So. Nur das der Geweihte, der sie gesucht hat, kurz nachdem er raus gefunden hat, wo 'se is', direkt vor uns'ren Füßen auf der Straße zusammen gebrochen is' und halt nur noch wat von 'Kutscher' und 'gefunden' gebrabbelt hat, bevor er gestorben ist, an so'nem Koboldgift." Er macht eine kurze Pause, fährt dann aber gleich abwehrend fort, bevor man ihn wieder mit Fragen nach dem kindsentführenden Kobold aus dem Konzept bringt "Das ham wir aber auch alles erst später raus gefunden."
So langsam wird es ihm allerdings auch zu eng hier drinnen und er stimmt der Idee des PRAiosgeweihten zu.
"Aber das mit nach draußen an die frische Luft is'ne gute Idee, woll." und zeigt auffordernd auf die Kabinentür.
Onaskjes Worte reißen Phexane aus ihren Gedanken. Sie blinzelt kurz, so als müsse sie sich für einen Moment neu orientieren und somit wird ihr unangenehm die Enge dieser Gemeinschaftkabine bewußt.
Auch die Luft ist in diesem Raum nicht die allerbeste. Sie riecht ein wenig verbraucht... irgendwie wie die Luft in einem Paar alter Stiefel, die monatelang getragen wurden, ohne, dass man sie auszog. So nickt sie eifrig, als auch Hjaldar der Idee des Geweihten zustimmt und macht sie auf in Richtung Kabinentür.
"Hier drinnen müffelt es wirklich ganz schön abgestanden," sagt sie, als sie die Tür öffnet.
Doch bei der Tür bleibt sie einen Moment stehen, wobei sie durchaus darauf achtet nicht im Weg zu stehen, und blickt sich kurz zu Torin um.
'Mal sehen, ob der auch hoch geht! Dem wird ich es noch erzählen, wer ihn überhaupt den ganzen Weg zur NORDSTERN getragen hat! Ha! Der ist mir noch was schuldig!'
Torin lauscht den weiteren Worten des Thorwalers als er sich weiter ankleidet. Sein Fuß schmerzt noch etwas, doch nicht mehr so sehr, dass es ihn nicht weiter belasten könnte.
Als sein Florett wieder an seiner Hüfte baumelt, fühlt er sich selbst hier in der Enge der Gemeinschaftkabine wohl. Nach einem herzhaften Gähner wischt er sich noch einige Sandkörner aus den Augen.
'Baas.. Braunchen.. Was erzählt der Thorwaler denn da?'
Für einen Augenblick überlegt er, ob man den polierten Spiegelpanzer des weißhaarigen Zwerges nicht vielleicht zum Rasieren verwenden könnte. Zumal sein Gesicht längst nicht mehr nur von Bartstoppeln geziert wird. Doch der Zwerg sieht nicht gerade danach aus, als ob ihm das gefallen würde und dessen ständiges Gebrummel tut ein übriges, um Torin von dieser Frage abzuhalten.
Als der Praiot vorschlägt, an Deck zu gehen, ist Torin zuerst einverstanden. Dann jedoch überlegt er, ob es wirklich eine so gute Idee ist, zumal er eigentlich nichts mehr auf der NORDSTERN verloren hat.
'Zugegeben, ich kann nichts dafür, dass mich diese Druidin wieder auf das Schiff geschleppt hat, aber trotz allem muss ich mich wohl als blinden Passagier sehen. Vielleicht wäre es ganz gut, wenn der Kapitän mich nicht so schnell zu Gesicht bekommt. Andererseits kann ich ja nichts dafür, dass das Schiff hier mitten in der Nacht ausläuft. Aber ich habe auch keine Lust, die Morgenlaunen des Kapitäns zu erleben und vielleicht sogar auf dem Ruderboot die Reise vortsetzen zu müssen.'
"Geht ihr schon mal voraus." entgegnet er dem Praiot mehr in Gedanken.
Als der breitschultrige Thorwaler dann endlich mit seinen Erzählungen fortfährt, kann Torin nur den Kopf schütteln. Noch immer kann er dem thorwalschen Gebrabbel nur schwer folgen. Doch das, was er hört, lässt in ihm die wage Vermutung aufkeimen, dass der rotblonde Seemann gerade etwas Seemannsgarn spinnt.
Und so ist er auch nicht unglücklich darüber, dass Phexane die Türe öffnet und etwas 'frische' Unterdecksluft hineinlässt.
'Vielleicht werde ich doch besser gleich zum Kapitän gehen...'
Phexanes stummer Aufforderung, als erster die Gemeinschaftkabine zu verlassen, kommt er jedoch nicht nach.
'Sollen ruhig die Anderen den Anfang machen.'
Er muss noch seine Sachen zusammensuchen und irgendwo verstauen. Zumindest so lange, bis er endlich wieder einen eigenen Spind hat.
Schon will Onaskje voranschreiten in Richtung Deck, als ihm das ostentative Hantieren dieses griesgrämigen Zwerges auffällt. Er kann einfach nicht umhin zu bemerken wie dieser sich ankleidet, ein Geklapper und Geschiebe ist das und ständig muss man der zwergischen Rückenfront ausweichen, da dieser stur auf seinen Kram blickt.
"Ja, und wo ist denn nun diese Muschel?" entfährt es dem Priester während er nach seiner Robe greift. Er hat das Gebabbel des Thorwalers recht gut verstanden, der Dialekt ist dem seiner Norbardischen Heimat nicht unähnlich. Allein, die innere Logik und Struktur dieser thorwalschen Erklärung lässt Schauer über Onaskjes Rücken laufen.
'Glaubt dieser Kerl eigentlich ernsthaft, dass ihm das Volk hier in seinen Erklärungen folgen könne? Mehr als laut Bier bestellen kann er wohl nicht gut.'
Ein Grinsen stiehlt sich auf sein Gesicht, als er sich Hjaldar in einer überfüllten Kneipe auf einem Tisch stehend vorstellt, in der Hand einen leeren Krug, in der anderen sein großes Beil schwenkend und laut brüllend.
Mit schnellen Bewegungen streift er sich die weiße Robe über und schließt sie mit den beiden Goldspangen.
'Jetzt noch in die Stiefel schlüpfen!'
Gar nicht so einfach, bei diesem Seegang. Mühsam balanciert er auf einem Bein und steigt in den hohen Stiefelschaft. Geschafft! Und jetzt schnell der andere. Gerade zielt der Fuß auf den zweiten Stiefel, da schwankt die Karavelle unter einer etwas größeren Welle außer dem normalen Rhythmus und wirft Onaskje aus dem Gleichgewicht.
'Verflucht! Am Tischler festhalten?' schießt es dem Geweihten wie der Blitz durch den Kopf, 'Hat schon genug abbekommen. Oder die hübsche Frau an seiner Seite? Sieht schwach aus! Dieses Bett da? Gerettet!'
"Ihr gestattet doch einen Augenblick?" Mit Schwung lässt er sich auf die Koje des Zwergen fallen, die gequält aufknarzt. Mit einem schiefen Blick schaut er schnell in Richtung des Zwergen.
'Jetzt aber fix, bevor der Felsenbeißer wieder zu mäkeln anfängt.'
Aus dieser sicheren Position schlüpft er in windeseile in den Stiefel und nutzt den Schwung der nächsten Welle um sich elegant aus der Koje zu erheben.
Alberik rückt gerade den Spiegelpanzer an seiner Schulter zurecht, als neben ihm auf seiner Koje dieser Geweihte, der gerade eben schon so viel Lärm gemacht hat, landet.
Da er gerade die anderen beobachtet hat, und auch nach Anman oder Jarun Ausschau gehalten hat, die aber beide nicht hier sind, kann er gerade noch rechtzeitig ausweichen.
Schon ist der Geweihte wieder auf den Beinen. Der Koje scheint auch nichts ernsthaftes passiert zu sein. Trotzdem ist der Zwerg ärgerlich darüber, dass dieser Mensch auf dieser gelandet ist.
Wütend verschränkt Alberik die Arme, gibt ein entschlossenes "Hrmm!" von sich und wartet auf eine Entschuldigung.
'Na, das habe ich ja gerade noch elegant auf die Beine bekommen! Jetzt aber an die frische Luft!' denkt sich Onaskje und macht einen Schritt in Richtung der Kabinentüre. Als er ein Räuspern an seiner Seite vernimmt, dreht er sich um und sieht den Zwerg vor sich stehen.
"Das ist wahrlich ein ordentlicher Seegang heute. Gut, dass ich mich dank Eures Bettes nicht gestoßen habe. Zum Glück ist es ja stabil gebaut."
Interessiert schaut er auf den Zwergen, der da in voller Montur vor ihm steht.
"Es freut mich, dass ihr Euch zum Gebete so sorgsam gekleidet habt, obwohl natürlich PRAios einen jeden Gläubigen hört."
Versöhnlich - der Zwerg scheint so etwas zu erwarten - fügt er hinzu:
"Vielleicht wollt ihr anschließend mit mir ein Frühstück einnehmen? Ich freue mich sehr über Gesellschaft beim Essen, da schmeckt´s doch immer besser!"
Alberik hat sich eigentlich ganz und gar nicht zum Gebete gekleidet! Zumindest nicht, um jetzt bei der Morgenandacht des Geweihten teilzunehmen. Etwas in ihm drängt ihn dazu, empört die Stimme zu erheben. Aber andererseits kann es auch nicht schaden, doch einmal wieder zu PRAios zu beten. Und es wird ja hoffentlich auch keine allzu lange Andacht werden.
Und das Wort 'Frühstück' hört sich für den Zwergen nur zu verführerisch an. Er kann schon fühlen, wie leer sein Bauch sein muss. Es ist ja auch schon ein paar Stunden her, seitdem er das letzte mal gegessen hat.
Immer noch steht Alberik dort neben seiner Koje mit verschränkten Armen und schaut den Geweihten an, als er in seinen Gedanken abwägen muss, ob er dem Herren vor ihm einmal die Meinung sagen soll - denn für ihn ist die Sache mit dem Bett noch lange nicht vergessen - oder ob er dies auf einen späteren Zeitpunkt verschieben soll, um möglichst bald an etwas eßbares zu kommen.
Nach einem Moment kommt er zu dem Schluß, doch erst einmal den Streit zu verschieben. Auf endlose Diskussionen hat er keine Lust. Und die Geweihten des PRAios glauben ja sowieso immer im Recht zu sein! Und den Diener eines Gottes, zumindest die der meisten Götter, wagt selbst Alberik nicht zu verprügeln. Auch nicht dann, wenn das der einzige Weg wäre, ihn zu überzeugen.
"Hmm..."
Der Zwerg atmet tief ein und wieder aus.
"Na schön. Wo werdet ihr denn predigen? Wenn ich hier fertig bin, werde ich mitbeten."
Mit schnellem Griff langt sich Wulff Onaskje sein Sonnenszepter von der Koje. Ein geradezu ideales Symbol des Gottes, gerade richtig, um während der Predigt den Gläubigen unter der Nase herumzuschwenken. Für alle vernehmlich kündigt er an:
"Die Predigt werden wir sogleich auf dem Vordeck halten, dort, wo es zwei Stufen höher ist"
'Ein idealer Ort um einen neuen Tag zu begrüßen. Erhaben. Und man steht den Matrosen nicht im Wege, wenn diese arbeiten möchten.'
Er blickt den Zwergen an:
"Bis gleich also, Herr... ähm, - Zwerg."
'Vorhin hat der doch irgendwas in seinen Bart gemurmelt. Hat er sich vorgestellt? Wenn ja, hab ich es jedenfalls nicht verstanden.'
Mit einem freundlichen Kopfnicken verlässt der PRAiospriester die Kabine.
"Wir sehen uns ja gleich oben," sagt er in Richtung Torin und zu Phexane, als er an ihr vorüberschreitet und durch die Türe tritt. Er hält auf den Niedergang zu, und hört dabei ein knirschendes Geräusch in seinem Rücken. Kurz zögert er im Schritt und überlegt, dabei lässt er das Sonnenszepter im Takt der Wogen hin und her baumeln.
'Na, noch ein Frühaufsteher. Aber den werde ich lieber gleich oben an Deck berüßen, hier im Halbdunkel und der Enge des Ganges wäre das ja nicht so bequem.'
Als der PRAiosdiener nach langem Gerede endlich die Gemeinschaftkabine verlassen hat, blickt Torin zwischen den noch Anwesenden hin und her. Er schüttelt noch immer müde und benommen den Kopf, doch seinen Kommentar kann er nicht zurückhalten.
"Ihr könnt mir sagen was ihr wollt, aber dieser Onjaske wird sicher kein guter Freund von mir werden."
"Die selbstgefällige Art von ihm stößt mir sehr sauer auf."
'Außerdem ist er so gewandt wie ein Stück Bruchstein.'
Innerlich gespannt wartet er auf die Reaktionen der ihn umgebenden Menschen und des Zwerges.
Alberik wendet sich wieder seinen Sachen zu, als der PRAiosgeweihte den Raum verlässt. Als er die beiden Wurfbeile von der kleinen Waffensammlung nimmt, die neben seiner Koje liegt, antwortet er auf die Feststellung des Mannes mit dem Degendings.
"Sind das nicht alle Sonnenpriester?"
Eigentlich hat er das mehr zu sich selber gesagt, aber die Worte waren dennoch laut genug, um sie zu verstehen.
NORDSTERN - Oberdeck: Ole an Deck
Als er das Oberdeck betritt reckt sich Ole zunächst einmal. Das tut er immer, wenn er auf das Oberdeck kommt. Immerhin ist er weit mehr als zwei Schritt groß und daher gezwungen unter Deck immer leicht gebückt zu laufen, wenn er sich nicht laufend den Kopf stoßen will.
Das Dehnen und Strecken tut ihm gut, gerade so, als hätte sich die Mißlaune aus seinen Gliedmaßen schütteln lassen. Die frische Seeluft tut ein übriges, alle düsteren Gedanken des Schiffszimmermanns sind plötzlich wie weggebalsen und machen einer lichten Heiterkeit Platz.
'Ja, so soll es sein ..', denkt sich der Schiffszimmermann 'Eine lächelnde PRAiosscheibe, guter Wind und hohe Wellen - dann weiß man, dass man lebt!'
Mit der wachsender Fröhlichkeit Ole's steigt in ihm auch die Lust nach einer guten Pfeife. Und schon bald steigen wieder kleine Qualmwölckchen auf. Es ist immer wieder erstaunlich, wie es dem Schiffszimmermann immer wieder gelingt, auch bei stärkerem Wind, eine Flamme aus einem Span zu zaubern, die stark genug ist, den Tabak zum Glühen zu bringen.
Noch während er vor sich hinschmaucht, entdeckt Ole aus Seitenblick heraus, dass Sigrun ganz in seiner Nähe steht.
"EFFerd mit dir, Sigrun. Na, hat dir ALRIK alles erzählt? Hast ja ganz schön was verpaßt, nicht wahr?"
NORDSTERN - Auf der Brücke: Neue Befehle
Lowanger steht auf der Brücke, starr wie der berüchtigte Fels in der Brandung. Nur selten mag er seine Gefühle offenbaren und das Äusserste, das er zur Zeit zur Schau stellt, ist ein leichtes Lächeln, das sich über sein Gesicht zieht, während er den Wind in seinem leicht ergrautem Haar und in seiner Kleidung spürt.
Nur gut, dass er es sich nicht zur Gewohnheit gemacht hat, eine dieser lächerlichen Offiziersmützen zu tragen, wie sie weiter im Süden durchaus üblich sind. Denn eine solche Mütze hätte es sicher schon hinfort geweht, so stürmisch, wie sich der Wind momentan entwickelt.
Etwas mit Besorgnis betrachtet er die Passagiere, die dort so unbedarft an der Reling stehen und sich sogar unbekümmert hinüber beugen, um einen Eimer Wasser zu schöpfen.
Vielleicht wäre es doch besser, ein paar Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, denn wer weiss, wie sich das Wetter noch entwickelt. Noch bahnt sich zwar häufig die Praiosscheibe ihren Weg durch die aufsteigenden Wolkentürme. Doch bei diesem Wind und bei voller Fahrt sollte man doch besser Umsicht walten lassen. Immerhin sind auch einige Neue an Bord.
"Sigrun! Efferdan!"
Lowanger sucht den Blickkontakt zu den beiden tüchtigen Matrosen, um sich zu vergewissern, dass sie ihn auch gehört haben.
"Sorgt dafür, dass die Sicherheitsleinen an Deck gespannt werden."
Vielleicht ist das zwar ein wenig zu übervorsichtig, aber bei diesen hohen Wellen sollte man wohl doch lieber etwas vorausschauender denken.
NORDSTERN - Oberdeck: Befehl ist Befehl
Efferdans Finger trommeln einen nervösen Takt, als er die Worte des Passagiers dankend mit einem Nicken beantwortet, Offentsichtlich hat man sein Flehen erhört, denn der Fremde schickt sich an, zu gehen und ihn in Ruhe weiter arbeiten zu lassen.
Doch noch bevor Efferdan seine Arbeit wieder aufnehmen kann, dreht sich der Passagier nochmals um und stellt ihm innhaltlich dieselbe Frage, die er schon vorhin Garulf nicht beantworten konnte. Wie schon bei Garulf zuckt Efferdan mit den Schultern.
Doch dann kommt ihm in den Sinn, dass dies ein Passagier ist, mit dem er redet, und dass es nicht üblich ist, Passagiere mit einer bloßen Geste abzuspeisen. Also setzt er scheu zu Boden schauend und mit leiser Stimme hinzu:
"Äh...nein, tut...tut mit leid..."
Und erneut wird er daran gehindert, seine Arbeit fortzusetzten - diesmal von hoher Stelle. Lowanger gibt den Befehl, die Sicherheitsleinen zu spannen. Sofort dreht sich Efferdan zur Brücke hin um. Ein schüchtern klingelndes "Jawohl" sucht sich seinen Weg zur Brücke. Der Passagier wird noch mit einem leisen "Entschuldigt" bedacht, dann macht sich Efferdan auf, den Befehl sofort auszuführen. Wenn Lowanger etwas befiehlt, dann will er es in aller Regel auch sofort erledigt haben...
So ergreift der scheue Matrose denn auch sogleich eine der in der Nähe sauber zusammengelegten Sicherheitsleinen und beginnt diese sorgfältig und mit geübten Handgriffen an der Reling zu befestigen...
Mit einem Ohr hört Anman dem Matrosen zu. Der Seegang und auch der Wind nehmen stetig zu, und langsam wird Anman bei der Schaukelei des Decks etwas mulmig. Glücklicherweise hat er noch nicht so viel gegessen, wie das sonst üblich ist, denn gerade jetzt gibt es das offensichtliche Bestreben seines Magens, sich auch mal umzuschauen in der weiten Welt. Und so, während Efferdan sich leise entschuldigt und den Befehlen eines Offizieres auf dem Brückendeck folgt, hält Anman sich an der Reling fest, um sich noch etwas umzuschauen.
´Junge, Junge.´, betet Anman seine Ahnen an,´Ihr werdet mir doch nicht so ein Gewanke antun ? Nehmt Rücksicht mit mir, Geister meiner Ahnen ! ´
Mit festen Griff an der Reling angepinnt, bleibt Anman erst mal stehen, atmet langsam und ruhig durch, und versucht, den Ratschlag eines der Matrosen vom Vortag zu befolgen : Wenn das Schiff eintaucht in die See, ausatmen, wenn es hochschlingert, einatmen. Und so immer zu.
NORDSTERN - Oberdeck: Sigrun und Ole
"EFFerd zum Gruße, Ole," erwidert Sigrun Oles freundlichen Guten-Morgen-Gruß.
"Naja, unser ALRIK wollte mir da gerade eine etwas phantastische Geschichte erzählen ...".
Gerade will sie Ole, bei dem sie sich sicher ist, dass er Verständnis für die Vorliebe des Schiffsjungen für absonderliche Geschichten hat, von ALRIKs Braunchen erzählen, da wird sie durch einen Befehl des 2. Offiziers unterbrochen.
"Wird gemacht!" ruft sie laut und vernehmlich über Deck. Bei diesem recht starken Wind kann die Entfernung von ihrem jetzigen Standort zur Brücke schon ausreichen, um leise gesprochene Worte zu verschlucken.
Während sie schon einen ersten Schritt in Richtung der Reling macht, wirft sie Ole noch schnell einen Satz zu und zwinkert dabei scherzhaft mit den Augen.
"Vielleicht haben wir später Zeit, dass mir jemand mit weniger jugendlichem Vorstellungsvermögen den Rest erzählt?"
Dies ist zugleich eine Frage (und Bitte) an Ole als auch eine Feststellung, denn ob die beiden hierzu die Gelegenheit haben werden, ist bei diesem Seegang und der Eile, die es erfordert, in zwei Tagen nach Havena zu kommen, wirklich sehr ungewiß. Sigrun wendet sich ab und geht forschen Schrittes auf die Reling zu, um das erste Seilende zu lösen.
NORDSTERN - Kombüse: Garulf ist bereit
Garulf bahnt sich seinen Weg durch den oberen Laderaum, Richtung Kombüse. Er erreicht die Küche daher auch noch vor Wasuren oder einem anderen hungrigen Matrosen oder Passagier. Ein kurzer Kontrollblick bestätigt Garulf, dass weder Katzen in sein Reich eingedrungen sind, noch eine Welle oder irgendein Tollpatsch Mehl verschüttet hat. Proviant ist auch genug an Bord, auch wenn das meiste im Laderaum liegt und nur kleine Mengen hier in der Kombüse, also können die ersten Frühstückswilligen kommen.
NORDSTERN - Oberdeck: Des 'Lehrmeisters' bildender Gruß
"Guten Morgen, ALRIK." begrüsst Hesindian den schmuddeligen Schiffsjungen mit einem freundlichen Lächeln, das ehrlich seine Freude über das Wiedersehen des Jungen wiederspiegelt.
"Ich hoffe, du hast dich heute Nacht gut von den gestrigen Strapazen erholt."
Nach den Träumen des Jungen wagt Hesindian in Anbetracht seiner eigenen unruhigen Nacht nicht zu fragen.
"Wir werden heute mit einigen leichten Lektionen beginnen. Nach dem Frühstück." setzt der Geweihte noch hinzu, während er ALRIKs Mienenspiel beobachtet.
"Vielleicht magst du ja Alkinoe fragen, ob sie sich uns anschließt. Ich werde Ameg fragen."
Tapfer unterdrückt ALRIK das aufsteigende Unwohlsein, in Anbetracht der jetzt drohenden theoretischen Unterweisungen. Aber der Unterricht allein wäre gewiss noch zu ertragen, was jedoch weniger erträglich wäre, das ist die drohende Blamage vor der reizenden Alkinoê, wenn es daran geht liebfeldische Liebeslyrik vorzutragen oder ein Referat über irgendwelche 'berühmte' Personen zu halten, die längst in Borons Hallen weilen und so wahnsinnig interessante Dinge erlebt haben, wie 'Ein Spaziergang bei EFFerdswetter an den Bunten Mauern von Methumis'.
"Oh, wir wollen doch Alkinoê lieber nicht mit einfachen Lektionen langweilen? Oder meint Ihr, dass Ihr lieber etwas Unterstuetzung benötigt, wenn es daran geht, zwei 'dummen Jungen' was beizubringen? Wenn dem so ist, dann will ich sie natürlich gern fragen, Euer Gnaden."
NORDSTERN - Unterdeck: Ein Wiedersehen vor den Türen
'Ah! Offenbar sind auch schon einige Personen aus dem Gemeinschafts-Schlafsaal erwacht. Was, mein Freund, wohl nicht weiter verwunderlich ist, meist ist ja ein Rüpel dabei, der alle wach macht, sobald er selbst nicht mehr schlafen kann.'
Vor di Vespasio tritt ein schwer bewaffneter Mann, mehr ist im Moment nicht zu erkennen, in den Gang hinaus und wendet sich dem Aufgang zu. Besser zu erkennen ist die hinter der Tür stehende junge, schwarzhaarige Frau.
'Fräulein Rosenhain. Ts Ts! Zwischen all den groben Männern. Sie macht gar keinen glücklichen Eindruck. Vermutlich hat sie schlecht geschlafen. Vermutlich ist ein anderer Rüpel mitten in der Nacht betrunken hereingetorkelt, hat beim Umkleiden die arme Frau aus Borons sanfter Umarmung gerissen und dann mit seinem Schnarchen, wie es die Betrunkenen zu tun pflegen, am Wiedereinschlafen gehindert.'
Der Comte sieht Phexane mitleidig an, dann verbreitet sich ein Strahlen über sein Gesicht.
'Mein Lieber, wenn du gewußt hättest, welche Opfer die Schauspieler für die Kunst bringen, hättest du noch viel lauter geklatscht. Aber jetzt ist es Zeit, sie auch ohne Applaus etwas aufzuheitern.'
Er lächelt freundlich und deutet eine Verbeugung an. Nicht zuviel, schließlich will er ja nicht ihren Rang verraten.
"Fräulein ... Phexane. Einen wunderschönen, herrlichen, strahlenden guten Morgen. Grade will ich empor, die ersten Strahlen der Sonne zu erhaschen, und muss nun feststellen, dass eine Sonne schon hier, im Untergeschoß, aufgegangen ist. Würdet ihr mich wohl hinauf begleiten, damit wir beide Sonnen nebeneinander bewundern dürfen?"
Phexane lehnt sich mittlerweile an den Türrahmen und beobachtet das Treiben in der Gemeinschaftkabine. Dabei bekommt sie langsam, aber sicher, einen immer müder werdenden Blick. Sie gähnt einmal herzhaft, hört dabei auf dem Gang im Unterdeck ein Getrappel von Füßen und ständig eine Tür klappen.
Dann geht der PRAiosgeweihte endlich hinaus.
Phexane blinzelt müde und sie spürt, wie ihre Augen schon wieder schwerer werden. Noch einmal gähnt sie und gibt dabei ein nicht zu überhörendes "Huaaaaaaaaaaah" von sich. Ihre Hände allerdings stecken dabei tief in ihren Hosentaschen und ihr ist es ziemlich egal, ob sie mit ihrer Gähnerei jemanden ansteckt, oder nicht.
Doch dann hört sie, wie jemand auf die Gemeinschaftkabine zukommt und sie anspricht. Es dauert einen kurzen Moment bis sie überhaupt die Person vor sich registriert. Doch dann...
'Hups! Frizzi!'
... reißt sie schnell ihre Hände aus den Taschen.
Trotz der Überraschung schaut sie ihn müde an.
"Sonne? Welche Sonne?"
Sie blinzelt, ein, zwei Mal, dann aber versteht sie langsam, was er meint.
"Oh," sagt sie und lächelt (müde, natürlich), "danke! Ich wünsche euch auch einen guten Morgen."
Sie reißt sich nun zusammen und versucht wieder etwas wacher zu werden.
"Tja, ich wollte auch gerade hinauf. Der PRAiosgeweihte, der eben an euch vorbeigegangen ist, möchte oben eine Predigt halten."
Dann lächelt sie leicht gequält.
"So etwas möchte ich auf gar keinen Fall verpassen!"
'Ein PRAiosgeweihter! Stockschwerenot, mein Freund. Hier auf dem Schiff. Nun, es gibt durchaus Gründe, warum er an Bord sein könnte, es muss nichts mit den Dodecanäern zu tun haben. Sei ganz ruhig und achte auf das, was du sagst. Apropos, was sagtest du doch gleich über die Sonne?'
Di Vespasio fingert mit der Linken etwas nervös an seinem Stab.
"Verpassen? Nein, wer würde das schon wollen."
Der Händler hebt die Hand auf Brusthöhe und bietet sie Phexane mit nach oben geöffneter Handfläche dar. Während er weiterspricht, senkt er die Stimme etwas und verzieht deutlich sichtbar keine Miene.
"Was könnte es denn schöneres geben, als im Morgengraun die Predigt eines Sonnenkindes zu hören?"
Nachdem Alrik Fuxfell eine kleine Weile dem Sprachgewirr zugehört hatte und sich langsam ein Knoten hinter seiner Stirn zu bilden schien, sieht er mit Erleichterung wie der Prajosgeweihte durch die Tür der Kabine verschwindet.Gerade will er sich mit einem Seufzer wieder fallen lassen als ihm hinter der, in der Tür stehenden Phexane, Herrn di Vespasios auffällt. Mühsam erhebt er sich, nicht ohne seine rechte Seite zu halten. Auf seinen Stab gestützt humpelt der Magus zur Tür.
"Hallo Schwesterherz, einem schönen Morgen auch dem Herrn di Vespasio."
Di Vespasio wirft dem Hinzukommenden einen Blick zu. Aufgrund der etwas dunklen Verhältnisse im Unterdeck kann er den anderen nicht besonders deutlich erkennen. Es mag aber auch an seinem schlechten Augenlicht liegen.
"Ah, der gelehrte Herr Fuxfell. Einen schönen, guten Morgen. Es ist gut, Euch wieder gesund und munter zu sehen. Wie würde es Senceda formulieren 'sol novem imago iacet'? Ja, die Sonne mag schon wunderbares anzurichten! Ich hoffe Ihr habt die -nun, wie soll ich es ausdrücken?- Ereignisse der gestrigen Nacht gut überstanden?"
"Morgengrauen... wie wahr," sagt Phexane leise, mehr zu sich selbst, als zu dem Comte.
Während sie hinaus auf das Unterdeck geht, um Frizzis Hand zu ergreifen, geht ihr Blick kurz zurück in die Gemeinschaftkabine, hin zu Torin, der vorhin etwas über den Geweihten gesagt hatte. Sie schaut dabei nicht unbedingt glücklich aus, hatte sie doch gehofft, nach so einem unangenehmen Erwachen wenigstens mit ihm ein wenig reden zu können.
Sicher, es gibt ein paar Sachen an ihm, die sie immer mal wieder sauer werden lassen, aber andererseits scheint es ihr so, dass der einzige Mensch auf diesem Schiff, der sie wohl wirklich versteht, nur er sein kann. Efferdan ist sehr nett, aber kein Dieb, ebenso wie Alrik. Jarun wiederum, mit dem sie im thorwaler Phextempel war, ist wohl immer noch sauer auf sie.
Und dann schwirrt in ihrem Kopf immer noch die Erinnerung an das Ereignis in dieser Kabine und an die Umarmung. Doch andererseits hat es für sie auch so seine Vorteile, sich bei Frizzi di Vespasio einzuschmeicheln.
'Sieht so aus, als müßte ich schon wieder eine andere Rolle spielen. Ich frage mich so langsam, wer ich wirklich bin...'
Während sie in ihren Gedanken fast schon wieder versinkt, humpelt Alrik auf die kleine Gruppe zu und Phexane blickt besorgt ihren Bruder an.
"Alrik! Was ist denn mit dir passiert?"
Schnell geht dann aber wieder der Blick zu di Vespasio. Es entgeht ihr nicht, dass er den Magus auf die Ereignisse in der gestrigen Nacht anspricht.
"Was ist denn passiert? Hattet ihr auch etwas mit dieser Muschel zu tun?"
Di Vespasio brennt durchaus darauf, die Ereignisse der letzten sechsunddreißig Stunden zu erzählen. Jedoch ist der Gang auf dem Unterdeck, zwischen Tür und Angel der Gemeinschaftkabine nicht der rechte Ort für eine längere Geschichte.
'Der PRAiosgeweihten wird schon ungeduldig werden. Es fehlte grade noch, dass er zurückkommt und nachsieht, wer hier eine Stauung verursacht. Er wird sehr wahrscheinlich sogar erwarten, dass alle Bewohner des Gemeinschaftszimmers seiner Predigt lauschen wollen. Bestimmt sogar alle. Bis auf die Anhänger des Namenlosen, natürlich.'
Der Adlige geht also einen Schritt Richtung Aufgang und führt an der Hand Phexane mit, gleichzeitig greift er den Stock mit der Linken um, so dass er mit Hand und Stock eine einladende Bewegung machen kann, die hoffentlich Alrik Fuxfell zum Mitkommen bewegt, ohne ihn zu beleidigen.
"Ja tatsächlich, während unserer Abenteuer spielte auch eine Mytilus Edulis, also eine gemeine Miesmuschel, eine große Rolle. Allerdings eine von erstaunlicher Größe und zudem ist sie noch heilig. Die Rolle des Helden fällt jedoch gewiss Eurem Bruder zu. Wäre er nicht gewesen, hätte die ganze Angelegenheit für mich nicht zu einem glücklichen Ende finden können. Weitere Nebenrollen spielen ein Kutscher, ein fliegender Schlüssel und ein gieriger Muschelsammler."
Da sich so langsam die Kabine leert, kann sich auch Hjaldar endlich
seinen Weg auf den Gang hinaus drängeln, den Zwerg und den Typen mit dem
offensichtlichen 'Werwolf' darin über Geweihte lästernd
und eine Druidin halwachträumend zurücklassend.
Auf dem Gang kommt er grad recht, um den letzten Teil von Frizzis Lobeshymne zu hören.
"Redest Du grad von mir, hm?" grinst Hjaldar mit Schalk in den Augen und klopft dem Comte aufmunternd auf die Schulter.
"Vergiß nich zu verteelen, wie ich aus der Köchin rausgekitzelt hab', dass da een Kobold dahinter gesteckt hat."
Phexane folgt Frizzi und beginnt langsam wieder wacher zu werden. Sie lauscht Frizzis Erzählung und kann nicht vermeiden, dass sie mit dem Kopf schüttelt.
'Was ist das bloß wieder für eine Geschichte? Das nächste Mal mache ich mir wohl besser weniger Sorgen um besoffene Mitreisende und streune dafür durch die Stadt.'
Auch entgeht ihr nicht, dass nun Hjaldar zu der kleinen Gruppe aufgeschlossen hat.
"Ich glaube, wir sollten oben nochmal genauer über die ganzen Geschehnisse reden. Hier unten werde ich einfach nicht wach," sagt sie und unterdrückt nur mühsam ein Gähnen.
'Was will den dieser Matrose in der Passagierkabine?'
Di Vespasio kann grade noch beginnen sich zu wundern, als ich auch schon die Hand des Thorwalers auf der Schulter trifft. Für die einen ist es vermutlich ein freundlicher Klaps, für di Vespasio ist es ein knochenerschütternder Schlag. Normalerweise würde der Adlige auf solch einen plumpen Körperkontakt recht unfreundlich reagieren. Nach den Erlebnissen des gestrigen Tages fühlt er sich jedoch nicht in der Position, das zu tun.
'Wer könnte das Vorgehen der Thorwaler vergessen. Im Grunde haben die beiden Riesen fast jeden Widerstand bearbeitet. Kitzeln, würdest du allerdings nicht dazu sagen. Insbesondere nicht bei dem armen Kunsthändler am Marktplatz. Wer weise genannt werden will, der muss die Zeichen der Zeit erkennen. Und die weisen im Moment darauf hin, besser nicht im Wege stehen.'
Der Adlige beeilt sich, dem Thorwaler aus dem Weg zu gehen, und geht rasch die Schritte bis zum hinteren Aufgang, während er versucht den Einwand Hjaldars in gewählte Worte zu kleiden und sie Phexane zu rapportieren.
"Ja, ja, natürlich, ich wollte grade dazu kommen. Äh. Es gab auch, in einer Nebenrolle, eine Köchin und allein die physische Präsenz dieses Mannes konnte ... konnte ... schlimmeres verhindern. Exorbitant Schreckliches gradezu. Aber wir sollten wirklich besser oben darüber sprechen."
Am Aufgang angekommen, lässt er natürlich der Dame den Vortritt und führt die rechte Hand so, dass sie sich beim Betreten der ersten Stufe noch darauf aufstützen könnte.
Phexane klettert den Niedergang hinauf, wobei sie durchaus Frizzis Hand als Hilfe annimmt, auch wenn es nicht unbedingt nötig ist.
'Exor..... Himmel! Wenn ich die Wahl zwischen dem Kauderwelsch des Thorwalers und das welsche Gebrabbel des Adligen hätte, dann würde ich mir wohl freiwillig die Ohren zuhalten!'
Sie erreicht das Oberdeck, wo sie, auf einmal ziemlich wach, auf das Meer hinausschaut. Zwar hatte sie auch unten schon den Seegang gespürt, doch die Wellen sehen durchaus ziemlich beeindruckend aus.
Phexane geht auf die Reling zu, entdeckt Efferdan, sieht aber auch, dass dieser mit einem Passagier redet und zudem anscheinend zu tun hat. Dabei fällt ihr wieder diese Bemerkung von Torin ein.
'MEIN Matrose! Wie sich das angehört hat! Manchmal ist dieser Kerl wirklich unmöglich! Naja, ich werde ihn nachher mal auf seine Sauftour ansprechen. Dann spürt er vielleicht wieder seinen dicken Kopf!'
Schadenfreude legt sich auf ihr Gesicht, während sie das denkt. Doch dann dreht sie sich um zu dem Niedergang, um zu sehen, wie sich der Comte beim Hinaufklettern und bei diesem Wellengang so anstellt. Vielleicht gibt es ja noch was zu Lachen?
Nach Phexane steigt di Vespasio den hinteren Aufgang hoch. Er hat damit weit weniger Probleme, als man von einer Landratte erwarten wuerde. Die komplexen Gleichgewischtsexerzitien, die sich der Adlige in seiner Jugend zu den Fechtstunden auferlegt hat, zeigen offenbar noch ihre Wirkung. Und Bildlich gesprochen ist das bißchen Seegang nichts gegen das ständige Auf und Ab bei Hofe.
Wirklich hilfreich sind aber sein Stock und die freie Hand, um nach dem Geländer zu greifen. Daher bleibt noch genug Zeit für einige grundsätzliche Überlegungen.
"Mein Freund, ist das eigentlich eine Treppe oder eine Leiter? Wenn Du so fragst, ist sie zu flach für eine Leiter, andererseits zu steil für eine Treppe. Auch sind die Stufen flach, während bei einer Leiter eher Holme anzutreffen sind. Möglicherweise handelt es sich auch um eine Steige. Oder Stiege? Was war denn da der Unterschied?"
Oben angekommen bleibt er auf der obersten Stufe stehen, etwas schräg, um die doch recht starke Neigung des Schiffsdecks auszugleichen. Dann nimmt er einen tiefen Zug der frischen, nach Salz schmeckenden Luft. Er blickt der ebenfalls aufgemunterten Phexane ins Gesicht.
"Ah! Na, wenn das nicht erfrischend ist!"
Bevor er sich noch auf dem Oberdeck umsieht, will er den Niedergang freimachen. Doch ist der aufrechte, stolze, einem ältern Herren von Stand anstehende Gang mit gradem Rücken und durchgedrückten Knien für diesen unsicheren Boden nicht angemessen.
'Viel zu gefährlich, hier normal zu gehen. Wenn du stolperst, ein falscher Schritt, eine starke Welle, die dich auf dem falschen Fuß erwischt, und platsch, gehst du über EFFerd direkt zu BORon. Was kannst du dagegen machen? Ein Mann kann doch unmöglich so gehen, wie die Seeleute, mit weit gespreizten Beinen!'
Er macht zögerlich zwei vorsichtige Trippelschritte, um neben die junge Frau zu gelangen.
"Tückisch, dieser Seegang, meine Liebe, achtet darauf, nicht zu stolpern."
Dann sieht er sich auf Deck um.
Tatsächlich stellt sich Frizzi geschickter an, als Phexane es erwartet hatte. Aber andererseits wäre es auch nicht nett über ihn zu lachen - klar, ihn ein wenig belügen und betrügen ist schon in Ordnung, aber ihn hier auf dem Deck bloßtellen? Nein, das wäre für so einen Adligen sicherlich vorerst schlimmer. Zudem war er ja bisher sehr nett zu ihr und eigentlich tut er ihr fast ein klitzekleines bißchen leid, weil sie ihm gegenüber nicht ehrlich ist. Aber das würde sie niemals zugeben! Noch nicht einmal sich selbst!
"Ja, diese Luft ist viel angenehmer, als dieser Basiliskenodem, der in der Gemeinschaftkabine vorherrscht. Wenn ihr wüßtet, wie es an dem Tag, als wir das Wrack gefunden haben, in der Kabine gestunken hat!"
Phexane verzieht das Gesicht. Allein die Erinnerung an den Mageninhalt des älteren Mannes lässt sie schaudern.
NORDSTERN - Gemeinschaftkabine: Torin wird eifersüchtig
Das herzhafte Gähnen Phexanes ist wirklich nicht zu überhören und so wendet Torin seinen Kopf zu ihr hin.
Froh darüber, dass nicht nur er an diesem frühen Morgen nicht wirklich wach ist, lächelt er in ihre Richtung. Doch als er den Comte auf dem Gang erst reden hört und ihn dann sogar sehen muss, wendet er sich auf der Stelle ab.
Mit zu Schlitzen verengten Augen blickt er an die gegenüber liegende Wand der Kabine. Diesen feinen Pinkel wollte er überhaupt nicht sehen, nicht jetzt und auch nicht zu einer anderen Zeit am Tage.
Und als wäre die pure Anwesenheit dieses Reichen nicht schon Strafe genug für Torin, beginnt dieser jetzt auch noch mit seinem heuchlerisch einschleimenden Geschwätz auf Frau Fuxfell einzureden. Die Knochen seiner zu Fäustern geballten Hände knacken leise.
Doch die Antwort Phexanes lässt ihn wieder etwas ruhiger werden. Von Morgengrauen redet sie. Und daran, wie sie es ausspricht, hofft Torin zu erkennen, dass auch sie nicht unbedingt glücklich ist über das morgendliche Treffen mit dem feinen Pinkel.
dass sie auf dem Unterdeck dessen Hand ergreift, kann er freilich nicht sehen. Die weiteren Worte Phexanes bekommt er nicht mehr mit, da er nun das eben gehörte Gebrummel des Zwerges deuten muss. Während er über die Bedeutung des gebrummelten 'Sindasnichallesonnnprisder' nachdenkt, hat er Zeit, einige Male die trockene Kabinenluft einzuatmen und wieder ausströmen zu lassen. Das Pochen in hinter seiner Stirn kann er zwar noch gut merken, doch stört es ihn nicht mehr so sehr. Dann nickt er seinem eigenen, verzerrten Spiegelbild im Panzer des Zwerges zu als er ihn in wieder fast ruhigem Tonfall anspricht.
"Ja, da habt ihr recht. Aber zum Glück sind nicht alle Geweihten so."
Mehr will Torin dem ebenfalls wortkargen Zwerg nicht sagen. Doch wie lange kann er seine aufkeimende Neugierde noch unterdrücken?
Der Zwerg schaut sich die beiden Wurfbeile, die er gerade in seine Hände genommen hat, an.
'Ob ich wohl meine ganze Bewaffnung mit nach oben nehmen soll? Auf dem Schiff werde ich bestimmt nicht alle meine Waffen brauchen. Ich kann bestimmt welche hier unten lassen.'
Torins Worte hört er schon gar nicht mehr. Eine Antwort hatte er auch gar nicht erwartet, weshalb er sich nur noch auf seine Überlegungen konzentriert. Und er bekommt auch nicht mehr mit, dass dieser schon hinaus gegangen ist. Die Wurfbeile werden erst einmal zur Seite auf die Koje gelegt. Der Lindwurmschläger wird dafür in die Hand genommen.
'Der kommt auf jeden Fall mit. Der ist nicht so schwer, und trotzdem effektiv.'
Alberik legt die Axt wieder zur Seite, nimmt von seinen Sachen den Schultergurt, der noch neben der Koje lag, schnallt sich diesen um, und legt den Lindwurmschläger in die dafür vorgesehene Schlaufe. Während dieser Prozedur überlegt er schon einmal weiter.
'Nun zum Felsspalter. Den kann ich hier lassen. Er ist zu schwer, um ihn die ganze Zeit mit herumzutragen.'
Ein wenig tut es ihm ja schon leid, seine Lieblingswaffe hier zu lassen, und nur ungern wendet er sich wieder den beiden Wurfbeilen auf der Koje zu.
'Eines wird wohl reichen. Wenn es zum Kampf kommt, habe ich bestimmt nur Zeit eines zu werfen.'
Also wird eines der beiden Beile genommen und unter den Gürtel geschoben. Der Zwerg ist eigentlich fertig, hat er doch alles was er mitnehmen wollte, aber irgendwie ist er noch nicht zufrieden. Sich mit der Hand durch den weißen Bart streichend schaut er sich noch einmal die beiden Äxte genau an.
Als Torin bemerkt, dass der Zwerg sich nur noch um seine Waffen kümmert, sieht er das Gespräch mit diesem als beendet. Noch einmal schaut er zu der offensichtlich schlafenden Druidin hinüber und zieht für einen Augenblick eine Seite seines Mundes nach oben.
'Ihretwegen sitze ich jetzt auf diesem Schiff hier fest und muss dem Kapitän erklären, weshalb ich noch nicht gezahlt habe.'
dass der Thorwaler die Kabine verlässt, bemerkt er mit Wohlwollen. Endlich ist hier wieder etwas mehr Platz. Und auch der humpelnde Magier schickt sich an, die Gemeinschaftkabine zu verlassen.
Auf den starken Ruck, der plötzlich durch den Schiffsrumpf geht, ist Torin als Kind der Stadt nicht ausreichend vorbereitet. Er fühlt, wie ihm für einen Augenblick der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Dann schlägt der Boden wieder gegen seine Füße.
dass Torin nicht lang hinfällt, verdankt er seinen schnellen Reflexen und wohl zum größeren Teil der an der Bordwand befestigten Koje. Plötzlich spürt Torin nicht nur den Willen EFFerds, sondern auch wieder seinen eigenen Magen und ganz besonders seinen schmerzenden Kopf. Dieser Schmerz lässt ihn zusammen zucken. Mit einem unterdrücken Aufstöhnen reißt er seine Hand an die schmerzende Stelle. dass er seinen Hut dabei beinahe vom Kopf schlägt, ist ihm egal.
'Uuuuhooou! Das hat gesessen!'
Minutenlang verharrt Torin so. Als er endlich überzeugt ist, das Gröbste überstanden zu haben, lässt er die Koje wieder los und geht vorsichtig zur Tür.
'Ich werde sofort zum Kapitän gehen. Er muss mich im nächsten Hafen absetzen.'
Doch schon der nächste, wenn auch leichtere Schlag gegen Torins Füße zeigt ihm, dass er zuerst etwas gegen seine derzeitige Situation machen muss.
'Vielleicht hat ja der Smutje etwas gegen meinen Dumpfschädel.'
Vorsichtiger als er es auf einem Dach gewesen wäre, verlässt Torin die Gemeinschaftskabine und geht über den vom Aufgang erhellten Gang des Unterdecks hinüber zur Kombüse der NORDSTERN.
Bei der Kombüse angekommen sieht er, dass diese bereits von zwei Personen gefüllt ist. Die von Haaren eingerahmte Halbglatze des Einen weist ihn untrüglich als Garulf aus, soviel kann Torin auch bei dem schwachen Licht erkennen. Der Andere, ein stämmiger und muskulöser Mann mit einem langen Zopf auf dem sonst kahlen Kopf, muss wohl einer der zahlreichen Matrosen sein, mit denen er selbst bisher wenig Kontakt hatte. Doch Torin kann und will nicht warten, bis sich sein Problem von selber löst.
"Phex zum Gruße," beginnt er, als er die Kombüse betritt. "könnte mir einer der Herren etwas gegen das Sausen in meinem Kopf geben?"
NORDSTERN - Oberdeck: Verehrung der Sonne
Mit wohlgefallen vernimmt Onaskje die geschliffenen Worte dieses anderen Passagieres über die Sonne, bietet sie doch immer schöne und angemessene Vergleichsmöglichkeiten für die guten Dinge dieser Welt. Dann klettert er mit schnellen Schritten die steilen Sufen des Niederganges hinauf, dabei muss er sich ob des Schwankens des Schiffes an den Seitenwänden abstützen. Oben angekommen atmet er erst einmal die salzige, frische Seeluft ein.
"Hhhhh - Aaaah!" Er macht zwei rasche Schritte zur Reling, um sich an ihr festzuhalten und den Aufgang freizumachen und schaut sich um.
'Na, da sind wir doch tatsächlich mitten in der Nacht aufgebrochen, wenn wir jetzt schon so weit auf dem Meer sind. Ich hatte mich gestern Abend gar nicht vergewissert, wann wir ablegen wuerden, gut, dass ich die Nacht nicht doch an Land verbracht habe. Wo stünde ich denn dann. Mit blödem Gesicht an einem leeren Anleger, und die gesammte Fracht auch weg,' gibt er sich selbst die Antwort und muss bei dieser Vorstellung lachen. Seine linke Hand findet die Anhänger an seinem Halse und beginnt, mit ihnen herumzuspielen.
"Auf, zum Vordeck." sagt er mehr zu sich selbst, denn noch ist ihm keiner der anderen gefolgt. Doch nach nur einem Schritt bleibt er - immer noch in der Naehe des achteren Niederganges - stehen, um zu sehen, ob nicht gleich jemand folgen werde, und lässt seinen Blick in den Himmel wandern.
'Ganz schön wolkig! Und wie der Wind die Segel bläht. Bestimmt werden wir schon bald Nostria erreichen, wenn wir in zwei Tagen schon in Havena sein werden, wie dieser thorwalsche Seebär vorhin gesagt hat. Das Reisen zur See ist doch wirklich erheblich schneller als ich zuerst angenommen habe.'
Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck steht er da, die Hand wieder an der Reling, und lässt seinen Blick über Schiff und Matrosen wandern.
NORDSTERN Oberdeck: Am Großmast
So ziemlich am entgegengesetzten Ende des Schiffes, in der Kapitänskajüte, wird der Kapitän fast zeitgleich mit der Bootsfrau mit dem fertig, was er gemacht hat - nämlich der Aufzeichnung der Geschehnisse des Vortages.
Mit raschen und oft vollzogenen Handgriffen vervollständigt er seine Kleidung, um dann ebenso rasch die Tür der Kapitänskajüte zu öffnen, und auf das Oberdeck hinaus zu treten.
Der Anblick, den das Meer ihm dort bietet, überrascht ihn nicht - zum einen hat er dies bereits durch das Fenster gesehen, und zum anderen fällt es ihm überhaupt nicht schwer, sich dies einzig anhand der Bewegungen der Karavelle vorzustellen. So ist seine erste Sorge auch, die Tür hinter sich sogleich wieder zu schließen, denn er möchte nach Möglichkeit kein Seewasser im Inneren der Kajüte, was weder für die Einrichtung, noch für die Bücher besonders günstig wäre.
Erst danach tritt er ein kleines Stück von der Tür weg und bleibt in der Nähe des Großmastes stehen. Rasch erfassen seine Augen die Lage auf dem Oberdeck - Fahrgäste, die plaudern, Matrosen, die arbeiten, und Matrosen, die Sicherheitsleinen spannen. dass Lowanger daran gedacht hat, verwundert den Kapitän eigentlich nicht, schließlich ist der andere ein sehr erfahrener Seemann, und dieses Wetter rechtfertigt das sehr wohl.
Ebenso klar ist, dass an der Stelle kein Wort der Anerkennung nötig ist - zwischen ihnen beiden läuft so etwas ohnehin in den allermeisten Fällen wortlos ab, und Dinge, die einfach nötig sind, bedürfen dann auch keiner weiteren Erwähnung mehr.
Angesichts der doch recht großen Anzahl von Fahrgästen auf dem Deck geht Jergan entgegen seiner eigentlichen Absicht jedoch noch nicht zu Lowanger auf das Brückendeck empor, sondern bleibt erst einmal in der Nähe des Großmastes auf dem Oberdeck stehen.
NORDSTERN - Oberdeck: Radisar's Suche
Der kleine Diener erschrickt ein wenig, als er das Oberdeck betritt. Zwar hat er den bewegteren Seegang schon mitbekommen, doch dass ihm der auffrischende Wind derart beißend ins Gesicht fahren wird, damit hat er wohl nicht gerechnet. Aber Radisar gewöhnt sich schnell daran, mehr noch: Er beginnt es zu genießen!
Auf diese Weise wunderbar erfrischt, macht sich der kleine, dicke Diener auf die Suche nach dem gelehrten Herrn Di Vespasio. Auf dem Oberdeck ist er ja nun offensichtlich nicht. Aber Radisar tröstet sich damit, dass der Comte schon noch hier auftauchen würde. Es gefällt dem Diener um Vieles besser, hier auf dem Oberdeck auf den hohen Herrn zu warten, als in der Düsternis des Unterdecks herum zu suchen.
Statt seiner 'Edelhochgeboren' entdeckt Radisar nun einen anderen Herren, der mit seiner Gestalt ebenfalls sehr viel stolze Würde ausstrahlt. Radisar kennt diesen Herrn noch nicht, er muss wohl in Salzerhaven an Bord gekommen sein.
Radisar kichert in sich hinein. Die Keule, die dieser Herr mit sich trägt sieht fast so aus wie ein Sonnenszepter und auch das Gewand ist dem eines Dieners der PRAios nicht unähnlich. Man könnte fast meinen, dieser Herr mit dem stolzen Gebaren bereite sich auf eine Andacht zu Ehren des Götterfürsten vor.
Radisar amüsiert sich königlich ob dieses absurden Gedankens, man stelle sich vor: Ein Andacht zu Ehren der Sonne, mitten auf EFFerds weitem Element. Wo sollte das denn noch hinführen? Eine wilde Orgie, wo es jeder mit jedem treibt, um Mutter TRAvia zu huldigen oder ein Prozession gläubiger Necker unter Wasser, im Namen des INGerimm? Wie wäre es mit einem Hexenzirkel, die auf Besen reitend, PRAios ihren Herren nennen.
Radisar kann sich jetzt kaum noch beherrschen. Es kostet ihn alle Willenskraft, um nicht laut los zu prusten, so sehr ist ihm jetzt zu lachen zumute. Ein PRAiosdienst auf einem Schiff, das klingt aber auch zu komisch.
Schon kann Onaskje einige Geräusche vom unteren Ende des Niederganges hören. Doch noch bevor der erste die Stiege hinaufgeklettert kommt, tritt ein kleiner, dicker Mann in seine Nähe. Der sorgfältigen Bekleidung nach muss es sich bei ihm wohl auch um einen Passagier handeln. Obwohl es den Anschein hat, dass ihn der hohe Wellengang etwas erschrecken würde, strahlt sein Gesicht vor innerer Freude. Die ideale Gemütslage für einen PRAiosdienst!
"Guten Morgen, mein Freund! Ihr scheint ihn ja sehr zu genießen. Sicherlich verspürt auch Ihr in Euch den Wunsch, PRAios für diesen schönen, frischen Morgen zu danken."
Das sich PRAios eher bedeckt hält und auch EFFerd bei dem augenblicklichen Wetter viel mitredet, stört den Geweihten dabei keinesfalls bei seiner Rede.
"Gerade möchte ich mich zusammen mit einigen anderen Mitreisenden," er deutet den Niedergang hinab, "auf das Vordeck begeben um eine kleine Andacht zu halten. Ich heiße übrigens Onaskje."
Bei den letzten Worten streicht er sich das Gewand glatt, an dem der Wind zaust; jetzt ist auch die aufgestickte gelbe PRAiosscheibe mitten auf der Brust wieder schön zu sehen. Mit einem freundlichen Kopfnicken blickt er den Dicken an und streckt seine rechte Hand aus.
In dem Augenblick, während der kleine, dicke Mann sich noch seine Antwort zurecht legt, sieht Onaskje, wie Phexane das Deck betritt, dicht darauf gefolgt von einem sonderlichen Herren in rotem Gehrock. Als dieser nach einem Moment kurz zu Onaskje hinüber blickt, nickt er ihm zu, aber sicher, ob der Sonderliche ihn gesehen hat ist er nicht. Als er sieht, wie dieser sich die Nase reibt, beginnt seine eigene auch leicht zu kribbeln.
'Schon sehr aromatisch, diese Seeluft!'
Der Geweihte sieht wieder auf sein Gegenüber.
Onaskje reibt ein wenig seine Nase.
Langsam, dafür mit gnadenloser Sicherheit, sickert es dem kleinen, dicken Diener ins Bewusstsein, dass es womöglich so sein könnte, dass jener Herr ihm gegenüber, einem PRAiosgeweihten, vom Äußeren her, deshalb so gleicht, da er unter Umständen tatsächlich einer ist ?!?
Radisar ist die latente Furcht, die jeden Gläubigen der Zwölf jedesmal dann überfällt, wenn man mit einem Geweihten des PRAios zu tun hat, völlig fremd. Er war in seiner Studierzeit als Adeptus der Rechtskunde mehr als einmal mit PRAiospriestern in 'Tuchfühlung' gekommen, denn Recht und Gesetz ohne den Segen des Götterfürsten sind schlichtweg undenkbar.
Was Radisar viel mehr verunsichert ist der Umstand, dass er selbst seinen Irrtum als lästerlich einstuft und wenn er auch nicht mit schlimmeren Folgen daraus rechnen muss, so ist ihm dennoch sehr bewusst, dass er im Augenblick, wieder einmal mehr, als ein Depp dasteht.
"Hmm, ... ja ... äh ..." gluckst Radisar vor sich hin. Der erste Versuch einer Antwort ist vorerst gescheitert. Radisar räuspert sich und unternimmt einen zweiten Versuch:
"Eine Andacht zu Ehren des Allerhöchsten - .... wie nett ....!"
Auch diesem Satz fehlt wohl jede Form von Erleuchtung. Aber immerhin half die kleine Pause wieder Ordnung in die Gedanken zu bringen. Radisar wird sich seiner selbst wieder etwas sicherer. Er ergreift vorsichtig die ausgestreckte Hand des Geweihten mit schüchternem Druck.
"Radisar Kummerer, Adlatus der Freifrau von Beibach und Bruch, es ist mir eine Ehre, euer Gnaden!"
'Nett? Nun, wenn er meint...'
Fest schaut Onaskje dem Herren Kummerer in die Augen, dabei seine Hand schüttelnd:
"Es freut mich, Euch kennen zu lernen! Wir werden uns später sicher ausführlich miteinander unterhalten können, meint Ihr nicht auch? Und ihr müsst mich nachher unbedingt Ihrer Wohlgeboren Freifrau von Bruch vorstellen. Jetzt allerdings wird es wirklich allerhöchste Zeit, mit der Morgenandacht zu beginnen."
Der Geweihte schaut sich an Deck um.
'Viel los hier, Matrosen, Passagiere, der Offizier auf der Brücke, und jeden Augenblick kommen mehr Leute an Deck.'
Gerade sieht er, wie der Kapitän das Deck betritt. Diesen hat er gestern nur kurz gesehen, als er seine Passage buchte.
'Mit dem Kapitän werde ich mich später unterhalten, sonst komme ich heute wohl nicht mehr dazu, meinem Gott mein Herz zu öffnen. Doch dem Kapitän eine Andacht versagen? Kommt auch nicht in Frage... Hm... Ich werde es einfach dem Kapitän selbst überlassen, ohne ihn in irgendeiner Weise zu nötigen. Er ist halt eine besondere Respektsperson, der man keinen kleinen Stupser geben darf, um sie mal wieder an ihren wahren Glauben - die ZWÖLFgötter - zu erinnern.'
Onaskje legt seinen Kopf schräg und fixiert den Herren Kummerer kurz mit seinem Blick.
"Am besten folgt ihr mir einfach auf das Vordeck, den anderen Passagieren habe ich angekündigt, die Predigt dort zu halten."
"Selbstverständlich, selbstverständlich , ich werde euch folgen, euer Gnaden, es ist mir eine Ehre, eine übergroße Ehre!"
Radisar's Worte überschlagen sich fast. Es ist aber nicht nur der Respekt vor dem Kleid des geweihten Herren, der ihn so zu Eile treibt, vielmehr ist es so, dass Radisar, aus einem Seitenblick heraus, plötzlich die Umrisse des Comte Di Vespasio erkennen kann, der dem Augenmerk des kleinen Dieners deshalb bisher verborgen geblieben war, da die edle Gestalt des Herrn Gelehrten durch den massigen Körper dieses Seemanns, der so aussieht wie ein Seetroll, verdeckt gewesen war. Nun, da dieser Hüne davon eilt, wird der Herr Di Vespasio für Radisar erst sichtbar. Endlich ...
"Euer Gnaden, ihr entschuldigt mich ... ein dringender Auftrag der Herrin ... ich werde bestimmt kommen ... Vordeck, sagten sie? ... Ach ja ... stimmt!! Vordeck ... Andacht und so ... nett, wirklich nett ... hier ein Brief ... ihr versteht ... Auftrag und so ...!"
Diese und ähnliches dummes Zeug stammelt Radisar vor sich hin, während er langsam, Schritt für Schritt rückwärts geht. Der kleine Diener versucht so höflich und zuvorkommend zu sein, wie es ihm nur irgendmöglich ist, nichts wäre ihm unangenehmer, als den Zorn des Herren PRAios auf sich zu ziehen, indem der Herr Geweihte glauben könnte, er, Radisar, wolle sich vor der Andacht drücken. Nun gäbe es ja auch die Option, den Brief an den Herrn Di Vespasio erst nach der Andacht zuzustellen. Damit wäre PRAios sicherlich sehr besänftigt, auf der anderen Seite allerdings, ist auch der Zorn der Freifrau Reckinde nicht zu verachten und das macht die Wahl sehr schwer.
Ach was soll's! Brief aushändigen, Antwort abwarten, Andacht gehen, bei der Freifrau rückmelden - FERTIG! Manchmal lässt sich das Leben richtig leicht gestalten.
"Euer Edelhochgeboren, euer Edelhochgeboren ... ich suche euch schon lange, ich bin in offizieller Mission zu euch unterwegs ...!" ruft er schon von weitem, als er auf Herrn Di Vespasio zuhastet.
'Seltsam, dieses Gebaren der höfischen Herren und Ihrer Diener... Das ist nicht meine Welt.'
So gibt Onaskje nur ein kurzes "Hm" von sich und geht in Richtung des Vordecks. Am Großmast bleibt er kurz stehen, um den Kapitän zu begrüßen:
"Guten Morgen, Kapitän! Wir hatten noch nicht das Vergnügen, direkt miteinander zu sprechen. Ich darf mich vorstellen, Wulff Onaskje ist mein Name, und meine Leidenschaft ist es, dem Namen PRAios alle Ehre zu bereiten. Gerade bin ich auf dem Weg zum Vordeck, um eine kurze Morgenandacht zu halten."
Freundlich lächelt er dem Kapitän zu und hält auch diesem seine Hand zum Gruße hin, wartet dann aber ab, was dieser entgegnet, ob er wohl eher Interesse an den Diensten an die Götter zeigt oder sich ganz auf das Wohl des Schiffes konzentriert.
NORDSTERN - Oberdeck: Anselm fragt nach ...
Anselm läuft auf dem Deck entlang und schaut sich nach einem 'Verantwortlichen' um.
'hm, den Nächstbesten, der mir über den weg läuft werd ich fragen.'
Es ist wohl ein unglücklicher Zufall, dass dieser 'Nächstbeste' Efferdan ist. Er schreitet zu ihm herüber und spricht ihn an.
"Heda, Matrose, entschuldigt, aber könnt ihr mir sagen, warum wir bereits abgelegt haben? Mir erscheint dies als etwas...verfrüht?"
Fragend sieht Anselm dem hellhäutigen Matrosen direkt ins Gesicht.
Gerade hat Efferdan die erste Sicherheitsleine beschäftigt, als sich ihm wiederum ein Passagier nähert. Zuerst beschließt er ihn zu ignorieren, in der Hoffnung, er wolle nicht zu ihm, wolle vielleicht nur an die Reling oder an ihm vorbeigehen. Doch als der Passagier ihn anspricht, beginnen sich in Efferdan Befürchtungen zu regen.
`Oh, Ihr Götter, habe ich Euch irgendwie verärgert? Warum immer ich? Es sind so viele Personen an Deck und jedesmal stellt man mir diese Frage, auf die ich keine Antwort weiß. Warum nur? Oh EFFerd, gib mir Kraft, ich bitte dich!`
Scheu blickt Efferdan zu Boden. Seine ganze Körperhaltung, drückt für den, der es zu deuten weiß, Unwohlsein aus. Was soll er sagen? Er wusste auch schon vorher keine Antwort auf diese Frage - was soll er jetzt antworten?
Wiederum zuckt Efferdan mit den Schulter. Mit heller, leiser, schüchterner Stimmt antwortet er:
"Ich weiß es nicht."
Dann fällt ihm etwas ein, was er sagen könnte. Vielleicht würde ihn das auch vor anderen Rückfragen verschonen...
"Äh..Ihr könntet...den Herrn Lowanger, ...den zweiten Offizier, ... auf der Brücke fragen..."
Schon bei seiner Annäherung ist Anselm aufgefallen, dass dieser Matrose sich in seinem Verhalten doch von dem der anderen unterscheidet. Als Efferdan ihm dann, schüchtern wie ein Schulmädchen antwortet ist der kleine Mann doch recht verdutzt.
"Ja, gut, danke.." stammelt er vor sich her, dreht sich um und macht sich auf den Weg zum Brückendeck.
'Was ist denn mit dem los? Den hat seine Mutter als Kind wohl zu heiß gebadet...naja...'
Glücklicherweise scheint dem Passagier seine Antwort zu genügen, denn ohne eine weitere Frage zu stellen, macht sich dieser auf den Weg zum Brückendeck. Efferdan atmet erleichtert auf. Wieder geschafft - hoffentlich war es das für den Morgen... drei Mal dieselbe Frage ist genug.
Der blasshäutige Matrose geht zur nächsten an Deck aufgerollt liegenden Sicherheitsleine und hebt diese auf. Dabei schweift sein Blick kurz über das Deck.
`Da ist ja Níalyn`. Kurz leuchtet ein Lächeln in seinem Gesicht auf, dann macht er sich daran, die eben aufgehobene Sicherheitsleine zu spannen.
Und dann - dann passiert einiges auf einmal: Mit einem dumpfen Geräusch landet der Passagier, der ihn vorhin angesprochen hatte und der noch immer an der Reling ...stand keine drei Meter neben Efferdan auf dem Hosenboden.
Der Matrose schaut zu ihm rüber, doch bevor er sich noch darüber klar werden kann, ob er ihm aufhelfen soll - einerseits ist er Passagier, also »Gast« und andererseits ist er eben ...Passagier - als »Níalyn« (also Phexane) schon zu eben jenem Passagier hin eilt, um ihm zu helfen.
Und dann betreten beinahe gleichzeitig sowohl der Kapitän als auch die Bootsfrau das Oberdeck. Sollte es noch eines Anstoßes bedurft haben, um ihn zu einer Entscheidung kommen zu lassen - dies ist er. Rasch fährt er damit fort, die Sicherheitsleine zu spannen, so wie es ihm aufgetragen wurde.
`Was für ein Morgen...`
NORDSTERN - In der Kombüse: Ein 'Wolf' will besänftigt werden
Da der befürchtete Ansturm noch auf sich warten lässt, greift der Smutje erst einmal selbst in die Zwiebackkiste. Genüsslich einen Zwieback vertilgend, hart er, an eine Wand gelehnt, der Dinge die da kommen werden.
´Ob von den Passagieren einer weiß warum wir so früh schon auf See sind?´
Weder Efferdan noch Sigrun konnten diese Frage beantworten und ALRIK's Geschichte klang doch allzu phantastisch ...
Draußen auf dem Gang vor dem Mannschaftsraum warte Wasuren erstmal ein Weilchen, bis es auf dem Gang etwas weniger los ist. Dann stapft er munter und mit knurrendem Magen drauf los.
'Mann ich hab vielleicht nen heiß Hunger. Wenn Garulf mir nix anbieten kann, werd ich wohl die Küche auseinander nehmen müssen.'
Die Müdigkeit und der Hunger veranlassen Wasuren dazu sich etwas unvorsichtig den Weg zur Küchentür zu bahnen. Neugierig öffnet er die Tür und lugt um die Ecke.
"Hey Garulf hast du nen ordentliches Frühstück für nen Thorwalschen Matrosen?"
Wasuren schiebt seinen großen muskulösen Körper durch die Tür.
"Ich muste nämlich heut Nacht die ganze Zeit an Deck arbeiten und nun krieg ich nicht meinen verdienten Schlaf bevor mein Magen beruhigt wird."
... krunsch ... Noch eben schnell das letzte Stück Zwieback vertilgt, dann kann es losgehen. Es geht auch los, gleich zwei Männer drängeln sich vor der Kombüse, zum einen Wasuren, den es nach getaner Arbeit nach Frühstück verlangt, zum anderen ein Passagier, der sich offensichtlich nen Wolf angetrunken hat. Aber erstmal der Reihe nach, Wasuren war zu erst da.
"Klar gibts Futter, haben ja grad frisch gebunkert."
Moment mal, hat Wasuren nicht gerade gesagt, dass er nachts an Deck war?
"Aber sach ma´ du hattest Nachtwache? Dann weißt du doch bestimmt auch, warum wir so Hals über Kopf aus Salzerhafen flüchten?"
Torin gibt er derweil mit einem Nicken zu verstehen, dass er sich gleich um ihn kümmert.
Das Nicken des Smutjes entgegnet Torin ebenfalls mit einem Nicken. Trotzdem hofft er, dass das Gespräch nicht allzu lange dauert, da der Seegang weder seinem Magen noch seinem Kopf sehr zuträglich ist. Um bei dem Seegang wenigstens etwas mehr Standfestigkeit zu haben, hält er sich mit einer Hand am Türrahmen fest.
"Ja, genau." mischt er sich auch in die Unterhaltung ein. "Dieser Thorwaler aus der Gemeinschaftkabine hatte etwas von einer Muschel erwähnt. Jedoch muss ich gestehen, dass ich nicht alles von dem verstanden habe, was er sagte."
Wasuren geht weiter in die kleine Küche hinein und stellt sich dort so an die Wand, das er nun keinen mehr stört.
"Hmm," meint er nickend zu Garulf, "Klar weiß ich das! Hab ja beim Auslaufen helfen müssen. Das hat alles mit unserem Landgang und den EFFerdgeweihten zu tun."
Wasuren macht eine kleine Pause, und reibt sich mit leicht verzerrtem Gesicht seinen Magen.
"Aber sag mal haste nicht erst mal was zu Essen da?"
Den Passagier mit seinen Kopfschmerzen, kann Wasuren gut verstehn und so lässt er ihm gerne den Vortritt.
"Hey Garulf, ich erzähl dir mehr, aber hilf doch erst mal dem Herrn hier, aus seiner armseligen Situation."
'Er is halt kein Thorwaler und verträgt nix!'
Ein kleines Schmunzeln macht sich in Wasurens Gesichtszügen breit, als er zu Garulf spricht.
Obwohl Wasuren sich nun weiter in die Kombüse drängt und Torin somit auch ganz eintreten könnte, hält er sich lieber weiterhin am sicheren Türrahmen fest.
Die Worte des Matrosen lassen ihn auf mehr Informationen über das nächtliche Auslaufen und wohl auch endlich mehr über diese Muschel hoffen. Deshalb löst er auch seine Hand vom Türrahmen und winkt ab.
"Ich danke euch, dass ihr mir den Vortritt gewährt, doch muss ich zugeben, dass mich euere Erzählung brennend interessiert. Wenn es euch nichts ausmacht, würde ich gerne mehr über die Begebenheiten des gestrigen Tages hören."
Als ein weiterer Ruck durch die NORDSTERN fährt, krallt sich Torins Hand sofort wieder am Rahmen der Tür fest. Leicht breitbeinig stellt er sich in den Rahmen der Tür, um einen einigermaßen sicheren Stand zu bekommen.
Das Gesicht des Matrosen hatte er nicht sehen können, doch schon allein an dem Tonfall glaubt Torin zu erkennen, dass sich der Matrose über ihn amüsiert.
'Wehe ihr glaubt, ich sei ein Schwächling! Mir ist nur... schlecht!!'
Um sich nicht später noch als Weichling oder gar Landratte bezeichnet zu werden, lügt Torin:
"Außerdem sind die Schmerzen in meinem Kopf nicht so groß, als dass ich nicht auch noch einige Minuten warten könnte."
Garulf betrachte den Passagier, der sich dort verzweifelt an den Türrahmen klammert.
´Der hat sich wohl nen Wolf angetrunken, diese Südländer vertragen echt nix ...´
"Für Dich," schaut Torin an, "habe ich was ganz besonderes,"
Er grinst leicht. Dann beginnt er in den Regalen der Küche zu wühlen, nebenbei wirft er dabei Wasuren einen Apfel zu, damit dieser nicht vor seinen Augen verhungert. Nach einiger Zeit des Suchens hat er sie dann gefunden, eine Flasche mit einer Mischung, speziell für diese Fälle. Er gießt einen Becher davon ein und und reicht ihn Torin.
"Hier, das wird die Kobolde aus deinem Kopf vertreiben."
Garulf grinst einmal mehr. Weiß er doch, dass die Mixtur durchaus ihre Wirkung zeigt, der Geschmack dagegen ist eine ganz andere Frage ...
Wasuren fängt den Apfel von Garulf auf und beißt sogleich genüsslich hinein. Das Schaukeln des Schiffs gehört für Wasuren zum Alltag und behindert ihn nur wenig. Schnell beißt er drei große, kräftige Happen vom Apfel ab und kaut diese langsam vor sich hin bis Garulf mit seiner Suche fertig ist.
*Schluck* und gleich einen neuen, doch diesmal kleineren Bissen.
'Also was wollten sie jetzt wissen? Ich fang einfach noch mal vom Anfang an.'
Wasuren legt eine kleine Esspause ein und meint zu den Beiden im Raum :
"Also gut, ich werd mal alles vom Anfang an erzählen. Gestern morgend gingen ein paar Gäste, Alrik, Nirka, Ole und ich gemeinsam auf den Markt, um etwas zu Frühstücken, als wir einem Mann begegneten, der vor unseren Augen verstarb. Es stellte sich hinterher heraus, dass dieser ein junger EFFerdgeweihter auf einer wichtigen Mission war. Wir wurden von der EFFerd Priesterin, der Name ist mir grad entfallen, gebeten ihr doch bei der Verwirklichung dieser Mission zuhelfen, da der Geweihte wohl kurz vor der Lösung gestanden war. Sie erzählte und von einem Heiligen Artefakt."
Wasuren macht eine kleine Pause und schaut die beiden anderen neugierig an. Es ist deutlich zu spüren das Wasuren nicht oft so viel auf einmal redet wie eben. Um seine Pause etwas zu begründen beißt er wieder in seinen Apfel und kaut.
Noch immer hält sich Torin am Türrahmen der Kombüse fest. Etwas neidisch schaut er Wasuren zu wie dieser ohne größeres Aufheben den Apfel fängt und ein kräftiges Stück davon abbeißt. Ungeduldig wartet Torin ab bis ihm der Smutje einen fast vollen Becher gibt.
Endlich! Er hält das Mittel gegen den wütenden Wolf in den Händen. Doch das Grinsen Garulfs lässt ihn Schlimmes ahnen und so entschließt er sich, den Becher vorerst nur in der freien Hand zu halten.
Doch das Pochen hinter seiner Stirn lässt nicht locker und so hebt er den Becher vorsichtig näher an seine Nase heran. Immer darauf bedacht, den Arm zurück zu reissen, sollte ein weiterer Brecher die NORDSTERN wieder 'hüpfen' lassen.
Mißtrauisch schnuppert er einige Male an der Flüssigkeit.
'Hmmm...' *Schnüff* 'Kein scharfer Geruch.' *Schnüff* 'Nichts, wovor mich meine Sinne warnen würden...' *Schnüff* 'Hmmm...'
Den leicht bitteren Geschmack, der sich langsam durch die Nase auf seinen Gaumen schiebt, bemerkt er wohl. Doch diesen Geschmack schreibt er der salzig-trockenen Kombüsenluft zu.
Als der Matrose endlich zu erzählen beginnt, senkt Torin den Becher wieder etwas ab. Gespannt lauscht er der Erzählung, die ihm wirklich einmal sinnvolle Informationen liefert.
'Alrik, das ist doch der Bruder von Frau Fuxfell. - Nein halt, er meint sicher den Schiffsjungen, der heißt ja auch so. Und Ole, ein Bär von einem Mann. Sehr gläubig, wie ich am EFFerdschrein erfahren konnte.'
Torin versucht trotz der wieder schlimmer werdenden Kopfschmerzen zu lächeln. Während er dem Matrosen lauscht, hebt er ganz automatisch den Becher zum Mund.
'Eine Mission im Namen EFFerds, das passt mir zu den Matrosen. - Aber ich bin mir fast sicher, dass sie es auch für den großen Fuchs getan hätten, wenn es denn nötig gewesen wäre. Ein heiliges Artefakt also...'
Als Garulf wieder in den Apfel beißt, sieht Torin die Zeit gekommen, etwas von den in der Gemeinschaftkabine gehörten Informationen einzustreuen.
"Und dieses heilige Artefakt ist eine Muschel, nicht war?"
Während er die Worte spricht, senkt er den Becher wieder, ohne auch nur einen Schluck getan zu haben. Endlich scheinen sich die wirren Gerüchte zu einem geordneten Mosaik zu sammeln. Phexische Neugierde steigt in Torin auf. Er wechselt den Becher von der Einen in die andere Hand, so dass er auch den Türrahmen wechseln kann. Jetzt kann er das Gesicht Wasurens besser sehen und seine Augen heften sich an dessen Lippen.
"Aber erzählt doch weiter." bittet er den Matrosen. Und wenn man sehr genau hinhört, kann man den leicht flehenden Unterton in seiner Stimme hören.
Wasuren beguckt sich den komischen Passagier in dem Türrahmen ein wenig genauer. Während dieser redet, stopft er sich den Apfelbutzen in den Mund, kaut kräftig drauf rum und schluckt ihn mit einem wohligen Schmunzeln herunter.
Dann meint er zu dem Passagier :
" Gerne werd ich weiter erzählen!" dann stockt er ein wenig, als wisse er nicht so recht wie er den Herrn anreden sollte.
"Nun Garulf," Wasuren deutet auf den Schiffskoch, " gibt mir etwas zu essen dafür und was bietet ihr?" meint Wasuren.
"Schließlich habe ich die ganze Nacht durch gearbeitet und bin sehr müde."
Er gähnt spielerisch und wartet auf eine Reaktion.
'Das war ja klar. Keine Informationen ohne Gegenleistung.'
Aber das ist Torin ohnehin gewohnt. Wenn man dem Gott des Fuchses nahesteht, dann weiß man, welches Wissen etwas Wert ist und welches nicht. Und in diesem Falle...
"Hmmm..."
Beinahe eine ganze Minute lässt Torin mit überlegendem Gemurmel und kurzen Blicken auf den noch immer gähnenden Matrosen vergehen. Doch vergebens! Der Matrose ist hartnäckig. Also gesteht sich Torin letzten Endes ein, dass er ohne eine kleine Gegenleistung wohl nicht an das Wissen gelangen wird.
Aber so einfach möchte Torin es Wasuren auch nicht machen. Ohne Hast hebt er den Becher mit dem 'Wolfstöter' vor seine Brust um mit ihm dann nach einer halbkreisförmigen Bewegung auf Garulf zu zeigen.
Torins Gesicht spricht ganze Bände voll von schelmischer Literatur als er hintergründig lächelnd Wasuren anspricht.
"Tja... So leid es mir tut, aber ich kann euch im Gegensatz zum Smutje nichts Eßbares anbieten."
Für einen kurzen Moment löst Torin seinen Griff vom Türrahmen um eine entschuldigende Geste zu machen. Dann greift seine Hand jedoch wieder zurück zum Rahmen.
"Und auch sonst wüßte ich keinen Gegenstand aus meinem Besitz, mit dem ich euch fuer euer Wissen entlohnen könnte. Ich fürchte, es sieht so aus, als müßtet ihr euer Wissen unter Wert mit uns teilen."
Torin genießt das Gefühl, endlich einmal wieder feilschen zu können. Ihm ist es nun nicht mehr wichtig, welche Informationen der Matrose ihm bietet, solange dieser nur anständig mit ihm darum feilscht. Es erfrischt ihn und für einige Momente vergißt er sogar das Pochen in seinem Kopf.
"Oder wißt ihr etwas aus meinem Besitz, das sich für euch als nützlich erweisen könnte."
Mit Absicht geht Torin nicht auf das blanke Metall ein, welches auch diesen Tag heil in seinem kleinen Lederbeutelchen überstehen soll. Dafür führt er nun den Becher wieder zu seinem lächelnden Mund.
Wasuren hört auf zu gähnen, als sein Gegenüber so langsam beginnt sich ins richtige Feilschen hinein zu steigern.
'Der is ja ein zäher Brocken, mal sehn was sich da machen lässt. Ich hab ja schließlich meinen Stolz und plaudere nicht alles einfach so in der Gegend herum.'
"Für mich gibt es immer etwas Lohnenswertes, mein Freund." entgegnet Wasuren den Passagier in der Tür.
"Wirst ihr für mich hat alles einen Wert und darunter sinken kann es nicht. Höchstens steigen. Da Ihr also nicht Eßbares habt, könntet ihr mir doch vielleicht dafür ... "
Wasuren mustert Torin eingiebig, scheinbar interessiert ihn alles was nicht niet und nagelfest an ihm ist. Und außerdem bekommt Torin dadurch wieder mal etwas Zeit um vielleicht nun doch endlich auszutrinken.
NORDSTERN - Unterdeck: Darian wird hungrig
Nachdem Schreibutensilien und Schriftstück sauber verstaut sind, beschließt der Adeptus erstmal an Deck zu gehen, ein wenig frische Luft schnappen. Er streckt sich ein wenig, soweit dies in der engen Kabine eben möglich ist, öffnet dann die Tür und tritt auf den Gang hinaus. Nachdem er die Tür wieder sorgfältig verschlossen hat, begibt er sich zum Aufgang. Kurz überlegt er zuerst in die Kombüse zu gehen um ein kleines Frühstück einzunehmen, entscheidet sich, angesichts des Andranges vor eben jener, dann aber anders.
NORDSTERN - Oberdeck: Herrn Di Vespasio's Erzählungen
Im Licht des neuen Tages schaut sich der Adlige erstmal um, wer noch an Deck ist. Herrn Lowanger nickt er kurz zu, auch wenn der ihn bei seiner wichtigen Arbeit vermutlich gar nicht sieht. Einen sehr kleinen Mann und einen anderen an der Reling überfliegt er nur, er hat sie noch nicht kennen gelernt.
'Oh! Da ist ja auch der junge Geweihte der Hesinde. Nein, schade, er blickt nicht her. Du solltest dich dringend später mit ihm über Architekturstile unterhalten.'
Natürlich sind auch ein paar Matrosen an Deck, aber wer interessiert sich schon für Matrosen - nicht Comte Frizzi Enrico di Vespasio. Dafür ist ein anderer Passagier jetzt nicht mehr zu übersehen. Er unterhält sich grade mit dem geschätzten Herrn Kummerer.
'Nun, das ist ja mal ein Anblick. Brennend hell, wie sein Gott. Für jede hässliche Rahjageweihte zeige ich dir einen Praiosgeweihten, der nicht vor Pracht erstrahlt. ... Obwohl dieser dazu noch einen Stich ins Gefährliche hat. Obacht, mein Freund, Obacht.'
Von dem kleinen Rundblick wendet er sich wieder Phexane zu.
"Tja, erstaunlich, dass ihr grade dieses Thema ansprecht. Tatsächlich haben euer Bruder und ich einige unangenehme Erfahrungen mit üblen Gerüchen machen dürfen. Nicht dass wir wirklich eine Wahl gehabt hätten. Die Situation war ziemlich aussichtslos und uns erschien eine gerümpfte Nase in jedem Fall besser als jede andere Alternative."
Der Händler blickt noch einmal zum Niedergang, aber die Anderen scheinen nicht zu kommen, so dass noch etwas Zeit für Konversation bleibt.
"Natürlich lässt sich das schwerlich mit einem echten Basilisken vergleichen. Ich muss allerdings zugeben, dass mir glücklicherweise noch keines dieser Monster begegnet ist. Lediglich einmal, es muss wohl so zehn, fünfzehn Götterläufe her sein, ich war grade von meiner zweiten Reise nach Fasar zurückgekehrt und jemand hatte das Gerücht in die Welt gesetzt, ich hätte die Khom mit Kisten voller Gold verlassen, was selbstredend Unsinn war,..."
Di Vespasio blickt nochmal zum Niedergang, doch da bleibt weiter nichts zu sehen.
"... auch wenn die Geschäfte durchaus gut gelaufen waren und ich aus Freude über die Geburt meiner Tochter -ja dann ist es wohl doch fünfzehn Sommer her, sie wird nämlich bald sechzehn- und wir hatten damals ein Fest gegeben, das wohl aus väterlicher Freude etwas zu rauschend ausgefallen war und so zusätzlich die Theorie von den Goldtruhen verstärkte, ihr wisst ja, wie die Leute anfangen zu reden, und wenn sie erstmal angefangen haben, o-je, o-je, dann findet das kein Ende und keine Grenze mehr, wie auch immer, in jedem Fall tauchte dann ein abgerissener Abenteurer auf und versuchte mir eine Basiliskenhaut zu verkaufen."
Der Händler hält sich mit Daumen und Zeigefinger die Nase zu, wodurch seine weiteren Worte sehr nasal klingen.
"Er hatte einen Kleindrachen erlegt und mit faulen Eiern und anderem Unrat den schlimmsten Gestank erzeugt, der mit nichtmagischen Mitteln möglich ist. Dabei weiß doch jedes Kind, dass tote Basilisken nicht mehr stinken. Der Abenteurer dachte wohl, er hätte einen Idioten mit viel Geld gefunden, der jede an den Haaren herbeigezogene Lügengeschichte glaubt."
Di Vespasio befreit die Nase wieder aus dem Griff und schaut Phexane verwirrt und fragend an.
"Was wollte ich doch gleich erzählen?"
Phexane steht da, nickt nur und versucht den Worten des Comte zu folgen. Zwar würde sie auch gerne mal was sagen, aber diese Mann spricht wie ein Wasserfall, und dazwischen reden würde zu der Rolle, die sie gerade spielt, nicht so recht passen. Daher schweigt sie.
Doch dann kommt er endlich zu einem Ende und fragt, was er denn noch erzählen wollte.
"Äh," sagt Phexane erst nur, fährt dann aber nach einem kurzen Moment des Nachdenkens weiter fort, "ich hatte den Geruch in der Gemeinschaftkabine angesprochen, und ihr hattet erzählt, dass ihr und mein Bruder ebenfalls üblen Gerüchen ausgesetzt wart."
Sie runzelt kurz die Stirn.
"Die Sache mit dieser Muschel verwirrt mich doch mittlerweile etwas."
"Ja, die Muschel. Tatsächlich ist ihre Geschichte etwas verwirrend, insbesondere wenn man die Fakten nicht zu einem Ganzen zusammenfügen kann und in den Irrungen und Lügen gefangen bleibt."
Di Vespasios Blick verklärt sich leicht, als schaue er in eine andere, höhere Welt, direkt durch den verschleiernden Nebel der Realität auf den Grund der wahren Tatsachen.
"Ursprünglich, d.h. von etwa 760 bis 960 wurde die heilige Miesmuschel im Efferdtempel zu Havena aufgehoben. Sie hatte die erstaunliche Eigenschaft zu jedem Fischerfest, also jenem Feiertag, der sich in zwei Tagen jährt, eine Perle von außergewöhnlicher Größe und Schönheit auf magischem Weg zu erzeugen."
"Dann wurde sie auf gotteslästerliche Weise aus dem Tempel gestohlen. Der Dieb floh auf einem Schiff zu den Zyklopeninseln. Doch wie sollte man es anders erwarten, das Schiff ging in einem Sturm verloren und der Dieb fand in den Händen EFFerds seine verdiente Strafe."
"Jetzt fragt ihr euch vermutlich, was aus der Miesmuschel wurde und wie es zur Entführung eures Bruders und meiner Person kam?"
NORDSTERN - Oberdeck: Ole's 'Geschäfte'
Verträumt und versonnen blickt Ole der davon eilenden Sigrun nach. Er schmunzelt, als er sich an das erinnert, was ihm da in der Gaststube vom 'Fröhlichen Kutscher' erzählt worden war. Und so denkt er sich:
'Tja, Sigrun, bis wir uns wieder einmal in einer ruhigen Stunde treffen sollte, dann wirst du die Geschichte schon erzählt bekommen haben, aus einem anderen Mund, bis in die geringsten Einzelheiten erzählt, das wohl!'
Genüsslich zieht Ole an seiner Pfeife und bläst blauen Rauch in den auffrischenden Wind. Es war eine gute Entscheidung gewesen den muffigen Bauch des Schiffes zu verlassen und sich von der frischen Seeluft alle Trübsal aus der Seele treiben zu lassen.
Aus einem Seitenblick heraus erkennt Ole den Edelmann, in dessen Kabine er kleine Arbeiten hatte verrichten müssen. Der Arme scheint mit dem Schlingern des Schiffs nicht so gut klar zu kommen. Vielleicht ist das ja keine günstige Gelegenheit den hohen Herren daran zu erinnern, dass das noch eine 'Kleinigkeit' aussteht. Nun ja, es ist aber dagegen wahrscheinlich keine gute Idee, erst noch schöneres Wetter abzuwarten.
"SWAfnir sein mit euch, Herr di Vespasio, ich hatte noch nicht die Möglichkeit euch zu fragen, ob ihr mit meiner Arbeit zufrieden gewesen seid!"
"Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, was Du meinst."
Di Vespasio ist nicht wenig verärgert. Er hatte sich eben zurechtgelegt, wie er die weiteren Ereignisse zu einer Geschichte zu verknüpfen könnte, als ihn der Matrose anspricht. Er kann sich zwar daran erinnern, dass der einer der drei Thorwaler war, die gestern halb Salzerhaven terrorisiert haben, aber sonst?
Der Adlige gehört nicht zu der Sorte, die sich für die niedrigeren Chargen interessieren würde. Die Arbeiten an des Händlers Kabine, die Ole meint, liegen drei Tage zurück und damit weit außerhalb der Zeitspanne, die er sein Gedächtnis mit solchen Dingen belastet.
'Das ist schon der zweite thorwalische Rüpel heute Morgen. Alles Barbaren. Diese Verbrüderung zwischen Passagieren und Matrosen geht wirklich zu weit. Auf der ´Schwanenhals´ hätte es so was nie gegeben.'
Er kneift die Augen ein wenig zusammen und blickt ernst zu dem riesigen Mann auf. Jetzt ist nicht die Zeit, vor der Macht der größeren Körperkraft zurückzuweichen. Nicht mit einer schönen Frau an der Seite. Nicht wenn auf dem Oberdeck noch ein Offizier die ganze Szene beobachtet und notfalls eingreifen kann.
'Aber immer mit der Ruhe, mein Freund, sie wissen es halt nicht besser. Es hat keinen Sinn deinen Zorn hier zu verschwenden. Möglicherweise ist grade das die Gelegenheit, diesen Tölpel etwas Manieren beizubringen. Dieser da scheint ja nicht dumm zu sein, wenn man mal sein ungepflegtes Äußeres weglässt.'
"Wäre ich unzufrieden gewesen, hätte ich das dir oder deinem Offizier sicherlich mitgeteilt. In jedem Fall ist das kein Grund, die junge Dame und mich in unserer Unterhaltung zu unterbrechen."
Di Vespasio deutet kurz auf Phexane.
"Hat dir deine Mutter nicht beigebracht, wie man höflich auf zwei Leute zugeht, die ein Gespräch führen? Geh nochmal zurück und fang von vorne an."
NORDSTERN - Oberdeck: Phexanes 'Seitenwege'
Phexane war kurz davor Frizzi zu fragen, was er mit der Entführung meint, als Ole dazu kommt und den Comte anspricht. So schweigt sie erst einmal und blickt kurz über das Schiff, um zu sehen, wer denn schon alles wach ist. Sie sieht ein paar Matrosen und Passagiere, die sie aber noch nicht kennt, Efferdan, der eine Leine spannt, den PRAiosgeweihten, Ameg und einen weiteren neuen Passagier, der anscheinend den Seegang, der nun vorherrscht nicht gewohnt ist und sich somit an der Reling festhält.
'Ich würde mich ja jetzt gerne mal mit einen der Neuen an Bord unterhalten. Oder mit Efferdan oder Ameg. Aber andererseits wäre es wohl nicht sonderlich höflich, wenn ich jetzt einfach so verschwinden würde.
Phexane wechselt kurz das Standbein und verschränkt die Arme nachdenklich.
'Hmmm, oder ob es in diesen adligen Kreisen gestattet ist? Ich weiß es nicht... und irgendwie ist es mir auch egal! Wenn er sich länger mit Herrn Draggensson unterhält, verschwinde ich. Vielleicht können mir die anderen mehr und verständlicher was über die Muschel erzählen.'
Sie mustert Anman kurz.
'Sieht nicht so aus, als wäre er ein Thorwaler oder sonst was. Auch sieht er nicht adlig aus. Vielleicht könnte er mir in verständlichem Garethi sagen, was denn nun eigentlich in Salzerhaven passiert ist?'
Phexane merkt nicht, dass sie, während sie Anman betrachtet, langsam ins Starren gerät.
'Aber gerade an diesem Frizzi sollte ich nun, in meiner jetzigen Situation, dranbleiben. Ich habe nur noch ein paar 'Notheller' in meinem Beutel und damit kann ich mir wohl in der nächsten Stadt, also in Havena.... '
Ihre Gedanken schweifen ab.
'Havena... Schön wäre es ja mal wieder in der Taverne 'Esche und Kork' herumzuhängen! Und dann Sciba aufsuchen und mit ihr wieder ganz Havena auf den Kopf stellen!'
Ein Lächeln legt sich auf ihr Gesicht, während ihr Blick immer noch an Anman 'klebt'...
'... was hat sich diese alte Oma von der Krakeninsel damals aufgeregt! Herrlich! Ausgerechnet sie bekam diese ganzen schlüpfrigen Briefchen! Gut, dass Gial so gut schreiben kann.'
... doch dann erlischt es auf einmal wieder.
'Diese Zeiten sind vorbei!'
Anman hält sich immer noch an der Reling fest, atmet tief und versucht dabei seinen Atem den Bewegungen des Schiffes anzupassen. Die frische Luft hier auf See hilft ihm dabei, Herr über seinen aufmüpfigen Magen zu werden, der Anblick der Wellen tut dies jedoch nicht.
´Oh Geister meiner verdammten Vorfahren, wollt Ihr mich denn wirklich so schnell bei Euch haben ?´, ruft Anman zum wiederholten Male in Gedanken und fängt nun schon an, seinen Ahnen zu drohen,´Wollt Ihr mich so schnell wiedersehen, mich, Anman den Dieb ?´
Um dem schwindelerregenden Anblick der Wellen zu entgehen, löst Anman eine Hand von der Reling und dreht sich halb weg. Sein Blick schweift über einen Schwall Passagiere, der sich gerade aufs Deck ergießt. Unter ihnen ist eine Frau, die Anman anstarrt, und jetzt sogar lächelt.
´Hey. Was gibts, junge Frau ? Sehe ich so albern aus ?´, denkt Anman, und streckt sich etwas.
Selbst in dieser Situation kann Anman nicht anders, als zurück lächeln. Der Kontakt zu anderen Passagieren oder Matrosen verlief bislang eher spärlich, kennt er doch nur den Zwergen, den Gaukler, die Erste Offizierin und seinen Kabinennachbarn ( einen Hesingegeweihten) und einige der Matrosen, und gerade auf See wünscht man sich doch abwechslende, anregende Unterhaltung mit interessanten Menschen.
´Und nett aussehenden...´, denkt Anman.
Gerade jetzt sieht sein Lächeln doch etwas schüchtern und unsicher aus. Anmans Gesichtfarbe wechselt langsam in helle Grüntöne, und er steht mittlerweile auch sehr, sehr breitbeinig da. Als nun auch noch die Nordstern gegen eine Welle läuft, und ein Ruck das Schiff erschüttert, reisst es Anman die Beine weg und er packt sich allerliebst auf seinen Allerwertesten. Trotzdem, sein Lächeln behält er bei, es wird sogar noch fröhlicher, bleibt ihm in dieser Lage doch zumindest der Anblick des Seegangs erspart.
So sitzt er denn wie ein kleiner Junge, lächelt Phexane an, und bleibt auch weiterhin sitzen. Just in diesem Moment hört Phexane auf, zu lächeln.
Phexane kehrt in Gedanken wieder zurück in die Gegenwart, einerseits, weil Frizzi Herrn Draggensson zurecht weist, andererseits, weil der Passagier, den sie bis eben, ohne es selbst so recht zu realisieren, angestarrt hatte, sich auf seinen Hosenboden gesetzt hatte.
'Gut! das ist die Gelegenheit, um ihn mal anzusprechen. Außerdem möchte ich nicht erleben was passiert, wenn ein Horasier sich mit einem Thorwaler anlegt! Zumindest möchte ich es nicht aus nächster Nähe erleben.'
Flink huscht sie zu Anman, beugt sich leicht herab und spricht ihn mit ernster Miene an.
"Habt ihr euch verletzt?"
Trotzdem ihr Lächeln just in dem Moment verflog, in dem Anman sich so unsanft hinsetzte, scheint die junge Frau herüber kommen zu wollen, um ihm zu helfen. Auch der Matrose, mit dem sich Anman vor wenigen Augenblicken unterhalten hatte, schaut kurz zu ihm herüber.
Das Lächeln über seine hilflose Lage lässt Anman erstmal auf seinen Lippen, es weitet sich sogar noch aus, als ihn die junge Frau anspricht und besorgt nach seinem Zustand fragt.
"Nahhh.", antwortet er, " Nix da. Ich wollte nur mal.....so...schauen, ob es sich hier so gut sitzt, wie es aussieht."
Das war natürlich gelogen. Offensichtlich ist nichts gebrochen, aber Anmans Hinterteil hatte sich auch schon wohler gefühlt. Und der Rumms hat sogar ihn erschreckt. Trotzdem tut er so, als ob es ihm blendend ginge, auch in der Absicht, den Anblick der wogenden Wellen noch etwas hinaus zu zögern.
"Wartet, werte Frau, ich werde mal versuchen, aufzustehen.", sagt er zu Phexane, und sein Lächeln wächst ins Sonntagmorgenformat. Mühsam das linke Bein aufsetzend, fässt Anman nach Phexanes Hand und ergreift sie ganz sanft. Dann, sich dabei an ihrer Hand kaum festhaltend, sie jedoch auch nicht loslassend, richtet er sich auf, und fässt mit der rechten Hand an die Reling.
"Danke, danke für Eure Hilfe.", fährt er anschließend fort, und lässt nun vielleicht etwas zu langsam ihre Hand los. Sofort drückt er sich mit der Linken in den Rücken und biegt sich etwas nach hinten, einen kurzen Stöhnlaut ausstoßend.
"Anman ist mein Name.....Anman Troyn.", stellt er sich nun vor, mit immer noch einem Lächeln auf dem Gesicht und - schwupp - streckt er Phexane die Linke auch schon wieder entgegen.
Phexane zieht etwas ungläubig die Augenbrauen hoch, doch das Grinsen des Mannes, der anscheinend die Schiffsplanken als Sitzgelegenheit ansieht, steckt sie dennoch an, und so beginnt sie wieder etwas zu lächeln.
Dann aber richtet er sich, an ihrer Hand festhaltend, auf und bedankt sich für ihre 'Hilfe', um sich danach vorzustellen.
Phexane ergreift seine Hand, wobei sie aber nur leicht, geradezu kraftlos, zudrückt und lächelt auch weiterhin freundlich.
"Meine Name ist Phexane Fuxfell," erwidert sie, "ihr habt anscheinend eine der Einzel- oder Doppelkabinen, richtig? Ich habe euch bisher noch gar nicht gesehen."
'Hmmm, dem Namen nach zu urteilen kein Thorwaler und er benutzt auch keine Fremdwörter. Vielleicht endlich mal jemand, der mir in verständlichem Garethi mehr ueber die Ereignisse in Salzerhaven erzählen kann? Wenn ich bloß nicht so neugierig wäre... '
Ihr Händedruck ist schlaff, sehr schlaff. Abgesehen davon macht sie aber auf Anman doch den Eindruck, sich ihrer Haut erwehren zu können.
"Phexane Fuxfell....die Ehre ist ganz meinerseits, werte Frau Fuxfell.", antwortet Anman und deutet zu allem Überfluß auch noch eine leichte Verbeugung an. Leider wird ihm dabei schmerzhaft in Erinnerung gerufen, warum sich die werte Frau Fuxfell erst zu ihm hinüber bequemt hat, des Sturzes wegen.
"Oh ja, ich bin in einer dieser sagenhaften Doppelkabinen unterwegs.", fährt Anman fort, seine Augen fest auf das Antlitz der jungen Frau vor ihm gerichtet, "Ich kenne viele meiner Mitmenschen genauer, als es mir manchmal lieb ist, und da weiß man ein bisschen private Atmosphäre zu schätzen."
Ein Zwinkern seiner Augen begleitet diese Rede, doch so recht weiß Anman immer noch nicht, wie er Phexane begegnen soll.
´Unsicher ? Du ?´, denkt Anman fast amüsiert, ´Ja, was ist denn hier los ?´
"Sagt, Frau Fuxfell, fahrt Ihr schon länger auf diesem Schiff ? Ihr könntet mir einige Unterweisungen geben, zum Beispiel im sicheren Stehen !", setzt Anman die Unterhaltung fort, und ein zaghaftes Lächeln deutet sich wieder einmal an. Seine fröhlichen Augen strahlen Phexane an, und der Wind wirbelt durch sein halblanges Haar. Sollte jemand, zum Beispiel die werte Frau Phexane Fuxfell, genau hinschauen, so würde man Anman fast für hübsch halten in diesem Moment.
Stolz und gerade steht er da, eine Hand an der Reling, die andere locker auf der Hüfte sitzend, so dass man sein Rapier sehen könnte, hätte er es denn umgeschnallt.
´Die Reise lässt sich doch gut an, mein Freund.´, denkt Anman,´Frauen gibt es jedenfalls genug an Bord.´
Phexane schaut nachdenklich an ihren Beinen entlang hinab zu ihren Füßen, hebt aber so dann wieder ihren Kopf und zuckt kurz unsicher mit den Schultern.
"Ich weiß nicht, was man da für Tips geben kann. Ich bin seit Prem an Bord, aber ich hatte bisher noch keine Probleme."
Kurz, wie ein Blitz, zuckt wieder ein altbekanntes Bild vor ihrem geistigen Auge auf:
... ein großes Schiff, ein großer Mann in tulamidischer Kleidung, lächelnd, zu ihr herunter beugend...
Sie scheint durch Anman hindurch zu blicken, als sie weiterspricht.
"Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, dann liegt es mir wohl irgendwie im Blut."
"Keine Probleme.", wiederholt Anman,"Na, da kann man sich ja nur freuen."
Trotz seiner relativen Abneigung lässt Anman nun doch seinen Blick über das Wasser streifen. Die Wellen sehen imposant aus, zumindest für einen unerfahrenen Seefahrer wie Anman, und viele tragen Schaumkronen. Einige vereinzelte Möwen folgen dem Schiff immer noch, obwohl der Horizont nun nur noch die Andeutung des Landes zur Schau trägt. Anman fragt sich, ob manche dieser Seevögel dem Schiff wohl folgen werden und es bis zum nächsten Hafen oder sogar noch weiter begleiten. Die Wolken am Himmel hängen tief, so tief, dass sie sehr schnell dahingleiten. Nur ab und zu bricht die Sonne durch ihre dichte Decke, und ohne den stetig blasenden Wind wäre es auch angenehm warm. So gedenkt Anman, während des Vormittags auf jeden Fall noch etwas über zu ziehen.
´Kränker als jetzt will ich auf keinen Fall werden.´, denkt er dabei.
"Nun, werte Frau Fuxfell, oder darf ich Euch Phexane nennen ?", wendet Anman sich wieder der jungen Frau vor ihm zu,"Wohin seid Ihr denn unterwegs ?"
Phexane fixiert wieder Anmans Gesicht bzw. seine Augen, als er sie anspricht.
"Ich habe erstmal bis Belhanka bezahlt, aber ein genaues Ziel habe ich eigentlich nicht. Vielleicht gehe ich schon eher von Bord, vielleicht auch später."
Sie lächelt wieder freundlich, als sie weiterspricht.
"Ihr dürft mich Phexane nennen, wenn ihr mögt."
Dann aber blickt sie sich kurz um zu dem Comte.
"Da ihr ja neu an Bord seid, kennt ihr wahrscheinlich noch nicht so viele von euren Mitreisenden, richtig?"
Phexane macht eine einladende Geste in Richtung di Vespasio, der mit dem untersetzten Mann aus der Suite, den Phexane wiederum auch noch nicht kennengelernt hat, spricht.
"Wenn es euch genehm ist, würde ich euch gerne jemanden vorstellen, mit dem ich eben, bevor ihr gestürzt seid, über ein paar interessante Ereignisse in Salzerhaven gesprochen habe."
'So, wenn er darauf eingeht, lernt er einen weiteren Fahrgast kennen und der alte Frizzi ist nicht beleidigt, weil ich davongehuscht bin.'
NORDSTERN - Brücke: Der Befehl
Das Geräusch der Tür der Kapitänskajüte entgeht dem zweiten Offizier der NORDSTERN nicht, ebenso, wie ihm nicht entgeht, dass der Kapitän das Oberdeck betreten hat. Doch solange er das Brückendeck nicht betreten hat, oder ihm, Lowanger, eine entsprechende Anweisung gegeben hat, hat er das direkte Kommando über das Schiff noch nicht übernommen, so dass der zweite Offizier weiterhin nicht nur für das Steuer, sondern auch all das andere an Bord verantwortlich ist, darunter auch die Sicherheit.
Lowangers Blicke verfolgen die beiden Matrosen, die eifrig die Sicherungsleinen spannen, und auch der Fahrgast, der gestürzt ist, ist ihm nicht entgangen. Bei diesem Seegang ist das Deck wirklich ein gefährlicher Ort, und ein Sturz kann an ungünstiger Stelle sogar woanders als auf dem Deck enden, nämlich neben diesem, und das wäre in den meisten Fällen wohl tödlich. Bei dieser Fahrt braucht die Karavelle nämlich ein gutes Stück, um die Fahrt aus dem Schiff zu bekommen, eine Wende würde weitere Zeit dauern, und dann gäbe es das gewaltige Problem, in diesen Wellen einen einzelnen Schwimmer zu finden. Und selbst das ist nicht genug... das Bergen selbst wäre auch ziemlich gefährlich, denn eine Welle kann einen Menschen rasch mit großer Wucht an die Bordwand schleudern.
Ebenso klar ist aber auch, dass man bei diesem Wetter nicht verbieten kann, das Deck zu betreten, denn so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Aber das Problem ist ja glücklicherweise sehr einfach zu lösen...
Der zweite Offizier sieht, dass der Schiffszimmermann anscheinend gerade nichts weiter zu tun hat - das Herumstehen in der Nähe von Fahrgästen betrachtet Lowanger nicht als Arbeit.
"Ole!" ruft er dann laut, "wirf mal die lange Schleppleine aus, nur für den Fall, dass jemand über Bord geht!"
NORDSTERN - Oberdeck: Befehl ist Befehl
Es gibt da in verschiedenen Landstrichen Aventuriens eine Redewendung, die da lautet: Der schnellste Weg zu Boron's Hallen führt über unwerte Worte über die Mutter eines Thorwalers. dass Herr Di Vespasio für seine scharfen, sprachlichen Pfeile, die ja an und für sich den Schiffszimmermann treffen sollten, nun auch dessen Mutter in die Zielrichtung nimmt, hätte unter anderen Umständen durchaus ein tödlicher Fehler gewesen sein können.
Zunächst wird Ole leichenblass und sein Blick wird starr. Dann aber rötet sich sein Gesicht ins Unermeßliche und die Schläfenadern, soweit man sie unter seinem dichten, wirren Grauhaar sehen kann, treten hervor, als wollte sie den Kopf verlassen. Seine Fäuste ballen sich zusammen, dass die Knochen knackten und aus seiner Pfeife steigen nun keine Wölkchen mehr auf, sondern eine stete langgezogene Rauchsäule. Aus seiner Kehle dringt ein drohendes Knurren.
Für einen kurzen Moment, blitzen Bruchstücke früher Erinnerungen im Gedächtnis des 'Grauen Riesen', quälend schmerzende Andenken an eine Zeit voller Bitternis. Er sieht das Schwert seines Vaters, in ohnmächtiger Wut geführt, den Leib der Mutter durchdringend. Und sterbend versichert die Mutter dem Vater ihre unendliche Liebe und er hört wieder das Wehklagen des Vaters, als dieser erkennen musste, die tragischen Folgen seiner blutigen Raserei, die ihm die Frau und fast auch den Sohn genommen hatte.
Wahrlich - schlimmer hätte es der horasische Edelmann nicht treffen können. Er befindet sich nun in größerer Gefahr, als stünde er nackt und bloß in der Wildnis, eingekreist von einem großen Rudel hungriger Grimwölfe. Schon spürt Ole das Verlangen, seine Pranke auf den Kopf des edlen Herren zu legen und einfach solange zu zu drücken, bis der Knochen nachgäbe.
Es ist sehr wahrscheinlich dem Rufen des zweiten Offziers zu verdanken, dass Herrn Di Vespasio in diesem Moment die körperliche Unversehrtheit gerettet wird. Ole lauscht und entspannt sich zusehends. Wie war das? Welche Leine? Ach ja, die Rettungsleine - jetzt schon? Die Seegang ist doch noch einigermaßen. Wieso denn jetzt die lange Schleppleine?
Aber Befehl ist Befehl und Ole ist nicht ganz undankbar für diese Ablenkung, die ihm momentan sehr hilfreich ist, seine aufbrausenden Launen zu zügeln, um ihn vor unbedachten Handlungen zu bewahren. Und auf einmal kann Ole wieder grinsen. Es ist aber nicht das warme, freundliche Lächeln, mit dem er sonst seine Umgebung 'beglückt', sondern ein listiges, fast hinterhältiges Lächeln, dass dazu dienen soll, darauf hin zu weisen, dem augenblicklichen Frieden nicht allzu sehr zu vertrauen.
"Meine Mutter? Oh, edler Herr, meine Mutter hat mir sehr viele Dinge beigebracht!" erklärt Ole in einem geradezu gefährlich leisem Ton, verbunden mit dem Ausdruck seines beunruhigenden Lächeln, "Sie erklärte mir, dass man zu seinen Zahlungsverpflichtungen zu stehen hat, es wäre eine Frage der Ehre, hat sie mir erklärt. Sie lehrte mich, dass alle Dinge ihren Preis haben und hat mich allzeit gemahnt meinen Wert und den Wert meiner Arbeit zu erkennen und jederzeit in Rechnung zu stellen, nicht darüber, nicht darunter!"
"Und ... " mit diesem Wort bekommt Ole's Lächeln nun fast schon etwas dämonisches " ... sie hat mir eine Menge Tricks erklärt, wie man zahlungsunwilligen Kunden zur Läuterung verhelfen kann!"
Dann wendet sich Ole ruckartig ab. Er brüllt noch zu Lowanger hinauf:
"DIE SCHLEPPLEINE ... DAS WOHL, HERR!"
Dann macht er sich an die Arbeit .....
Natürlich ist Ole's Wut über diesen überheblichen Gecken noch nicht verraucht, auch wenn er äußerlich gefasst erscheint. Er atmet tief durch und schließt kurz die Augen. Beim SWAfnir, jetzt nur nicht die Wut über die Leidenschaft gewinnen lassen!
Ole ist nun ganz froh sie in die Arbeit stürzen zu können. Es gibt keine bessere Ablenkung als harte körperliche Arbeit. Das Ausrollen der Schleppleine ist allerdings nicht unbedingt eine der Lieblingsaufgaben des Schiffzimmermanns, aber immer noch besser, als still den Ärger in sich hinein zu 'fressen'.
Der 'Graue Riese' erreicht den Heckaufbau an Steuerbord. Es sind an beiden Seiten des Schiffes Schleppleinen aufgerollt, doch ist an Backbord durch den Aufgang zum Brückendeck weniger Platz, zu wenig für das filigrane Hantieren beim Entrollen der Leine.
Die Schleppleine ist immerhin nicht nur ein einfaches Seil, dass sogar eine Landratte ohne Mühe zusammen rollen und wieder auslegen könnte. In der Schleppleine sind in regelmäßigen Abständen Holzstücke eingeknotet, die, an sich, die Aufgabe haben das Seil, wenn es ausgeworfen wird über der Wasseroberfläche zu halten. Ihren heimlichen, aber vordergründigen Zweck allerdings finden die Holzstücke mehr darin, das Seil selbst ständig zu verknoten und zu verwirren, dass es eine Last ist, das Tau wieder auseinander zu bekommen.
Aber diese Schleppleinen sind schon wichtig. Ole kann sich gut an eine Begebenheit erinnern, die sich auf der MEERKEIL zugetragen hat. Ole hatte zu jener Zeit als Steuermann dort angeheuert. Eine riesige Welle fegte damals eine Passagier von den Planken des Oberdecks und der Unglückliche wäre bestimmt ertrunken. Niemals hätte man die MEERKEIL bei diesem Seegang gegen den Wind in einem derart engen Bogen wenden können, um den Verlorenen wieder aufzunehmen. Und so hat der Kapitän die lange Schleppleine auswerfen lassen. Gute fünfzig bis sechzig Schritt misst dieses Seil, lang genug, um jedem, der über Bord gegangen ist, eine echte Gelegenheit zu geben sich an einem der Holzstücke festzuklammern, um sich wieder an Bord ziehen zu lassen.
So ist es damals auch mit dem Verunglückten auf der MEERKEIL geschehen. Er konnte wieder an Bord gezogen werden, zumindest das meiste von ihm, denn von der Hüfte abwärts ist sein Körper im Rachen eines Hais zurückgeblieben, der sich für diesen unerwarteten Leckerbissen artig bedankt hatte. Nun - aber ertrunken ist er nicht, der Passagier! Ole betrachtet nun nachdenklich die Seilrolle.
'Verdammt, es ist verknotet , ich hab's doch gewusst!'
Ole seufzt und macht sich an die Arbeit, das Tauwerk zu entwirren.
NORDSTERN - Oberdeck: Phexanes 'Seitenwege'
´Vorstellen ?´, denkt Anman, ´Naja, dein Charme war schon mal besser, mein Freund. Normalerweise wollen sie nicht gleich jemanden vorstellen.....´
Anmans Blick folgt der ausgestreckten Hand. Einer der beiden Menschen dort sieht sehr gut gekleidet aus, teuer für solch eine Seereise. Anmans Blick wandert weiter und erkennt, dass am Aufgang vom Unterdeck Alberik aufgetaucht ist, und obwohl er einen seltsam starren Blick hat, winkt Anman ihm zu. Seitdem er nun an Deck gekommen ist, hat er zuerst Luft geschnappt, dann im Übermut etwas Frühsport gemacht und anschließend fast Übelkeit verspürt durch den Seegang. Immerhin, die Anstrengung seiner Bewegungsübungen haben nachgelassen, sein Herz schlägt wieder normal und langsam beginnt Anman sich weider wohl und sicher zu fühlen, obwohl die Wellen doch etwas kleiner sein könnten.
Er wendet sich wieder zu Phexane.
"Nur müßt Ihr mir versprechen, dass wir unser Gespräch einmal fortsetzen werden, werte Phexane.", spricht er sie an und untermalt seine Rede mit einem Lächeln.
Phexane nickt und lächelt.
"Natürlich können wir uns später noch weiter unterhalten. Ich werde wohl noch lang genug auf diesem Schiff bleiben."
Phexane setzt sich sich dann in Bewegung, rüber zu Frizzi, wobei sie sich nur einmal kurz zu Anman umdreht, bevor sie den Adligen erreicht.
"Entschuldigt, dass ich kurz verschwunden bin, aber einer der Passagiere war gestürzt," spricht sie di Vespasio an, doch dann fällt ihr etwas ein.
'Hups! Hoffentlich war er nicht gerade in ein Gespräch mit diesem kleineren Mann verwickelt! Sonst darf ich mir auch noch einen Tadel anhören müssen.'
Etwas unsicher geht ihr Blick zwischen Radisar und Frizzi hin und her.
NORDSTERN Oberdeck: Die Einladung
Di Vespasio ist sich natürlich nicht bewusst in welcher Gefahr er schwebt. Und das ist ja nicht das erste Mal. In gewisser Weise ist es erstaunlich, wie er bisher ohne größeren Schaden durch das Leben gekommen ist. Zumal er selbst davon überzeugt ist, jeder möglichen Gefahr auszuweichen.
'Der wird ja ganz weiß! Erstaunlich. Warst du etwa zu deutlich? Manche Leute können ja nicht so gut mit Kritik umgehen, mein Lieber. Möglicherweise ist ja doch ein wenig Diplomatie bei diesen Thorwalern angebracht.'
Als Ole den Befehl des Offiziers aufnimmt und davongeht ist er zunächst enttäuscht.
'Herr Lowanger würde das auch schon so verstehen, man muss doch nicht gleich brüllen! Besonders nicht wenn andere Leute direkt daneben stehen. Schade, dass dein kleiner Anstandsunterricht schon vorbei ist, die Gesprächlautstärke wäre auch noch ein Punkt, der anzusprechen wäre. Diese Thorwaler scheinen alle davon auszugehen, dass man taub ist.'
Di Vespasio streichelt sich behutsam mit den Fingerspitzen über das rechte Ohr, wie um zu überprüfen, dass noch alles da ist.
'Nicht taub, schwerhörig. Bei Tauben würde Brüllen nichts mehr bewirken. Aber die Mutter des Matrosen hat schon recht. Irgendwann muss man für alles Zahlen. Das gilt für schlechte Manieren ebenso wie für ... für andere Dinge. Manchmal haben diese einfachen Menschen wirklich tiefe Einsichten.'
Schnell sucht er seine Gesprächspartnerin, um ihr genau dasselbe mitzuteilen. Doch die ist ärgerlicherweise davon gehuscht. Wie treulos! Doch schon nähert sich eine neue Herausforderung.
"Ah! Herr Kummerer! Wie schön euch zu sehen. Ihr seid ja völlig aufgelöst. Immer mit der Ruhe, was kann es an einem praiosgefälligem Morgen wie diesem für einen Grund geben, so nervös zu sein?"
"Herr Di Vespasio .... !"
Radisar ist noch völlig außer Atem als wäre er von Neetha bis Unnau in einem Stück durch die Khom gerannt. So stützt er sich zunächst einmal Halt suchend an der Reling ab und atmet mehrmals tief durch, bis er endlich wieder souveräner Herr seiner Stimme geworden ist.
"Herr Di Vespasio, es ist tatsächlich so, das Gebot der Freifrau hieß mich sie zu suchen, um ihnen eine Nachricht der jungen Herrin zu überbringen."
Etwas schlapp hält der kleine, dicke Diener seinen müden Arm empor. In der Hand hält er die Nachricht Alkinoês an Herrn Di Vespasio und er reicht dem Comte das Schreiben zur Ansicht.
"Ich werde warten, bis ihr die Mitteilung gelesen habt, um danach euere Antwort zu übermitteln ...!"
Zwar drängen sich noch weitere Worte an die Lippen Radisars, doch schweigt er nun, auch wenn es ihm schwerfällt still zu sein.
"Ihr erlaubt?"
Di Vespasio nimmt die Karte entgegen und hält sie sich in eine Entfernung, die seinen Lesefähigkeiten entspricht.
'Ah, der bornländische Adel. Immer so prächtige, farbenstarke Wappen.'
'Im Namen Ihrer Hochgeboren, Freifrau von und zu Beibach und Bruch
bitte ich um die Ehre und das Vergnügen, Seine Edelhochgeboren, Comto
di Vespasio zu einem bescheidenen Dejeuner in der Suite begrüßen zu
dürfen.
Alkinoê Shilaiellys'
'Welch entzückende Handschrift, Frizzi. Die junge Dame hat wirklich einen bescheidenen, höflichen Stil. Wie selten findet man so etwas heutzutage noch.'
Der Adlige hebt die Karte und wedelt damit nachdenklich in der Luft, ganz ähnlich wie dies Alkinoê vorhin tat.
'Predigt oder nicht Predigt, das ist hier die Frage. Die Erfahrung zeigt, dass es nur von Nachteil ist, einen PRAiosgeweihten stehen zu lassen. Das ist so etwa das Schlimmste, was du tun könntest. Andererseits solltest du auch dein leibliches Wohl nicht vernachlässigen.'
"Sagt, werter Herr Kummerer, ist es schon angerichtet, oder bleibt noch etwas Zeit?"
Radisar räuspert sich.
"Nun, die Damen sind wohl noch .... bei den Vorbereitungen. Man darf annehmen, dass sich dies noch etwas hinzieht. Es ist schwierig unter den gegebenen Umstände einen angmessenen Empfang zu zelebrieren!"
Die Worte fließen dem kleinen, dicken Diener wie sämiger Fruchtsaft über die Lippen. Er wippt dabei auf seinen Zehenballen und zwirbelt dabei die Spitzen seines mächtigen Schnurrbarts nach oben. Radisar fühlt sich augenblicklich ungeheuer wichtig.
"Ich denke, es wird wohl die Zeit noch bleiben, um PRAios zu geben, was des PRAios ist! Ihre Gnaden Onaskje hat für die Andacht zum Vordeck gebeten, wie er mir in einem persönlichen Gespräch erklärte."
'Es steht zu vermuten, dass ihre Gnaden Onaskje jeden nah und fern persönlich zur Andacht eingeladen hat. Nun, damit sollte die Ordnung der Dinge geklärt sein. PRAios zuerst, und dann das Angenehme und Schöne. Nein, Frizzi, das war jetzt etwas übertrieben, schließlich bist du ein Diener aller zwölf Götter.'
Di Vespasio hört auf mit der Karte zu wedeln und hält sie so, dass der kleinere Mann sie bequem erreichen kann.
"Bitte überbringt der ... jungen Dame, meine allerbesten Komplimente, meinen Dank für ihre invitatio und, zusammen mit meiner Zusage, meine Versicherung, Ehre, Vergnügen und freudige Erwartung einer unvergeßlichen Gesellschaft wären ganz auf meiner Seite."
NORDSTERN - Gemeinschaftkabine: Die Wahl der Waffen
'Vielleicht sollte ich doch lieber den Felsspalter mitnehmen, und dafür den Lindwurmschläger hier lassen?'
Alberik nimmt seine Lieblingsaxt vom Boden und wiegt sie nachdenklich in beiden Händen.
'Aber wenn es wirklich zu einem Kampf kommen sollte - man kann ja nie wissen! - und ich dabei eine Waffe verliere, wäre es sehr nützlich, noch eine zweite Axt bei mir zu haben. Am besten nehme ich beide mit. Sicher ist sicher.'
Wieder könnte der Zwerg eigentlich schon fertig sein. Aber immer noch unzufrieden wendet er sich nun der letzten Waffe zu, die er noch nicht an seinem Körper trägt: Dem zweiten Wurfbeil.
'Soll ich es wirklich hier unten lassen?'
Kurz überlegt er, doch dann greift er entschlossen danach.
'Ach, wer weiß, was oben passieren kann. Da ist es sicherer auch noch ein zweites Wurfbeil dabei zu haben.'
Endlich zufrieden schiebt er auch noch dieses Beil unter seinen Gürtel, und mit einem Lächeln auf seinem Mund, der zwischen dem weißen Bart durchschaut, zeigt sich ein Lächeln, das nur die wenigsten bei Alberik, Sohn des Atosch, sehen konnten.
Glücklich über seine Auswahl der Waffen geht er auf den Ausgang aus der Kabine zu.
Der Weg von der Gemeinschaftkabine zum Aufgang ist schnell gefunden. Auch wenn Alberik erst einmal diesen Weg gegangen ist, so ist der Orientierungssinn der Zwerge ja schon beinahe sprichwörtlich, und bei so kleinen Strecken auf keinen Fall ein Problem für ihn.
Langsam geht er die einzelnen Stufen nach oben. In der Kabine hat ihm der Seegang noch nicht viel ausgemacht. Wenn man kleiner ist als der normale Mensch, hat man nicht so viele Probleme, sein Gleichgewicht zu halten. Aber auf der schmalen Treppe ist auch der Angroschim lieber vorsichtig.
"Können die das Schiff nicht mal ruhiger halten, oder ist das so ein großes Problem. Wahrscheinlich bin ich auf ein Schiff geraten, wo die gesamte Mannschaft einfach unfähig ist, so ein kleines schwimmendes Holzding gerade zu halten."
Verärgert über die Welt, die sich wieder einmal gegen ihn verschworen hat, erreicht er Schritt für Schritt sein Ziel. Endlich oben angelangt, holt er erst einmal tief Luft. Für einen Zwerg ist es schon ein wenig anstrengend, so viele Stufen nach oben zu klettern. Während sich sein Atem wieder beruhigt, schaut er sich auf dem Deck um, ob vielleicht Jarun oder Anman irgendwo herumstehen.
Tatsächlich entdeckt Alberik den Händler, mit dem er vorgestern den Abend verbracht hat.
Bei ihm steht eine Frau.
Und hinter den beiden erkennt er die einige Matrosen, die am Rand des Schiffes Seile befestigen.
Und dahinter....
....nur noch Wasser und Wellen. So weit der Zwerg sehen kann, entdeckt er nur die Weiten des Ozeans. Riesige Wellen, die an das Schiff schlagen, und das Deck überfluten.
Doch nicht die hohen Wellen, das Auf und Ab des Schiffes, der Seegang und der scharfe Wind sind es, die den Angroschim nun entsetzt überall hinschauen lassen.
Überall um das Schiff herum, wohin er auch blicken mag, kann er nichts entdecken. Nur Wasser. Überall Wasser.
Alberik fängt an zu schwitzen, obwohl ihm eiskalt ist. Sein Gesicht wird bleich.
Nichts als dieser weite, weite Ozean.
Sein Blick geht starr geradeaus über die Reling hinaus. Er nimmt nichts mehr wahr, was gerade in seiner nächster Nähe passiert. Der riesige Raum, der das Schiff umgibt, nimmt alle seine Gedanken ein.
Sein Atem geht schwerer. Es scheint ihm, als würde ihm etwas die Kehle zuschnüren. Seine Arme und Beine gehorchen ihm nicht mehr. Direkt hinter ihm liegt die Zuflucht, ein enger Gang, eine kleine Kabine. Aber er bleibt stehen, und sein Blick bleibt weiter auf das Meer gerichtet.
So ziemlich am entgegengesetzten Ende des Schiffes, in der Kapitänskajüte, wird der Kapitän fast zeitgleich mit der Bootsfrau mit dem fertig, was er gemacht hat - nämlich der Aufzeichnung der Geschehnisse des Vortages.
Mit raschen und oft vollzogenen Handgriffen vervollständigt er seine Kleidung, um dann ebenso rasch die Tür der Kapitänskajüte zu öffnen, und auf das Oberdeck hinaus zu treten.
Der Anblick, den das Meer ihm dort bietet, überrascht ihn nicht - zum einen hat er dies bereits durch das Fenster gesehen, und zum anderen fällt es ihm überhaupt nicht schwer, sich dies einzig anhand der Bewegungen der Karavelle vorzustellen. So ist seine erste Sorge auch, die Tür hinter sich sogleich wieder zu schließen, denn er möchte nach Möglichkeit kein Seewasser im Inneren der Kajüte, was weder für die Einrichtung, noch für die Bücher besonders günstig wäre.
Erst danach tritt er ein kleines Stück von der Tür weg und bleibt in der Nähe des Großmastes stehen. Rasch erfassen seine Augen die Lage auf dem Oberdeck - Fahrgäste, die plaudern, Matrosen, die arbeiten, und Matrosen, die Sicherheitsleinen spannen. dass Lowanger daran gedacht hat, verwundert den Kapitän eigentlich nicht, schließlich ist der andere ein sehr erfahrener Seemann, und dieses Wetter rechtfertigt das sehr wohl.
Ebenso klar ist, dass an der Stelle kein Wort der Anerkennung nötig ist - zwischen ihnen beiden läuft so etwas ohnehin in den allermeisten Fällen wortlos ab, und Dinge, die einfach nötig sind, bedürfen dann auch keiner weiteren Erwähnung mehr.
Angesichts der doch recht großen Anzahl von Fahrgästen auf dem Deck geht Jergan entgegen seiner eigentlichen Absicht jedoch noch nicht zu Lowanger auf das Brückendeck empor, sondern bleibt erst einmal in der Nähe des Großmastes auf dem Oberdeck stehen.
NORDSTERN - Brücke: Anselm forscht ...
In mittlerweile gewohnter Manier steigt Anselm den Aufgang zum Brückendeck hoch, sieht, dass dort ein Mann steht, der anderen Befehle zuschreit und geht daher davon aus, dass er besagten zweiten Offizier vor sich hat.
"Verzeiht, seit ihr der zweite Offizier, Herr Lowanger?" spricht er ihn ohne lange Überlegungen an.
Der zweite Offizier der NORDSTERN sieht zufrieden zu, wie Ole sich an die Umsetzung des Kommandos macht, und sich sogleich nach achtern begibt, um die Leine auszuwerfen. Auch das Spannen der Sicherungsleinen verläuft einwandfrei, alles ist also so, wie es sein soll. Und...
... schon spricht ihn ein Fahrgast an, der den Kapitän auf dem Oberdeck wohl ignoriert hat, oder diesen nicht belästigen will.
"Jawoll, der bin ich", antwortet er knapp, ohne Fragen zu stellen - wenn der andere etwas möchte, wird er das wohl schon sagen.
"Ah gut. Nun, ich wollte wissen, warum die NORDSTERN bereits mitten in der Nacht abgelegt hat. Es erscheint mir doch etwas verfrüht..."
Anselm schaut sich kurz um und bemerkt jetzt erst, dass ja auch der Kapitän auf der Brücke steht.
'huch, den hab ich ganz übersehen. Bin wohl doch noch nicht ganz aufgewacht..'
Der zweite Offizier ist über diese Frage nicht sonderlich erfreut, ist er doch kein Freund großer und langer Erklärungen. Aber das kann er den Fahrgast, der da schließlich höflich gefragt hat, natürlich nicht spüren lassen, und so antwortet er bedächtig, während er die NORDSTERN weiter durch geschickten Einsatz des Steuers durch die Wellen manövriert:
"Wir haben gestern zu später Stunde einen überaus wichtigen Auftrag übernommen. Es geht darum, einen heiligen Gegenstand des EFFerd von Salzerhaven nach Havena zu bringen, und zwar so, dass er vor dem Fischerfest dort eintrifft."
Wann das Fischerfest ist, und was das ist, das erwähnt er nicht weiter - der EFFerdtreue Seemann geht schlicht davon aus, dass dies jeder Zwölfgöttergläubige weiß.
"Aus diesem Grunde sind wir in der Nacht ausgelaufen - sobald das Artefakt an Bord war, und wir unsere nötigen Vorbereitungen abgeschlossen haben. Wir..."
Eine besonders heimtückische Welle zwingt Lowanger, an dieser Stelle erst einmal den Mund zu halten, und statt dessen das Steuerrad fast bis zum Anschlag nach Steuerbord zu kurbeln. Dennoch trifft der Brecher klatschend auf die Steuerbordseite des Vorschiffes, so dass das Wasser einige Schritt hoch spritzt und das Vordeck samt Rotze mit einer eindrucksvollen Ladung Wasser aus einiger Höhe überschüttet.
Ebenso rasant dreht der zweite Offizier das Steuer wieder zurück, so dass die Karavelle nur sanft schaukelt, als sie die nächste Welle nimmt und zurück auf den idealen Kurs findet.
"...haben es darum recht eilig", setzt er den Satz schließlich ruhig fort, als wäre nichts besonderes passiert.
NORDSTERN - Oberdeck: Sigrun bei der Arbeit
Sigrun arbeitet konzentriert, als sie den Befehl Lowangers an Ole hört.
'Ob das nicht vielleicht doch etwas viel des Guten ist? Aber es kann bestimmt nicht schaden, diesen Passagieren, die sich hier versammeln als wären wir auf einer Vergnügungsfahrt, zu zeigen, dass sie ein wenig vorsichtig sein sollten.'
Aus dem Augenwinkel nimmt sie wahr, dass Nirka ein wenig in ihre Richtung geht. Doch sie lässt sich nichts anmerken: Arbeit bleibt Arbeit - zumindest auf dem Oberdeck und unter den Augen des Kapitäns.
Gerade ist Sigrun dabei, die eben gespannte Leine auf ihre Sicherheit zu überprüfen, da fällt auch schon der erste Passagier um. Ein kurzer Blick in seine Richtung zeigt ihr, dass ihm nicht viel passiert sein kann und sich auch eine weitere Passagierin bereits um ihn kümmert. Bei diesem Blick bemerkt Sigrun allerdings noch etwas Anderes.
Fast sämtliche Passagiere scheinen ausgerechnet bei diesem Seegang das Oberdeck aufsuchen. Nun ja, ein wenig kann Sigrun dies verstehen, die frische Luft ist ja auch durchaus hilfreich, wenn der Magen nicht derartige Schaukelbewegungen gewöhnt ist. Doch ist es für die Matrosen ein alt bekanntes Leid, dass ihnen die Passagiere immer gerade dann im Weg stehen, wenn viel (und vor allem schnell) zu tun ist.
'Naja, hoffen wir, dass wenigstens niemand dumm genug ist, sich zu weit über die Reling zu lehnen,' denkt die junge Matrosin und wählt zielstrebig als nächstes eine Leine aus, deren bereits befestigtes Ende sich an der Reling direkt inmitten des 'Passagierauflaufs' befindet. Geschickt entrollt sie das Seil und befestigt das andere Ende mit einem besonders sorgfältig ausgeführten Knoten. Dabei bewegt sie sich zwischen den Passagieren hin und her und bemerkt auch Ole, der sich offensichtlich mit dem gutgekleideten Herren unterhält. Doch nimmt sie ansonsten weder die Gesichter noch die Gespräche der anwesenden Personen wahr, sie weicht ihnen einfach aus, wann immer es erforderlich ist und geht ihrer Arbeit nach.
Als sie sich davon überzeugt hat, dass diese Leine besonders fest und sicher sitzt, wendet sie sich ab, um zu der Stelle zurück zu kehren, an der sie zuvor ihre Arbeit unterbrochen hat. Ein Blick über das Oberdeck zeigt ihr, dass sowohl Nirka als auch der Kapitän selbiges gerade betreten haben. Ein kleines Lächeln schleicht sich bei Nirkas Anblick auf ihr Gesicht, doch schon eine Sekunde später ist es verschwunden und Sigrun wirkt verschlossen und konzentriert.
Die Bootsfrau setzt ihren Weg fort, und so steht sie nach wenigen Augenblicken so ziemlich in Sigruns Nähe.
"Guten Morgen, Sigrun!" sagt sie sehr leise, so dass es im Donnern der Wellen fast untergeht, und bestimmt nur von Sigrun gehört wird, und ergänzt dann viel lauter, und ganz sicher nicht nur für die Matrosin neben ihr bestimmt, sondern auch für die anderen Seeleute auf diesem Teil des Decks:
"Wenn ihr an der Reling hantiert - achtet mal auch darauf, dass die Speigatten nicht verstopft sind. ich möchte nicht, dass unnötig Salzwasser hier auf dem Deck steht."
Bei diesem Seegang kommt es nämlich öfter mal vor, dass Wasser über Bord kommt, und auch, dass kleinere Dinge oder Abfall, leichtsinnigerweise auf dem Deck liegengelassen, durch die Bewegungen des Schiffes oder das abfließende Wasser in die Speigatts geraten, und diese dann blockieren, so dass das Wasser nur langsam oder gar nicht mehr an der betreffenden Stelle abfließen kann. Und Wasser auf dem Deck macht dieses unnötig glatt und damit gefährlich.
Zwar bemerkt Sigrun, dass Nirka immer näher kommt, doch sie blickt erst auf, als die Freundin ihr einen guten Morgen wünscht.
"Auch dir einen guten Morgen", antwortet sie, nachdem Nirka auch ihre Anweisung beendet hat. Sie spricht leise, um dem Eindruck, sie würde genau diese Anweisung kommentieren, nicht zu stören.
"Viel geschlafen hast du wahrscheinlich nicht?"
Das ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Sigrun weiß, dass Nirka zu der Gruppe gehört, deren Verwicklung in etwas merkwürdige Umstände zu dem plötzlichen Aufbruch der NORDSTERN geführt hat. Und wenn jemand ganz sicher mehr als eine Hand anlegt bei einem nächtlichen Aufbruch mit reduzierter Mannschaft, dann diese Bootsfrau.
Nirka wendet sich ebenfalls ein wenig ab, um den Eindruck, den sie beide in der Öffentlichkeit der NORDSTERN erzeugen wollen, nicht zu stören. Während sie sich ganz in der Nähe zu Sigrun an der Reling bückt, um einige Seilreste aus einem der Speigatts zu ziehen, antwortet sie leise, als würde sie diese Arbeit oder die von Sigrun kommentieren.
"Das stimmt, es war ja viel zu tun. Vielleicht so zwei Stunden, eher weniger. Es gab viel zu tun, ehe wir auslaufen konnten, und der Kapitän wollte nicht mehr Leute wecken, als ohnehin schon wach waren."
Sie sammelt noch einen zweiten Seilrest auf, der vielleicht sogar noch von den Fesselungen nach der Meuterei stammt, und wirft ihn über die Reling, um dabei zu fragen:
"Aber ich denke mal, du bist total neugierig, was denn nun los ist - oder hat dir das schon jemand erzählt?"
Grinsend blickt Nirka dabei wieder in Richtung der Freundin.
NORDSTERN - Am Großmast: Der Kapitän und der Priester
Jergan greift nach der ihm dargebotenen Hand und drückt diese grüssend und ziemlich fest.
"EFFerd zum Gruße! Mein Name ist Jergan Efferdstreu, und ich heiße Euch hiermit auch noch einmal persönlich willkommen an Bord dieses Schiffes."
Er lässt seinen Blick kurz zum Vordeck schweifen, dann nickt er.
"Ich werde wohl in einigen Augenblicken dann auch nach vorne kommen, um der Andacht beizuwohnen. Seid aber bitte vorsichtig, bei diesem Seegang kann das Vordeck leicht ein sehr feuchter Ort werden."
In der Tat ist es das auch zum Teil schon - der eine oder andere Brecher hat beim Eintauchen des Vorschiffes schon seinen Weg über die Reling auf die dortigen Planken gefunden, und dann durch die Speigatten wieder hinaus.
Mit kräftigem Druck erwiedert Onaskje den Handgruss:
"Jau, vorsichtig werde ich sein, die Mannschaft spannt ja sogar schon Sicherheitsleinen. Ein wenig der Vorsicht kann wahrlich nicht schaden."
Es ist nicht so, dass er Vorsicht nicht zu schätzen weiß, jetzt jedoch genießt er die kräftige Schaukelei in vollen Zügen. Dank seines sprichwörtlichen gußeisernen Magens sind die heftigen Bewegungen des Schiffes nichts weiter als eine Erinnerung an seine späte Jugendzeit, als er sich auf der 'Wanderbarsch', einem kleinen Flußschiff einige Silberlinge verdiente.
Mit vor Vergnügen leuchtenden Augen strahlt er den Kapitän an, nickt "Bis