- Logbuch der NORDSTERN -

Im Hafen von Salzerhaven (Teil 2: Die letzte Fahrt der ZYKLOPENAUGE) - 26. Efferd, 28

In SALZERHAVEN - Am Kai: Der Boroni


Draknuh sieht sich um und entdeckt zwei Männer, die sich von rechts dem Anleger nähern.

Er nähert sich langsam dem Kai, um einen besseren Blick auf den Schiffsrumpf zu bekommen. Außerdem kann man ihn dort besser sehen - schließlich wurde ja extra ein Matrose nach den Boronis geschickt.



Schweigend betrachtet Lowanger, wie Menschen zur NORDSTERN gehen, und wie welche sie verlassen. Er sieht auch, daß eine weitere Gruppe von Menschen auf dem Weg zum Anleger ist, und zwar aus der Richtung, in der er das Hafenamt weiß. Nun, dann ist es endlich soweit, daß man sich von offizieller Seite darum kümmert.

Auf dem Anleger dagegen entdeckt er eine dunkle Gestalt, die wohl ganz eindeutig aus einem ganz bestimmten Grund hier ist.

"Der Boroni ist da", sagt er leise in Richtung Phaylions, während er zugleich in Richtung des dunkel Gewandteten eine einladende Geste macht.



Mit starren Augen sieht Phaylion zu dem angesprochenen Boroni hin.

"Ich sehe ihn", spricht er gleichmütig. Jetzt könnte es gefährlich werden. Gefährlich für den Gesandten, oder für den Boroni? Vor der Geweihtenschaft hat Phaylion noch nie Angst gehabt.



Draknuh sieht die Garde kommen und sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnen. Da ihn bisher niemand angesprochen hat, versucht er der Gasse, die die beiden Bewaffneten ihrem Herrn bilden, in wenigen Schritt Abstand zu folgen.

Der Stab, vor ihn gehalten, soll das plötzliche Schließen des Weges verhindern.



NORDSTERN - An der Planke: Jarun und Anselm


"Sehr erfreut, Herr Feuerbach!"

Erst jetzt wo Phexane nicht mehr auf ihn einredet, kommt Jarun dazu seinen Gegenüber genauer anzuschauen. Sein Beruf oder der Grund der Reise läßt sich an hand seiner Kleidung nicht feststellen.

"Wie weit werdet ihr auf der NORDSTERN reisen, Herr Feuerbach?"



'Na, als hätte ich es nicht geahnt, ein weiteres Verhör. Nun gut, soll mir recht sein. Rattern wir das Lügennetz ein weiteres mal herunter.'

"Nun, das Ziel meiner Reise ist Kuslik, Herr Jarun. Aber bevor ich mich mit ihnen in ein längeres Gespräch vertiefe... möchte ich vorher..."

Anselm hat schnell entdeckt, daß er und sein baldiger 'Zimmerkamerad' nicht alleine sind. Er bemerkt daß die Frau, welche Jarun vorhin ansprach immer noch dasteht, und dies nur tut um ihn und Jarun zu belauschen. Er blickt die Frau recht zweifelnd an und fragt:

"Sucht ihr was?!"



'Kuslik, aha. Ganz toll ... naja, so weiß ich zumindest, wohin er will.'

Phexane beobachtet immer noch die beiden Männer, etwas, was nun auch Anselm auffällt.

'Was ich suche? Einen Beutel voller Dukaten, wertvolle Edelsteine ... Pffffh! Ziemlich blöde Frage!'

"Hm, ja!" sagt sie schlicht.



Seltsamer Ton, den der neue Passagier anschlägt, denn schließlich war er es doch, der die Unterhaltung von Phexane und Jarun unterbrochen hat. Und übersehen, kann er das eigentlich nicht haben.

"Ähm,..." Bevor Jarun auch nur ein richtiges Wort herausbring, das den neuen Passagier tadeln soll, entschließt er sich, erst einmal doch zu schweigen. Schließlich war Phexane in den letzten Minuten nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen.

'Ich hoffe nur sie ist nicht zu überrascht, um eine geeignete Antwort auf diesen Herrn Feuerbach zu werfen.'

Aber Jaruns Entscheidung steht fest. Er riskiert doch nicht noch einmal eine solche Beleidigung wie beim Aufgang. Immerhin sind ja doch einige Menschen in Hörweite und er hat ja schließlich einen Ruf zu verlieren. Bevor SIE sich nicht bei ihm entschuldigt hat, wird über ein 'Seid gegrüßt' und 'Schönen Tag' nichts mehr über seine Lippen kommen.

Also verschränkt Jarun die Arme vor der Brust und starrt zum Brückendeck. Immer in der Hoffnung Alberik möge ihn endlich aus dieser unangenehmen Lage befreien.



Phexane hört den Pfiff der Freifrau und blickt kurz zu ihr und dem Schiffszimmermann. Nun nimmt sie auch bewußt das Mädchen wahr, daß auf Oles Armen liegt.

'Die Ärmste! Sie sieht noch so jung aus. Diese Piraten müssen wahrhaft feige und hinterhältige Ratten gewesen sein! Solche Überfälle sind wahrlich nicht phexgefällig! Das ist eher schon dämonisch!'

Doch dann dreht sie ihren Kopf wieder zu den Herren, bei denen sie steht.

'War eine knappe Antwort. Aber warum sollte ich ihm erzählen, was ich eigentlich von Jarun wollte?'

Auf einmal meldet sich in ihren Gedanken eine Stimme zu Wort, die sie lieber überhören möchte:

'Aber eigentlich wäre es doch besser, wenn ich mich bei Jarun entschuldigen würde ...'



"Ah, ja. Nun gut, Herr Jarun, wie bereits gesagt, möchte ich nun schnell den Kapitän davon in Kenntnis setzten, daß ich nun die Doppelkabine mit belege. Wir können uns ja auch später..." Anselm schaut zu Phexane "...noch unterhalten."

Kaum hat er zu Ende gesprochen fährt er zusammen, als wäre ihm der Namenlose persönlich erschienen. Dabei war es nur der Pfiff der Freifrau.

'Welch ekelhaftes Geräusch' denkt Anselm und reibt sich das Ohr. Doch als er sich umdreht um den Grund des Pfiffes zu erfahren, sieht er wie ein großes Matrose ein kleines Mädchen, anscheinend eine derer, die den Angriff auf die ZYKLOPENAUGE überlebt haben, in die Suite trägt. Mitleid keimt in ihm auf und auch in seinem Geiste huschen Worte wie '...warum...' umher.

Leicht betreten und kopfschüttelnd stapft er wieder in Richtung Brückendeck um den Kapitän von seiner 'Umbuchung' in Kenntnis zu setzen.



'Hm, schade! Er will nichts mehr weiter erzählen. Na ja, egal!'

Phexane wendet sich mit einem erwartungsvollen Lächeln Salzerhaven und der Planke wieder zu.

'Endlich runter von diesem Schiff! Jetzt geht es erst mal rein ins Vergnügen!'

Vor ihrem geistigen Auge tauchen noch einmal die Ereignisse dieses Tages auf: Der alte Mann, der sich in der Kabine übergeben mußte, ihre unfreiwillige Rutschpartie und das anschließende Stiefelputzen, das Gespräch mit Ole im EFFerdschrein, das Gebet an EFFerd, das kurze Gespräch mit diesem eigenartigen Frizzi, das Wrack, Torin Rotmarder ....

Phexanes Lächeln erstirbt wieder.

'Noch ein Grund mehr, mich in Salzerhaven zu vergnügen und den Tag zu vergessen! Aber schön, daß ich Efferdan wiedergesehen habe. Auch wenn ich ihn nicht gleich erkannt habe.'

Bevor Phexane die Planke hinabgehen will, dreht sie sich noch einmal zu Jarun um und grinst diesen vielsagend an.

"Phex mit euch!" sagt sie leise und blickt Anselm kurz hinterher.



NORDSTERN - Oberdeck: Sigrun und Nirka


"Bei EFFerd!"

Es ist mehr ein lautes Flüstern als ein Rufen, das sich der erschrockenen Sigrun entringt. Zwar kann sie im Dämmerlicht nicht viel erkennen, aber daß sich das Schiff, auf das Nirka deutet, in einem sehr schlechten Zustand befindet, bemerkt sie auf den ersten Blick.

"Das sieht schlimm aus ..."

'Wie konnte ich nur dabei weiter schlafen?'



Nirkas Blick folgt dem von Sigrun nicht, sondern mustert die Freundin dabei von der Seite, so daß sie den Ausdruck des Schreckens im Gesicht der anderen aus nächster Nähe wahrnimmt.

"Das ist noch nicht alles", fährt sie dann leise fort. "Die Piraten haben aus Gründen, die wir noch nicht verstanden haben, alle Menschen, die sich auf dem Schiff befunden haben, umgebracht. Zumindest haben sie es versucht, aber das ist nicht ganz gelungen. Zwei haben überlebt. Der eine ist irgendeine wichtige Persönlichkeit, der energisch von uns gefordert hat, daß wir das Wrack abschleppen, statt nur ihn zu übernehmen. Der Kapitän hat das dann auch gemacht, nachdem jener Mann ohne jedes Zögern eine riesige Summe dafür angeboten hat. Und die andere - das ist ein junges Mädchen, das Ole gerade nach unten trägt. Sie lag bewußtlos zwischen den Toten - EFFerd sei Dank, daß der Kapitän sich auf die Sache mit dem Schlepp eingelassen hat, sonst wäre sie jetzt vielleicht schon nicht mehr am Leben."

Die Bootsfrau zeigt dabei auf den Menschenauflauf am hinteren Niedergang, wo Ole mit seiner lebenden Fracht mitsamt seinen Begleitern sich aufhält.



Sigrun erblaßt bei Nirkas Worten. Zwar hat ihr der Blick auf das stark zerstörte Schiff schon gezeigt, daß die Piraten kaum etwas an seinem Fleck gelassen haben, aber mit einer solchen Grausamkeit hat sie nicht gerechnet. Nur ein leises "Oh nein!" ist zu hören, bevor ihr Blick der von Nirka angedeuteten Richtung zum hinteren Niedergang folgt. Dort scheint wirklich eine ganze Ansammlung von Menschen zu sein, doch genaueres läßt sich in dem Zwielicht nicht mehr ausmachen.

Sigrun ist zwar neugierig, aber nicht sensationslüstern und die Neuigkeiten stimmen sie sehr betroffen. So bleibt sie neben Nirka stehen, die Augen auf den Niedergang gerichtet.



Nirka fährt mit der Erzählung erst einmal nicht fort - ihre Worte wirken zusammen mit dem, was von den Ereignissen noch "übrig" ist, genug nach. Die Bootsfrau erhebt sich statt dessen von dem Windengehäuse, und stellt sich neben Sigrun.

"Ich verstehe das ganze nicht. Wie können Menschen so etwas tun? Ich habe noch von keinen Piraten gehört, die sinnlos die ganze Mannschaft niedermetzeln - einfach so, ohne jedes erkennbare Motiv."

Die Stimme der Bootsfrau ist dabei sehr leise, und es schwingt deutlich hörbare Betroffenheit mit.



Sigrun blickt nun wieder zu Nirka und schüttelt langsam den Kopf.

"Von so etwas habe ich auch noch nicht gehört."

Die Bilder, die sich bei der Vorstellung der Zustände auf dem anderen Schiff aufdrängen, sind schrecklich. Zwar ist sich Sigrun natürlich bewußt, daß Überfälle von Piraten nicht völlig auszuschließen sind, doch bisher hatte sie an eine trügerische Sicherheit geglaubt.

Die häßlichen Bilder, vor allem aber auch Nirkas betroffener Gesichtsausdruck, halten sie davon ab, genauer nachzufragen. Hat Nirka das furchtbare Resultat selbst gesehen? Nein, sie wird es erzählen, wenn sie möchte, aber im Moment ist es wohl einfacher, das Thema etwas neutraler zu betrachten.

Sie macht eine kurze Pause und fährt dann fort:

"Aber vielleicht ist noch etwas anderes geschehen, etwas von dem wir nichts wissen."



"Das ist gut möglich. Vor allem wir hier auf der NORDSTERN wissen ja längst nicht alle Details, denn im Grunde gabs ja noch keine Gelegenheit, mit Trolske, Ole oder dem Herrn Lowanger zu reden, die von uns drüben waren. Wobei sie so etwas Wichtiges wie die Gründe aber bestimmt herüber gerufen hätten..."

Die Stimme der Bootsfrau klingt nach wie vor recht nachdenklich.

"Was mir aber schon nach dem ersten Kontakt recht klar war - dieser Überlebende erzählt nicht alles. Vielleicht erfahren wir endlich mehr, wenn das verletzte Mädchen geheilt ist, oder wenigstens bei Bewußtsein ist."

Sie weist dabei wieder nach achtern, wo die Freifrau gerade die Suite für diesen Zweck anbietet.

Die Freifrau... Nirka kommt schlagartig wieder das Gespräch an der Rotze in den Sinn - und auch jener Fehlschuß, von dem Sigrun auch noch nichts weiß, und auch nichts...

'Nein', korrigiert sie sich in Gedanken, 'Sigrun ist meine Freundin, natürlich werde ich ihr das erzählen, auch wenn es eine Sache ist, die ich besser verdränge. Aber sie wird es erfahren.'

Doch vorerst beginnt sie damit nicht, denn angesichts der momentanen Situation wäre so ein vergleichsweise banales Thema irgendwie kaum angemessen.



Irgendwie klingt der Ton, in dem Nirka den Überlebenden erwähnt, skeptisch, findet Sigrun.

"Wer ist er denn, dieser Überlebende?"

Auch sie bemerkt das, für die Freifrau recht ungewöhnliche Angebot, doch so sehr wundert sie sich nicht. Nur jemand völlig unmenschliches würde in diesem Fall nicht seine Hilfe anbieten!



Nirka zuckt mit den Schultern.

"Ich habe da nur das gehört, was er ganz zu Anfang gerufen hat, als er sich dem Kapitän vorgestellt hat. Der Name klang recht merkwürdig, so, wie die Leute auf den Zyklopeninseln sich eben nennen. Irgendwas mit 'Pfei' oder so. Er hat gesagt, daß er der Abgesandte eines dortigen Seegrafen ist - also anscheinend eine wichtige Persönlichkeit. So, wie er mit dem Geld umgegangen ist, glaube ich das auch gerne... kannst du dir das vorstellen - er zahlt uns zweihundert Dukaten für den Schlepp von vielleicht dreissig Meilen!"

Nirka zeigt dabei wieder einmal kurz in Richtung des Wracks, das so, wie es aussieht, kaum diese Summe wert ist, und in das man wohl ein Mehrfaches investieren müßte, um es wieder in ein Schiff zu verwandeln.

Gleichzeitig tritt sie ein klein wenig von der Winde weg, und verringert so den Abstand zwischen sich und der Matrosin.



Sigruns Gesichtsausdruck wandelt sich von erschrocken und mitleidig zu ungläubig.

"Zweihundert Dukaten!?"

Noch hat Sigrun ja nicht viel erfahren, aber eins ist sicher: hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu.

"So viel Geld für ein Wrack!"

Obwohl ihre Gedanken um die Fragen um das Abschleppen des anderen Schiffes kreisen, wird sich Sigrun Nirkas zunehmender Nähe bewußt. So lange schon hatten die beiden keine Zeit mehr füreinander. Mit einer plötzlichen Vertrautheit beugt sie sich zu Nirka herüber.

"Du riechst so gut!"



Nirka nickt nur bei der erschrockenen Bemerkung zu der Geldsumme, und auch bei der zweiten Bemerkung, die das Wrack betrifft, den dies versteht sie ebensowenig wie Sigrun. Aber das, was sie dennoch vielleicht dazu sagen wollte, wird durch die nächsten Worte Sigruns gleich sehr weit verdrängt.

Die Bootsfrau macht noch einen Schritt in Sigruns Richtung, und läßt den Abstand zwischen ihnen beiden damit von "sehr nah" auf "kein Abstand mehr" schrumpfen.

"Du auch", flüstert sie zurück, während ihre Hand sich, gegen neugierige Blicke sehr gut durch ihrer beider Körper abgeschirmt, in die der Matrosin schiebt.



Ein Lächeln huscht über Sigruns Gesicht. Die alte Vertrautheit zwischen Nirka und ihr scheint unter der Zeit, in der sie sich kaum sehen konnten, nicht gelitten zu haben. Nicht wirklich hatte sie daran gezweifelt, aber ein wenig Unsicherheit hatte sich schon eingeschlichen, in den langen Stunden, die sie allein nachts auf dem Vordeck verbracht hatte. Leicht drückt sie Nirkas Hand und fragt leise:

"Wahrscheinlich hast du furchtbar viel zu tun im Hafen, oder?"

Sie weiß, daß die Hoffnung, Nirka könnte ein wenig Zeit über haben, kaum berechtigt ist, aber fragen kann ja nicht schaden ...



Nirka erwidert den Händedruck ebenso sanft, wie Sigrun es tut, während sie leise antwortet:

"Eigentlich hatte ich gedacht, daß ich hier im Hafen bis in die Nacht hinein mit unserer angeschlagenen Rudermaschine beschäftigt sein würde, aber durch diese Schleppfahrt hat sich die Ankunft ja jetzt so verzögert, daß wir sicher heute keinen Schiffbauer mehr antreffen werden, der uns da helfen kann. Also ist die Rudermaschine morgen dran, und ich denke, ich sollte jetzt durchaus Zeit für WICHTIGE Dinge haben."

Sie lächelt dabei, und muß sofort an Laderäume denken, die man ja kontrollieren müßte, oder an viele Dinge, die man in Salzerhaven tun könnte - wobei... sie ist sich im Moment nicht so ganz sicher, ob Jergan sie hier von Bord lassen würde.

Doch sie verdrängt diese Gedanken rasch, denn Sigruns Nähe ist etwas, das sie genießen möchte, und fragt leise zurück:

"Hast du denn eine Idee?"



Als Nirka von wichtigen Dingen im Gegensatz zur Reparatur der Rudermaschine spricht, kann Sigrun sich ein Grinsen trotz der belastenden Gedanken nicht verkneifen. Doch irgendwie fände sie es nicht richtig, sich unter diesen Umständen mit Nirka einfach in eine der verschwiegenen Ecken des Schiffes zurück zu ziehen, so wie die beiden Frauen es schon oft außerhalb ihrer Dienstzeiten getan haben.

"Meinst du, daß wir für ein paar Stunden von Bord gehen können? Ich würde am Liebsten mit dir in eine ruhige Taverne gehen, eine, wo man sich in Ruhe unterhalten - und ... ansehen - kann."



Wieder huscht ein Grinsen über Nirkas Gesicht, das von einem sanften und nur für Sigrun spürbaren Händedruck begleitet wird.

"Ansehen... ja, das ist wirklich sehr wichtig."

Wieder einmal trifft ihr Blick auf Sigruns Gesicht, und versucht, den Blick der anderen Frau einzufangen, während sie leise weiter spricht.

"Ich denke, das sollte machbar sein, auch wenn ich mich in Salzerhaven nicht so gut auskenne wie in Prem. Ich müßte nur den Kapitän fragen, aber das sollte nicht das Problem sein, denn schließlich sollte ich wirklich noch mal in die Stadt gehen, um zu sehen, ob der Schiffbauer, an den wir uns wenden wollen, noch arbeitet, und ob vielleicht doch schon jemand zu sprechen ist. Ich denke, er wird nichts dagegen haben, wenn ich eine Matrosin mitnehmen, was meinst du?"

Bei dem letzten Satz verstärkt sich das Grinsen im Gesicht der Bootsfrau wieder, während ihr Blick nicht aus Sigruns Gesicht weicht.



"Das hört sich doch gut an", antwortet Sigrun. Sie drückt noch einmal Nirkas Hand, bevor sie sie losläßt und sich leicht zur Brücke wendet. Der Kapitän wirkt dort sehr beschäftigt, doch Nirka läßt er selten lange warten.

"Dann suchen wir einen Schiffbauer. Um diese Zeit finden wir die sowieso nur in den Tavernen. Dabei können wir uns gleich ein wenig umsehen und uns etwas hübsches aussuchen."



Die Bootsfrau nickt langsam, während ihr Blick dem der Matrosin zur Brücke folgt. Jergan ist anscheinend gerade mit Fiana beschäftigt - etwas, wobei Nirka sich besser nicht einmischt, denn sie kann die erste Offizierin nicht besonders gut leiden.

"Das ist richtig - in einer Taverne sollten wir da sicher Erfolg haben. Wobei mir der Sinn momentan zumindest für uns dann eher nach einem ruhigen Gasthaus steht - wie sieht das bei dir aus? Und... wie gut kennst du dich eigentlich in Salzerhaven aus?"



"Hm, also ich war nur einmal hier und da sind wir in einer Taverne gelandet, die ... Naja, das wär' wohl nicht so das Richtige."

Sigrun überlegt. Damals hatten ein Großteil der Besatzung und auch einige Passagiere ihres Lehrschiffes den Aufenthalt im Hafen zu einem ausgiebigen Landgang genutzt. Wenn sie sich doch nur erinnern könnte, wie das Gasthaus hieß, von dem der erste Offizier so angetan gewesen war.

'Was es irgendwas mit Ponys? Oder Pferden? Hmm?! ... KUTSCHEN! Ja, das war's!'

"Unser erster Offizier war damals ganz begeistert von irgend etwas mit einer Kutsche. Die ganze nächste Woche hat er uns damit in den Ohren gelegen, wie gut er auf der gepolsterten Bank gesessen hat und das der Wein gar keine Kopfschmerzen gemacht hat."

Erwartungsvoll sieht Sigrun Nirka an. Ob so etwas den Vorstellungen der Bootsfrau für den heutigen Abend entspricht?



Erfreut beginnt Sigrun eifrig zu nicken.

"'Zum Fröhlichen Kutscher', ja, genau, das war's!"

Sie ist erleichtert, daß Nirka ihr Vorschlag gefällt und auch froh, daß ihre Freundin sich ebenfalls ein wenig in Salzerhaven auskennt. So ganz genau kann sie sich dann doch nicht an die Beschreibung erinnern, die ihr damals gegeben wurde und sie war sich nicht sicher, ob sie den Weg allein gefunden hätte.

Sigrun freut sich sehr auf den langersehnten gemeinsamen Abend. Etwas nervös beginnt sie daher, allerdings ohne es zu merken, von einem Fuß auf den anderen zu treten.

"Was meinst du, sollen wir dann bald losgehen? Es ist schon ganz schön spät und wenn wir erst noch einen Bootsbauer suchen müssen ..."

Erwartungsvoll blickt sie Nirka an.



Sigrun schließt sich Nirka auf dem Weg zum Brückendeck an. Die Vorfreude steht ihr ins Gesicht geschrieben, als sie meint:

"Dann kann es ja eigentlich keine Probleme geben - zumindest, wenn es keinen Grund gibt, daß wir an Bord bleiben müssen. Aber ich glaube, es sieht ganz gut aus, wenn selbst Fiana von Bord gehen kann ... Soll ich mitkommen oder willst du uns zusammen abmelden?"



NORDSTERN - Brücke: Jergan und Aleara


"Nun, das nicht gerade. Ich nahm einfach an, daß das geschehen würde, hätte ich sie gefragt. Immerhin gibt es noch einiges zu erledigen, und..."

Wieder einmal stockt die blonde Frau in ihrer Rede

"...um ehrlich zu sein, ich glaube sie ist in letzter Zeit nicht besonders gut auf mich zu sprechen. Ich wollte ihr aus dem Weg gehen."

Leise und mit niedergeschlagenen Augen fügt sie an:

"Und wahrscheinlich hat sie sogar recht. Ich bin wirklich ein wenig - verwirrt seit, naja, Prem."

Was ist bloß aus der zuverlässigen, eifrigen, höflichen und immer lächelnden Aleara geworden, die in Riva das Schiff bestiegen hatte? Immer häufiger ertappt sie sich dabei, bei der Arbeit gedankenverloren und unkonzentriert zu sein, und ebenso häufig entfallen ihr auch die selbstverständlichsten Dinge.



Jergans Ärger verfliegt gleich wieder ein wenig, als Aleara Prem und die dortigen Ereignisse erwähnt, die sich in seinen Augen immer noch nicht ganz aufgeklärt haben. Die Aufklärung war damals, nach der Abfahrt aus Prem, ja schon einmal ziemlich weit vorangeschritten, doch ausgerechnet in dieser Situation kam es zu der Meuterei und deren Niederschlagung, was dann die Frage, was mit Aleara geschehen ist, erst einmal in den Hintergrund verdrängt hat. Auch Thorwal hat kaum Gelegenheit geboten, sich damit zu befassen, denn da mußte gegen die üblen Machenschaften Thorbens, des ehemaligen zweiten Offiziers der NORDSTERN, der die Meuterei entfacht hatte, und sich rächen wollte, angekämpft werden.

"Nun", beginnt der Kapitän schließlich, "ich werde bei Gelegenheit mal mit Nirka deswegen reden. Aber zurück zu dir: Was möchtest du denn in Salzerhaven tun?"

Er fragt dies weniger neugierig, als vielmehr so, als sei es sein volles Recht, eine solche Frage zu stellen, und auch eine Antwort darauf zu erhalten.



"Ich möchte mir die Beine vertreten. Außerdem würde ich mich gern mal wieder unters Volk mischen. Hier an Bord sieht man ja doch immer nur die gleichen Gesichter." antwortet Aleara brav. Nicht, daß es den Kapitän etwas anzugehen hätte; nur, daß sie unter seinem Kommando ihren Dienst tut gibt ihm nicht das Recht, sich in ihre Angelegenheiten zu mischen.

Aber dennoch antwortet sie, denn es gibt keinen Grund etwas zu verschweigen...



Die Antwort, die die Matrosin gibt, ist nicht die, die der Kapitän erwartet hat. Es ist eine ganz normale Antwort, die wenig oder nichts mit dem zu tun hat, was Aleara widerfahren ist. Aber vielleicht ist das ihre ganz persönliche Art, mit dem Problem umzugehen...

Er denkt ganz kurz nach, dann nickt er schließlich.

"In Ordnung. Dein Landgang sei erlaubt, aber fall bitte auf dem Rückweg nicht wieder in das Wasser."

Ein Lächeln begleitet die letzten Worte, was aber ziemlich aufgesetzt wirkt, denn dem Kapitän ist nicht zum Scherzen zumute - nicht, wenn nur wenige Schritt vor dem Bug seiner Karavelle ein Wrack mit fast zwei Dutzend Toten liegt, die vor gar nicht mal so langer Zeit auf grausame und so sinnlose Weise aus dem Leben geschieden sind.



Alearas Gesicht wird kreidebleich ob Jergans letzter Worte, sie reißt die Augen so weit auf, daß man Angst haben muß sie könnten heraus fallen.

Nachdem sie das Schiffsoberhaupt so einige Herzschläge lang anstarrt, macht sie sie "auf dem Absatz" (freilich trägt sie keine Schuhe) kehrt und rennt in atemberaubendem Tempo die Treppe aufs Oberdeck hinab, dabei keinerlei Rücksicht auf den vom Schiffsmagus herbei gerufenen Orgen nehmend. Unten angelangt hastet sie wie vom Namenlosen gehetzt gleich weiter Richtung Planke.



Kopfschüttelnd sieht Jergan der Matrosin hinterher. Er unterdrückt den Impuls, sie zurück zu rufen, denn eigentlich dürfte er sie nicht von Bord gehen lassen, wenn sie alleine die Erwähnung dessen, was in Prem geschehen ist, derart schockiert. Alleine... er kann sich jetzt nicht weiter um sie kümmern, und auch Ole, der wohl dazu noch viel besser in der Lage wäre, ist mit einer anderen, sehr wichtigen Mission befaßt.

So beschränkt Jergan sich darauf, sich fest vorzunehmen, mit der Matrosin am nächsten Tag zu reden, und wendet sich nun wieder den anderen Dingen zu, die zu tun sind.

Zuerst wäre das die Versorgung der Mitfahrwilligen - eine Aufgabe, der sich Fiana und Ottam bereits angenommen haben. Der Kapitän sieht kurz zu der Gruppe, die bei Fiana steht - aus den Wortfetzen, die er auffängt, entnimmt er, daß dort die Verhandlungen bereits abgeschlossen sind, oder zumindest keine Probleme aufgetreten sind.

Auf der anderen Seite hat Ottam einen der Matrosen gerufen, der auch schon fast wieder auf dem Weg nach unten ist - auch das scheint klar - hier ist man sich einig geworden, und zeigt dem Fahrgast wohl die Kabine.

Kabine? Der Kapitän runzelt die Stirn. Ist da nicht aus Ottams Richtung, kurz bevor Aleara so rasant verschwunden ist, das Wort 'Doppelkabinenhälfte' an seine Ohren gedrungen? Naja... Ottam muß wissen, was er tut, wenn er die armen Matrosen dermaßen verwirrt.

Jergan Efferdstreu geht einige Schritte nach vorne, bis er schließlich direkt neben dem Abgang zum Oberdeck an der vorderen Reling des Brückendecks stehenbleibt, und wieder etwas nachdenklicher auf das Oberdeck herabblickt.



In weiterhin rasendem Tempo hastet Aleara über die Planke und nach Salzerhaven hinein. Schnellen Schrittes läuft sie - ja, wohin eigentlich? Jedenfalls erst einmal weg vom Schiff, irgendwohin wo es ruhig ist. So läuft sie einige Zeit einfach gerade aus, erst am Kai entlang und dann durch die Stadt am Wasser so gut daß eben möglich ist.



In SALZERHAFEN - Am Kai: Die Hafenwache


Die beiden Wachen folgen Cephiro durch die Menge. Auch sie haben keine großen Schwierigkeiten, sich den Weg durch die Menge zu bahnen. Immerhin tragen sie ja ihre Uniformen und, was wahrscheinlich der entscheidendere Grund ist, sie sind bewaffnet. Und der Anblick der Äxte der Salzerhavener Hafenwachen sind anscheinend ein "schneidendes" Argument den Weg frei zugeben



"Woll, war er wohl auch nich' begeistert von, aber der Kerle da an Deck" Hjaldar deutet auf Phalyion "hat halt 'nen Batzen Gold dafür gelassen, daß das Stück Treibgut geschleppt wat. Heb ich Dir ja schon verteelt."

Hjaldar wendet sich zu seinen Gesprächspartner um, als er ebenfalls am Anleger die dunkel berobte Gestalt mit dem Boronstab ankommen sieht. Instinktiv zeichnet er das Zeichen des gebrochenen Rades vor sich in die Luft, geht aber einen halben Schritt in die Richtung auf den Boroni zu und winkt ihn her, auf die ZYKLOPENAUGE zu.



Cephiro bleibt neben Hjaldar stehen und folgt dann mit den Augen dessen Arm.

"Das ist also dieser seltsame Überlebende." meint er dann zu Hjaldar "Dann werd ich mir mal anhörn, was er zu sagen hat. Irgendeinen Grund muß er ja für seine Aktion haben. Ihr entschuldigt mich?" erklärt er Hjaldar seine Absicht und macht sich dann bereit, über die Planke an Bord der ZYKLOPENAUGE zu gehen. Es sieht so aus, als würde er nur noch anstandshalber warten, bis Hjaldar seine Absicht registriert hat.

Dabei bemerkt er, daß sich hinter seinen Wachen noch jemand durch die Menge gekämpft hat.

'Dem Aussehen nach kann das nur ein Boroni sein... na der kann sich ja dann gleich an die Arbeit machen... zu tun gibt es da ja genug für ihn. Hier hat jemand ganze Arbeit geleistet' denkt Cephiro, während er seinen Blick genauer über die Reste der ZYKLOPENAUGE schweifen läßt.

'Ja, wink ihn nur gleich her, Matrose, dann geht es schneller' denkt er sich noch, als er sieht, wie Hjaldar dem Boroni zuwinkt.



Endlich scheint ihn jemand wahrgenommen zu haben - da winkt jemand. Draknuh geht in die ihm gewiesene Richtung.

'das Schiff sieht mitgenommen aus - kein Wunder, wer sich auf unsichere Gewässer begibt....'



NORDSTERN - Oberdeck: Alkinoês Schattenreise


...Gibt es, oder gab es überhaupt etwas anderes als das Nichts? Ist das Nichts Alles oder Alles Nichts? Hat der Zeitenfluß geendet, ist alle Zeit der Welt vergangen und ein Welt ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft angebrochen? Oder dehnt sich der Zeitfluß nur unendlich langsam, was mathematisch einem Stillstand gleichkommt ...? Eine unendlich schnell rasende Zeit könnte ebenfalls nicht mehr wahrgenommen werden, würde wohl gleichfalls als Stillstand empfunden, läuft letztlich auf eines hinaus:

NICHTS!!!!!

...nicht, daß Alkinoê in der Lage wäre, sich solche, oder ähnliche Gedanken zu machen. Von ihren Gefühlen jedoch hat das Nichts Besitz ergriffen, läßt sie abstumpfen, auf eine fast angenehme Weise gleichgültig werden, gleichgültig dem gegenüber was sie war und ist. Hat sie einmal einen Namen gehabt? Unbedeutend! Gab es Menschen, die sie liebten und von ihr geliebt wurden? Unwichtig! Hat sie schlimme oder gute Dinge getan in ihrem Leben, sich schuldig gemacht oder ist sie zum Opfer anderer geworden? Alles ganz gleichgültig! Auch die schrecklichen Erinnerungen hat sie weit hinter sich gelassen, die Bilder kommen nicht mehr an sie heran, können sie nicht mehr erreichen.

Hat sie einmal versucht, ein Ziel zu erreichen? Hat sie jemals einen Sinn gesehen in diesem lautlosen Tasten durch das Nichts?

Was bedeutet ein Name, wenn niemand ihn ausspricht?

Was bedeuten Menschen, die nicht mehr real sind?

Was bedeutet Schuld, die keiner verurteilt?

Was bedeuten Erinnerungen, die nicht mehr gedacht werden?

Und das Mädchen, das bald alle Gedanken, Gefühle und Erinnerungen hinter sich gelassen hat, bewegt sich weiter durch das Nichts.



NORDSTERN - Oberdeck: Der Heiler


Es ist zwar sehr ärgerlich, daß es nicht weitergeht, hier am Niedergang, doch nutzt Ole die unverhoffte Rast, seine zarte und zerbrechliche Last zu beobachten, vielleicht spricht sie ja auch wieder und er hätte es dann, vor lauter Hast, nicht bemerkt.

Gewiß, das schummrige Licht mag seinen Teil dazu beigetragen haben, aber der Schiffszimmermann erschrickt, als er dem Mädchen ins Gesicht blickt, das vormals weiß gewesen war und nunmehr aschgrau und eingefallen wirkt. Nun wird es sich offenbar sehr bald entscheiden, ob .....

"NEIN!" brüllt Ole, halb entsetzt und zur anderen Hälfte trotzig, als wolle er sich gegen etwas Unvermeidbares aufstemmen. SO darf es nicht enden !! Es kommt Bewegung in den 'Grauen Riesen'. Er drückt Alkinoê ganz fest an sich, umschlingt sie so, als müsse er sie schon jetzt gegen den Zugriff Golgari's verteidigen. Nein, Ole wird nicht aufgeben, nicht jetzt und auch sonst nicht ....

Sachte drückt er mit der linken Hand das Haupt des Mädchens gegen seine mächtige Brust, so daß Alkinoês Kopf mit jedem seiner Atemzüge sanft geschaukelt wird. Mit sonorer Stimme singt er ihr immer wieder Lieder ins Ohr und wiegt sie zu Takt der Musik. Allerdings wird seine Stimme brüchig, der Kummer und die Angst um das Mädchen drücken ihm langsam die Kehle zu.

Eine Sorgenträne löst sich aus Ole's Auge, rinnt kurz über seine Wange, über seinen dichten Langen Bart hinweg und fällt nur ein kurzes Stück, um dann lind auf Alkinoês Wange zu landen. Dort wandert die Träne weiter, an den Wangen des Mädchens entlang und es scheint so zu sein, als ob die Träne auf ihrer Bahn, Alkinoês Haut wieder frisch und rosig erscheinen läßt.

"Gibt nicht auf, kleine Blume, löse dich. Dort, wo du jetzt bist, da hast du nichts verloren - du gehörst zu uns! Komm zurück, kleine Blume, komm zurück!"

Immer wieder flüstert Ole Zuspruch in das Ohr des Mädchens, er ist sich sicher, daß sie ihn hören kann, dort, im Raum zwischen Leben und Tod, dort wo NICHTS eine Bedeutung hat und eine gefangene Seele jede Hilfe gebrauchen kann.

Den Pfiff der Freifrau kann Ole gar nicht hören, aber er sieht sie winken und er sieht ihre Zeichen, die auf die offene Suitetüre hinweisen. Dann wird ihm klar, was die Edelfrau will.

Sofort setzt er sich in Bewegung.

"Herr Magister Durenald, hier entlang - schnell!"



Zügig schreitet Trolske voran, auf Ole zu, der noch immer am Niedergang steht und auf Durchlasz wartet.

´Wer steht denn da im Weg, sieht und hört der denn nichts?´ denkt der Matrose verärgert. Doch da ist auch schon Abhilfe in Sicht, in Form der Freifrau von Beibach und Bruch, die ihre Suite als Krankenquartier anbietet.

Der Heiler schaut derweil auf die junge Frau in den Armen des Seemanns.

´Bei allen Zwölfen, sie ist ja noch ein Kind!´ denkt er erschrocken. Ohne weiter auf den Matrosen zu achten, wendet sich Ulfried Bellentor an die Menschen vor der Suite, "PERaine zum Grusze, Ulfried Bellentor ist mein Name, ich bin der Heiler, nach dem geschickt wurde."



Fast erschrocken dreht Darian sich um, als er den lauten Pfiff hört. Er erkennt die Freifrau Reckinde, die anbietet, das Mädchen in der Suite unterzubringen.

´Das ist eine gute Idee.´

Gerade will er Ole Draggensson darauf hinweisen, dasz sich ein anderes Quartier gefunden hat, da setzt der Graue Riese sich auch schon in Bewegung. Wortlos folgt der Adeptus dem Schiffszimmermann in Richtung Suite.



'Nun, da der Heiler bereits aufgetaucht ist, muß ich mich wirklich fragen, ob ich hier überhaupt noch gebraucht werde. Aber was begonnen wurde, sollte auch zu Ende gebracht werden.'

Und so macht sich schließlich auch Fargus auf den Weg, um das junge Mädchen endlich nach Dere zurück zu holen.



Es klingt wie ein Sinn entleertes Plappern, doch es ist ein Kampf, ein Ringen um die Seele eines kleinen Mädchens. Ohne Kraft liegt Alkinoês Kopf an Ole's Schultern und die Arme hängen herab, so wie bei einer Gliederpuppe in der Hand eines spielenden Kindes. Noch immer hält sie ihre Augen fest verschlossen. Ihre Gesichtsfarbe wird nun immer grauer und 'gesprochen' hat sie schon seit geraumer Zeit nichts mehr. Und dennoch reden Ole auf sie ein:

"Höre, kleine Blume, höre - das Meer rauscht, Wogen und Wind spielen miteinander und der Horizont ist grenzenlos. Kann du es sehen, kleine Blume? Das ist das Nirgendmeer und eine Reise darüber hinweg ist eine Reise durch die Sphären.

Höre, kleine Blume, höre - das Meer rauscht, Ebbe und Flut wechseln sich treu einander ab und die Wolken zeichnen ein wunderbares Panaroma. Kannst du es spüren, kleine Blume? Das ist das 'Meer der Sieben Winde' - die Heimat derer, die so sehnsüchtig auf dich warten, die auch DEINE HEIMAT ist!

Höre, kleine Blume, höre - das Meer rauscht, die Wellen des Meeres sind wie Musik und Tanz in einem und der Wind trägt dich wie ein Blatt und es ist schön sich treiben zu lassen. Und dennoch mußt du gegen den Strom kämpfen, gegen den Wind angehen, denn du LEBST und dann wirst die die Reibung als Zärtlichkeit spüren und dein Drängen wird dir die Kraft bringen, die sich zu uns zurückführen wird. Laß dich nicht länger treiben, sondern suche deinen Platz in unsrer Mitte .... "

So spricht Ole auf Alkinoê ein, Schweiß steht ihm auf der Stirn, schon ist sein rotes Stirnband klatschnaß. Seine Augen sind starr ins Nichts gerichtet, als könne er die Seele des Mädchens in einer anderen Welt erblicken. Dennoch trägt er sie sicher und seine Schritte sind wohlgezielt.

Der alte Schiffszimmermann trägt Alkinoê in die Suite. Obwohl die Türe kleine und schmal ist, schlüpft er mit seiner teuren Last hindurch, ohne den Rahmen überhaupt berührt zu haben. Der kleine Diener der Freifrau hat ein Lager gerichtet. Dort bettet Ole das Mädchen hin, fährt ihr noch liebevoll durch das Haar, streicht noch eine kleine, vorwitzige Haarsträhne, die sich in Alkinoês Mundwinkel verfangen hatte, aus dem Gesicht des Mädchen und tritt widerwillig zurück, um Herrn Darian Platz zu machen. Außerdem müßte der Heiler jeden Augenblick eintreffen ....



Ole bettet Alkinoê bereits in der Suite, als Darian ebenfalls die Tür erreicht. Gerade will der Adeptus ihm folgen, als der Mann, der mit Trolske an Bord gekommen ist, offensichtlich der bestellte Heiler, die Suite erreicht und sowohl alle als auch niemanden anspricht. Da Darian an der weiteren Heilung Alkinoê wohl nicht mehr mitwirken können wird, kann er ja wenigstens die Aufgabe übernehmen, den Heiler über den Zustand des Mädchens zu informieren.

"Angenehm, Darian Durenald," antwortet er, auf Titel und Herkunft verzichtet er angesichts der Tatsache, dasz man hier nun wirklich keine Zeit für Floskeln verschwenden sollte, "Ihr kommt gerade recht, unsere Patientin wird gerade wieder zu Bett gelegt. Wir fanden sie auf dem Wrack, dasz Ihr da vorne sehen könnt," den letzten Satzteil begleitet er mit einem Fingerzeig Richtung ZYKLOPENAUGE.

"Wir haben ihre physischen Wunden bereits weitestgehend versorgt, alle Blutungen sind gestillt und auch die Knochen gerichtet und geschient. Allein, sie ist noch immer bewusztlos, es scheint geradezu als wollte sie gar nicht wieder aufwachen."

Im letzten Satz schwingen hörbar Betroffenheit und Ratlosigkeit mit.

Ulfried hört sich die Erklärungen des jungen Magus geduldig an. Als der Mann zuerst davon erzählt, das eigentlich alle Arbeit schon getan ist, ist er doch etwas verwirrt.

´Warum läszt man mich dann rufen?´

Doch dann rückt der Adeptus endlich mit dem wesentlichen heraus.

"Sie will nicht aufwachen, sagtet ihr?" antwortet er mit einer Mischung aus Erstaunen und Erschrecken.



NORDSTERN - Oberdeck: Alberik und Jarun


Alberik macht sich auf zur Treppe. Immer noch ist ein Lächeln unter dem weißen Bart zu sehen. Der Grund dafür ist ein Gefühl, das dem Zwerg sagt: Heute wird ein guter Abend, heute wird noch alles so laufen, wie er es sich wünscht.

Ein Matrose kommt zum Brückendeck herauf gestürmt und meldet sich beim Kapitän, kurz bevor der Zwerg die Treppe erreicht. Dann betritt dieser die Stufen.

Von oben nach unten sind diese viel einfacher zu bewältigen als andersherum, trotzdem muß Alberik jede Stufe einzeln bewältigen. Zuerst einen Fuß auf die nächste Stufe, dann den anderen. Die linke Hand liegt auf dem Geländer, um Halt zu verschaffen.

Es dauert seine Zeit, aber dann ist er endlich unten angekommen. Mittlerweile hat sich das gute Gefühl noch en wenig verstärkt, so daß über die Lippen sogar ein Lied kommt und der Zwerg fröhlich vor sich hin pfeift, als er sich weiter auf den Weg zu Jarun macht.



"Möge PHExens Umhang eure Taten verhüllen."

Jarun wendet sich von Phexane ab und geht schnellen Schrittes zu Alberik.

'Jetzt einen lieblichen Weißwein. Hoffentlich kennt er ein gutes Gasthaus.'



Alberik ist schon auf dem Weg von der Treppe zur Planke, als er sieht, wie Jarun auf ihn zu kommt. So treffen sie sich ziemlich genau zwischen diesen beiden Punkte.

Der Zwerg entlastet seine Schulter wieder und stellt seine Axt auf den Boden neben sich.

"Jarun, mein Freund! Du hast doch sicherlich Lust auf ein kühles Bier."

Er spricht ewas lauter, so daß man ihn in der Nähe auch hören kann.

"Ein Händler, den ich vorhin am Kai kennengelernt habe, hat mich auf eines eingeladen. Und vielleicht spendiert er Dir ja auch eins, wenn Du ihm die Geschichte erzählst, wie Du hier in Salzerhaven so bekannt geworden bist."

Dabei zwinkert er dem Gaukler verschwörerisch zu.



"Ja, aber sicher. Je mehr, desto besser. Aber ich würde einen guten Wein einem Bier vorziehen. So was gibt es doch sicher auch hier in Salzerhafen. Du hast doch schon sicher einige Tavernen ausprobiert und kannst eine empfehlen, oder?"

Dabei greift er noch einmal prüfend zu seinem Geldbeutel, um sich zu vergewissern, daß sein Geld nicht mehr in der Kabine liegt. Der neue Passagier, mit dem er die Kabine teilt schaut zwar nicht gerade phexisch aus, aber vorsicht geht vor nachsicht.



Alberik kratzt sich nachdenklich am Kopf.

"Also, da gibt es einmal die 'Springende Salzerelle', in der ich auch war, bevor dein Schiff hier angekommen ist. Das Bier ist ganz gut und nicht zu teuer, die Gesellschaft ist normalerweise auch nicht unangenehm, nur der Fischgeruch stört, aber den kriegst du wohl aus dieser Stadt nicht heraus, den findest du überall.

Und dann gibt es noch die 'Schwimmende Laute' ein paar Straßen weiter. Da ist das Bier aber zu wässrig. Wenn du aber eine lustige Geschichte hören darüber hören willst, wie der Name dieser Wirtschaft zustande gekommen ist, mußt du mal mit dem Wirt reden."

Ein leichtes Grinsen huscht über Alberiks Lippen, der die Geschichte anscheinend schon gehört hat.

"Doch wir haben uns selber genug zu erzählen, deswegen würde ich die Salzerelle bevorzugen. Außer du bist mittlerweile besseres gewohnt, denn dort verkehren hauptsächlich Hafenarbeiter. Oder du willst mit deinen Anhängern dort draußen feiern, aber die befanden sich zum Teil auch in der Salzerelle, als du angekommen bist."



"'Salzarelle', hört sich gut an. Ich könnte nämlich auch noch eine Kleinigkeit essen."

Wieder schaut Jarun zu den Menschen am Kai.

"Ich nehme an sie werden uns folgen. Naja, mir war eh nicht nach einem ruhigen Abend. Wenn euer Begleiter soweit ist, können wir aufbrechen."



"Wo Du gerade von meinem Begleiter redest..."

Alberik schaut zum Brückendeck, um sicher zu gehen, daß Anman noch immer dort steht und auch noch keine Anstalten macht, hinunter zu kommen. Mit der linken Hand winkt er Jarun zu sich hinunter, anscheinend will er ihm etwas mitteilen, was nicht für alle Ohren bestimmt ist.



Jarun folgt etwas irritiert dem Blick des Zwergen. Doch dann beugt er sich ohne zu zögern zu ihm herunter, denn für Geheimnisse ist er immer zu haben.



NORDSTERN - Unterdeck: Torin wartet


Noch immer blickt Torin zur Türe der Gemeinschaftskabine. Längst hätte etwas geschehen müssen. Doch auf die gerufene 'Bitte' des Schiffszimmermannes hin wartet er vergeblich.

Und doch mußte auf dem dunklen Gang des Unterdecks etwas interessantes zu sehen sein, denn sonst hätte sich die junge Druidin sicher schon davon abgewandt.

Schatten huschen über die hölzernen Wände der Gemeinschaftskabine. Wie gespenstische Boten zucken sie auch über die Decke. Doch es ist nicht nur das Licht der Öllampe, die den engen Raum erhellt. In das gelbweiße Licht der Öllampe, mischen sich kaum merklich die rötlich-weißen Schlieren, die vom Kristallknauf seines Stabes ausgehen.

Langsam macht sich Unmut über die lange, sinnlose Wartezeit in Torin breit. So stemmt er sich von der Koje in die Höhe und steht auf. Gemächlich und neugierig geht er auf die Türe und damit auch auf die Druidin zu. Instinktiv versucht er, das leises Knarzen der Bretter unter sich zu verhindern. Über Joannas Schulter blickend, spricht er sie über ihre Schulter hinweg an.

"Sagt, was genau ist da draußen jetzt los?"



Doch die junge Druidin scheint ihn gar nicht wahrgenommen zu haben. Steif wie ein Brett steht sie unter dem Türrahmen und blickt starr in die Düsternis des Ganges.

'Seltsam, vorhin war sie noch so voller Leben und nun starrt sie nur einfach in die Dunkelheit. Sie sind eben ein Volk für sich, diese Druiden.'

Torin seufzt in Gedanken. Dann huscht er an ihr vorbei in die Richtung, die vor ihm auch der hellhäutige Matrose genommen hat.

'Diesem Matrose... wie konnte er es nur wagen... Frau Fuxfell zu...'

Er knurrt leise.



NORDSTERN - Unterdeck: Efferdan, der Helfer


Unten angekommen, sieht sich Efferdan um. Noch immer hat sich hier eine »Menschentraube« -wie er findet- versammelt. Alrik, die junge Frau - und der Mann, der vorhin im Laderaum so traurig war kommt wieder aus der Kabine.

`Der andere Junge fehlt...`

Drei Menschen auf so engem Raum... was wollen die alle hier? Keiner macht Anstalten sich zu Bewegen, etwas zu Tun oder zu Sagen - sie stehen einfach nur da...

Ein Schauer läuft Efferdan das Rückrat hinunter.

`Was macht Wasuren nur so lange? Warum sind wir nicht schon in der Segellast?...`

Da fällt ihm der Grund ein, weswegen er wieder hier hinunter geklettert ist - eine Verletzte sollte hinunter gebracht werden.

Hastig macht Efferdan den Weg frei, tritt vom Aufgang weg - und auch von den drei anderen hier versammelten Menschen. Das die Pläne für die Unterbringung der Verletzten mittlerweile geändert wurden, hat er (noch) nicht mitbekommen...

Nach ein zwei Schritten bleibt er stehen. Wartet, lauscht.

`Die müßten doch jetzt herunterkommen. Schließlich... halt was war das?`

Efferdan dreht den Kopf zur Seite, als seine feinen Ohren durch das Knarzen und Rollen des Schiffes hindurch einen Aufprall und einen Schmerzenslaut vernehmen.

`Was... das ist jemand hingefallen. Aber wer? Wo?`

Efferdan lauscht angestrengt, ob er nicht noch ein weiteres Geräusch vernehmen kann, daß ihm mehr Aufschluß verleiht.

`Sollte vielleicht Bescheid sagen, die anderen haben anscheinend nichts gehört...`

"Äh Alrik..." hallt Efferdans helle Stimme unsicher in Richtung des Schiffsjungen.

"Ich... ich glaub, da ist jemand hingefallen... und... und hat sich vielleicht... verletzt...."



Etwas verwirrt starrt ALRIK nach oben, doch am Aufgang ist immer noch nichts weiteres zu erkennen. Das übliche Geschrei und der Lärmpegel vom Oberdeck aus, dringt wie gewohnt in die Tiefe. Doch ansonsten geschieht nichts weiter. Keine Verletzten, keine Menschenmengen, die sich den Weg nach unten bahnen. Noch nicht einmal Wasuren meldet sich mehr. Verflixt noch mal! So viel Geschrei um nichts und wieder nichts!

'Und wenn sich Wasuren jetzt deswegen verdrückt hat, weil er nicht mit mir an Land gehen wollte - bitte soll er doch! Den Golddukaten kriege ich auch alleine ausgegeben, daran soll es wohl nicht scheitern.'

Während sich ALRIK noch insgeheim ärgert, schwatzt Efferdan bereits wieder irgendwas von einer weiteren Person, die sich möglicherweise verletzt hat.

"Ist mir doch egal," mault ALRIK sichtlich angenervt zurück, "hier ist eben schon der erste Verletzte nicht aufgetaucht."

Unwirsch deutet ALRIK mit den Armen in die Richtung des Aufgangs.

"Wenn sich jemand verletzt hat und Hilfe braucht, dann wird er wohl danach rufen!"



"Äh...???"

Erschrocken sieht Efferdan mit großen Augen zu Alrik hinüber. Das Verhalten des Schiffsjungen hat ihn schon etwas erschreckt. Andere hätte vielleicht nur mit den Schultern gezuckt und gedacht, daß Alrik eben noch ein Kind ist, doch der sensiblen Efferdan - der ohnehin wenig im Umgang mit und im Erklären des Verhaltens von Menschen erfahren ist - kann sich kaum vorstellen, wie jemand so gleichgültig sein kann - jedenfalls ein jemand von der Mannschaft.

Zwar weiß er, daß es "böse" Menschen gibt - wie beispielsweise die grausamen Piraten, die die ZYKLOPENAUGE überfallen haben - aber bisher hatte er eigentlich gedacht, daß alle Menschen auf der Nordstern - na ja, zumindest die Matrosen - nette und "gute" Menschen wären... Na ja, es gab zwar schon einige Ausnahmen in den letzten eineinhalb Jahren, wie zum Beispiel die große Meuterei, aber Efferdan hielt das für unglückliche Ausnahmen. Oder sollte er wirklich zu wenig über die Matrosen wissen... nun ja, er war wirklich die meiste Zeit alleine gewesen, hatte ihre Gesellschaft gemieden und sich lieber dem Meer zugewandt. Sollte er sich geirrt haben?

`Nein, das kann nicht sein!`

Efferdan beschließt, daß Alriks ruppiges und gleichgültiges Verhalten wohl nur darauf zurückzuführen ist, daß Alrik müde ist - oder so... Vielleicht leidet er auch unter der Enge auf der NORDSTERN und würde einfach gerne schnell an Land? Zumindest das Gefühl der Enge kann Efferdan nämlich gut nachvollziehen...

`Am besten wird sein, ich vergesse das einfach und lasse Alrik heute in Ruhe... er ist nicht so... hoffe ich`

Efferdan sieht noch immer etwas geschockt, ängstlich und überrascht aus, aber auch etwas traurig und zurückgezogen.

`Vielleicht sollte ich einfach mal nachsehen gehen. Vielleicht ist jemand über eine Kiste gefallen und hat sich den Kopf angestoßen und liegt jetzt bewußtlos und blutend am Boden... das wäre ja schrecklich...`

Jemand anderen der Anwesenden um »Hilfe« zu bitten, wagt Efferdan nicht, schließlich sind das Gäste, »Fremde« !!!

Und so dreht sich Efferdan schließlich stumm um und begibt sich schnellen und gewandten Schrittes weiter in das dustere Zwielicht des Unterdecks hinein...



NORDSTERN - Brücke: Umlagerter Jergan


Jetzt, da der Herr Darian, ach nein, so will er ja nicht genannt werden, mit dem Heiler spricht, sieht der Matrose seine Aufgabe einen Heiler zu beschaffen als erledigt an. Zwar ist er nicht, wie aufgetragen in der Kabine des jungen Magus, aber so wie es aussieht, wird das Mädchen ja ohnehin in der Suite untergebracht. Trolske ist sich etwas unschlüszig, ob er sich zurück zur ZYKLOPENAUGE begeben soll, um Wulf Lowanger Meldung zu erstatten oder ob er hier auf der NORDSTERN bleiben soll. Was macht ein Matrose, der sich über seine derzeitige Aufgabe nicht sicher ist? Richtig, er geht zum Kapitän. So begibt sich Trolske schnurstracks zum Brückendeck.

"Trolske meldet sich zurück an Bord," sagt er Jergan kurz und knapp.



'So, nun wäre alles geregelt. Nur noch dem Kapitän bescheid sagen und dann hab ich Ruhe.'

Eiligen Schrittes läuft Anselm den Aufgang zum Brückendeck hoch und wäre beinahe am Kapitän vorbei gerannt, welcher sich ja direkt neben den Aufgang positioniert hat. Anselm stellt sich vor den Mann und spricht erleichtert:

"Jarun ist einverstanden. Somit kann ich nun die Doppelkabine beziehen. Wären damit alle Formalitäten geklärt?"



Jergan kommt gar nicht dazu, die kurzzeitige scheinbare Ruhepause auszunutzen, denn schon kommen zwei Dinge auf einmal, mit denen er sich beschäftigen muß. Allerdings... zumindest das eine davon ist sehr schnell abzuhandeln:

Der Matrose Trolske bekommt so auch nur eine kurze Antwort, die nur aus einem

"In Ordnung, du hast dann jetzt den Rest des Tages frei!" besteht, ehe er sich dem auf das Brückendeck zurück kommenden Fahrgast widmet.

"Ja, damit ist alles klar. Damit wird die Reise für Euch zwar etwas teurer, aber das müssen wir jetzt ja nicht machen, ich nehme an, Ihr wollt noch in die Stadt gehen. Kommt einfach irgendwann im Laufe des morgigen Tages bei mir in der Kabine vorbei, dann rechne ich das aus, und Ihr könnt bezahlen. Beziehen dürft Ihr die Kabine selbstverständlich jetzt gleich. Einverstanden?"



"Gut, einverstanden. So, dann werde ich erstmal besagte Kabine besichtigen und vielleicht ein bißchen in der Bummeln. Wie verabredet komme ich morgen wegen der Bezahlung vorbei."

Anselm dreht sich rum, ist bereits im Begriff zu gehen, da stutzt er kurz und spricht abermals:

"Ähm, WO befindet sich diese Kabine eigentlich..?!"



Zum wiederholten Male an diesem Abend schafft es jemand, den Kapitän zu überraschen. Diesmal ist es die Frage, die Anselm stellt, denn damit hat er wirklich nicht gerechnet. Der andere ist seit Thorwal auf der NORDSTERN, und hatte damit mehrere Tage lang Gelegenheit, sich mit dem Aufbau des Schiffes vertraut zu machen, insbesondere damit, wo sich Räume befinden, die an die Gemeinschaftskabine, die er all die Tage ja bewohnte, direkt anschließen. Doch andererseits mag die Neugierde vielleicht nicht bei jedem so ausgeprägt sein, und vielleicht ist es auch gut, wenn die Fahrgäste EBEN nicht alles auf dem Schiff erkunden.

So antwortet Jergan dann nach einer kurzen Pause, die er für diese Gedanken und das Zurechtlegen einer höflichen Antwort benötigt.

"Das ist sehr einfach. Ihr wißt ja, wo die Gemeinschaftskabine sich befindet. Geht einfach den Gang bis zu seinem Ende weiter. Dort steht ihr dann vor den Türen unsrer beiden Einzelkabinen. Wenn Ihr Euch dann nach links wendet, seht ihr am Ende des schmalen Ganges schon die Tür der ersten Doppelkabine, die ihr mit dem Herren Jarun teilt. Sie liegt also direkt neben der Euch bekannten Gemeinschaftskabine."



NORDSTERN - Mannschaftsraum: Trolske geht zur Ruhe


Da der Kapitän ihm für den Rest des Tages freigibt und sich zudem auch gleich wieder den Passagieren zuwendet, hat der Matrose hier auf der Brücke eigentlich nichts mehr zu tun. Er wartet ab, bis Orgen mit dem neuen Fahrgast, ein Geweihter offensichtlich, das Oberdeck erreicht hat. Dann steigt er selbst die Stufen hinab. unten angekommen begibt er sich schnellen Schrittes zum vorderen Niedergang, steigt auch diesen hinab und verschwindet im Mannschaftsraum.



NORDSTERN - Suite: Leidenslager


Nichts läge dem alten Schiffszimmermann ferner, als vorlaut oder unhöflich zu sein, aber er kann nicht anders, als auf die Frage des Heilers zu antworten, obwohl Ulfried ja nun eigentlich den Magus Darian angesprochen hatte.

Ole's Augen blicken dabei permanent auf das bleiche Gesicht des Mädchens und sein Stimme klingt brüchig und rauh, wie das Grummeln eines fernen Gewitters.

"Ihre Seele ist in der Zwischenwelt gefangen. Zweifellos hat sie geliebte Menschen verloren und trachtet danach ihnen zu folgen. Auf der anderen Seite scheint ihre Zeit noch nicht gekommen und dennoch will sie nicht zurück, da sie alles, was sie liebte nunmehr verloren glaubt. Sie fürchtet sich vor der Dunkelheit ebenso, wie vor dem Licht und wahrscheinlich hat sie eine namenlose Angst davor, was sie zu erblicken glaubt, wenn sie die Augen wieder öffnet, da ihr die bösen Szenen, die sie erleben mußte, da sie ihre Augen schloß nur allzu gut bekannt sein müssen. Sie muß unsägliche innere und äußere Schmerzen erlitten haben, und so hält sie nun das sorgenfreie NICHTS für ein kleines Paradies. Sie ist bereit aller Liebe zu entsagen, da sie zu mutlos ist je wieder Liebe zu erfahren, nachdem alles, was sie damit verband über das NIRGENDMEER entschwunden weiß. Könnte ich ihr nur sagen, wie nahe sie mit steht, wie sehr mich ihr Schicksal rührt und wie sehr ich ihr Leben, Liebe und Glück wünsche, auf das sie Hoffnung schöpfe, sich wieder dieser Welt zu stellen!"

Ole seufzt tief und melancholisch, streicht ihr wieder einmal mehr über das Haar, beugt sich über Alkinoês Lager und küßt das Mädchen sacht auf die Stirn.



Radisar schluckt mehrmals, als der den Schiffszimmermann so reden hört. Alles Unwohlsein, alle 'Unpässlichkeit' ist plötzlich, wie auf einem Schlag, von ihm gewichen. Der kleine Diener fühlt sich nun stark und ausgeruht. Es scheint sogar, als wäre er ein Stückchen gewachsen, während der Graue Riese sprach.

'Auf einen Radisar Kummerer kann man sich in der Stunde der Not verlassen!' denkt er sich entschlossen.

Dann stapft er mit energischen Schritten auf den Heiler zu und stellt sich neben Ulfried und Herrn Durenald.

"Sollte ihr irgendetwas brauchen, gelehrte Herren, dann zögert nicht, es auszusprechen. Ich werde versuchen es bei zu schaffen, egal, was es ist, noch ehe der Klang euerer Stimme verschallt sein wird."

Dann sieht Radisar den Heiler nachdenklich an, mustert ihn von Kopf bis Fuß.

"Ihr wirkt abgehetzt und scheint außer Atem zu sein. Darf ich euch einen Tee bringen? Es bedeutet keine Mühe, er ist schon fertig und wartet auf Verzehr."



Noch bevor der junge Magus ihm antwortet kann, mischt sich der grosze kräftige Seemann ein, der das Mädchen hierher getragen hat.

"Sie war nicht allein unterwegs nehme ich an? Habt ihr heraus finden können, mit wem sie gereist ist? Hat sie sich irgendwie gerührt oder lag sie nur still da?"

Während er diese Fragen stellt kniet er sich bereits neben Alkinoês Lager nieder und beginnt damit, sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. Ein weiterer Mann spricht ihn an, offenbar ein Diener des Bewohners dieser Suite und bietet ihm einen Tee an.

"Hinterher gerne, danke" antwortet er diesem knapp.



NORDSTERN - Suite: Alkinoês Schattenreise


...Das Nichts ist nicht länger vollkommen. Gleichsam als Brandung eines unbekannten Ozeans rollen große Wellen heran, berühren sie, wirbeln sie herum. Diese Wellen sind weder zu sehen noch zu hören noch auf der Haut zu spüren, sind eigentlich mit keinem der äußeren Sinne wahrzunehmen und doch sind sie ungeheuer präsent und mächtig.

Wie die Wellen von EFFerds Ozean sind sie zugleich schön und schrecklich. Die erste Welle heißt Schreck und Entsetzen, die zweite Welle Mitleid und Erbarmen, die dritte Welle Angst und Trauer und die vierte Welle heißt Liebe und ist die größte und mächtigste von allen.

Obgleich sie von außen heran branden, sind sie nichts eigentlich Fremdes für das Mädchen, sind sie doch der älteste und ursprünglichste Teil des Menschen, Sumus Erbteil. So finden Entsetzen, Erbarmen, Trauer und Liebe ihre Antwort im Kleinen, unsichtbar, unhörbar aber für ein empathisch begabtes Wesen durchaus wahrnehmbar.





NORDSTERN - Suite: Leidenslager


Der Druide verfolgt das Geschehen mit Besorgnis. Immer noch scheint das Mädchen in einer anderen Welt gefangen, immer noch scheinen die Worte des Trostes und der Hoffnung sie nicht zu erreichen. Schließlich flüstert Fargus zu Darian:

"Sagt, mein Herr, wie schätzt ihr denn die Lage ein? Sollten wir vielleicht zusätzlich einen Geweihter bemühen, die Götter milde zu stimmen?"

'Ach Ihr Götter, hört mich alten Mann, warum wollt Ihr dieses junge Geschöpf schon zu Euch rufen, daß so wenig Götterläufe auf Dere verbracht?' denkt er bei sich.



Ole, der Schiffszimmermann dreht den Kopf leicht zur Seite, als der Druiden seine Idee entwickelt, man sollte, zusätzlich zu der Kunst des Heilers, noch einen Geweihten bemühen, der die Gunst der Alveraner sicher stellen könnte. Ole blickt Fargus direkt in die Augen.

"Es wird keine Zeit mehr bleiben!" spricht Ole mit dumpfer Stimme "Wir müssen uns auf das Wohlwollen der Götter verlassen, ohne daß ein Gesegneter dies vermitteln könnte. Doch hielte ich es durchaus für hilfreich, mit flehenden Gebeten die Götter von unserem gerechten Ansinnen zu überzeugen."

Der graue Riese steht ruhig wie ein Turm und er ist ein bißchen unheimlich anzusehen. Sieht man ihn so stehen, dann könnte einem schon der Verdacht kommen, daß Ole mehr sein müßte, als nur ein einfacher Seemann, Zimmermann und Segelflicker, mehr als nur ein Musikant und Spaßmacher.

Es scheint als konzentriere sich um seine Kontur eine starke und unbekannte Macht, erschreckend und schön zugleich. Aber vielleicht trübt die Anspannung den Blick des Betrachters und das flackernde Zwielicht tut ein übriges, die Situation, sowie Ole's mächtige Gestalt in eine geheimnisvolle Farbe zu tauchen.

Der graue Riese starrt nun wieder auf des ruhende Mädchen, er schließt die Augen und legt ein wenig den Kopf nach hinten, so wie es Menschen tun, die auf ein, in der Ferne entstandenes Geräusch aufmerksam werden.

"Ja, kleine Blume, du bist auf einem guten Weg - bleibe nun stark. Klammere dich an die Liebe und fahre auf ihr einer offenen Zukunft entgegen .... !"

Es war ein seltsames Gefühl gewesen, daß den Schiffszimmermann da so plötzlich überrannt hatte. Er spürte Verzweiflung, große Verzweiflung, aber er spürte auch aufkeimende Hoffnung und eine Sehnsucht, die er in dieser Form nur allzu gut kennt: Die Sehnsucht danach geliebt zu werden und geborgen zu sein. Ole ist sich anfangs nicht so sicher, wie ihm diese Wahrnehmungen ins Bewußtsein kommen konnten.

Waren es Abbilder seiner eigenen Lebenstragik oder hat da sein sensibler Sinn etwas aufgefangen, daß, unter Umstände, von der jungen Dame ausgesendet worden war? Was Ole am meisten irritiert ist, daß er dabei das Rauschen gewaltiger Wellen hören konnte, nur kurz zwar und sehr entfernt, es war dennoch insgesamt jedoch eine sehr gespenstische Erfahrung.

"Kleine Blume, die Liebe siegt immer!" ruft Ole dem schlafenden Mädchen aufmunternd zu. Sehr viel leiser, mehr zu sich selbst sprechend, fügt er an:

"Wenn die Liebe dereinst einmal nicht mehr siegen wird, dann werden alle Sphären in sich zusammenfallen und das Chaos wird die neue Weltordnung sein!"

Dann wird Ole still. Es sieht so aus, als denke er angestrengt nach.

"MERIAN!" sagte er plötzlich "Ich glaube sie sprach von einer oder einem Merian. Sie sprach nicht viel, fast nur diesen einen Satz ......"

Ole wendet sich an den Heiler.

"Hilft euch dies weiter?"



Darian kommt nicht mehr dazu die Frage des Heilers zu beantworten, da ihm der Schiffszimmermann zuvorkommt. Das ist auch nicht weiter schlimm, je eher der Heiler mit der Arbeit beginnen kann, desto besser. Eben das scheint ja nun auch der Fall zu sein. Eigentlich kommt sich der Adeptus nun ein wenig überflüszig vor, andererseits, macht auch er sich Sorgen um das Mädchen. Also bleibt er mit im Raum, versucht aber, möglichst niemandem im Weg zu stehen.




NORDSTERN - Ober- und Unterdeck: Hesindian und Orgen


Nachdem er die Summe für die Fahrt abgezählt hat, drückt Hesindian dem Magus eine handvoll Dukaten und noch mal so viele Silberstücke in die Hand. Der Geldbeutel mit seinen verbliebenen Finanzen hat nun beträchtlich an Umfang verloren, als er ihn wieder unter seinem Umhang verschwinden läßt. Er wirft dem dunklen Magus noch einen abschätzenden Blick zu und wendet sich dann dem herbei geeilten Matrosen zu.

Der Respekt, den ihm dieser entgegenkommen läßt, entlockt dem Geweihten ein zufriedenes Lächeln, das jedoch nicht lange anhält, als er sich daran erinnert, welches Schicksal seine Reisetasche unterwegs ereilt hatte.

"Nein." antwortet er mit schwacher Stimme, bevor ihm einfällt, daß er als Mann der Göttin ein Ideal von Sicherheit zu verkörpern hat. "Nein, ich reise gern mit leichtem Gepäck." fügt er etwas sicherer hinzu. Sein Umhang hat die schwersten Blessuren des Marsches auf sich genommen, doch er würde trotzdem noch etwas zusätzliche Kleidung zum Wechseln für die Zeit auf der NORDSTERN benötigen.

'Da das Schiff so bald nicht auslaufen wird, kann ich mir morgen früh etwas in der Stadt besorgen.'

"Nun denn, zeigt mir den Weg." bedeutet er Orgen gönnerhaft.



Pflichtbewußt wartet Orgen auf die Antwort des Geweihten und erwidert dann seinerseits:

"Wie ihr wünscht, euer Gnaden, wir müssen zum Unterdeck."

Spricht er in freundlichem und respektvollem Tonfall. Orgen ist ein gläubiger Mensch, zwar sind es EFFerd und SWAfnir, zu denen die meisten seiner Gebete hallen, doch käme es ihm niemals in den Sinn, einen Geweihten der Zwölf nicht mit dem ihm gebührenden Respekt zu behandeln.

Dann setzt er sich langsam in Bewegung und geht den Abgang des Brückendeck hinab, überquert das Oberdeck und macht am Niedergang kurz halt

"Seid hier vorsichtig, die Stufen sind sehr steil"

Dann geht er voran und wartet darauf das der Geweihte auch nachkommt.



Die Erinnerung an den steilen Treppenaufgang ist noch frisch und läßt sein Schienbein gleich etwas lauter pochen. Dieses mal will er dem Abstieg mit größerer Obacht begegnen und steigt langsam hinab, wobei er sich zusätzlichen Halt am Geländer sichert. Ein wenig unwohl ist ihm schon bei dem Gedanken, daß der Matrose ihm seine noch zitternden Knie vielleicht ansehen könnte, deshalb versucht er ihn mit einer Frage abzulenken:

"Sagt, guter Mann, ist auf diesem Boot denn immer solch ein Betrieb? Was war das denn für ein Tumult, der hier aufkam, während ich um meine Überfahrt verhandelte?"



Orgen, der gerne ein wenig plaudert, geht umgehend auf die Frage ein und der Geweihte erreicht damit ziemlich genau was er will, Orgen schaut nämlich nicht mehr genau, ob die Füße des Geweihten auch nicht abrutschen, sondern blickt auf den Boden, sein Ton wird deutlich ruhiger und scheint ein wenig zu zittern.

"Nein, euer Gnaden, normalerweise ist es ruhiger, nur Heute ist etwas schreckliches passiert. Einige Meilen vor dem Hafen entdeckten wir zwei Drachen, die sich, gerade so schnell sie konnten aus dem Staube machten. Als sie fort waren konnten wir erkennen, daß sie ein Schiff zurück gelassen hatten. Nunja, mehr ein Wrack. Dabei handelte es sich um die ZYKLOPENAUGE, die neben uns im Hafen liegt."

Orgen macht einen Schritt weiter nach Links um die Gemeinschaftskabine herum.

"Das wäre ja noch alles verständlich, Piraten gibt es hier ab und an halt. Aber als wir nahe genug am Schiff waren, erkannten wir, daß es einen Überlebenden gab. Alle anderen scheinen aufs Brutalste niedergemetzelt worden zu sein, sie haben nicht mal vor Kindern halt gemacht - ich meine selbst Piraten haben einen gewissen Ehrenkodex, und das dahin metzeln von Kindern zählt nicht dazu, das waren einfach nur Monster, keine normalen Piraten -. Der Tumult eben liegt darin begründet, daß man unter den ganzen Toten, den Zwölfen sei gedankt, doch noch eine Überlebende gefunden hat."

Erneut geht Orgen einen Schritt weiter auf das Ende des Ganges zu.

"Das merkwürdigste jedoch ist dieser Überlebende, ich weiß nicht, was der ist, die anderen sagen, er sei ein ziemlich hohes Tier. Normalerweise ist ein Schiffbrüchiger froh wenn er so schnell es geht von seinem sinkenden Kahn runter kommt und an Land oder an Bord eines seetüchtigen Schiffes kommt. Der jedoch bot dem Kapitän eine riesige Summe an Dukaten, damit wir sein Schiff abschleppen und in den Hafen bringen. Mehr Dukaten als ich mir auch nur vorstellen kann jemals zu besitzen. Er zahlte ohne auch nur den Versuch des Handelns zu machen. Wißt ihr, wenn er wertvolle Ware hätte, könnte ich mir ja noch vorstellen, daß ihm was daran liegt sie an Land zu schaffen, aber nach einem Überfall von zwei Drachen ist es kaum vorstellbar, daß auch nur noch ein Heller an Bord ist. Irgendwas stimmt mit dem nicht, da bin ich mir sicher. Ich kann mir dieses Verhalten einfach nicht erklären. Falls ihr in die Nähe der ZYKLOPENAUGE kommt, seid also vorsichtig."

Derweil bemerkt Orgen, daß er schon längst an der Kabine angekommen ist, doch es tat einfach gut, einmal über das Erlebte zu sprechen und insgeheim hofft er, daß ein gebildeter Mann, wie ein Hesindegeweihter, vielleicht eine Antwort auf das weiß, was er sich nicht erklären kann.

"Verzeiht euer Gnaden, ich belästige euch, hier ist eure Unterkunft. Noch ist sie unbelegt, ihr könnt euch also aussuchen welche Seite ihr bevorzugt. Ein Schlüssel steckt im Schloß, der andere liegt in der kleinen Mulde dort im Tisch. Bei dem Andrang auf der Brücke eben gehe ich jedoch nicht davon aus, daß ihr die Fahrt alleine verbringen müßt."

Nach einer kurzen Pause fügt er noch hinzu:

"Der Smutje ruft oder läutet, wenn die Mahlzeiten gerichtet sind. Wenn es euch nach Wasser ist, die Kombüse ist gleich der Raum rechts vom Niedergang den wie eben hinabgingen. Das Essen wird in der Messe eingenommen, die direkt gegenüber der Kombüse liegt."

Orgen wartet ab, ob der Geweihte noch etwas möchte.



In SALZERHAVEN - Taverne 'Zum singenden Seehund': Boltan


Phexane wendet sich wieder der Stadt vor ihr zu.

'So, jetzt aber los! Ich habe schon viel zu lange hier herum gebummelt!'

Sie betritt die Planke, geht diese mit sicheren Schritten hinab und betritt - endlich wieder - festen Boden. Doch anstatt länger im Hafen zu verweilen, verschwindet sie rasch ins Innere von Salzerhaven ...



'Níalyn, Níalyn ... an mir ist doch nichts mehr von der, die ich einst war.'

Phexane geht mit hinter dem Rücken verschränkten Armen durch die Straßen Salzerhavens und kickt dabei nachdenklich einen kleinen Stein vor sich her. Schon längst hat sie keine Augen mehr für die Häuser ringsum und auch die Menschen, die um diese Uhrzeit vereinzelt noch unterwegs sind, interessieren sie wenig - zu sehr ist sie in ihren eigenen Gedanken verstrickt, als daß sie nun auf irgendwelche günstigen Gelegenheiten achten würde.

'Eigentlich komme ich zur Zeit ja auch ganz gut klar mit meinem Leben ... nun gut, eine Pechsträhne hin und wieder - das hat jeder mal! Mal dauert sie länger, mal nicht. Wahrscheinlich ist es heute abend damit vorbei und ich kann mit ein paar Dukaten mehr im Geldbeutel auf das Schiff zurückkehren.'

Sie kickt etwas kraftvoller gegen den Stein, woraufhin dieser in einen dunklen Schatten verschwindet.

'Ja, keine Frage: Heute werde ich Glück haben! Allein wenn ich daran denke, daß dieser Frizzi di Dingsbums mir schon wieder auf den Leim gegangen ist! Ha, das wird sicherlich noch spaßig mit diesem Tüchleinschwinger!'

Sie grinst bei dem Gedanken an den Comte - einerseits aus Schadenfreude, andererseits auch aus Vorfreude auf mögliche Gewinne.

Phexane biegt in eine weitere Straße, woraufhin sie Gesang und das Lallen der Betrunkenen, die aus einer Taverne schwanken, hört. Phexane blickt im Vorbeigehen kurz hoch zu dem Schild der Kneipe, auf dem ein Seehund mit geschlossenen Augen und weit offenem Maul abgebildet ist. Darunter steht in schlichten Lettern geschrieben: "Zum singenden Seehund".

Phexane kann es zwar nicht lesen, aber die Abbildung ist äußerst vielsagend!

Von außen macht die kleine Kneipe nicht viel her: ein schmales, kleines Haus, die erste Etage noch aus Stein gebaut, die obere dagegen aus Holz, ein Dach aus Reet und Fenster, die mit Schweinsblasen verschlossen sind.

Phexane öffnet die Tür der Taverne und betritt einen - scheinbar - ganz und gar eigenen Kosmos: während es auf den Straßen dieser kleinen Stadt relativ ruhig zugeht, sieht man mal von ein paar Nachtschwärmern ab, so stürzen auf Phexane hier nun die unterschiedlichsten Sinneseindrücke ein: Der Geruch von süßlichem Pfeifentabak kitzelt in ihrer Nase; ein starker Essensgeruch, auch wenn es nur ein schlichter Eintopf ist, bringt ihren Magen zum Knurren; die Wärme, die ein kleiner Kamin spendet, streicht um ihren Körper angenehm entlang; Gespräche, Gelächter, Musik von zwei Barden, die auf Flöten spielen und die Rufe der Wirtin zu ihrer Schankmaid drängen an ihr Ohr und erfüllen die kleine Taverne mit Leben.

Zwar ist der Boden fleckig und dreckig, die Bänke wackeln, die Tische haben Kerben, das Licht, welches von ein paar Öllampen ausgeht dürftig und die Wirtin könnte ebensogut als Rausschmeißerin arbeiten, aber dennoch strahlt dieser Ort eine gewisse Atmosphäre aus.

Es mag nicht die beste Taverne in Salzerhaven sein, aber die einfachen Gäste, das schlichte Essen und die fröhliche Musik machen es zu einem Ort, an dem man sich entspannen kann, wo man nicht auf irgendwelche Manieren achten muß und wo man sich nach einem Bier bereits duzt.

Kurz bleibt Phexane vor der Tür stehen. Der Schankraum ist gut besucht: Die meisten Tische sind besetzt und auch an der Theke sitzt man dicht an dicht. Doch während sie sich umsieht, bleibt ihr Blick an einem Mann hängen, der etwas weiter hinten an einem Tisch mit einer Frau im Kettenhemd und einem Zwerg sitzt. Phexane schüttelt leicht den Kopf.

'Theovard! Das der noch auf freiem Fuß ist ...'

Phexane steuert auf die kleine Gruppe zu. Als sie den Tisch erreicht, lächelt sie zu dem sitzenden Mann hinab. Seine roten langen Haare sind im Nacken zu einem Zopf zusammengefaßt, seine Kleidung ist eher bürgerlich-schlicht, doch an seinem rechten Ringfinger glänzt ein protziger Goldring, der mit einem ansehnlichen Rubin besetzt ist.

"Theovard, Unkraut vergeht nicht, was!?" grüßt Phexane den Rothaarigen spöttisch.



Mit einem leicht verärgerten Gesicht dreht sich der Rothaarige, den Phexane 'liebenswerterweise' als "Unkraut" bezeichnet hatte, zu ihr um. Einen kurzen Moment blickt er ihr fragend ins Gesicht, doch dann hellt sich sein Gesicht auf.

"Felina!" ruft er erfreut "Was machst du denn hier?"

Die Angesprochene (ja, es ist Phexane) zuckt kurz mit den Schultern.

"Ich bin auf der Durchreise nach Belhanka und habe mir gedacht, hier in Salzerhaven könnte man vielleicht irgendwo ein wenig ... Spaß haben und was spielen."

"Belhanka," die blauen Augen des Rothaarigen funkeln, "die Stadt der Liebe. Wie passend ...."

Ein Lächeln, das einer Erinnerung an eine Nacht vor gar nicht allzu langer Zeit entspringt, huscht über sein Gesicht.

Phexane zieht nur kurz einen Mundwinkel hoch. Selbst zu einem künstlichen Lächeln kann sie sich angesichts der Bemerkung Theovards nicht hinreißen.

"Wie sieht es aus, Theo, spielst du immer noch?" fragt sie ihn mit etwas gedämpfter Stimme.

Theovard, immer noch lächelnd, nickt zu den anderen beiden am Tisch.

"Wir wollten gleich beginnen. Die Wirtin hat hinten ein Zimmer, in dem wir in aller Ruhe spielen können."

Kurz mustert er Phexane.

"Du möchtest also wieder einmal mitmachen?"

Sein Lächeln wandelt sich und wird immer süffisanter.

"Versteh mich nicht falsch, Schätzchen! Ich würde es sehr begrüßen, wenn du mitspielen würdest!"

Das Lächeln geht in ein breites Grinsen über.

"Insbesondere, wenn du wieder solch hochinteressante Einsätze wie beim letzten Mal machst!"

Phexanes Miene hat sich während seiner Rede immer mehr verdüstert. Die Erinnerung an das Geschehene gefällt ihr gar nicht. Nicht, weil "irgend etwas" passiert ist, sondern vielmehr aus dem Grund, daß sie sich einfach nicht mehr an jene Nacht erinnern kann.

"Vergiß es! Letztes Mal hatte ich zuviel getrunken! Dieses Mal werde ich stocknüchtern bleiben!"

Sie schaut ihm mit festem Blick in die Augen.

"Diese Mal wirst du der Verlierer sein!" zischt Phexane (oder Felina ...) ihm zu.

Theovards Grinsen ist offenbar unsterblich! Selbst bei diesen frechen Worten, bleibt er ruhig. Eine Miene der Gelassenheit schmückt sein Gesicht und seine Augen funkeln die Dunkelhaarige vor ihm erwartungsvoll, vielleicht auch ein wenig gierig, an.

"Wir werden sehen, Kleine."

Phexane mustert ihn verärgert. Sie haßt es, mit solchen Worten so degradiert zu werden. Aber noch viel mehr haßt sie die Tatsache, daß in der Nacht damals wohl "etwas" passiert sein muß, daß er glaubt, so mit ihr reden zu dürfen.

'Ich werde nie wieder soviel trinken! Allein die Tatsache, daß ich am nächsten Morgen mit einer Tätowierung aufgewacht bin, bei der ich bis heute nicht weiß, woher die stammt, hat mich vorsichtiger werden lassen.'

"Bevor wir beginnen," der Rothaarige blickt nun etwas ernsthafter zu den beiden anderen, "sollten wir uns ein wenig besser kennenlernen. Die Dame hier an dem Tisch ist Quiria di Trepione."

Phexane nickt zu der Frau, die wiederum ein knappes "Kor zum Grusse" von sich gibt - ohne Frage eine Söldnerin!

Sie trägt ein kurzes Kettenhemd, darunter schwarze Schutzkleidung und etwas Lederzeug an Armen und Beinen, sowie einen Säbel an ihrem Waffengürtel. Die sogenannte Dame hat einen eher muskulösen Körperbau, breite Schultern, schwarzes Haar, das auf selbigen fällt und braune Augen. Dem Teint nach zu urteilen scheint sie wohl aus dem Süden zu stammen.

"Der Herr zu ihrer Linken wiederum ist Gramesch, Sohn des Grumbold."

Theovard deutet auf den Zwerg, der zur Begrüßung lediglich etwas in seinen Bart grummelt, daß von dem übrigen Lärm der Taverne übertönt wird.

Besagter Bart ist rot und der Zwerg scheint wohl zu den eher jüngeren Vertretern seines Volkes zu gehören, wobei er von den Vieren hier wohl schon am längsten auf Dere wandelt. Auch er trägt ein Kettenhemd, dazu einen Helm, etwas Lederzeug und die bei einem Zwerg geradezu obligatorische Axt.

Dann deutet Theovard auf Phexane.

"Und das hier ist Felina. Eine alte Freundin aus Andergast, die mir nie ihren Nachnamen verraten wollte."

Er zwinkert sie an, während Phexane gequält lächelt.

'Blöder Name! Was habe ich mir bloß damals dabei gedacht, als ich den annahm?'



Theovard blickt kurz auf die Bierkrüge der Söldnerin und des Zwerges, dann erhebt er sich. Diese Bewegung, die er macht, ist geradezu katzengleich, wenn nicht sogar raubtierhaft. Und wie ein Raubtier kommt er bedächtig einen Schritt auf Phexane zu, die wiederum abwehrend die Arme verschränkt. Seine Augen funkeln ein wenig lüstern, als er in ihre blickt. Sanft schiebt er seine rechte Hand unter ihr Kinn und hebt es ein wenig zu sich hoch, damit Phexane in die Augen des um einen halben Kopf größeren Mannes schauen kann.

"Ich war damals sehr enttäuscht, als ich aufgewacht bin und feststellen mußte, daß du schon wieder abgereist warst. Diesmal will ich ein paar Tage mehr mit dir verbringen. Und ein paar Nächte ..."

Sein Kopf nähert sich bei seinen Worten und seine Lippen öffnen sich ein wieder ein wenig, als er zu Ende gesprochen hat. Er umgarnt sein 'Opfer' mit einem Blick, der wahrscheinlich schon viele Frauenherzen hat schmelzen lassen und in Gedanken sieht er sich schon allein mit seiner 'Beute', wie er sie genüßlich 'verschlingt' ...

Doch da schnappt, schnell wie eine Kobra, Phexanes Hand zu und klammert sich um sein Kinn, wobei ihre langen Finger, insbesondere die Nägel, sich in seine Wangen links und rechts bohren, ja geradezu krallen.

"Bilde dir bloß nichts ein! Nur weil du offenbar mit mir geschlafen hast, bin ich noch lange nicht dein Täubchen! Wenn du also nicht noch blauere Augen haben willst, dann laß' die Finger von mir, klar?"

Ihre Stimme ist zischend, wie der einer Schlange, die ein hungriges Raubtier bedroht. Die Szenerie würde vielleicht manchen an einen Kampf zwischen Mungo und Schlange erinnern, denn nun windet sich Theovard schnell und gewandt aus ihren Griff und geht wieder einen Schritt zurück.

Dies ist die wahre Phexane, die, die niemanden an sich ranläßt. Die, die keinen Mann, keine Freunde und auch keine Familie braucht. Sie zeigt die Phexane, die sie eigentlich sein will. Kühl, beherrscht, wehrhaft - eine harte Schale und am besten noch einen ebenso harten Kern!

Theovard lächelt unsicher, blickt sich kurz zu den beiden anderen um, registriert aber nicht deren Reaktion sondern blickt noch einmal kurz zu Phexane. Dann, offenbar etwas nervös aufgrund dieses Vorfalles, dreht er sich wieder zu Quiria und Gramesch um.

"Nun," hiermit endet sein Satz auch erstmal abrupt, denn er muß sich räuspern, "ich denke, wir sollten mit dem Spiel beginnen. Seid ihr soweit?"

Er blickt dabei noch einmal kurz zu Phexane, die wiederum ihn warnend anfunkelt.

'Wage es kein zweites Mal, oder ich werde dir die Zähne rausschlagen!'



Die Söldnerin mustert mit scheinbar gelangweiltem Gesichtsausdruck die neu angekommene »Felina« während Theovard aufsteht. Ihre Linke streicht dabei unter dem Tisch über ihren kurzen, nietenbeschlagenen schwarzen Lederrock - den sie zu ihrem kurzen Kettenhemd, dem Lederzeug und den Stiefeln trägt - hin zu ihrem Säbel derweil ihre Rechte locker auf dem Holztisch liegt.

`So so, die alte Freundin Felina aus Andergast. Theovard scheint ja einen Narren an ihr gefressen zu haben. Was er nur an diesem dürren Ding findet? Und mich würdigt er kaum eines Blickes... pfft!`

Gramesch - der Zwerg - hingegen hebt seinen Humpen und leert ihn mit einem kräftigen Zug. Ihn kümmert der Trubel um den neuen Gast, den Theovard vorstellt, nicht. Er war hergekommen, um ein, zwei ... dutzend Bier zu trinken - das Bier im Seehund ist nämlich seiner Meinung nach einigermaßen trinkbar, im Gegensatz zu den Bieren in den meisten anderen Kneipen hier - und um sich etwas beim Boltanspiel zu »vergnügen«. In der Tat ist er sich sicher, heute eine größere Summe gewinnen zu können - und was könnte vergnüglicher sein, als das ein oder andere Goldstück zu verdienen?

`Wie, er war mit ihr schon im Bett? Und jetzt will er sie küssen? Diese Schlampe!`

Quirias Gesicht erscheint ruhig, nur die Augen funkeln in verhohlenem Zorn. Als sie nach Salzerhaven kam, wollte sie eigentlich am nächsten Tag wieder abreisen - bis sie Theo traf. Er hatte Ihr gleich gefallen und so war sie geblieben. Wegen ihm saß sie hier, er hatte sie überredet, bei dem Boltanspiel mitzumachen...

Sie verwendet viel Energie darauf, ihm zu gefallen und er stellt sich blind, schon die ganze Zeit. Das wäre ja noch zu verkraften gewesen, schließlich ist sie sich sicher, ihn doch noch rum kriegen zu können - aber jetzt taucht diese... diese Frau hier auf und Theo hat nur noch Augen für sie.

`Miststück!`

Dann sieht sie, wie Phexane zustößt, Theovards Avancen abwehrt. Ein leichtes Lächeln blitzt kurz auf ihren Lippen auf.

`So, daß hast du nun davon, daß du diesem Flittchen nachstellst, mein Schöner.`

Quiria ist erleichtert. Sie hatte schon befürchtet, diese Unperson könnte ihr »ihren« Theovard wegnehmen wollen. Aber so besteht ja noch Hoffnung, daß...

`Komm mir ja nicht in die Quere, Miststück...`

Auch der Zwerg hat das kleine Gerangel zwischen Theo und Phexane mitbekommen. Innerlich kann er nur den Kopf schütteln über diese Menschen. Wie kann man nur so hastig vorgehen. Man weiß doch, das man bei Frauen langsam vorgehen muß, ihnen Geschenke machen, sie mit Worten interessiert machen muß. Aber sie ist ja auch keine richtige Frau - sie kratzt wie eine Echse. Richtige Frauen kratzen nicht. Wenn ich da an Agescha denke... Das ist eine Frau!

Gramesch kann noch in Gedanken ihren Faustschlag spüren, als sie seine erste ungestüme Werbung ablehnte. Doch mit der Zeit hatte er es geschafft, ihr Herz zu gewinnen. Sie hatte sogar zugestimmt, mit ihm den Bund von Feuer und Erz einzugehen - wenn er sich einen Namen gemacht hatte...

"Einen ungestümen Drachen habt ihr da, mein Freund" grummelt er - nicht einmal für Quiria hörbar - in seinen Bart. Dann etwas lauter, als Antwort auf Theovards Frage:

"Wenn ich dann endlich mein neues Bier kriege, dann kanns los gehen..."

In der Tat hatte er selbiges - es muß wohl heute schon sein sechstes oder siebtes sein - schon vor einer kurzen Weile bestellt - aber die Bedienung läßt auf sich warten.

"... aber die wollen mich wie es scheint wohl verdursten lassen!"

Dann grinst er kurz und setzt feixend hinzu:

"Euch ist ja klar, daß Euer Gold bereits mir gehört..."

Fast gleichzeitig schenkt Quiria Theovard ein süßliches Lächeln:

"Aber sicher doch, mein Lieber."

Dann fixiert sie noch einmal verhohlen Phexane.

`Und du kannst was erleben, Schlampe! Ich werde dich so ausnehmen, daß du keinen roten Kreuzer mehr besitzt!`



Theovard seufzt leise - eine Frau, die so 'liebenswert' wie ein Ork ist, eine weitere Frau, die so kräftig wie besagter Ork zu sein scheint und ein Zwerg, der so goldgierig wie ... nun ja ... wie ein Zwerg ist.

"Ich werde der Bedienung sagen, daß sie das Bier in das Hinterzimmer bringen soll. Gehen wir?"

Kurz dreht er sich bei der Frage zu Phexane um, die wiederum desinteressiert mit einer Schulter zuckt.

"Folgt mir bitte!"

Theovard geht auf die Theke zu. Dort nickt er kurz der Wirtin zu, die Bier in ein paar Krüge füllt und diese den Gästen an der Theke reicht.

"Geh nur durch!" ruft sie ihm zu, wendet sich dann aber sofort wieder der Kundschaft zu.

"Danke," ruft er, "und dann bitte noch ein Bier für den Herren hier!"

Er zeigt dabei auf Gramesch.

"Bring ich euch!" antwortet die Wirtin mit ihrer rauhen Stimme.

Theovard geht hinter die Theke und durch eine Tür, die sich direkt neben der Küchentür befindet. Dahinter befindet sich ein kurzer, leerer, dunkler Flur, von dem zwei Türen, eine am Ende des Flures und eine auf der linken Seite, in weitere Räume führen.

Theovard scheint sich hier auszukennen und durchquert den leeren Flur, um auf die Tür am Ende zuzugehen. Diese öffnet er, bleibt aber draußen stehen, um den anderen Spielern den Vortritt zu lassen.

In dem kleinen Raum steht in der Mitte ein runder Tisch, darum gruppiert sechs Stühle. Ansonsten dient er als Abstellplatz für noch unbeschädigte Tische und Bänke, die jeweils auf der rechten und linken Seite teilweise sogar gestapelt wurden. Gegenüber der Tür ist ein kleines Fenster, das, wie auch die anderen Fenster der Taverne, mit einer Schweinsblase verschlossen wurde. Von der Decke hängt eine kleine Öllampe und auf dem Tisch steht ein erloschene Kerze, die in einer kleinen Tonflasche gesteckt wurde.



"Gut, aber hoffentlich gleich. Bin fast am verdursten!" ist Grameschs Kommentar auf Theovards Ankündigung, er werde veranlassen, daß das Bier ins Hinterzimmer gebracht wird.

Dann steht er auf - was für Menschen ob seiner kurzen Beine immer etwas lustig aussieht, aber wer würde es wagen, ihn deswegen auszulachen? Spätestens der Anblick der fein gepflegten Axt, die der Zwerg nun wieder in die Hand nimmt, läßt jeden »normalen« Aventurier sofort das Lachen vergehen. Nein, mit Zwergen ist nicht zu spaßen. Denn wie singt der Volksmund:

»Ärgere keinen Zwergen, denn Zwerge ham gar große Wut und dann liegst du in deinem Blut!«

Quiria hingegen erhebt sich mit der Eleganz einer Kämpferin - einer aufreizenden Kämpferin! Betont langsam, mit ihren Händen über die Hüften streichend. Aber Theovard scheint das - sehr zu ihrem Ärger - nicht zu bemerken - oder nicht bemerken zu wollen.

`Daran ist nur SIE schuld!` denkt sie grimmig und folgt, hinter dem Zwerg und als letzte der kleinen Gruppe, Theovard. Dabei funkelt sie Phexanes Rücken an, ihre Augen blitzen in kaltem Zorn. Ihre linke Hand umkrampft den Säbel.

So passieren die Beiden dann - nach dem kurzen Gespräch Theovards mit der Wirtin, daß Gramesch nur mit einem kurzen Kopfnicken kommentiert - ebenfalls die Tür und durchqueren den Flur.

Gewohnheitsmäßig zuckt Quirias Kopf hin und her, so als halte sie nach etwas Ausschau während Gramesch grummelnd zur Kenntnis nimmt, daß die Flurwand seiner Meinung nach hier und da ausgebessert gehört. Immer diese Menschen - können einfach keine stabilen Gebäude bauen. Wie soll das denn hier 300 Jahre halten, bei dieser »Elfenarbeit«?

Immer noch grummlig geht Gramesch dann an dem an der Tür wartenden Theovard vorbei und setzt sich auf den Stuhl direkt der Tür gegenüber - zwerg will ja schließlich sehen, wenn sein Bier kommt - ohne sich um solche unwichtigen Dinge wie etwa Sitzplatzauslosung oder ähnliches zu kümmern. Seine Axt wird kurzerhand an den Stuhl gelehnt, während der Helm auf dem Tisch Platz findet, nachdem Gramesch sich davon überzeugt hat, daß dieser wohl ausreichend stabil ist.

Quiria hingegen schenkt Theovard im Vorbeigehen ein charmant-kokettes Lächeln und meint:

"Vielen Dank mein Herr...", sieht sich im Raum, der nun ihr Boltanzimmer darstellt, um...

`Gut, hier scheint alles sicher zu sein`

... und begibt sich dann - Phexane demonstrativ ignorierend - ebenfalls zum Tisch, bleibt dort allerdings stehen, um auf Theovard zu warten.



Phexane folgt Theovard die ganze Zeit, wobei sie die Blicke der Söldnerin nicht bemerkt. Als dieser die Tür zu dem kleinen Zimmer öffnet, geht sie auch sofort hinein, nimmt ihren Umhang ab, den sie über die Rückenlehne eines Stuhles hängt und setzt sich dann auf diesen an den Tisch.

'Vielleicht hätte ich zuvor noch ein paar Karten in meinen Ärmeln verstecken sollen ... Egal! Dafür ist es jetzt zu spät. Ich vertraue ganz meinem Glück.'

Theovard dagegen bleibt Quririas Lächeln nicht verborgen und lächelt auch kurzum zurück.

'Hmm, wer weiß, vielleicht werde ich nach dem Spiel doch noch Spaß haben. Gut, sie ist nicht ganz mein Typ, aber wer weiß, was sie so für Qualitäten hat ...'

Mit einem leicht vergnügten Ausdruck im Gesicht geht Theovard nun ebenfalls in den Raum und nimmt Platz auf dem verbliebenen Stuhl.



`Er hat mein Lächeln erwidert!` jubelt Quiria innerlich.

`Dann besteht ja noch Hoffnung auf... ich wußte es. Und da kann auch diese Schlampe...` - ein weiterer giftiger Seitenblick auf Phexane begleiten diese Gedanken - `...mir nicht dazwischen funken. Und wenn sie es doch wagen sollte - dann wird sie es bitter bereuen!`

Mit einer Eleganz, die auf eine Herkunft aus besserem Hause schließen läßt, läßt sie sich auf dem Stuhl, den sie für sich gewählt hatte, nieder. Mit schnellem Handgriff löst sie den Waffengürtel und hängt ihn - samt Dolch und Säbel, die daran hängen - über die Stuhllehne hinter sich. Dann streicht sie sich noch einmal mit der Linken über den kurzen, beschlagenen Lederrock (im Amazonenstil), um diesen etwas zu glätten. Die Rechte legt sie locker auf den Tisch.

Derweil kramt Gramesch in einem Beutel an seinem Gürtel, ohne sich um die anderen Anwesenden zu kümmern, wie es scheint. Endlich scheint er gefunden zu haben, was er sucht: In seinen Händen, die sich mit einem Male wieder über dem Tisch befinden, hält er eine kleine metallene Dose, rechteckig und vielleicht 2 Finger mal einem Finger messend. Beinahe andächtig öffnet er den Deckel, langt in die Dose hinein und holt ein schmales Hölzchen heraus, knappe 1 1/2 Finger lang mit einem orange-gelben »Kopf« an einem Ende.

Quiria sieht den Zwerg mit gerunzelter Stirn an? Was hatte er vor? Was waren das für Hölzer? Sollten das vielleicht... könnten das jene Hölzer sein, von denen man erzählt, daß man damit Feuer machen könne? Gehört hatte sie davon schon einmal - aber gesehen hatte sie solch ein Holz noch nie - was Wunder, wenn man davon ausgeht, daß - so sie überhaupt existieren - höchsten eine Handvoll Menschen wissen dürften, wie man solche Hölzer herstellt...

`Menschen - und wie sieht es bei den Zwergen aus?`

Und in der Tat: Quirias Vermutung wird in dem Moment bestätigt, als Gramesch das Holz schnell über den Holztisch streift und ein kleines Flämmchen an der gelben Spitze des Stäbchens aufflackert. Mit dieser Flamme entzündet Gramesch fix die Kerze in der Mitte des Tisches, brummelt ein:

"es war zu dunkel hier!" und wedelt dann schnell mit dem Hölzchen hin und her, bis es verlöscht.

Quiria ist im ersten Moment doch erstaunt und sieht verwundert auf das erlöschende Holzstäbchen, unfähig etwas zu sagen. Zwerge sind wirklich für eine Überraschung gut!

Gramesch flinke Finger beginnen unterdess das kostbare Döschen wieder zu verschließen und wegzupacken. Ganz beiläufig fragt er dabei:

"Fünf Bietrunden, einmal Kartentausch, Höchsteinsatz 10 Silber, Schulden müssen noch an diesem Abend beglichen werden?"

Zuerst nickt Quiria nur. Doch dann wird sie sich bewußt, was für ein Bild sie abgeben muß! Innerlich wütend über sich selbst dreht sie sich zu Theovard um und meint mit einem - vor allem bei den letzten Worten - recht zweideutigem Lächeln:

"Klingt gut. Was meinst du, mein Lieber?"

Wieder kein Blick für Phexane, keine Frage ob sie damit einverstanden ist - Quiria hat beschlossen, ihr erst einmal die kalte Schulter zu zeigen, sie einfach zu ignorieren.



Phexane rutscht etwas nervös auf ihrem Stuhl. Irgendwas hat sie leicht unruhig werden lassen. Irgendein Gefühl ...

Sie ist sich nicht sicher, was es ist. Vielleicht dieser Zwerg mit diesen Hölzern, die so schnell anfangen zu brennen - etwas äußerst Unangenehmes für Phexane, die stets Unbehagen bei Feuer verspürt. Insbesondere wenn es ihr so unberechenbar erscheint wie diese Hölzchen!

Oder ist es diese Söldnerin? Irgendwie fühlt sich Phexane in ihrer Gegenwart nicht sonderlich wohl. Sie hat das Gefühl, als ob sie jeden Blickkontakt mit dieser Frau vermeiden müßte .... sehr seltsam!

'Ich werde sie, sobald sie sich mich anblickt, genau ansehen! Dann weiß ich vielleicht, warum ich dieses Gefühl habe.'

Oder liegt es an Theovard? Was hatte sie damals bloß veranlaßt, so weit zu gehen? Und wie weit ist sie überhaupt gegangen? Sie kann sich nur daran erinnern, daß sie mit einem entsetzlichen Durst aufgewacht ist und neben sich, genauso nackt wie sie, Theovard vorfand, der seelig vor sich hin schnarchte.

Aber vielleicht ist es auch eine Vorahnung? Vielleicht hat sie heute abend doch nicht soviel Glück wie erhofft? Vielleicht wäre es doch besser gewesen ein wenig "vorzusorgen" und Karten zu verstecken? Vielleicht hätte sie sich auch einfach nur einen ruhigen Abend in einer Gaststätte bei Wein und etwas zu Essen machen sollen?

'Hoffentlich passiert mir nicht wieder so etwas wie beim letzten Mal. Allein diese vermaledeite Tätowierung - ein Pferd, das über ein 'T' springt! Was ist, wenn ich mich doch noch einmal verlieben möchte und der Name des Mannes fängt mit 'M' an? .... Noch ein Grund mehr allein zu bleiben!'

Theovard indes hört sich den Vorschlag des Zwerges bezüglich der Spielregeln an und nickt, auch bei Quirias Worten.

"Hm, in Ordnung. Wobei bis zu drei Karten ausgetauscht werden können. Außerdem schlage ich einen Grundeinsatz von einem Silbertaler vor, einverstanden?"

Er blickt in die Runde, angefangen bei Phexane, dann Gramesch und dann, den Blick ein wenig länger verweilend, bei Quiria.

'Die scheint wohl wirklich scharf auf mich zu sein! Gut, sehr gut!'

"Als Kartenkombinationen gelten die Standardkombinationen."

Theovard nimmt den Blick wieder von Quiria und holt bei seinen Worten ein kleines Päckchen Karten hervor, um das ein Band geschnürt ist, welches er nun abwickelt. Dann legt er die Karten vor sich auf den Tisch.

Phexane nickt zu Theovards Worten. Eigentlich wäre ja somit alles geklärt und das Spiel kann beginnen. Aber dieses Gefühl ...

Phexane blickt zu Gramesch.

'Diese Zwerge .... ich habe bisher noch keinen gekannt. Aber die sollen doch so eine Vorliebe fuer Feuer haben .... Unangenehm!'

Dann geht ihr Blick zu Quiria.

'Die sieht ziemlich stark aus. Söldnerin .... für Geld andere Leute töten .... ziemlich ekelhaft! Man kann auch anders zu Geld kommen - ohne daß Menschen sterben!'



Gramesch scheint bei den Worten Theovards über den Grundeinsatz beinahe vom Stuhl zu fallen.

"Waaas? Einen Silbertaler als Grundeinsatz? So viel? Also, die Hälfte würde ja genügen - allerhöchstens!!! Schließlich haben wir ja zehn Silber Höchsteinsatz - bei fünf Bietrunden!. Da könnt Ihr ja genug hochtreiben. Also, ich bin für fünf Heller Grundeinsatz - keinesfalls mehr!"

Gramesch streicht sich aufgeregt über den roten Bart. Es ist ihm anzumerken, daß ihn der vorgeschlagene hohe Grundeinsatz wirklich aufregt.

`Zwerge` denkt sich Quiria mit einem leichten Grinsen auf den Lippen. Dann nestelt sie kurz an ihrem Gürtel, bis sie ihre - gut, aber nicht übermäßig, gefüllte - Geldkatze gelöst hat. Diese stellt sie - klimmpernd - auf den Tisch. "Ob Silbertaler oder Heller, mir ist es gleich!", meint sie locker.

"Ich nehme an, das Amt des Gebers wechselt wie üblich nach links? Und der rechte Nachbar hebt ab?"

Bei den letzten Worten wendet sie sich wieder dem direkt links neben ihr sitzenden Theovard zu.



Theovard seufzt leise.

'Zwerge .... sollte mir eigentlich klar sein, daß so etwas kommt, wenn ich mit einem Zwerg spiele.'

"Nun, wenn ihr es unbedingt möchtet. Mir ist es gleich. Aber mir scheint, ihr seid nicht sonderlich risikofreudig?"

Theovard grinst den Zwerg an. Es ist ein eher freundliches Grinsen, weder feindlich noch großspurig noch frech.

"Also, dann eben fünf Heller Grundeinsatz, in Ordnung?"

Er blickt dabei kurz zu Phexane, die wiederum nur stumm nickt.

Zu Quiria gewendet antwortet er:

"Ja, so hatte ich es mir gedacht."

Dabei nimmt er den Kartenstapel auf und beginnt zu mischen.

"Noch irgendwelche Einwände? Sonst würde ich gerne beginnen."

Wieder blickt er fragend in die Runde.



Quiria nickt zu Theovards Worten, dreht dann den Kopf und sieht - zum ersten Mal - genau zu Phexane hin. Kälte funkelt in Ihren Augen.

`Sie trägt weite Ärmel. tss - etwas, was man beim Boltanspiel nie machen sollte. Ob sie dort wohl Karten versteckt hat? Eigentlich würde nur eine blutige Anfängerin Karten in weiten Ärmeln verstecken - aber, wer weiß?`

Kühl und herablassend, fast feindselig richtet Quiria ihr Wort an Phexane:

"Bevor wir anfangen: Es macht Euch doch sicher nichts aus, vor dem Spiel einmal Eure weiten Ärmel hochzukrempeln. Nur damit es später nicht zu Unstimmigkeiten kommt. Nicht, daß wir Euch nicht vertrauen würden..."

Der Tonfall, in dem der letzte Satz ausgesprochen wird, straft dem Inhalt Lügen.

Mit verengten Augen mustert Quiria die ihr direkt gegen übersitzende »Konkurrentin«. Für einen Augenblick könnte man meinen, sie wirkt wie eine Viper, die nur darauf wartet, auf Ihr Opfer herab stoßen zu können.

`Bitte, Schätzchen, laß uns eine Karte finden... Ich weiß schon, was ich mit dir als ertappte Falschspielerin anstellen werde...`



Gramesch beruhigt sich bei den Worten Theovards wieder, daß der Grundeinsatz jetzt doch »nur« 5 Heller beträgt. Das erscheint ihm angemessener als ein ganzer Silbertaler.

Schon will er Theovard mit einer kurzen Geste zu verstehen geben, daß man von ihm aus anfangen können, als Quiria »Theovards alte Freundin« anspricht.

Leise seufzend fährt er sich mit der Rechten durch den dichten, langen, roten Bart.

"Wenn die Damen das bitte schnell regeln könnten..." brummelt er mit tiefer Stimme kurz nachdem Quiria ihre Ausführung beendet hat.

Ihm entgeht die Aggressivität in Quirias Verhalten nicht - aber es wundert ihn nicht mehr. Mittlerweile ist ihm klar, daß die Menschen untereinander sich ständig Zanken, Mißtrauen, Hintergehen und Intrigen schmieden. Sie sind eben alle noch Kinder. Wie schön ist es da doch in der Harmonie einer Zwergenbinge...

"...du kannst ja schon mal austeilen..." meint er an Theovard gerichtet. während er ebenfalls seine Börse auf den Tisch stellt.



Phexane sieht die Kälte in Quirias Augen und erkennt darin auch die Feindseligkeit der Söldnerin ihr gegenüber. Nun hat sie offenbar ihre Bestätigung und weiß, warum sie so unruhig ist. Aber eines ist noch offen: Die Frage nach dem Warum.

'Was hat die bloß? Ich habe ihr doch gar nichts getan und auch gar nichts Falsches gesagt, oder?'

Phexane versucht dem Blick standzuhalten, selbst als die Söldnerin sie auffordert die Ärmel hochzukrempeln.

'Pfff! Blöde Kuh! Die werde ich noch abzocken!'

Tatsächlich krempelt Phexane ihre weiten Ärmel hoch und entblößt somit die dünnen, nahezu kraftlos aussehenden Unterarme. Als sie bis über die Ellenbogen hinaus gekrempelt hat, hebt sie demonstrativ die beiden Unterarme und dreht sie kurz.

"So, habt ihr alles gesehen, was ihr sehen wolltet?"

Phexane hatte dabei die meiste Zeit Quiria angesehen. Der Blick der Söldnerin war zwar alles andere als angenehm und die Tatsache, daß diese ohne Zweifel stärker und kampferprobter ist als sie, läßt sie auch nicht unbedingt entspannter werden, aber nach außen hin gibt sie sich ruhig und gelassen.

Theovard mischt derweil die Karten weiter und versucht die giftige Atmosphäre, die zwischen Quiria und Phexane entstanden ist, zu ignorieren. Er läßt die Karten zwischen seinen Händen hin- und her"fliegen", bis sie offenbar ausreichend gemischt sind. Da nun Phexane ihre Unterarme und die Leere in ihren Ärmeln gezeigt hat, legt er, mit den Motiven nach unten, den Stapel Quiria hin.

'Ich hoffe, die beiden Hühner keifen sich nicht noch an!'

"Genug des Mißtrauens! Hebt bitte ab."



Quiria registriert die »leeren« Arme Phexanes und plötzlich scheint diese für sie wieder nur noch Luft zu sein - vordergründig.

`Zu Schade - es wäre aber auch zu schön gewesen. Aber - was hast du eigentlich erwartet? Nicht einmal dieses Straßenhur'chen wäre wohl so blöde, Karten in weiten Ärmeln zu verstecken... Trotzdem wird sie mir nicht in die Quere kommen. Ich werde noch einen Weg finden...`

Quiria sieht wieder zu Theovard, schenkt ihm abermals ein Lächeln und meint, während sie mit flinken Fingern den Stapel in fast genau zwei gleich große Hälften teilt:

"Aber sicher doch, laßt uns anfangen..."

Anschließend läßt sie ihre Augen auf den Karten ruhen, nicht daß sich Theovard beim Karten geben vielleicht aus Versehen vertut - Quiria hat zwar viel für Theovard übrig, daß bedeutet aber nicht, daß sie ihm vertraut.

Genaugenommen vertraut sie nur sich selbst, denn die erste Lektion, die sie lernen mußte, als sie ihr Elternhaus verließ war, daß man, wenn man anderen vertraut, nur von diesen verraten werden kann - und bei passender Gelegenheit auch wird.

Auch Gramesch hatte einen kurzen Blick auf Phexanes Arme geworfen, sie für »zu mager« befunden und sich dann damit beschäftigt, einige Heller und Silbertaler aus seinem Beutel zu fischen und diese in kleine, ordentliche Stapel vor sich auf den Tisch zu legen. Ordnung ist schließlich das halbe Leben...

`Wo nur mein Bier bleibt...`

Mißmutig schielt Gramesch zur Tür...



Theovard quittiert Quiriras Lächeln mit Gleichem, legt den neu entstandenen Stapel auf die Karten, die zuvor oben lagen und beginnt dann mit dem Austeilen. Reihum gibt er jedem, auch sich selbst, fünf Karten. Dann legt er den Stapel der übriggebliebenen Karten auf den Tisch in seiner Nähe. Daraufhin holt auch Theovard seinen Geldbeutel hervor, zieht einige Heller und Silbertaler hervor und legt seinen Grundeinsatz von fünf Hellern in die Tischmitte.

In dem Moment, als er das tut, öffnet sich die Tür und die Wirtin tritt ein.

"So, das Bier für den Herrn. Bitte sehr!" sagt sie und stellt den Krug vor Gramesch auf den Tisch.

Theovard allerdings zuckt merklich zusammen, als die Dame des Hauses ohne zu Klopfen eintritt.

"Puh, klopft das nächste Mal an, ja?"

Die Wirtin grinst Theovard an.

"Ihr seid ziemlich bleich. Wohl schon mal Ärger gehabt, was?"

Während sie das sagt, geht sie wieder aus dem Raum. Theovard antwortet nicht, sondern ordnet mit gesenktem Kopf und ernster Miene sein Geld.

Auch Phexane war sichtlich erschrocken, als die Wirtin einfach in den Raum stapfte. Doch sie ließ sich das nicht anmerken. Vielmehr beschäftigte sie sich wieder mit der Frage, warum diese Söldnerin so feindselig ist. Als Theovard diese anlächelt, glaubt sie sogar die Antwort zu wissen. Phexane mustert kurz Quiria, während sie aus ihrem Umhang ihren Geldbeutel "hervorzaubert".

'Meinetwegen soll sie ihn doch kriegen. Sie wird schon sehen, was sie davon hat.'

Sie holt ebenfalls einige Heller und Silbertaler heraus, läßt sie aber, im Gegensatz zum Zwerg, als einen ungeordneten Stapel liegen. Auch Phexane legt nun ihre fünf Heller Grundeinsatz auf den Tisch.

'Meinetwegen kann es jetzt losgehen.'



Quiria bemerkt wiederum mit kaum unterdrückter Freude Theovards Lächeln. In dieser Hinsicht ähnelt sie noch irgendwie einem naiven jungem Mädchen, daß sich über jede schüchterne Geste ihres ersten Liebhabers freut - obwohl Theovard beileibe nicht der erste Mann in ihrem Leben wäre. Es scheint so, als habe sie eher darin etwas von ihrer jugenhaften Unbeschwertheit bewahrt, ein kostbarer Schatz, um die Schrecken des harten Söldneralltags zu vergessen.

Dieser holt sie jedoch sogleich wieder ein - in Form ihrer Sinne und Instinkte, als die Tür so plötzlich geöffnet wird und die Wirtin hereintritt. Reflexartig zuckt ihre rechte Hand zu ihrer linken Hüfte, nur um dort ihre Waffe NICHT vorzufinden - kein Wunder, hatte sie sie doch über die Stuhllehne gehängt.

`Ich Närrin!` schielt sie sich selbst. `Erst einmal sollte man wissen, wo man seine Waffen hat und zweitens ist das nur die Wirtin. Was ist nur los? Habe ich in letzter Zeit zu viel Blut und Schrecken gesehen? Ach Unsinn...`

Doch tief in ihren Inneren keimt leiser Zweifel auf, ob nicht dies doch der Grund für ihr angespanntes Verhalten sein mag. Irgendwie sehnt sie sich schon nach Wärme und Zärtlichkeit - wenigstens für eine kleine Weile. Einfach mal das Leben genießen, sich Rahjas Freuden hingeben, Travias Gaben annehmen, das Schlachtfeld vergessen, ausspannen... vielleicht ist auch darin der Grund zu suchen, warum sie so hinter Theovard her ist? Eine Tatsache allerdings, die sie sich so nie selbst eingestehen würde, auch wenn ihr Verhalten Bände spricht...

Gramesch kann die Unruhe der drei Menschen nicht verstehen. Was ist dabei, wenn die Wirtin ihm sein langbestelltes Bier bringt? Die Menschen sind einfach zu schreckhaft, wie junge Küken.. naja, was will man erwarten von 20 bis 30 Jahre alten Kindern? Wesen in diesem Alter sind ja nicht mal mündig...

"Ihr seid meine Lebensretterin..." begrüßt er die Wirtin "...wenn ihr nicht bald gekommen wärt, wäre ich noch verdurstet! Stellt es bitte gerade hier hin, vor mich auf den Tisch."

Bei den letzten Worten deutet Gramesch tatsächlich mit der Rechten vor sich auf die runde Platte des Holztisches, wo die Wirtin den Krug ja dann auch tatsächlich abstellt.

"Wenn das bei Euch immer so dauert, zapft mir am Besten schon einmal gleich das nächste..." sprichts und hebt dann sogleich den Humpen, um einen tiefen Schluck daraus zu nehmen. Als er ihn absetzt, streicht er sich zufrieden einige Schaumreste aus dem Bart, klopft sich zweimal auf den Bauch und sieht in die Runde.

"Ah, das habe ich gebraucht. Von mir aus können wir jetzt anfangen..."

Während dieser Worte schiebt Gramesch einen Stapel aus fünf ordentlich aufeinander gelegten Ein-Heller-Münzen in Richtung Tischmitte, die er aber - aufgrund seiner kurzen Arme - nicht ganz erreicht.

Auch Quiria macht ihren Grundeinsatz und meint dann trocken:

"Dann laßt uns mal sehen, wem Phex heute Abend hold ist..."

Dabei beginnt die ihre Karten aufzunehmen, peinlich darauf achtend, daß niemand außer ihr deren Werte erkennen kann...



'Wem PHEx heute abend hold ist? Du wirst es noch sehen!' denkt sich Phexane, während sie ihre Karten in die Hand nimmt.

Was sie dann in ihrer Hand vorfindet, sieht doch recht vielversprechend aus: Drei Wahrsagerinnen - Luft, Wasser und Feuer. Die anderen beiden Karten sind wiederum die Humus 3 und Erz 5. 'Eine Wahrsagerin noch .... das wäre perfekt! Es gibt dann nur noch zwei Kombinationen, die dieses Blatt schlagen. Aber die sind doch sehr unwahrscheinlich.'

Phexane behält ihre kühle Miene, zumal ja noch nichts entschieden ist. Dafür ordnet sie nun ihre Karten und wartet darauf, daß die erste Wettrunde eingeläutet wird.

Theovard nimmt ebenfalls seine Karten auf. Doch im Gegensatz zu Phexane sieht er für sich keine große Hoffnung auf Gewinn: Erz As, Eis 2, Humus 5, Ritter des Feuers und Magier des Eises. Doch auch er bleibt gelassen. Man kann halt nicht immer gewinnen ... und bei vier weiteren Spielen ist ja auch noch einiges möglich!

Kurz sieht er sich in der Runde um und hofft so, in den Gesichtern etwas lesen zu können.

"So, meine Damen und mein Herr! Beginnen wir also mit der ersten Wettrunde," sagt Theovard, "Ich passe!" fügt er sogleich hinzu und legt die Karten mit den Motiven nach unten auf den Tisch. Dann blickt er zu Phexane.

Diese schaut durchaus etwas überrascht.

'Nanu? Hat er keine Karten bei sich versteckt? Wäre ja mal was ganz Neues!'

Phexane legt fünf Heller auf die Tischmitte.

"Ich setze fünf."



Quiria betrachtet ihre Karten und jubelt innerlich vor Freude. Drei Fürsten - Fürst des Feuers, des Erzes und des Eises - und die beiden Knappen des Humus und der Luft... eine Familie, ein gutes Blatt.

`Das fängt ja gut an - gleich am Anfang ein recht hohes Blatt auf der Hand. Das könnte wirklich gut für mich laufen heute...`

Und wirklich stehen die Sterne für Quiria momentan äußerst günstig. Natürlich weiß sie es nicht, aber das Blatt, daß sie momentan auf der Hand hält, ist das beste am Tisch. Aber noch kann sich kein Spieler absolut sicher sein. Täuschung ist bei diesem Spiel ein wesentliches Element und nicht selten hat ein Spieler mit besserem Blatt gepaßt, weil er das Blatt des Gegners besser einschätzte, als es war. Und dann ist ja auch noch die Möglichkeit des Kartentauschs... Alles ist noch offen - und DAS wissen die Spieler.

Nachdenklich fixiert Gramesch seine Karten. Mit seiner linken Hand streicht er sich über seinen roten Bart.

`Mmmh, As des Feuers, As des Eises, den Ritter der Luft, die Wahrsagerin der Erde und die Eis 3... ein hohes Paar. Nicht viel, aber immerhin... und Chancen auf ein höheres Blatt.`

Interessiert hört er, wie Theovard paßt - seine Karten müssen wohl wirklich schlecht sein - und seine Nachbarin fünf Heller bietet. Kein besonders hoher Einsatz.

`Mh, entweder hat sie auch nur mittelmäßige Karten... oder sehr gute!`

Gramesch hatte in den letzten Jahren genug Zeit, um das Verhalten der Menschen beim Boltan zu beobachten. Eine Beobachtung dabei war, daß erfahrene Spieler mit gutem Blatt oft mit niedrigen Einsätzen beginnen. Allerdings weiß er nicht, wie erfahren »Theovards alte Freundin« denn ist. Er beschließt, einfach mal den schlechtesten Fall anzunehmen und also zu schließen, daß sie eine erfahrene Spielerin mit guten Karten ist.

`Mmh, am besten ich gehe mal mit kleinen Einsätzen mit, bis zum Kartentausch, dann kann ich neu entscheiden.

Schließlich beendet er seinen Gedankengang, hört auf, seinen Bart zu streicheln und schiebt in aller Ruhe ebenfalls fünf Heller in Richtung Tischmitte.

"Ich halte" grummelt er

Auch Quiria registriert die Vorgänge am Spieltisch.

`Theo paßt, die Schlampe setzt fünf Heller und der Zwerg zieht mit. Mmh. Wenn man davon ausgeht, daß der Zwerg vorsichtig spielt, ist er wohl keine Gefahr. Aber was hat diese Ork-Geliebte auf der Hand?`

Quiria legt mit fast theatralischer Geste die Karten locker auf den Tisch zurück - natürlich mit den Motiven nach unten und greift dann nach ein paar Münzen, die sie zwischenzeitlich auch aus ihrem Geldbeutel auf den Tisch gelegt hatte.

Ihre Augen suchen bewußt Phexane, bewußt überlegen lächelt sie ihre »Konkurrentin« an.

`Dann wollen wir mal sehen, ob wir sie nicht verunsichern, aus der Reserve locken können...`

"Na, vertraut ihr eurem Glück nicht, daß ihr so niedrige Einsätze setzt?" fragt Quiria beiläufig. Dann grinst sie zynisch, fast bösartig.

"Ach entschuldigt, ich vergaß ja, daß es nicht einfach ist auf der Straße so viel Geld zu verdienen. Es erfordert wohl hohen Körpereinsatz...!"

Denn letzten Satz betont sie besonders, so als wollte sie damit etwas bestimmtes aussagen.

`Na, wie gefällt dir das, du kleine Straßendirne?`

Dann legt sie mit lockerer Hand ein fünf Heller in die Tischmitte...

"Eure fünf Heller..."

... und legt ein glänzendes Silberstück daneben.

"...und ich erhöhe um einen Silbertaler."

Dann sieht sie wieder aufmerksam zu Phexane, ihre Reaktion abwartend.

`Mal sehen, ob meine Spitze getroffen hat...`

Gramesch sieht derweil zwischen den beiden Frauen hin und her.

`Na, daß wird noch spaßig werden... Menschen!`

Erneut greift er zum Krug und nimmt einen Schluck des Bieres.

`Sind mir meine Karten Silber wert?`



Phexane registriert das überhebliche Lächeln, daß Quirias Gesicht ziert. Noch immer bemüht sie sich um eine kühle, gelassene Miene, doch dieses Weibsbild, das ihr gegenüber sitzt, macht es ihr nicht gerade einfach. Doch bei den herablassenden Worten, die die Söldnerin zu Phexane sagt, blitzt ein feindseliges Funkeln in den Augen der Streunerin auf.

'Diese verfluchte Söldnerkuh!'

Doch sie zwingt sich wieder zur Ruhe, obwohl sie innerlich langsam anfängt wie ein Vulkan zu brodeln.

"Ich halte," antwortet Phexane und schiebt die fünf Heller plus einem Silbertaler zur Tischmitte, dabei blickt sie Quiria genau in die Augen und lächelt ein seltsam freundliches Lächeln, "und erhöhe um weitere fünf Heller."

Auch diese schiebt sie zur Mitte.

Sie lehnt sich dann selbstgefällig zurück und erhält dabei das Lächeln aufrecht.

"Ich hoffe, ihr hattet in den Zelten bei den anderen Söldnern genug verdient. Ansonsten solltet ihr dieses Spiel lieber .... abblasen! Das könnt ihr doch sicherlich am besten."

Phexanes Lächeln verwandelt sich in ein breites Grinsen.



Während Phexane wartet, ob ihre Spitze bei Quiria trifft, sieht Gramesch etwas erstaunt auf den Einsatz, den Phexane da in die Mitte schiebt.

`Warum legt sie einen Silbertaler UND fünf Heller hin, um mitzugehen? Die ersten fünf Heller waren doch ihr erstes Gebot... Sollte sie wirklich kein Boltan spielen können? Solche Fehler dürfen einem guten Boltanspieler nicht passieren... oder stellt sie sich dumm um uns zu täuschen. Wenn...wenn das wahr wäre, dann wäre diese Menschenfrau ja genauso verschlagen wie die - Angrosch strafe sie - vermaledeite Echsenbrut...`

"Ähm, bei Angrosch, erhöht ihr nun um einen Silbertaler, oder unterlief Euch ein Fehler, als ihr die fünf Heller zusätzlich hinlegtet, um zu halten?" spricht er mit griesgrämigen Tonfall Phexane an.

Derweil funkelt Quiria Phexane an.

`Was erlaubt sie sich eigentlich, diese... nur ruhig. Sie versucht mich zu provozieren. Aber das kann ich besser!`

Dann fällt auch ihr Phexanes Fehler auf, und sie lächelt breit. Zuckersüß ergreift sie nach Gramesch das Wort:

"Über meine Barschaft solltet Ihr Euch keine Sorgen machen. Meine Kameraden bedienen sich im übrigen in solchen Dingen der Hilfe von umherreisenden Damen in weiten Blusen - schon der luftige Schnitt verrät ihre größere Erfahrung - wie Ihr sicher wißt..."

`das sollte sie kapieren`

"...aber ich mache mir wirklich über Euch Sorgen. Seid Ihr sicher, daß Ihr Euch bei der Entlohnung Eurer Dienste nicht manchmal verzählt? Schließlich habt Ihr gerade fünf Heller zuviel gezahlt..."



Während Phexane mit ihrer rechten Hand die Karten hält, schlägt sie die andere vor ihren Mund.

"Oh, äh, ist das denn nicht richtig?"

Mit großen Augen blickt sie fragend zu Theovard. Dieser verengt kurz seine Augen.

'Tss! Die macht Sachen! Jetzt tut sie so, als hätte sie von nichts Ahnung! Na gut, dann werde ich ihr helfen .... und sie später daran erinnern.'

"Nein, es ist nicht richtig." antwortet er geduldig lächelnd. Dann wendet er sich den anderen zu.

"Tja, die kleine Süße hier hat leider nicht genug Erfahrung in diesem Spiel, gell, Felina?"

'Vergiß das bloß nicht!'

"Wenn du vor einer Erhöhung einen geringeren Betrag gesetzt hattest, dann mußt du, sobald du wieder an der Reihe bist, die geforderte Erhöhung nachsetzen."

Phexane nickt und lächelt Theovard unschuldig an.

"Danke, ich denke, jetzt kann ich es mir merken!"

'Nicht schlecht, er hat tatsächlich mitgespielt! Ich hoffe, daß die anderen beiden mich jetzt unterschätzen.'

Kurz blickt Phexane auf ihre Karten, läßt dann ihren Blick über Quiria streifen, deren letzte Bemerkung sie schlicht ignoriert.

"Naja, was einmal im Pott ist, darf nicht wieder raus. Somit habe ich um einen weiteren Silbertaler erhöht."

Sie schaut zu Gramesch, so als wolle sie sagen.

'Na, ist dir dein Blatt soviel wert?'.



Gramesch zupft sich seinen Bart.

`Mmh, zwei Silber... Quiria hat anscheinend ein gutes Blatt... und diese Felina - ob es wirklich ein Fehler war? Menschen sind ja so verschlagen...`

Noch einmal wirft er einen Blick auf seine Karten...

`Nein, dieses Blatt ist keine zwei Silber wert...`

Langsam legt er die Karten mit den Bildern nach unten auf den Tisch und sagt gleichmütig:

"Ich passe..."

Dann greift er nach seinem Bier, nimmt einen Schluck...

`Mist, schon wieder gleich leer... wo bleibt denn die Wirtin. Ist ja langsamer als Granitgestein...` ... und lehnt sich dann zurück, um das weitere Spiel zu beobachten.

Quiria mustert »Felina« aus engen Schlitzen. Man kann beinahe sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitet.

`Sollte sie wirklich... erst der Fehler mit den weiten Ärmeln, jetzt das verkehrte Setzen des Einsatzes... Moment, Theovard fragte sie vorhin, ob sie nicht wieder mal mitspielen wolle, und sie sagte sofort zu - wer ist so schnell dabei, wenn er damit rechnen muß zu verlieren...? Aber warum spielt Theovard dann das Spielchen mit? Diese Orkbraut muß ihm doch den Kopf verdreht haben. Sehr schlau, Miststück, seine Schwäche für deine Zwecke zu nutzen... aber ich habe dich durchschaut. Das ging nämlich zu gut... Na warte`

Quiria setzt ein fast freundlichen Lächeln auf.

`Na, dann spielen wir mal vordergründig mit. Vielleicht kann ich dich ja dann verwirren, mein Täubchen...`

"Wenn das so ist, dann solltet ihr Euch vielleicht noch einmal mit den Regeln vertraut machen. Wir wollen ja schließlich nicht, daß Ihr aus Unwissenheit verliert..."

In ihren Augen blitzt es spöttisch...

Dann nimmt sie mit flinken Fingern einen Silbertaler von ihrem Stapel und legt diese in die Mitte.

"Euren Silbertaler"

Dann nimmt sie fünf Heller von ihrem Stapel.

"Da Ihr anscheinend nicht so erfahren seid, will ich es langsam angehen... schließlich sollt Ihr heute abend noch bei mehreren Spielen Gelegenheit haben, zu lernen..."

`Na, wie gefällt dir das...`

"Deswegen erhöhe ich einmal Euch zuliebe nur um 5 Heller. Außerdem steht es

Euch natürlich frei jederzeit anzusagen, daß Ihr neue Karten ziehen mögt..."

`Mal sehen, was du jetzt sagst. Und mal sehen, wie du guckst, wenn ich keine Karte ziehe - häh häh`



Phexane registriert das Passen des Zwerges, was sie aber auch nicht sonderlich verwundert. Zwar hatte sie in ihrem bisherigen Leben kaum mit Zwergen zu tun gehabt, doch sie hatte schon oft davon gehört, wie goldgierig diese 'Wesen' sind. Irgendwer hatte ihr mal erzählt, daß Zwerge ihr Geld ständig irgendwo verbuddeln und dann, irgendwann, nicht mehr wissen, wo. Eigentlich ein guter Grund mit einer Schaufel durch die Lande zu ziehen ....

Doch nun ist es wieder die Söldnerin, die Phexanes Aufmerksamkeit erregt.

'Aha, du blöde Schlampe willst mir also erzählen, ich könnte jederzeit Karten ziehen?'

"Aha, so so ...... hmmmmmmmmmmm," Phexane blickt nachdenklich auf ihre Karten, "also, wenn ich mich recht entsinne, dann kann ich jetzt noch keine Karten tauschen."

'Eigentlich hasse ich es mich so blöd anzustellen!'

Sie blickt wieder auf und somit direkt in Quirias Augen. Ein verständnisvolles Lächeln, lieb und artig, ziert ihr Gesicht.

"Ihr hattet wahrscheinlich in eurem bisherigen Leben wenig freie Zeit, um euch mit Kartenspiele zu beschäftigen. Manche Männer können und wollen ja ständig, und wenn ihr dann die einzige Frau weit und breit seid ...."

Frech blitzen ihre Augen auf.

"Ich verüble es euch nicht. Im Gegenteil - ihr tut mir direkt leid!"

Phexane löst wieder den Blick von ihr und zählt fünf Heller ab, die sie zur Tischmitte schiebt.

"Naja, wie auch immer - ich halte."



Quiria sieht Phexane bitterböse an. Kaum verhohlener Haß funkelt in ihnen. Wenn Blicke töten könnten, dann hätte Phexane wohl eben gerade eine für sie weniger erfreuliche Begegnung mit Golgari...

`Diese Gassenkuh, wie kann sie es wagen, mich derart... Halt, moment. Eigentlich könnte ich ja... genau`

Plötzlich hellt sich ihr Gesicht auf, es scheint so, als blitze kurz diebische Freude auf ihrem Gesicht auf, als ihr eine Idee kommt, wie sie Phexanes Äußerung gegen diese verwenden könnte...

Kühl und nun wieder vollkommen ruhig antwortet sie:

"Macht Euch mal um mich keine Sorgen. Glaubt mir, ich weiß mich sehr wohl durch zu setzten... Allerdings fange ich an, mir um Euch Sorgen zu machen. Denn wie uns unser allseits geschätzter Freund Theovard..."

ein kurzer Seitenblick Quirias zu eben diesem begleiten ihre Worte, um dem genannten ein Lächeln zu schenken.

"...bestätigte, seid Ihr hier die Person, die wenig Erfahrung mit Kartenspielen hat. Jaja, das Leben muß hart für Euch sein..."

Quiria schafft es sogar, dem ganzen die Krone auf zu setzten, und die letzten Worte tatsächlich mitleidsvoll klingen zu lassen...

`Na, wie hat dir das gefallen. Ich schätze mal Eigentor, wie man beim Imman sagt...`

Gramesch verdreht die Augen. Was soll das? Können die Menschenfrauen nicht einfach in Ruhe Kartenspielen, ohne sich dabei Nettigkeiten an den Kopf zu werfen? So langsam hat er genug. Und wenn er von etwas genug hat, dann wird er ungehalten. Finster blickt er zwischen den beiden Frauen hin und her.

"Würdet Ihr bitte weiterspielen..." grummelt er gereizt, gerade noch so verständlich.

Quiria indess nimmt wieder fünf Heller von ihrem Stapel, schiebt sie in die Mitte und meint fast im Plauderton:

"Weitere fünf..."



Phexane schüttelt belustigt den Kopf.

'Die ist ja so dumm!'

"Nun, wißt ihr, es gibt im Leben auch noch andere Dinge, als DAS!"

Sie macht eine kurze Pause, fährt dann aber weiter fort.

"Ich reise durch das Land, lerne neue Länder kennen und erweitere, im Gegensatz zu euch, meinen Horizont."

'... oder meinen Geldbeutel.'

Doch dann blickt Phexane auf den Geldstapel in der Tischmitte, wo Quiria weitere fünf Heller hingelegt hat.

'Wer hier wohl keine Ahnung hat?'

"Ich sehe schon, es gab in eurem Leben tatsächlich Dinge, die euch vom Boltanspielen abgehalten haben. Aber vielleicht habt ihr auch einfach nur schlechte Ohren: ich habe gehalten! Die erste Bietrunde ist vorbei. Nun werden die Karten getauscht. Aber nett, daß ihr noch etwas in den Pott gelegt habt!"

Bei diesen Worten legt sie verdeckt zwei Karten ab und schiebt diese zu Theovard.

"Ich ziehe zwei."



Bei Phexanes Worten verfinstert sich Quirias Miene immer mehr. Ihre Augen blitzen Phexane wütend und zugleich drohend an, so als wollten sie mitteilen, daß es nun genug sei, daß Phexane es ja nicht wagen soll, den Bogen zu überspannen.

`Noch ein paar spitze Bemerkungen, du Flittchen, und du kannst dir eine neue Behausung suchen - drei Meter tief in Sumus Leib...`

"Ich wollte Euch noch eine Freude machen... aber ich sehe, ihr zieht doch lieber Karten" entgegnet sie trocken.

Dann schweigt sie für einige Augenblicke, wartet ab, bis sich Stille über den Raum senkt. Dann, plötzlich, sagt sie laut und vernehmlich, beinahe wie ein Paukenschlag, mit einem Seitenblick zum Kartengeber Theovard:

"Ich nehme keine!"

Gramesch sieht mit hoch erhobenen Augenbrauen Quiria an. Eben noch hatte er sich zurückgelehnt, geschätzt, wie lange die Wirtin wohl für sein neues Bier braucht und innerlich seufzend gehofft, daß diese beiden Gänse bald mit ihrem Geschnatter aufhören - und jetzt so etwas!

Die Luft entweicht ihm in einem leisen, überrascht klingendem Pfiff.

Quiria will keine Karte tauschen! Entweder blufft sie - und dann müßte sie wirklich gut sein, denn Gramesch kann keien Regung in ihrem gesicht entdecken, die darauf hindeutet - oder sie hat wirklich gute Karten.

`War wohl wirklich gut, daß ich rechtzeitig ausgestiegen bin. Mit meinem Paar hätte ich wohl haushoch verloren...`



Phexane hebt eine Augenbraue, als sie hört, wie Quiria sagt, daß sie keine Karte zieht.

'Was für Blatt hat die bloß? Kann ich dagegen ankommen?'

Auch Theovard, der Phexane gerade zwei neue Karten zuschiebt, sieht man die Überraschung an. Doch er sagt nichts, sondern nickt nur.

Phexane nimmt die beiden Karten auf ... und würde am liebsten laut jubeln! Statt dessen bleibt sie aber weiterhin ruhig und gelassen und kein Gefühl ist von ihrer Miene abzulesen. Tatsächlich hält sie nun vier Wahrsagerinnen in der Hand: Luft, Feuer, Wasser und Erz.

Phexane schaut die Söldnerin, die ihr gegenüber sitzt an.

"Ihr seid an der Reihe mit Bieten. Das letzte Gebot von euch war ja ungültig."



Quiria scheut ihrer Kontrahentin genau ins Gesicht, versucht eine Regung auszumachen, irgend etwas, das ihr verraten würde, wie gut Phexanes Blatt ist. Doch... ist das Licht zu flackernd, läßt sie ihre Beobachtungsgabe im Stich, ist Phexanes Miene wirklich das ultimative Boltangesicht? Jedenfalls kann Quiria nichts genaues erkennen und so...

`Mmh, mein Blatt ist ziemlich hoch... Sie hat zwei gezogen. Das bedeutet, ich muß damit rechnen, daß sie einen Drilling auf der Hand hatte. Hätte sie immer nur noch einen Drilling, dann wäre mein Blatt höher - hat sie jedoch vier gleiche, dann ist ihrs höher... Ich habe den Vorteil, daß ich keine Karte zog - daß heißt, sie weiß noch weniger über mein Blatt als ich über ihrs. Und wenn alles geklappt hat, dann müßte sie überzeugt sein, daß mein Blatt wirklich gut ist. Also - am besten versuchen, den Eindruck zu wahren. Falls sie wirklich vier gleiche haben sollte, habe ich noch die Möglichkeit, sie durch Bluffen dazu zu bringen, daß sie aussteigt! Wer nicht wagt gewinnt!!! Phex steh mir bei!`

Diese Überlegungen laufen innerhalb von Augenblicken in ihr ab, während sie versucht, äußerlich ganz ruhig und unbewegt zu bleiben, immer ihre Gegnerin ansehend. Auch dies ist eine altbewährte Taktik, die dazu dienen soll, den Gegner nervös zu machen...

Mit einer beiläufigen Handbewegung nimmt sie zwei Münzen von ihrem Stapel und legt sie in die Mitte.

"Dann wollen wir einmal klein anfangen - zwei Silbertaler fürs erste..." sagt sie in einem Tonfall, als rede sie über das Wetter in Garethien. Ihr Lächeln, daß sie nun - wie zufällig - aufsetzt wirkt überlegen, siegessicher - doch nur für einen kurzen Augenblick, dann setzt Quiria wieder eine Boltanmiene auf.

`So, mal sehen, ob sie darauf reinfällt. Soll sie doch ruhig denken, ich hätte aus Versehen durch mein Lächeln meine gutes Blatt verraten...`



Phexane nimmt das Gebot Quirias zwar wahr, reagiert aber nicht weiter darauf, als sie sich ein paar Münzen aus ihrem ungeordneten Haufen fischt.

'Ich werde nicht soviel setzen. Dadurch wird sie unter Umständen denken, ich hätte ein nicht sonderlich gutes Blatt.'

Phexane legt einige Münzen auf die Tischmitte.

"Ich halte und erhöhe um sechs Heller."

Nachdem Phexane das gesagt hat, klopft es kurz an der Tür und gleich darauf kommt die Wirtin herein. Ein Schwall von fröhlicher, schneller Musik, Lachen und Schwatzen drängt durch den schmalen Flur in den Raum. Offenbar ist die kleine Taverne noch voller geworden. Auch der Geruch, den die Wirtin mittlerweile trägt, eine unangenehme Mischung aus Pfeifenrauch, Essensgeruch und Schweiß, macht sich in dem kleinen Raum breit.

"Euer Bier, mein Herr." sagt sie und stellt es vor Gramesch auf den Tisch. Dabei geht kurz ihr Blick zu dem Geldhaufen auf dem Tisch.

"Darf es noch etwas sein?" fragt sie schnell und blickt kurz in die Runde.

Phexane winkt ab, während sie mit gelassener Miene auf ihre Karten blickt. Theovard wiederum nickt.

"Für mich einen Rotwein, werte Dame."



Quiria sieht auf, als die Wirtin hereinkommt. Zuerst wirkt sie etwas ungehalten, ob der Störung, aber als sie sieht, daß es die Wirtin ist, die stört, entspannt sie sich wieder - etwas.

"Einen herben Weißwein, wenn Ihr so etwas vorrätig habt" antwortet sie auf die Frage der Wirtin, während sie 6 Heller in die Tischmitte legt, kurz zögert...

`Was soll ich davon halten? 6 Heller - entweder hat sie wirklich gute Karten und sie will nicht, daß ich es weiß, oder sie hat schlechte Karten und ist zu unerfahren zum Bluffen. Mmh. Ich werde einfach nicht schlau aus diesem Biest. Am Besten ich versuche weiterhin sie zum Aufgeben zu bringen...`

... und dann 5 Silbertaler dazu legt.

"Ich erhöhe um 5 Silber" meint sie ruhig, wieder in Richtung Phexane.

Gramesch hatte mit einem stummen Nicken sein Bier entgegengenommen und den mittlerweile geleerten Krug der Wirtin gereicht. Gerade war er dabei, einen tiefen Zug des neugebrachten Nasses zu nehmen, als Quiria ihr Gebot verkündet.

Gramesch reißt erstaunt die Augen auf und verschluckt sich beinahe an seinem Bier. Hustend und mit rotem Gesicht setzt er den Krug ab und sieht in die Tischmitte. Hier und da läuft ein Bierbächlein den Bart hinunter, doch Gramesch scheint es gar nicht zu bemerken.

`5 Silber... FÜNF Silbertaler - das verspricht ja noch interessant zu werden...`

Kurz sieht er zu Quiria, dann zu Phexane und schließlich zur Wirtin.

"Am Besten, Ihr zapft mir gleich noch eins...!" spricht er letztere an und sieht dann wieder auf den kleinen Haufen Geld in der Tischmitte... In seinen Augen scheint es zu glitzern, so als spiegle sich der Schein der Münzen in seinen Augen.

`Silberstücke, ach Silberstücke fein ... ich laß Euch nicht gehn, bald seid Ihr mein... Später, später - beim nächsten Spiel! Das schöne Geld, ich muß es haben. Schätzchen, Schätzchen, ich werd Euch holen... Und wenn Ihr dann durch meine Finger in meinen Beutel rinnt...`



Phexane versucht ruhig zu bleiben, doch das Gebot Quirias läßt sie kurz etwas unruhig auf dem Stuhl herum rutschen. Zwar hat sie noch genug Geld bei sich liegen, aber sie hatte so manches Spiel erlebt, bei der dieser Haufen immer kleiner und kleiner wurde, bis sie am Ende vollkommen blank war.

Doch dann hört Phexane das Husten des Zwerges zu ihrer linken Seite und erkennt, wie 'armselig' es doch eigentlich ist, bei so einer Summe nervös zu werden. Zwar mag es zu einem Vertreter des Volkes passen, die ihre Schätze immer irgendwo verbuddeln, damit bloß kein anderer heran kommt, aber Phexane ist nicht nur ein Mensch, nein, sie ist auch eigentlich schon ganz andere, wahnsinnigere Beträge gewohnt. Sicher, es war oft riskant und manchesmal hatte sie Unsummen verloren, aber oft hatte sie das Geld recht schnell wieder. Sei es durch Einschmeichelei bei dem Gewinner und anschließendem Umtrunk, sei es durch einen Einbruch in ein ungesichertes Wohnhaus. Sie weiß, was sie kann und somit beruhigt sie sich schnell wieder.

"Ich halte und erhöhe um," eine sehr kurze, aber merkliche Pause entsteht, "einen Silbertaler."

Eine vorsichtige, aber auch nicht ZU vorsichtige Erhöhung des Betrages - genau das ist es, was Phexane nun anstrebt. Soll doch die Söldnerin ihre ganzen Silbertaler setzen! Sie, Phexane, wird die dumme Kuh derweil in Sicherheit wiegen - bis es darum geht, die Karten zu zeigen und den Gewinn einzustreichen...

Sie schiebt das Geld in die Tischmitte und blickt dann Quiria mit einem Ausdruck vollkommener Ruhe an.

'Leg noch mehr in den Pott! Tu es für mich!'

Ganz und gar ist Phexane von Ruhe und Entspannung (und ein wenig Vorfreude) erfüllt.

Auf Theovards Gesicht huscht dagegen ein Lächeln nach dem anderen. Diese Söldnerin gefällt ihm mehr und mehr! Sie liebt das Risiko, verfügt über Geld und spielt Boltan - eine bessere Frau kann es für ihn nicht geben!

Klar, wenn er seinen Spaß mit ihr gehabt hat, wird er wieder seines Weges ziehen (oder sie), aber was will er auch mehr von ihr? Zwar könnte er mit ihr zusammen gegen andere Leute spielen und beide könnten die anderen abzocken, aber dann müßte er den Gewinn ja teilen! Dann wäre ihm ein kleines, stilles Mäuschen lieber, das ihm brav den Gewinn überläßt und ihn anhimmelt, bis er genug Geld hat, um sich ein schönes, ruhiges Leben zu machen. Er würde sie verlassen, damit dann Platz für andere Frauen wäre.

Oh ja, so etwas würde ihm gefallen, aber weder diese vorlaute Felina, noch diese ogerstarke Quiria wären die Richtigen für solch einen Plan. Wenn er diesen mit einer der beiden durchziehen würde, dann würde er am Ende entweder mit einem Säbel im Magen oder total ausgeraubt erwachen.

So schaut er einfach nur zu, freut sich auf eine interessante Nacht und auf den Morgen, an dem er wieder weiterziehen wird.

Die Wirtin wiederum nimmt die Bestellung des Zwerges und der Söldnerin entgegen, wobei sie lediglich nickt und ein "Hmhm" von sich gibt. Die Summe, die diese kräftige Frau, die sicherlich eine Menge Bierkrüge, wenn nicht sogar ein ganzes Fass, schleppen könnte, überrascht sie. Sie hatte in ihrem bisherigen Leben selten Boltan gespielt und wenn, dann ging es nur um sehr kleine Beträge.

'Ich hoffe, die anderen Spieler haben am Ende genügend Geld, um ihre Rechnung zu begleichen! Ich will nicht ständig Fremde in der Küche beim Abwasch stehen haben!'

Sie fängt sich relativ schnell und huscht wieder hinaus.



Quiria registriert mit einem kaum wahrnehmbaren Grinsen »Felinas« unruhiges Umherrutschen auf dem Stuhl. Wenn das so weiterginge, dann hätte sie sie gleich soweit, daß sie aufhört.

Als Phexane dann aber doch um einen Silbertaler erhöht, ärgert sie sich schon ein wenig, vor allem, als sie den Ausruck der Ruhe in den Augen ihrer Gegnerin sieht.

`Mist, habe ich mich zu früh gefreut? Hat diese dumme Orkkonkubine etwas bemerkt? ... Oder ist das ein letzter verzweifelter Versuch, MICH zur Aufgabe zu bringen? Na warte!`

Unter Einsatz ihrer ganzen, mühsam erworbenen Selbstbeherrschung schafft sie es, ebenfalls vollkommen ruhig und sogar etwas souverän zu wirken, als sie ebenfalls einen Silbertaler in die Mitte schiebt, mit ihrer Hand wieder zu ihrem Stapel langt und weitere vier Silbermünzen zur Mitte schiebt.

"Euer Silbertaler und weitere vier..."

`So, insgesamt ein halber Dukat - mal sehen, was du jetzt machst, Miststück...`

Theovards Lächeln - eine Sache, über die sie sich sicherlich sehr gefreut hätte, hätte sie bemerkt, daß es ihr gegolten hätte - entgeht ihr bei ihrer Konzentration auf ihre Gegnerin völlig. Auch die Wirtin wird wieder ignoriert. Was zählt ist momentan nur das Spiel. Jeder Moment kann spielentscheidend sein, jedes Wimpernzucken kann wichtige Informationen über den »Gegener« preisgeben, jede Regung kann über Gewinn und Verlust entscheiden ... und Quiria hat vor, dieses Spiel zu gewinnen...



Phexane blickt kurz auf den Geldhaufen neben ihr.

'Wieviel ist mir dieses Blatt wert? Eigentlich schon eine Menge. Aber was wäre, wenn diese Söldnerkuh ein besseres Blatt hat? Ich würde sehr viel verlieren, wenn ich jetzt einiges setze. Dann könnte ich nicht mehr an den weiteren Spielen teilnehmen, weil mir die Mittel dafür ausgegangen sind.'

Sie nimmt einige Silbertaler.

'Ich sollte wirklich vorsichtig sein! Bei dem letzten Spiel mit Theovard hatte ich mich bei den Geboten übernommen. Das darf mir kein zweites Mal passieren!'

"Ich halte," sagt Phexane, schiebt ihr Geld zur Tischmitte, wobei sie mit kühler Miene Quirias Blick fixiert, "und will sehen!"

Das war es! Der Endpfiff für das erste Spiel. Nun wird sich zeigen, wer das bessere Blatt hat und das kleine Vermögen auf dem Tisch bekommt und wer der Verlierer ist.



"So so, ihr wollt also sehen... Nun gut"

Für einen Moment fixiert Quiria ihre Gegnerin. Ihre Augen brennen in einem´ Feuer, da sich in den Augen Phexanes zu spiegeln zu scheint.

"Dann wollen wir mal schauen, was Ihr auf der Hand habt"

Selbstsicher legt sie ihre Karten auf den Tisch.

"Ich habe eine recht hohe Familie - und Ihr?" fragt sie schnippisch.

`Da wird sie wohl nicht drüber kommen...`

Gespannt sieht sie auf Phexanes hand, um zu sehen, was sich ihr dort gleich offenbaren wird...

Gramesch hält die Luft an. Gleich, gleich wird sich entscheiden, wem der Haufen Geld in der Tischmitte gehören soll - wenigstens ein Spiel lange... Kaum wagt er es zu atmen, eine Stille scheint sich über den Raum zu senken, als auch er gespannt darauf wartet, was seine rechte Nachbarin wohl aufdecken wird.

`Immerhin war es gut, wegzugehen - die Söldnerin hätte mein Blatt wohl glatt geschlagen...`



Theovard zieht die Augenbrauen hoch, als er das Blatt Quirias sieht. 'Und das ohne zu tauschen! Nicht schlecht!'

Doch dann blickt er erwartungsvoll zu Phexane.

Diese schaut einen kurzen Moment auf die Karten Quirias, wobei ihr Gesichtsausdruck weiterhin unverändert kühl bleibt. Doch dann grinst sie mit geschlossenem Mund und schnauft leicht verächtlich.

"Nett." sagt sie lediglich, dann liegt auch sie offen ihre Karten auf den Tisch - vier Wahrsagerinnen!

"Familie schön und gut, aber diese vier Damen kommen auch ohne aus."

Sie grinst breiter, als sie nun ihre Arme ausstreckt, um das Geld zu sich zu schieben. Sicher, es hätte noch mehr sein können, aber auch dieser Geldhaufen ist nicht zu verachten.

Als sie das Geld bei sich liegen hat, geht ihr Blick weg vom Geld hinüber zu Quiria. Das Grinsen und ihre Mimik verwandeln sich von einem Moment auf den anderen. Während sie zuvor noch ein Siegerlächeln auf ihrem Gesicht trug, nimmt ihre Miene nun einen diabolischeren Ausdruck an.

Frech funkeln Phexanes Augen die Söldnerin an, als sie einen Heller von dem Haufen nimmt und ihn Quiria zu schnippt.

"Hier! Kauf dir was Schönes!"



Quirias Augen werden weit, als sie wie gelähmt auf die vier Wahrsagerinnen starrt, die nun vor Phexane auf dem Tisch liegen.

`Wie? Was? Warum? Aber - wie kann das sein...?`

Einige Momente ist sie völlig fassungslos, scheint ihre Umgebung gar nicht mehr wahrzunehmen.

`Ich-habe-verloren...` sickert es durch Ihr Gedächtnis.

`Verloren! Und das mit so einem Blatt!...`

Erst als neben ihr ein Heller auf den Tisch prallt und höhnische Worte wie aus weiter Ferne an ihr Ohr dringen, kommt sie langsam wieder zurück in die Wirklichkeit, bemerkt was um sie herum vorgeht.

»Kauf dir etwas Schönes« dringt an ihr Ohr. Ihre Gegnerin wagt es tatsächlich sie zu verspotten! Diese dreckige Straßenhure, dieses Orkliebchen wagt es auch noch, sich über sie lustig zu machen! Flammen der Wut flackern in ihren Augen als sie ihren Blick auf Phexane richtet. Tiefster Haß scheint aus dem inneren ihrer Seele zu sprühen, in dem Versuch, Phexane zu greifen, zu zerfetzen, zu verbrennen, ertränken. Sollte der Wunsch, den Quiria gerade hegt jemals Wirklichkeit werden, dann würde Phexane wohl leiden, wie noch nie ein Mensch vorher...

Quirias Faust schlägt krachend auf den Tisch.

"Wagt es nicht, euch über mich lustig zu machen, ich brauche eure Almosen nicht!" preßt sie laut und zornig hervor. Ihre Arme zittern vor Wut, der ganze Körper scheint zu erbeben - es scheint so, als fehle noch genau ein Tropfen, der das Faß endgültig zum Überlaufen bringt: Sollte dieser Tropfen fallen, dann würde sich Phexane wohl einer Gegnerin gegenübersehen, die von der Gefährlichkeit einer wütenden Ogerin gleichkäme...

Gramesch sieht aufmerksam zu Quiria herüber. Vorsichtshalber ist seine Hand in Richtung Axt gewandert - man weiß ja nie. Falls diese Furie plötzlich beschließen sollte, aufzuspringen und mit ihrem Säbel alles niederzustechen, dann wäre er wohl der einzige in diesem Raum, der ihr Paroli bieten könnte...

`Das diese Großlinge aber auch immer so unbeherrscht sein müssen! Es war aber auch keine gute Idee, die Verliererin derart zu provozieren.`

Ein tadelnder Blick - in etwa so, als betrachte man ein Kind, daß aus Unvernunft einen großen Fehler gemacht hat - trifft Phexane, bevor Gramesch seiner Aufmerksamkeit wieder Quiria zuwendet.

Schwer geht Quirias Atem, nur ganz langsam wird er ruhiger, zuerst kaum merklich, dann deutlicher. Das lodernde Feür in ihren Augen weicht heimtückischer Glut.

"Ihr solltet ihn lieber behalten" meint Quiria nach einige Augenblicke der Selbstbeherrschung.

"Ihr werdet ihn vielleicht noch brauchen!" fährt sie kalt fort und tickt die Münze wieder in Phexanes Richtung

`Vier Wahrsagerinnen - je zwei von gegensätzlichen Elementen. Das mir das nicht gleich aufgefallen ist...`

"Wenn das also geklärt wäre, dann können wir ja weiter machen" grummelt Gramesch sichtlich genervt, aber auch entspannter - es scheint nicht so, als müßte er jetzt (schon) mit Quiria kämpfen. Zwar hätte er nichts gegen einen guten Kampf einzuwenden gehabt, aber: Es gibt eine Zeit zu Kämpfen und eine Zeit zu spielen. Letzteres macht man am Besten, wenn die Karten noch »warm«. So, wie im Augenblick...



PHEx - Gott der Nacht, des Handels, der Diebe und auch des Glücks - ist ein launischer Gott - und so, wie beim Würfelspiel gerade und ungerade Augen im stetigen Wechsel fallen, so teilt PHEx auch die Gabe des Glücks aus. Mal hier ein Quentchen, mal dort ne Prise, hier einen Skrupel und dort für lange Zeit nichts...

Zwar mag es Menschen geben, auf denen der besondere Segen des Glücksgottes ruht, doch ist dies eher die Ausnahme, und so kann sich das Blatt stetig wenden, wie ein Fähnchen im Wind, scheinbar wahllos, planlos...

Wie schnell sich das Glück drehen kann, daß kann man auch in einem kleinen, eher schäbigen Gasthaus in Salzerhaven sehen - genauer am Spiel vierer Personen, daß im Hinterzimmer stattfindet. Denn dort wechseln Glück und Pech sich ständig ab, ein Kommen und Gehen, kurze Rasten und doch dann wieder ein Weiterwandern...

Hatte eine junge Frau in zu weiten Oberkleidern beim ersten Spiel noch den Beistand des himmlischen Fuchs auf ihrer Seite, so hat sich dieses bei den nächsten Spielen stetig geändert. Das zweite Spiel verlief relativ ruhig ab - kaum einer traute sich viel zu setzten - Quiria war vorsichtig geworden, Theovard hatte nur ein mittelmäßiges Blatt und Phexane war mit den getauschten Karten nicht zufrieden - und so gewann Gramesch nur einen mageren Betrag...

Das nächste Spiel gewann Quiria: Es schien so als hätte sie sich von ihrem Schock des ersten Spiels erholt und drehte wieder voll auf. Schlußendlich konnte sie ein stattliches Sümmchen ihrem Pott hinzufügen... und PHEx zeigte, daß jeder von seinen Gaben profitieren kann, daß Gewinner irgendwann verlieren und Verlierer irgendwann auch wieder gewinnen.

Weiter spann sich das Spiel, die Sandkörner der Zeit rieselten unablässig weiter, genau so, wie ein gewisses Schiff am Anfang aller Zeiten ständig weiter segelt, bewacht von einem Gefesselten und seinen Töchtern...

Hin und her sprang das Glück, verweilte mal hier, mal dort und so wechselten die Münzen eifrig ihre Besitzer, aber kein Spiel war so spannend, wie das erste.

Theovard stand die ganze Zeit mehr oder weniger Pari, Quiria konnte ihre Verluste einigermaßen - vor allem auf Grameschs Kosten - ausgleichen. Phexanes Geldhaufen dagegen verlor mit der Zeit mehr und mehr an Ausmaß.

Wieder wird ein Blatt gegeben - doch diesmal ist es anders. es ist einer dieser Momente, in denen der Gott der Nacht seine Gläubigen erprobt, das Glück großzügig über alle verteilt, um dann zu sehen, welcher der kleinen Sterblichen sein Glück am besten zu nutzen weiß...

Die Einsätze waren von Anfang an hoch, jeder vermeint das beste Blatt zu haben - und wie schon im ersten Spiel kann die Möglichkeit zum Kartentausch über Sieg oder Niederlage entscheiden... die Karten liegen auf dem Tisch, Theovard bedient gerade Gramesch als den letzten Tauschwilligen... wer wird gewinnen???



Phexane blickt auf ihre Karten - es sieht, nach diesem Kartentausch, wieder einmal sehr gut für sie aus: eine volle Hand bestehend aus drei Rittern und zwei Magiern.

'PHEx, ich wußte, daß du mich nicht übersiehst! Dieser Söldnerschlampe werde ich Paroli bieten!'

Als Phexane mit dem Bieten an der Reihe ist, hält sie das vorherige Gebot und erhöht um vorsichtige acht Heller.

'Ich muß aufpassen, daß ich nicht zuviel setze! Mein Geld wird immer weniger und wenn die hier nicht langsam mit dem Bieten aufhören, wird es verflucht knapp für mich!'

Sie nimmt einen größeren Schluck von dem herben Met, den sie sich beim letzten Spiel bestellt hatte. Eigentlich hatte sie sich geschworen, während des Spielens nichts Alkoholisches zu trinken, aber einerseits bekam sie von der Wirtin davor einen sehr unangenehmen Blick ab (und dann hatte sie irgendwie keinen Mumm, um sich Milch oder Wasser zu bestellen - der Hohn der anderen Spieler wäre ihr dann sicher gewesen!) und andererseits ist es ja nur ein kleiner Kelch voll. Was kann da schon passieren?



Gramesch blickt nachdenklich in seine Karten. Er hatte ein gutes Blatt - aber das hatte die anderen offensichtlich auch...

Das As des Feuers bildet in seiner Hand eine Einheit mit dem As des Erzes. Seiner Meinung nach ein gutes Zeichen... Und der Drilling dazu...

"Ich halte und erhöhe um zwei Silbertaler" meint Gramesch ernst und entschlossen, während er die Münzen in die Tischmitte legt...

Quiria überlegt nicht lange - auch ihr Blatt ist ein recht gutes.

"Und weitere zwei" meint sie ruhig und legt mit flinker Hand zwei weitere Silbermünzen in die Mitte, zusammen mit den Münzen, die sie setzen muß, um mitzugehen. Zwar sollte sie sich vielleicht überlegen, auszusteigen, wenn das Bieten so weitergeht, aber noch rechnet sie sich gute Chancen aus und denkt noch nicht daran, aufzuhören. Zumal sie noch über ausreichend Mittel verfügt...

Dann nimmt sie einen Schluck Wein und sieht zu Theovard herüber:

"Ihr seid dran, mein Lieber" meint sie lächelnd...



Theovard erwidert das Lächeln, daß ihm Quiria schenkt. Er hält das Gebot und legt noch drei weitere Silbertaler auf den Tisch.

"Ich erhöhe um drei."

Er lehnt sich wieder zurück und sein Blick versinkt in seinen Karten - einem relativ schlechtem Blatt!

'Mal sehen, wie weit ich mit meinem Bluff komme. Felina hat nicht mehr sehr viel Geld und der Zwerg ist auch nicht unbedingt der Risikofreudigste. Bleibt lediglich Quiria .... aber falls ich verliere, weiß ich schon, wie ich wieder an mein Geld - und ein wenig mehr! - komme ....'

Mit einem süffisanten Lächeln wendet er sich Phexane zu und blickt sie herausfordernd an. Phexane bemüht sich, den Blick Theovards gründlich zu mißachten. Die Art und Weise, wie er sie immer mal wieder anschaut und dann wieder mit der Söldnerin flirtet, kann sie einfach nicht ab!

"Ich halte und lege noch einen Silbertaler drauf." sagt sie ruhig. Doch innerlich steigt ihre Anspannung. Immer mehr und mehr schwindet ihr Geld. Aber mit diesem Blatt einfach passen? Unmöglich!



Innerlich windet sich Gramesch wie unter Schmerzen.

`Was soll er tun? Diese Runde wurde schon wieder um insgesamt 6 Silber erhöht... Mein Blatt ist gut - aber so gut? Oh, wie soll man euch je Kleinodien je sammeln, wenn das Risiko euch zu verlieren so groß ist? Lohnt es sich, ein Juwel zu setzten, um vielleicht ein zweites zu gewinnen - oder aber alle beide zu verlieren? Aach Angrosch, du gabst uns keine leichte Aufgabe, als du uns auftrugst, deine Schätze zu ehren, zu sammeln und zu verwahren...

Vielleicht hätte ich mich nie auf so ein Spiel einlassen sollen? Es ist doch einfacher, Angrosch Kleinodien aus einem Verlies oder einer Höhle zu bergen, als in diesem Spiel. Was nützt hier aller Mut, alle Kraft, was eine scharfe Axt?`

Gramesch seufzt - man hat es nicht leicht als rechtschaffener Zwerg auf dieser Welt, der nur seine angroschgegebene Aufgabe erfüllen und somit Angrosch Schätze hüten will... Nun gut, ein guter Kampf und ein feines Bier sind auch nicht zu verachten, aber...

Gramesch schaut finster in die Runde.

"Ich passe..." grummelt er, wobei seine Stimme irgendwo zwischen Bedauern, Wut, Verzweiflung und Resignation zu schwanken scheint.

`Einer weniger - fein`

Äußerlich hat Quiria das Passen des Zwerges ganz ruhig registriert, aber in ihrem Kopf überschlägt sie schon neue Chancen, Möglichkeiten und Risiken.

`Den Zwergen kann man also vergessen - obwohl, so schlecht können seine Karten nicht gewesen sein, immerhin hat er diese Runde fleißig mitgeboten. Theovard? Mmh, Theovard spielt auf Angriff - aber was hat er für ein Blatt? Und diese Straßenschlampe... sie hat wohl auch kein Schlechtes... Ein interessantes Spiel. Wahrscheinlich hat einer der beiden bessere Karten als ich...`

Quirias Blick trifft den Geldstapel, der vor ihr liegt und der immer noch gar nicht mal so mager aussieht. Sie hatte gut verdient in letzter Zeit. In diesen Zeiten sind Frauen mit ihren Fähigkeiten eben sehr gefragt.

`Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Vielleicht kann ich sie zum Aufgeben bringen. Einen Versuch kann ich ja einmal starten. Ich darf mich nur nicht wieder so hinreißen lassen, wie beim letzten Mal. Also! Wie sagt man doch so schön: PHEx ist mit den Mutigen!`

Qurira nimmt vier Silbermünzen von ihrem Stapel und legt sie mit einer leichtfingrigen, man könnte sogar sagen beinahe anmutigen, Geste in die Mitte.

"Eure vier und... der Höchsteinsatz war doch 10 Silber?" fragt sie scheinheilig, während sie ein blinkendes Dukatenstück in die Mitte legt, wohl wissend, daß ein Dukat wirklich der vorher festgelegte Höchstbetrag war...

`Und jetzt will ich Eure Gesichter sehen` denkt sich Quiria mit einem gewinnendem Lächeln auf den Lippen...



Phexane spürt, wie sich in ihrem Hals ein großer, schwerer Klumpen festsetzt und ihr fast die Luft nimmt, als Quiria den Dukaten setzt. Sie schluckt einmal mühselig, denn der Blick auf ihren Geldstapel verrät, daß sie damit wohl kaum noch mithalten kann. Zwar liegen dort ungeordnet noch einige Heller und mehrere Silbertaler herum, aber ob es für einen Dukaten reicht?

Theovard indes quittiert Quirias Gebot mit einem anerkennenden Lächeln.

"Schön! Endlich werdet ihr mutiger!"

Er nimmt einige Geldstücke in die Hand und packt sie auf den ansehnlichen Stapel, der sich auf der Tischmitte befindet.

"Tja, so ein Gebot halte ich natürlich und erhöhe sogleich um einen weiteren Dukaten!"

Breit grinst Theovard in die Runde. 'Der Zwerg ist raus, Felina macht es nicht mehr lange, außer sie setzt was anderes als Geld und diese Quiria ... wird schon kein Problem für mich sein!'

Ein Blick aus den Augenwinkeln geht nach links zu Phexane.

'Hmmmm, vielleicht kann ich sie dazu bringen wieder einmal so einen interessanten Einsatz wie beim letzten Mal zu machen.'

Phexane öffnet ihren Mund etwas, als sie sieht, was Theovard bietet.

'Ist er verrückt geworden? Zwei Dukaten?'

Resigniert blickt sie ihr verbliebenes Geld an.

'Unmöglich! Ich habe nicht mehr soviel!'

"Das ... das geht nicht. Ich habe nicht mehr soviel. Ich muß wohl pa..."

"Mußt du nicht!"

Theovard unterbricht Phexane und blickt sie an, wobei er eine Augenbraue etwas hoch zieht.

"Wa..? Niemals!"

Phexane schüttelt leicht den Kopf und greift nervös zu ihrem Kelch mit dem Met, um daraus einen großen Schluck zu nehmen. Aber andererseits hat sie so gute Karten. Wie soll sie sich nun entscheiden?



Zwar wird Quiria durch Theovards Reaktion etwas überrascht - daß er um noch einen Dukaten erhöht, hätte sie nicht erwartet - aber die Überraschung währt nur kurz. Zu groß ist die Genugtuung auf »Felinas« Reaktion.

`Na, mein Täubchen, habe ich dich in Schwierigkeiten gebracht?`

Interessiert hört sie zu, wie ihre Gegnerin in Schwierigkeiten gerät und schon beinahe paßt, als Theovard andeutet, sie könnte ja einen alternativen Wetteinsatz anbieten.

`Hey, momentmal, da habe ich auch noch mitzureden - obwohl, vielleicht, daß könnte amüsant werden.`

Quiria läßt einen Moment verstreichen, bis es ruhig im Raum ist, dann meint sie ruhig:

"Was meinst du Theovard - sie könnte ja ihre Kleidung setzen. Sie dürfte zwar nicht viel Wert sein..."

Quiria mustert mit abschätzigem Blick Phexanes Kleidung, dann ziert ein leicht grausames, sadistisches Lächeln voll Vorfreude ihr Gesicht

"...aber ich würde dir den Rest aus meinem Beutel begleichen. Der Spaß wär es mir wert!"

Gramesch sieht durch die Runde. Diese Menschen! Sie spielen, bis sie kein Geld mehr haben, anstatt vorher vernünftiger weise aufzuhören und dann lassen sie sich - zur Deckung ihrer Schulden blödsinnige Einsätze einfallen. Sie sind einfach noch ein junges Volk. Kein Sinn für Werte. Genauso sprunghaft und leichtlebig wie die Elfen, so scheint es. Da fällt Gramesch Blick auf einen Gegenstand von Wert, den seine rechte Nachbarin bei sich trägt. Noch bevor jemand anderes auf Quirias Worte antworten kann, grummelt er:

"Wie wärs, wenn sie statt dessen ihren Zahnstocher setzt, der scheint mir etwas wert zu sein" und zeigt dabei auf das Florett, daß Phexane bei sich trägt...



Auf Quirias Vorschlag hin grinst Theovard breit.

"So eine Art Boltan möchtet ihr wohl am liebsten spielen?"

Theovard lacht leise auf, denn diese Spielweise scheint ihm wohl nicht unangenehm zu sein.

"Mir soll es recht sein!"

Phexane dagegen wird bei den Worten leichenblaß! Sie kann kaum glauben, was sie da hört und möchte am liebsten aufspringen und davon rennen. Aber gerade das würde doch dieser Söldnerin gefallen!

Noch einmal nimmt Phexane einen großen Schluck Met, wobei sie Quiria einen überaus giftigen Blick zuwirft.

Doch dann vernimmt sie den Vorschlag des Zwerges.

'Das Florett? Na klar! Das könnte ich setzen und so die Bietrunde halten!'

Phexane blickt kurz zu ihrer Waffe, die sie noch immer an ihrer Seite trägt ... und erinnert sich an die Vorkommnisse in der Gemeinschaftskabine und daran, wie Torin Rotmarder ihr diese Waffe schenkte.

Seine Worte kommen ihr wieder in den Sinn:

'Ich möchte euch das Florett als Geschenk überlassen, und davon bringt ihr mich nicht ab. Im Gegenteil, ich bestehe darauf, daß ihr die Waffe an euerer Seite tragt.'

Das Bild, des hochgewachsenen, leicht fülligen, aber dennoch nicht unattraktiven Mannes mit der freundlichen Stimme schiebt sich vor ihrem geistigen Auge. Wie gerne würde sie jetzt wieder in der Gemeinschaftskabine bei ihm sein und sich von ihm trösten lassen!

Aber sie sitzt nun mal hier, in einer kleinen Taverne in Salzerhaven und muß sich entscheiden.

Ein Geschenk, das sie an ihrer Seite tragen soll ... wenn sie gewinnt, würde sie es immer noch bei sich tragen, aber wenn nicht ...

'Egal! Ich muß es setzen! Bei diesem Blatt geht es nicht anders! Es ist gut und wenn ich gewinne, kann ich erstmal bis Belhanka ziemlich sorglos reisen.'

Phexane greift entschlossen an das Waffengehänge, um es zu lösen, da vernimmt sie wieder diese leise, mahnende Stimme in ihrem Kopf, die sie heute schon einmal gehört hatte.

'Nein, lieber nicht! Er hat es mir geschenkt und war sehr nett zu mir! Er wäre sicherlich sehr enttäuscht, wenn er mich ohne diese Waffe an Bord sehen würde!'

Phexanes Finger ruhen auf dem Gehänge. Unsicher blickt sie wieder auf ihr Blatt.

'Aber ich habe sonst nichts mehr! Ich kann unmöglich diese entwürdigen Einsätze machen! Ich kann nur noch das Florett einsetzen.'

Langsam, aber immer eindringlicher, entsteht in ihr ein schwerer Konflikt, während die Augen der anderen Spieler auf ihr ruhen: Theovard, der ein wenig enttäuscht ist, daß sie nun wohl nur ihre Waffe einsetzen will; Quiria, deren Blick glatt töten könnte und die auch weiterhin keine Möglichkeit auslassen will, um Phexane zu demütigen und zuletzt Gramesch, der diese kurzlebigen und zanksüchtigen Menschen einfach nicht versteht.

Dann aber, nach einem kurzen Moment, hebt Phexane ihren Kopf und blickt kurz in die Runde. Sie nimmt noch einen großen Schluck Met, gerade so, als würde sie sich Mut antrinken.

"Also gut!" sagt sie.



Die Augen der anderen drei Boltanspieler ruhen auf Phexane, als diese ihre Entscheidung bekannt gibt.

"Ich passe!" sagt sie und versucht dabei möglichst ruhig und entspannt zu klingen.

Sie schmeißt die Karten mit den Motiven nach unten auf den Tisch und lehnt sich dann zurück, wobei sie ihre Arme verschränkt und ihre Beine übereinanderschlägt. 'So, du Söldnerschlampe! Du schaffst es nicht, mich zu demütigen! Lieber verliere ich Geld, als meinen Stolz!'

Theovard hatte wohl eine andere Entscheidung erwartet und man sieht ihm die Enttäuschung für einen Moment lang an. Doch dann wendet er sich Quiria zu und lächelt sie wieder charmant an.

"Nun, ihr seid an der Reihe."


*******


An diesem späten Abend passierte, zumindest in diesem kleinen Hinterzimmer, nicht mehr viel: Quiria und Theovard setzten noch ein wenig Geld, dann aber entschied sich auch Quiria dafür zu passen. Theovard gewann so eine stattliche Summe, obwohl er das schlechteste Blatt besaß! An diesem Abend zeigte sich, daß nur derjenige, der PHEx und somit seinem Glück vertraut, von dem himmlischen Fuchs begünstigt wird - vielleicht...

Phexane wiederum schwieg die ganze Zeit. Sie beobachtete das Spiel und den offenkundigen Flirt zwischen Quiria und Theovard. Keiner konnte erkennen oder ahnen, was für Gefühle in ihrem Innersten tobten, doch diese hatte nicht im geringsten was mit Theovard zu tun.

Gramesch schlug am Ende vor, doch noch ein weiteres Spiel zu wagen, aber Theovard blickte nur kurz Quiria an und sagte, daß es nun schon recht spät wäre und er gerne zu Bett gehen würde ...

Phexane murmelte dann nur noch ein "PHEx mit euch!" und verließ den Raum. Im Schankraum angekommen, sagte sie der Wirtin, daß Quiria ihre Zeche zahlen will und ging dann mit kühler, beherrschter Miene nach draußen in die kühle EFFerdnacht hinaus.



NORDSTERN - Oberdeck: Raschid


Auch Raschid, macht sich inzwischen darüber Gedanken, wie er den restlich Abend verbringen soll. Sicherlich hat Salzahafen nicht sonderlich viel zu bieten, aber einige Kneipen werden wohl auf in diesem Dorf zu finden sein.

Unschlüßig schaut er sich auf dem Oberdeck um. Vielleicht könnte er sich einigen Passagieren anschließen. Doch schnell verwirft er wieder diesen Gedanken. Zu enger Kontakt zu den Passagieren könnte dem Kapitän ein Dorn im Auge sein. Besser wäre es mit einigen Matrosen an Land zu gehen.

'Wer käme den da in Frage.' Die meißten der Matrosen scheinen noch schwer beschäftigt sein. Viel Auswahl wird er wohl nicht haben. Und so entschließt er sich neben der Planke zu verweilen und den nächsten Matrosen der das Schiff verläßt darauf anzusprechen, ob er ihn begleiten darf.



NORDSTERN - Unterdeck: Garulf


Mühsam erhebt sich der beleibte Smutje und verläszt den Schrein. Mit den Gedanken noch immer bei seiner Walvision begibt er sich auf den Gang, in der Kombüse ist jetzt zu dieser Zeit eigentlich kaum etwas zu tun. Das kaum vorhandene Licht liesze auch kaum eine sinnvolle Arbeit zu. Was natürlich dringend getan werden musz, ist das auffüllen der Vorräte. Heute Abend wird man zwar keinen Händler mehr aufsuchen können, aber nichtsdestotrotz kann er ja dem Schiffsjungen schonmal Bescheid geben. Da vorne steht der Junge ja auch recht unbeschäftigt herum.



NORDSTERN - Oberdeck: Fiana und Anman


Das freundliche Lächeln, das Fiana auf ihren Lippen hat, trifft Anman mitten ins Herz. Wärme durchfährt seine Glieder und fast bekommt er eine Gänsehaut. Selber zaghaft zurück lächelnd, versinkt er in den smaragdgrünen Tiefen ihrer kristallklaren Augen. Keine Geräusche des Hafens und der Menschen am Kai dringen mehr an seine Ohren, abgesehen vom schwachen Flüstern des Windes und dem Schwappen einiger Wellen. Ab und an weht der Wind sanft den Duft der Frau vor ihm in seine Nase und betört die Sinne.

"Sehr gut.", antwortet Anman endlich."Es freut mich, daß Ihr uns begleiten wollt."

´War da nicht noch was ?´, wundert sich Anman in Gedanken,´Worüber haben wir denn die ganze Zeit geredet ?´

"Sagt, Erste Offizierin.", redet Anman weiter,"Wann soll ich denn nun bezahlen, und wo ist meine Kabine ?"



Fiana gibt Anman weiterhin Gelegenheit in ihren Augen zu versinken, denn es macht nicht den Anschein, daß ihr herzliches Lächeln ein Ende finden würde.

Freundlich und mit warmer Stimme sagt sie:

"Bezahlen könnt ihr am besten Morgen, wenn eure Waren ankommen. Dann müssen wir nicht zweimal abrechnen. Eure Kabine ist auf dem Unterdeck, ich rufe euch jemand, der sie euch zeigen kann."

Zwangsläufig muß Fiana ihren Blick kurz abwenden, um auf dem Oberdeck nach untätigen Matrosen Ausschau zu halten. Doch der einzige der untätig rum steht ist Raschid

"Raschid zu mir auf die Brücke" ruft sie gut verständlich als Befehl, jedoch nicht unhöflich oder überheblich, wie Ottam es gerne tut, hinunter zum Oberdeck.



"Raschid, zeige bitte dem Herrn hier ... " dabei deutet sie in Richtung Anman und wirf ihm ein kurzes Lächeln zu, bevor sie sich wieder in Richtung des Matrosen wendet. "... die Doppelkabine zwei und gib ihm einen der Schlüssel und erkläre ihm auf einem Weg, wo die für ihn wichtigen Räume wie z.B. die Messe liegen."



Raschid schreckt hoch.

'Oh, oh. Die Offizierin hat wohl eine Aufgabe für mich. Der Landgang wird warten müssen.'

Mit großen Schritten legt er schnell die kurze Entfernung zurück und springt den Aufgang zum Brückendeck hoch. Vor Fiana bleibt er stehen und unterdrückt bewußt die schwere Atmung, die der kurze Spurt hervorgerufen hat. Vor einer Frau Schwäche zu zeigen, insbesonders, wenn sie hier auf der NORDSTERN einen gewissen Einfluß hat, wäre für sein Volk und ihn eine große Blamage. Man würde sicher seine Fähigkeiten anzweifeln. Vielleicht ist es aber dafür auch schon zu spät, wenn er so an seinen Einsatz im Ausguck zurückdenkt.



"Sicher ich werde dem Herr ein wenig das Schiff zeigen und ihn zu seiner Kabine bringen."

Raschid bemüht sich die Worte freundlich und langsam zu sprechen. Denn innerlich behagt es ihm gar nicht Befehle von einer Frau entgegen zu nehmen.

'Sie würde wahrscheinlich als Tänzerin eine gute Figur machen. Mit der Verbindung von Geschmeidigkeit einer aranischen Katze und der Stärke eines Tigers würde sie die reichsten Männer des Südens um ihren Verstand bringen. Aber als Kommandierende eines Handelsschiffes? Ich weiß nicht, Jergan scheint doch mehr das Schiff alleine zu führen.'

Weiterhin über die Führungsstruktur der NORDSTERN grübelnd, deutet er Anman, ihm zu folgen und klettert den Niedergang zum Oberdeck und anschließend zum Unterdeck hinunter.



ZYKLOPENAUGE - Oberdeck: Hjaldar und Draknuh


Dem Hafenbeamten nickt Hjaldar nur noch beiläufig zu, als dieser an ihm vorüber auf die ZYKLOPENAUGE zu geht. Sofort darauf wendet er sich jetzt vollends dem Boroni zu - und streckt ihm allen Ernstes die Hand zur Begrüßung entgegen.

"Die barmherzige Tochter zum Gruße. Warum nur bin ich nie wirklich froh, wenn ich einen von euch seh?" grüßt er den Schwarzgewandeten mit einem halbherzigen, aber ehrlichem Lächeln.

Obwohl Hjaldar als Söldling schon so manche Schlacht geschlagen hat und die Boronis im Nachhinein eines Kampfes mit die wichtigste Aufgabe haben, so recht anfreunden kann er sich mit ihnen nicht.

Rondrageweihte sind wertvolle Mitkämpfer, Traviageweihte haben auch in den magersten Zeiten eine heiße Suppe übrig, Praioten sind immer ein Grund für Heiterkeit und Swafnirgeweihte sind mit die besten Saufkumpane, die man finden kann ... aber Boronis sind die einzigen, die bei Hjaldar immer noch ein leichtes Frösteln aufkommen lassen.

"'Ne Menge zu tun für euch auf dem Schiff. Nichts für'n schwachen Magen."



"Möge Liaiella ihnen den Weg gewiesen haben" erwidert Draknuh, ohne die ausgestreckte Hand auch nur zu würdigen.

Seine Augen bohren sich in den Blick des Mannes, der jedoch keine Anzeichen von Frechheit oder Götterlästerlichzeit zeigt - mehr überspielte Unsicherheit.

'Einfache Gemüter, etwas direkt, aber ehrlich'

Draknuh wendet den Blick ab und schweift über die Tuchplanen, die die Körper verdecken.

"Was ist passiert?"



Hjaldar kämpft tapfer gegen den Drang an, aufzuschreien und davon zu rennen, als der Blick des Boronis seinen für einen schier endlosen Moment gefangen hält.

Daß dieser die Hand nicht annimmt, verwundert ihn nicht - die wenigsten, die er bisher getroffen hatte waren annähernd umgängliche Leute, auch wenn es bisweilen vorkam, gerade bei denen, die auf dem Schlachtfeld dabei waren.

Hjaldar schluckt schwer, dann weist er mit der ausgestreckten Hand auf die ZYKLOPENAUGE.

"Der Pott is' uns heut' mittag vor die Segel gekommen. Hatte wohl'n Stelldichein mit zwei Drachen. ... Äh Piratenschiffen halt."

Hjaldar macht einen Schritt zur Seite, daß der Boroni ungehindert an ihm vorbei auf die ZYKLOPENAUGE gehen kann.

"Wat keiner versteht is', dat die Deibel viel wert drauf gelegt haben, dat niemand überlebt."



Draknuh schaut noch einmal zu Hjaldar, etwas wie Unglaube ist aus seinem Gesicht herauszulesen.

"Piraten?"

Dann geht er zu der nächsten Plane, um sich sich selbst ein Bild von der Lage zu machen und macht sich daran, eine der Leichen aufzudecken

"Helft mir mal"



Schweigend folgt Hjaldar dem Boroni auf das wrackreife Schiff und schickt sich schon an, auf die Gruppe um Lowanger herum zu zu gehen, als ihn der Boroni mit der Bitte um Hilfe anspricht.

Sofort tritt er hinzu "Klar doch.", wobei in seiner Stimme ein leichtes Widerstreben heraus zu hören ist. Für seinen Geschmack hat er schon genug von den Toten gesehen. Ungeachtet dieser Gefühle hilft er tatkräftig, die Plane über einem der bedauernswerten Opfer zu lüften.



Der zweite Offizier der NORDSTERN geht einige Schritt in Richtung des Boroni, als dieser das Schiff betritt. Er begrüßt ihn nicht mit Worten, sondern deutet lediglich eine leichte Verbeugung an, aus der Respekt und Achtung vor dem Geweihten BORons sprechen.

Still und schweigsam wie ein Boroni - so ist Lowangers Begrüßung, ehe er wieder halbwegs neben Phaylion tritt und diesem einen kurzen fragenden Blick zuwirft - schließlich ist Phaylion nun hier im Hafen als der Eigner dieses Schiffes - Wracks - dafür verantwortlich und zuständig.



SALZERHAVEN - Am Kai: Phaylion und Cephiro


Es nähern sich weitere Leute, darunter einer der Matrosen, der vorhin los gehetzt ist. Still wartet Phaylion weiter ab, noch ist Zeit.



Der Matrose scheint seine Absicht registriert zu haben, deshalb wendet sich Cephiro jetzt ganz der ZYKLOPENAUGE zu und geht über die Planke an Bord. Dann geht er auf Lowanger und Phaylion zu.

" Seid gegrüßt!" sagt er zu beiden und meint dann zu Phaylion "Seid ihr der Besitzer dieses..... Schiffes?"



Phaylion nickt dem fragenden Mann zu, ist er einer der Hafenbeamten, und wenn ja, ist er der richtige?

"Seid ebenfalls gegrüßt", erwidert er neutral und ohne sonderliche Regung seiner Gesichtszüge.

"Ja, das könnte man so sagen, zumindest bin ich verantwortlich für das Schiff und seine Ladung", beantwortet er die Frage. Erst als er zu dem Boroni hinüber blickt, zeigt sich eine Art von Neugier. Etwas ist mit diesem nicht in Ordnung, das kann er spüren.

"Die noch übrige Ladung muß so schnell wie möglich von Bord", spricht er weiter zu dem Mann, in dem er den zuständigen Beamten vermutet, während er weiterhin zu der Gestalt in Schwarz blickt.



Cephiro blickt Phaylion mit einem wissenden Blick tief in die Augen und zwinkert kurz, als würde er damit sagen wollen >>Ich weiß Bescheid und werde tun, was ich kann<<

Dabei ist der darauf bedacht, daß nur Phaylion diesen Blick sehen kann.

"Ich verstehe. Wenn ihr wollt, schicke ich eine meiner Wachen los, um schon ein paar Helfer zum Entladen zu suchen. Ihr solltet aber mit dem Entladen noch warten, bis die Boroni ihre Arbeit erledigt haben." meint er und fügt dann noch hinzu "Aber wenn es so weit ist, dann sollte es möglichst schnell gehn, damit das Schiff in ein Trockendock gebracht werde kann bevor es hier sinkt."



Dieser seltsame Boroni ist für Phaylion im Moment sehr viel interessanter, als Blicke anderer, wenngleich dieser eine bestimmte immerhin ein gutes Zeichen dafür ist, daß alles in Ordnung ist. Zumal in Anbetracht der erhofften Antwort.

"Selbstverständlich", antwortet er, auf welchen der Vorschläge oder ob auf alle hin, geht nicht ganz klar daraus hervor. "Ein Wagen mit zuverlässigem Kutscher wäre von Vorteil."



'Hm, eine Kutsche...daran hab ich gar nicht gedacht, aber eigentlich ist das einleuchtend... müßte sich einrichten lassen... notfalls kümmere ich mich persönlich drum...'

"Ich werde sehn, was ich für Euch tun kann. Aber es wird wohl sowieso noch etwas dauern, bis die Boroni ihre Arbeit erledigt haben. Bis dahin müßte sich auch eine Kutsche auftreiben lassen." erklärt er Phaylion.

Dann winkt er eine seiner Wachen zu sich. Der Wachmann, der zusammen mit seinem Kollegen an der Planke gewartet hat, kommt an Bord der ZYKLOPENAUGE. Bei Cephiro angekommen, flüstert ihm dieser etwas ins Ohr. Der Wachmann nickt und macht sich dann auf den Weg, um seinen Auftrag möglichst schnell auszuführen. Der andere Wachmann bleibt derweil an der Planke stehen und beobachtet das Geschehen um und auf der ZYKLOPENAUGE.



Still nickt Phaylion. Natürlich sollen erst diese Boronis - bislang ist ja nur einer zu sehen, und mit dem stimmt doch wohl etwas nicht - von hier verschwinden, ehe umgeladen wird. Sie könnten das ganze Unternehmen scheitern lassen und der Feind würde triumphieren, nicht auszudenken!



ZYKLOPENAUGE - An Deck: Der Boroni


Es ist schon recht dunkel, und auf dem Schiff unter den Planen ist es auch nicht heller. Draknuh geht in die Knie, nachdem die Plane etwas zur Seite gezogen war, um überhaupt etwas erkennen zu können.

Seine Finger tasten nach dem Kopf des Mannes. Er ist kalt. Als die Finger nach unten wandern, erkennt er, das die rechte Körperhälfte zu früh endet. Irgend etwas hat wohl direkt an der Schulter den Arm von der Schulter abgetrennt.

Während seine Stimme leise bosparanisches Gemurmel erklingen läßt, schweift sein Blick über das Deck. In warmen rötlichen Schimmer sieht er Hjaldar neben sich, die Offiziere, die ihm bei Betreten des Schiff zugenickt haben.

Vor dem Schiff pulsiert das vereinte Pochen vieler dutzend Herzen. Das restliche Schiff erscheint kalt, verlassen, einsam. Nun kommt es ihm fast wie ein Anklage vor.

Draknuh seufzt.

"in nomini Boroni, möge der Rabe sie alle über das Meer getragen haben. Marbo, ich hoffe deine Schwester hat ihnen beigestanden"

Draknuh steht wieder auf.



Hjaldar versteht zwar nicht, was der Boroni murmelt, aber es klingt ziemlich genau wie das, was die Boronis für gewöhnlich bei der Einsegnung der Toten von sich geben.

Trotzdem ist er ein wenig irritiert. Will dieser eine, einzelne jetzt alle Toten so durchgehen? Da würde er eine lange Zeit beschäftigt sein und das Problem wohin dann mit denen wäre damit auch nicht geklärt. Man kann ja schlecht hier im Hafen das Schiff anzünden und die Körper so den Flammen übergeben, wie er es eigentlich von Feldschlachten her kennt.

So sieht er den Boroni etwas fragend an, als dieser mit diesem Toten 'fertig' zu sein scheint.



Draknuh geht ein wenig unschlüssig ein paar Schritt auf die der Kaimauer zugewandten Reling zu und schaut sich um. Dann wendet er sich doch wieder dem Thorwaler zu.

"Hat das jemand überlebt?"



Hjaldars fragender Gesichtsausdruck legt sich wieder.

'Hab ich's doch geahnt, der wartet lieber noch auf seine Kumpels.'

Die Frage des Boronis beantwortet er umgehend.

"Der Kerle da vorne" er deutet auf Phaylion ", der wollt auch, daß wir den Pott schleppen. Und 'ne junge Deern, der ging's aber nicht so gut." nachdenklich zieht er die Stirn kraus "Ich nehm' an, Ole hat sie inzwischen auf die NORDSTERN oder zu 'nem Heiler gebracht."



Draknuh nickt, und wendet sich dann dem Mann zu, auf den der Thorwaler gezeigt hat. Von dem Deck aus kann er sehen, wie sich eine kleine Gruppe mit einem auf das Schiff zeigenden Führer der Menschenansammlung nähert, die am Kai wartet und die Köpfe zusammensteckt.

'Ja, da werden die einen unerwartet aus dem Kreis ihres Lebens gerissen, und die andere sehen plötzlich, daß ihr Streben jederzeit ein plötzliches Ende haben kann. Morgen früh werden die meisten aber wieder nach Ruhm, Ehre oder Geld jagen und es vergessen haben. Vergessen und Schweigen, die Gaben deines Vaters'

Bei den beiden Männern angelangt spricht Draknuh

"BORon zum Gruße - wer kann mir berichten was hier passiert ist?"



"Boron zum Gruße", erwidert der zweite Offizier der NORDSTERN dem Boroni, ohne weiter auf dessen Frage einzugehen, denn deren Beantwortung liegt wohl in erster Linie bei Phaylion, der bei den Ereignissen, die so viele Menschen das Leben kostete, dabei gewesen ist.



"Seid gegrüßt" wendet sich Cephiro dem Boroni zu.

'So, er will also wissen, was hier passiert ist... wer möchte das nicht... aber ich kann mir meinen Teil dazu ja schon denken... und weiterhelfen kann ihm der Überlebende da wohl am besten...'

"Ich für meinen Teil kann Euch wohl nicht recht weiter helfen. Ich habe auch erst gerade eben davon erfahren, als die beiden Schiffe in meinen Hafen eingelaufen sind." erklärt er dem Boroni und wartet dann erst einmal Phaylions Reaktion ab.



Nach dem Gruß und dem Blick zu dem anderen Mann scheint es Draknuh klar, daß nur jener Schweigsame etwas Licht in die Geschichte bringen kann. Und die Formalitäten gehen sicher auch schneller, wenn der Hafenhauptmann schnell einen Bericht bekommt. Der Schweigsame ist wohl so geschockt, das ihm die Worte fehlen.

Während dessen ertönt Hufgeklapper am Kai - die Totengräber mit ihrem Wagen bahnen sich einen Weg durch die Menschenmenge zu dem Schiff.



Mit einer gewissen Neugier folgt Phaylion den Bewegungen dieses Boronis, als jener sich nähert. Mit zuckenden Mundwinkeln nickt er ihm auf dessen Gruß hin zu.

"Auch zum Gruße", beginnt er.

Schon wieder diese Frage, die er nicht einmal beantworten kann.

"Es gab einen Barbarenüberfall auf dem Meer, doch genaues kann ich auch nicht berichten, ich wurde bewußtlos geschlagen."

Oh nein, es gibt bestimmt keine Gründe, diesem Boroni zu vertrauen.



Nachdem Phaylion dem Boroni geantwortet hat und für Cephiro, wie erwartet, dabei nichts Neues für ihn zu erfahren war, wendet dieser sich wieder Phaylion zu.

"Wenn Ihr wollt, könnten wir in meine Stube im Hafenamt gehen, um dort das weitere Vorgehen mit dem Schiff zu besprechen. Dort ist es wesentlich angenehmer und die Boroni können derweil ungestört ihrer Aufgabe auf der ZYKLOPENAUGE nachgehen. Was mein ihr?"

Dabei sieht er Phaylion mit einem Blick an, der diesen erkennen läßt, daß er mit dieser Absicht noch mehr bezweckt.



Nachdem der Boroni sich abgewandt hat, bleibt Hjaldar vorerst bei der Plane stehen, unter der die untersuchte Leiche liegt, unschlüssig, was er jetzt machen soll und wie es jetzt weiter geht, mit den ganzen Toten.

Doch dann vernimmt er das leise Hufgetrappel und Wagengeräusch vom Anleger und erkennt, als er seinen Blick dorthin wendet, auch sofort die Totengräber.

'Damit wäre das auch erledigt.' hakt er in Gedanken den zweiten Punkt der 'Zu erledigen-Liste' ab.

Da dort nichts weiter vorgemerkt ist und er das Rätsel um dieses Schiff zumindest heute nicht mehr gelöst bekommen wird - jedenfalls nicht ohne erhebliche persönliche Einbußen, wie Verzicht darauf einen inzwischen fast schon quälenden Durst und nicht minder starken Hunger zu stillen - geht er kurz entschlossen auf Lowanger zu.

"Ich mach mich dann mal vom Acker, Ihr habt hier ja soweit alles unter Kontrolle, nich'?"



Durch die Worte des "Matrosen" aus seinen Gedanken gerissen, fährt Lowanger herum und sieht Hjaldar erst einige Augenblicke an, ehe er dann antwortet:

"Ist in Ordnung, du hattest ja hier auch einen schweren Tag auf der ZYKLOPENAUGE. Ich werde auch bald rüber auf die NORDSTERN kommen, wenn klar ist, daß dieser Kahn irgendwohin kommt, wo er niemanden stört, falls er versinken sollte."

Diese Gedanken und Sorgen beschäftigen den zweiten Offizier immer noch sehr, so sehr, daß sie ihm wichtiger als die verlockende Ruhe seiner Kabine drüben auf dem anderen Schiff sind.



"Woll." bestätigt Hjaldar kurz Lowangers Aussage und wirft den anderen noch einen kurzen Blick zu.

Als sein Blick auf den Überlebenden fällt, verfinstert sich seine Miene kurzzeitig.

'Ich fress'n Fockmast, wenn Du nich' wat faul bis,

Bürschen.' denkt er bei sich. Doch dann findet er sich damit ab, daß er diesem heute nicht mehr drauf kommen wird. Morgen ist auch noch ein Tag und vielleicht läßt sich da heraus finden, was mit diesem dummen Geröll in den Kisten los ist.

"Also denn, frohes Gelingen." wendet er sich schließlich von der Gruppe ab und verläßt zielstrebig erst einmal das Wrack und macht sich in Richtung auf die Planke zur NORDSTERN hin auf, wobei er die immer noch herumstehenden Leute ziemlich ignoriert.



Draknuh hat das Gespräch des Thorwalers mit seinem Offizier ohne eine Regung abgewartet. Nachdem der Überlebende nicht sehr gesprächig ist, sieht er wenig Sinn in tieferen Untersuchungen.

'Sieht tatsächlich nach einem sinnlosen menschlichen Gemetzel aus. Warum haben sie den da allerdings übersehen?'

Fast beiläufig, schon fast ein wenig von den beiden weggedreht, verlautbart er seine Wünsche.

"Wir werden Verstorbenen vom Schiff bringen. Wenn ihr vom Hafenamt eine Liste der Namen der Toten für die Bücher am Boronsanger bringen könntet."

Noch einmal zurückgedreht zu den beiden hebt er die rechte Hand und zeichnet ein Boronsrad.

"Möge der Herr euch geruhsamen Schlaf und die Gunst des Vergessen gewähren"

... und er schaut dabei Phaylion an



Knapp und gelassen nickt der Zyklopäer dem Hafenbeamten zu. Das Risiko kann eingegangen werden, und womöglich müssen ein paar Dinge angesprochen werden, die nicht für andere Ohren bestimmt sind, um diese Mission nicht noch weiter unnötig zu gefährden.

"Gut, dort können die Einzelheiten des Entladens besprochen werden", entgegnet er. "Ich möchte das Schiff jedoch nicht ohne Aufsicht zurücklassen."

"Ich werde das Logbuch des Schiffes überbringen lassen, dort müssten alle Namen verzeichnet sein", reagiert er sodann auf des Boronis Bitte mit dem Hauch eines überlegenen Lächelns.

Schlaf und Vergessen.

"Möge er Euch dies auch gewähren", murmelt er halblaut.



Draknuh nickt und geht dann zum Zugang auf das Oberdeck. Unten hat sich inzwischen eine Gasse gebildet, und eine kleine Gruppe ist auf dem Weg auf das Schiff.

Direkt unten am Steg steht eine offener Wagen mit zwei Zugpferden. Als die Totengräber fast auf dem Deck angelangt sind, tritt er einen Schritt zur Seite und deutet auf das Deck

"In nomini Boroni, bringen wir sie zur ihrer letzten Schlafstätte"

Während sich die Totengräber daran machen, jeden einzelnen in schweren dunklen Tuch nach unten auf den Wagen zu bringen spricht Draknuh einen kurzen Segen über die Corpi.



Nachdem der letzte Corpus in einer Plane auf den Wagen gebracht wurde, folgt Draknuh den Totengräbern schweigend auf den Kai.

Die Menschenmenge macht der Gruppe respektvoll Platz, als sie langsam mit knarrenden Wagenrädern den Hafen in Richtung Stadtinneres verlassen.



SALZERHAVEN - Am Kai: Verschwörer


Cephiro schaut Phaylion wieder mit wissendem Blick an.

'Gut, er hat also verstanden was ich meine.... sollte also keine Probleme geben...' denkt er bei sich.

"Das ist kein Problem sein. Ich werde meinen Wachmann beauftragen, keine Unbefugten auf Euer Schiff zu lassen. Er hat mein volles Vertrauen." erklärt er Phaylion und deutet dabei auf den Wachmann, der immer noch in der Nähe der Planke steht und das Hafengeschehen beobachtet, während er auf weitere Befehle wartet.

Auf ein Zeichen von Cephiro hin kommt der Wachmann an Bord der ZYKLOPENAUGE und geht zielstrebig auf seinen Vorgesetzten zu.

"Wie lauten Eure Befehle, Herr?" wendet er sich fragend an Cephiro und nickt dabei grüßend Phaylion zu. Cephiro wendet sich dem Wachmann zu, flüstert ihm etwas ins Ohr und meint dann halblaut:

"Also, laß niemanden auf das Schiff, der hier nicht wirklich etwas zu tun hat, Du weißt schon, wie ich es meine! Wenn die Boroni ihre Arbeit erledigt haben und es ans Entladen geht, geb ich Dir wieder Bescheid!"

Der Wachmann nickt und geht zur Planke, wo er stehen bleibt und aufpaßt. Wer die Planke überqueren darf und wer nicht liegt nun in seiner Hand und er wird sich an seine Befehle halten, wie er es immer zu tun pflegt.

'An mir kommt keiner vorbei, nur über meine Leiche' denkte er sich.

Dann wendet er sich wieder Phaylion zu.

"Wenn ihr hier soweit fertig seid, dann laßt uns gehen."

Mit diesen Worten dreht er sich schon langsam in Richtung Planke und wartet nun nur noch darauf, ob Phaylion ihm Folgen will, oder ob er noch etwas zu erledigen hat.



Ein wirklich seltsamer Boroni, denkt Phaylion bei sich, zumal als dieser den Ball auch gar nicht auffängt. Falls er ein Boroni ist. Sein Gefühl sagt Phaylion etwas anderes, und dies sehr eindringlich. Bei diesem Kuttenträger ist sicher Vorsicht angebracht, obwohl der Zyklopäer eine gewisse Ähnlichkeit zu ihm verspürt.

Fast abwesend wirkend nickt er Cephiro zu.

"Gut, gehen wir", bestätigt er halblaut und schickt sich an, dem Hafenbeamten zu folgen. Auch der Schiffsoffizier vom anderen Schiff will sich offenbar verabschieden, gut so, dann kann er nichts dummes anstellen hier.



NORDSTERN -Oberdeck: Hjaldar's Rückkehr


Mit routinierten Rempeleien kämpft Hjaldar sich schließlich bis zur NORDSTERN vor und eilt mit schnellen Schritten die Planke hinauf und in Richtung auf den hinteren Niedergang zu.

Er hat nicht vor lange auf der NORDSTERN zu verweilen, am liebsten wäre er jetzt schon irgendwo in Salzerhafen beim dritten oder vierten Thin - aber ebensowenig wie ein Vinsalter Stutzer den Fuß nicht ohne angemessene Bekleidung vor die Tür setzen würde, geht ein Halvarson nicht ohne Orknase und Schneidzahn einen Saufen und die liegen nun mal noch in der Koje.

Doch kurz bevor er den Niedergang erreicht, hält er kurz inne. Sein Blick sucht und findet den Käpt'n auf dem Brückendeck und er ruft ihm zu

"Hoi Käpt'n! Lowanger macht drüben noch alles klar und kommt dann auch bald rüber."



NORDSTERN - Oberdeck: Anman und Raschid im Konflikt


Dem Ruf der Ersten Offizierin folgend springt ein Matrose herbei, durchzuckt es Anman, der seine Umwelt nur noch am Rande wahrnimmt. Erst jetzt dringen die Geräusche der Menschen, des Schiffes und der Stadt wieder an sein Ohr. Gefangen war Anman in den Augen dieser Frau, die nun diesem Matrosen Befehl erteilt, ihn in die Kabine zu leiten. Der Mann steht stramm vor ihr und eilt dann voraus, um den Weg zu zeigen.

"Bleib stehen, Bursche.", ruft Anman ihm hinterher,"Warte noch."

Sein Blick wandert runter zu Alberik, dem Zwerg, der irgendwo auf dem Oberdeck war, als Anman das letzte Mal seinen Blick darüber streifen ließ. Hoch wandern seine Augen zu Fiana, dann langsam abwärts an ihr gleitend, wieder zurück zum Oberdeck.

"Warum, werte Fiana, fragt Ihr nicht den Kapitän, ob er Eurer Anwesenheit bedarf ?", fragt er schließlich und schaut ihr wieder in die Augen,"Die Kabine wird nicht enteilen, man kann mir auch später den Weg weisen. So lasst uns denn in die Stadt, werte Frau : mein Freund Alberik scheint Durst zu leiden."

Der warme Wind weht durch sein halblanges Haar und bringt eine Brise frischer Meeresluft mit sich. Das Knarren der Taue, die sich dem Winde beugen, ist manchmal unter dem leiser werdenden Geschrei der Menschenmenge zu vernehmen. Die ersten Sterne funkeln am Firmament, eine sternenklare Nacht verkündend.

"Hör zu, Matrose, lauf los und hol mir den Schlüssel meiner Kabine.", wendet sich Anman an den Matrosen,"Und stell einen Krug Wasser hin und ein paar Äpfel und sorg dafür, daß das Bett bezogen ist."

Ein Kupferstück fummelt er aus den Tiefen seiner ledernen Hosen und wirft es dem jungen Matrosen zu, ohne genau hinzuschauen.

"Lauf schnell, Junge.", hängt Anman an,"Soll dein Schade nicht sein."

Und zu Fiana gewandt :

"Die Nachtwache kann mir ja später noch mein Gemach zeigen !"

´Oder Du, mein Täubchen !´, denkt Anman.



Klingend fällt das Kupferstück den Niedergang zum Oberdeck herunter. "Pling! Pling!" Und bleibt auf dem Oberdeck liegen.

'Bursche? Hat diese Landratte wirklich Bursche zu mir gesagt.'

Raschid stapft die Stufen zum Brückendeck wieder hinauf. Etwas unsicher, ob er seinen Gefühlen freien Lauf lassen soll, schaut er zu Fiana. Doch diese schweigt. Dicht vor dem Passagier bleibt er stehen.

"Ich glaube nicht, daß sie wissen, wo sie sich befinden. Dieses ist ein Schiff. Ein Schiff voller Matrosen. Nicht voller Burschen, oder Diener. Wir sind Seefahrer, wenn ihnen das etwas mehr sagt. Und wir werden für unsere schwere Arbeit gut bezahlt. Auch ohne ihr Geld."

Ohne eine Antwort abzuwarten dreht er um und steigt den Niedergang zum Oberdeck hinunter. Noch auf der Treppe sind leise Worte zu hören. Die aber zu leise und undeutlich sind, als das sie jemand verstehen könnte.



´Tja, das ist er also, der Stolz der Habenichtse.´, denkt Anman, während des Gemütsausbruches des Matrosen. Kalte Wut überkommt ihm, so von einem niederen Matrosen angesprochen zu werden. Und das auch noch in Gegenwart einer Dame. Aber niemals würde er seine Gefühle zeigen.

Schallendes Gelächter klingt aus Anmans Mund, als er den Matrosen davoneilen sieht.

"Lauf nur, du jämmerlicher Lappen, lauf davon.",antwortet Anman dem davonziehenden Matrosen mit lautem, über das Deck dahin tönenden Lachen. Seine Hand ruht sicher auf dem Griff seines Rapiers.

" Lauf schön brav den Schlüssel holen.....", ruft er ihm hinterher.

Dann dreht er sich um zu Fiana. Wieder wird er von ihren schönen Augen gefangen gehalten.

"Ihr solltet ein Auge auf diesen Matrosen haben.", schlägt er ihr mit einem Augenzwinkern vor,"Sonst ist dieser vorlaute Penner bald einen Kopf kürzer."



Das lauthalse Lachen und die Worte Anmans schallen Raschid auf dem Weg zum Niedergang hinterher. Wenige Herzschläge verharrt er vor dem Niedergang zum Unterdeck.

Die zu Fäusten geballten Hände des Matrosen erzeugen ein leises Knacken und die Knöchel auf den Handrücken färben sich scheeweiß. Schwer und dumpf dröhnt sein schneller Herzschlag durch den Schädel und behindert klare Gedanken. Wieder und wieder hört er die Worte des Passagiers in seinem Kopf. Trotz der Entfernung spürt er an Hand der Wortwahl den gehässigen Unterton. Wut und Haß nehmen seine kompletten Gedankengänge ein.

Verschiedene Reaktionen spielt er innerhalb von Augenblicken vor seinem geistigen Auge durch. Doch bevor er sich für eine entscheiden kann, läuft er die Treppe in die dieses Mal schützende Dunkelheit des Unterdecks hinunter.



NORDSTERN - Unterdeck: Die stolze Wut des Raschid


Warm und schützend umschließt die Dunkelheit den Matrosen. Viele Stimme und Rufe hallen durch das Schiff und einige Passagiere laufen durch die Gänge des Unterdecks. Doch Raschid's Gedanken sind zu sehr mit den Geschehnissen auf dem Brückendeck beschäftigt, als daß er den Menschen größere Beachtung schenken würde.

Ein paar tiefe Atemzüge der abgestandenen Unterdecksluft und er macht sich auf den Weg zu der zweiten Doppelkabine.

Ohne anzuklopfen betritt er die Doppelkabine, geht geradewegs auf den kleine Tisch zu und greift sich den Schlüssel, der dort an seinem üblichen Ort in einer kleinen Mulde liegt. Ohne zu zögern macht er kehrt und verläßt die Kabine auf dem selben Weg und ebenso schnell, wie er sie betreten hat.

Mit der Rechten den Schlüssel fest umklammert, ganz so, als würde er ihn zerdrücken wollen, macht er sich auf den Rückweg zum Aufgang des Oberdeck. Der Zorn über die Worte des Passagiers herrscht immer noch in Raschid's Körper und versucht hervorzubrechen, doch der Südländer vermochte bisher einen Ausbruch zu verhindern.

'Den Göttern sei Dank! Hätte ich meine Waffe am Gürtel gehabt, wäre dieser Chalbaji nicht ungeschoren davongekommen. Auch wenn man mich dafür in den Kerker geworfen hätte.'

Sicherlich weiß Raschid, daß er wahrscheinlich sein Leben dabei verloren hätte, doch diese Tatsache unterdrückt er wissentlich.

Langsam steigt er die Stufen zum Oberdeck hinauf und schaut sich oben angekommen nach dem Passagier um.



NORDSTERN - Oberdeck: Die Kampfgefährten


Den Blick weiterhin auf die Treppe zum Brückendeck gerichtet, flüstert Alberik durch seinen Bart Jarun zu.

"Vielleicht kannst du vor Anman, das ist der Händler, der uns begleiten wird, einfach ein bißchen betonen, wie gefährlich das Meer ist und daß es bestimmt besser ist, jemanden neben sich zu haben, der mit einer Waffe umgehen kann. Ich habe ihm vorhin schon versucht zu erklären, daß er sicher sein würde, wenn er mich als seinen Schutz anwerben würde, aber ich glaube er hat mich noch nicht ganz verstanden und verzichtet lieber auf meine Hilfe."



Verschwörerisch nickt Jarun bei Alberiks Worten.

"Ich werde sehen, was ich für dich tun kann. Allerdings muß ich sagen, daß ich Menschen besser überzeugen kann, wenn meine Zunge vom Wein gelockert ist. Ich habe noch niemandem erlebt, der mir meine Geschichten dann nicht glaubt."

Vorsichtigt schaut er noch einmal zum Brückendeck, wo allerdings alle schwer beschäftigt scheinen.

"Sorg dafür, daß ich immer einen vollen Becher Wein vor mir stehen habe, dann werde meine Fähigkeiten voll und ganz zur Geltung kommen."



Mißtrauisch wendet sich Alberik vom Brückendeck und er Treppe ab und schaut wieder Jarun an. Hat er das eben richtig verstanden? Soll er etwa für Jarun den Wein bezahlen, damit der ihm einen Gefallen tut?

Doch dann lacht der Zwerg laut los. Es beginnt mit einem Grinsen, dann ein leichtes Schmunzeln, das schließlich in einem lauten "HUA HUA HUA!" endet.

Die linke Hand wird in die Hüfte gestemmt, der Kopf in den Nacken gelegt, als ein weiteres "HUA HUA HUA!" folgt.

Alberik hat sich immer noch nicht ganz gefaßt, als er Jarun erklärt, weshalb er sich so amüsiert.

"Ich dachte schon, Du willst..."

Ein leichtes Kichern unterbricht den Zwerg,

"...Du willst von mir, daß ich den ganzen Abend den Wein bezahle, den du trinkst."

"Hahaha."

Eine Träne, die dem Zwerg vor Lachen ins Auge schießt, wird mit dem Handrücken der Linken weggewischt.



Ein weiteres Lachen schallt über das Schiff, denn auch Jarun stimmt in das Lachen des Angroschim ein. Mehr gezwungener Maßen, um nicht das Gesicht zu verlieren. Doch ebenso überzeugend.

"HA, HIHI HI, HIIIIII"

Noch leicht außer Atem beugt er sich wieder zu Alberik herunter, damit niemand anders die Worte hören kann.

"Ich wollte nur, daß du mich daran erinnerst regelmäßig einen neuen Wein zu bestellen, damit der Nachschub nicht zu lange auf sich warten läßt. Du weißt doch noch wie viel ich trinken kann, nicht mal Hal hätte an manchen Abenden in Greifenfurt meine Zeche zahlen können. Nein, nein. So was verlange ich nicht von einem Freund. Unter Freunden hilft man sich doch gerne. Sicher wird sich auch mal die Gelegenheit ergeben, daß du mir hilfst, nicht wahr. Und dann wirst auch du kein Gold verlangen. Schließlich sind wir ja Freunde."

Diese Sätze sprudeln aus Jarun's Mund hervor, doch innerlich denkt er bereits darüber nach, wie er den Gefallen am sinnvollsten nutzen kann.



Nun, da Jarun und er lachend nebeneinander stehen, verfliegen die letzten Zweifel in Alberik. Es hätte ja doch sein können, daß er für diesen kleinen Gefallen viel Geld für Wein hätte ausgeben müssen. Aber nun weiß er ja, was wirklich gemeint war.

"Aber sicher helfe ich Dir, wenn Du einmal meine Hilfe brauchst. Und wenn Du Anman wirklich dazu bringen kannst, mich und meine Axt zu mieten, dann bekommst du von mir eine ganze..."

Für einen kurzen Moment denkt der Zwerg nach, und kommt zu dem Schluß, vielleicht doch nicht ganz so spendabel zu sein.

"...eine ganze halbe Karaffe Wein, nur für dich alleine."

"Und wenn nicht, so werden wir drei heute trotzdem einen guten Abend zusammen haben."

Beiläufig schaut er mal wieder zum Brückendeck und sieht, wie Anman schon auf dem Weg zu ihnen ist.

"Aber jetzt kein Wort mehr darüber, unser Begleiter kommt schon. Und er läßt sich bestimmt besser überzeugen, wenn er nicht weiß, daß einiges von dem, was Du erzählst, genauso sehr ausgeschmückt ist wie Du," raunt er Jarun zu. Dann dreht er sich zu dem ankommenden Händler.

"Anman, da bist du ja schon. Das hier ist Jarun, der Papagei."

Dabei deutet er mit leicht erhobener Hand auf den bunt gekleideten Mann neben ihm.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Anman und Fiana


Auf das kurze hin und her reagiert Fiana etwas irritiert.

'Wollte er nicht gerade erst - hmm'

"Ja, den Kapitän wollte ich ohnehin gerade fragen, entschuldigt mich einen Moment." erwidert sie auf Anmans Worte und wendet sich nicht ohne noch ein Lächeln zu versprühen in Richtung des Kapitäns.

'Die Sache mit der Kabine müssen Anman und Raschid alleine klären, es wäre nicht gut, wenn sich die Offiziere in solche Kleinigkeiten einmischen würden.' denkt sich Fiana.

Eigentlich hat Fiana im Moment ohnehin keine Schicht, aber die Ereignisse des Tages haben die Doppelschicht notwendig gemacht. Doch eben diese Ereignisse sind es die sie beim Kapitän nachfragen lassen, ob er sie nicht doch noch braucht.

Da die Brücke nicht wirklich groß ist, ist Fiana bereits wenige Schritte später beim Kapitän angelangt. Dort wartet sie ab bis er sein Gespräch beendet hat, bevor sie ihm die folgende Frage stellt:

"Jergan, habt ihr heute noch ein spezielle Aufgabe für mich? Falls nicht, würde ich sehr gerne noch etwas an Land gehen." spricht sie ruhig und höflich zum Kapitän.



"Ja, klar.", antwortet Anman ihr, schaut ihr hinterher, bis sie verschwunden ist, und begibt sich dann zum Niedergang.

Dort angekommen, schaut er runter aufs Oberdeck, um zu sehen, wo sich der Zwerg befindet. Nach einem letzten Blick über den Hafen und hinaus aufs Meer, steigt er in aller Ruhe den Niedergang hinab und läuft in Richtung von Alberik und Jarun.

Seine Blicke wandern dabei in Richtung der Menschenmenge, die noch immer auf dem Kai steht und mit dem Licht ihrer Fackeln und Lampen die unmittelbare Umgebung erhellt. Während er langsam dahin schlendert, da er sehen kann, daß der Zwerg und der Mensch in ein Gespräch vertieft sind, sieht er das Kupferstück, das er dem aufmüpfigen Matrosen geben wollte, im Lichte funkeln. Anman schaut sich um, und sieht eine Matrosin an der Reling stehen.

"Matrosin, he.", ruft er in ihre Richtung. Als sie sich umdreht, lächelt er.

"Schaut, junge Frau !", fährt Anman fort und zeigt auf das Kupferstück,"Ist das etwa Euer Kupfer, das dort umher rollt ?"

Xenias Augen folgen seiner ausgestreckten Hand und erkennen das Geld. Zwar fragt sie sich, warum Anman sich nicht selber bücken wollte, aber seiner Kleidung nach sieht er auch gar nicht so aus, als ob er das nötig hätte.

´Nicht, daß ich es nötig hätte. Aber was soll´s ?´, denkt sie sich, und nickt mit einem zaghaften Lächeln. Anschließend löst sie sich von der Reling und begibt sich hinüber, um das Kupferstück einzusacken.

Anman, froh, daß sein Geld nun nicht doch noch heimlich von dem frechen Matrosen von eben aufgehoben wurde, Läuft weiter in Richtung des Zwerges. Dabei behält er mit einem Auge immer den Niedergang zum Unterdeck im Blick, um gegebenenfalls auf sich aufmerksam machen zu können, sollte sein Schlüssel doch noch das Oberdeck erreichen.



NORDSTERN - Auf der Brücke: Fiana meldet sich ab


Da der Kapitän ohnehin mit keiner Rückfrage seitens des kabinentauschenden Fahrgastes rechnet, wendet er sich sogleich seiner ersten Offizierin zu, als diese ihre Frage stellt.

Er überlegt kurz - im Grunde gibt es sehr viel zu tun, doch ein Großteil dieser Arbeit wird mit der ZYKLOPENAUGE zusammenhängen, und die muß nicht hier und von der NORDSTERN-Besatzung verrichtet werden, sondern von dem Überlebenden der ZYKLOPENAUGE. Insgesamt also wohl doch weniger Arbeit, als er gedacht hatte.

"Nein, eine spezielle Aufgabe habe ich für Euch nicht, Fiana. Bitte seid Mitternacht wieder auf dem Schiff - man weiß ja nie, was sich mit diesem Wrack da vorne noch ergeben mag."

Für sich hat Jergan schon längst beschlossen, daß er Salzerhaven wohl kaum betreten wird - höchstens irgendwelche Räume des Hafenamtes, falls da die Notwendigkeit bestehen sollte.

"Euch wünsche ich dann viel Spaß für diesen Abend!"



"Gut, ich werde um Mitternacht wieder hier sein und möge die Nacht Angenehmeres bringen als der Tag." erwidert Fiana.



Nachdem der Kapitän offensichtlich nichts mehr hinzu fügen möchte wendet sich Fiana wieder zur anderen Seite der Brücke zu und geht die paar Schritte zu Anman.

"Gut, ich muß um Mitternacht wieder an Bord sein, aber bis dahin sind es ja noch ein paar Stunden. Wenn ich mich kurz für ein zwei Minuten entschuldigt, ich muß noch etwas aus meiner Kabine holen. Danach kann es losgehen."



NORDSTERN - In der Suite: Alkinoês Schattenreise


Was zunächst nur in einzelnen Wellen spürbar war, wird nun zu einem stetigen Strom der Kraft. Er teilt sich dem Mädchen mit, wird zu einem Teil ihrer selbst. Zu Beginn trennt sie nicht zwischen dem da draußen, dem Strom der Kraft, und ihrer eigenen Person, sondern nimmt einen Teil der Kraft in sich auf, während der andere Teil gebrochen und zurückgeworfen wird, wie das Licht der Praiosscheibe, welches auf eine Wasserfläche trifft.

Doch langsam kehrt auch Los` Erbe zu ihr zurück, regt sich ihr Geist, und im gleichen Maße nimmt sie nun auch den Gegensatz zwischen sich selbst und dem Anderen wahr. Da ist sie selbst, Alkinoê, schwach und hilflos, aber auf eine rätselhafte und geheimnisvolle Weise nicht mehr allein. Es gibt also noch etwas anderes außer ihr selbst und dem Nichts, eine dritte Wesenheit, und diese Wesenheit ist ihr nahe, will sie nicht verlassen.Alkinoê hat die Angst hinter sich gelassen, ergibt sich ganz diesem neuen Gefühl von Sicherheit und Vertrauen.

' Wer DU auch bist, ich vertraue DIR, halte DU mich fest, bleibe bei mir. '



Es durchfährt den Schiffszimmermann wie ein eisiger Blitz. Plötzlich fröstelt ihm und es steht im kalter Schweiß auf der Stirn. Er sieht nur noch das bleiche Gesicht Alkinoês, alles andere wird ihm undeutlich, die Konturen verschwimmen, sein Auge trübt sich.

Alle Geräusche, die er jetzt noch hört, schwingen seltsam, als entrücke ihm die Welt, als habe die Wirklichkeit ein winziges Loch bekommen, welches Ole's Bewußtsein erbarmungslos einsaugt und entführt.

Ole hatte sich, in angemessener Distanz zum Lager Alkinoês aufgestellt, um dem Heiler oder Herrn Darian bei ihren Bemühungen nicht im Weg zu sein. Dort steht er nun wie ein Leuchtturm auf einer dunklen Klippe, still, starr und dennoch irgendwie Weg weisend. Er streckt langsam beide Arme aus, die Handflächen nach oben gerichtet, als würde er aus unsichtbarer Hand ein Geschenk empfangen. Für die Anwesenden in der Suite, die diese seltsame Geste des 'Grauen Riesen' beobachten können, wirkt diese Handlung wahrscheinlich mehr grotesk als spirituell und dennoch auf seltsame Weise unheimlich und mysteriös bannend.

In der Tat fühlt sich Ole von einer unbekannten Macht berührt. Vor seinem geistigen Bewußtsein, entstehen die leuchtenden Umrisse eines Menschen, eines Mädchens womöglich. Das Rauschen gewaltiger Brecher will ihm fast den Schädel sprengen. Es klingt wie die Brandung vor Olport, die mit urwüchsiger Macht an den Kreideklippen nagt, um das Land, Schritt für Schritt, zurück zu treiben, doch tönt es im Augenblick schier unendlich lauter.

Das leuchtende Gebilde verteilt sich im Raum, erhellt ihn mit gleißendem Licht, daß es Ole blendet und er, vom Schmerz gepeinigt die Augen schließen muß. Keiner der anderen scheint dieses Licht zu bemerken.

Schon hat Ole die Angst, das Licht könnte ihn verbrennen, als er einen Schatten auf seinem Gesicht spürt, der ihm Erfrischung und Linderung verschafft. Für einen Augenblick glaubt der alte Schiffszimmermann einen riesigen Raben erkennen zu können, doch dann ist da wieder nur noch das grausam helle Licht und entfernt zu hören: Das Geräusch mächtiger Schwingen.

Entweder wird nun das Licht allmählich angenehmer oder Ole's Augen gewöhnen sich an diese überderische Helligkeit. Es wird ihm warm und wärmer und dann spürt er, daß ihm eine schwere Last in die Arme gelegt wird.

Der 'Graue Riese' ist stark, sehr stark sogar, dennoch droht dieses Gewicht ihn in die Knie zu zwingen. Aber Ole gibt nicht auf, er schwankt, aber er stürzt nicht.

"Ich werde dich nicht enttäuschen, kleine Blume, ich werde kämpfen!" preßt er zwischen den Zähnen heraus und dann brüllt er:

"HERR SWAfnir, GIB MIR DIE KRAFT!"

Doch die geheimnisvolle Last drückt immer schwerer auf ihn. Es ist ein Ringen, von dem die anderen Anwesenden bisher kaum etwas mitbekommen. Doch langsam wölbt sich schon der Plankenboden nach unten und das Holz gibt einen gequälten, klagenden Laut von sich.

"Ich werde dich nicht enttäuschen, kleine Blume, folge dem Pfad der Liebe!"

Es versagt ihm fast die Stimme, Ole keucht und atmet schwer.

"Mutter TRAvia, leite mein Herz!"

Inzwischen drückt Ole seine Arme an seinen Brustkorb, so, wie er es getan hatte, als er Alkinoê auf die NORDSTERN brachte. Nur, daß Ole Arme nun ein geisterhaft waberndes Licht umschließen, während Alkinoê totenblaß auf einem Lager liegt.

"Sie ist nah und doch so weit entfernt, so weit entfernt ... " keucht Ole, dann setzt er sich langsam in Bewegung. Schritt für Schritt nähert er sich dem Lager Alkinoês und es scheint, als bereite ihm jeder Schritt unsägliche Schmerzen.



NORDSTERN - Unterdeck: Anselm's neue Kabine


"Linksrum und durch und dann bin ich da. Gut danke..."

Abermals dreht sich Anselm um, doch diesmal schreitet er auch von dannen und macht sich auf den Weg zum Niedergang.

'Hm, nur mal kurz anschauen. Vielleicht fünf Minuten die Beine hoch legen. Aber ein Stadtbesuch wir heute auf jeden Fall noch gemacht.'



Freudig und erwartungsvoll geht Anselm über das Oberdeck Richtung Niedergang. Dabei läßt er noch mal den Blick über das Deck fliegen. Zwar lassen die wenigen, schwach funkelnden Laternen kaum viel erkennen, doch für als Diener des Phex ist Anselm darin geübt, auch bei schwachen Licht gut zu sehen. Auch wenn das was er sieht nicht gerade sonderlich sein Interesse weckt.

Den Niedergang herabgestiegen schreitet er den engen Gang Richtung Doppelkabine. Dem Treiben der anderen Personen schenkt Anselm auch nicht viel Aufmerksamkeit. Alles was ihn jetzt noch interessiert ist die Kabine.

'Hm... links rum, gerade aus, dann wieder links, ah ja!'

Anselm öffnet die Tür und tritt ein. Jeder Rechtspann wird erst einmal begutachtet, dann wirft sich Anselm freudig auf das Bett, welches ihm unbenutzter erscheint.

'Ach... schön.. So, erst mal ein wenig entspannen...'



Der kleine Mann verschränkt seine Arme vor der Brust und schließt die Augen. Ein kleiner Seufzer entweicht seinem Munde, während er es sich in seinem neuen Bett gemütlich macht.

'Ach ja...ich glaube hier werde ich auch noch den Rest der Fahrt überstehen. Dieses Zimmer ist seinen Preis wert... Aber zum Schlafen ist noch keine Zeit! Es ist doch nichtmal Mitternacht!..hm, zuerst einmal werde ich mir das Städtchen ein bißchen ansehen. Wer weiß wann mir eine genauere Kenntnis der Gassen wieder nützen könnte.

Dann such ich mir eine gemütlich kleine Taverene und trink ein zwei Gläschen. Ein gutes Essen könnte ich auch vertragen. Vielleicht gibt es auch ein paar Leute die sich zu einem kleinen Kartenspiel bereit erklären... Schließlich muß ich auch von etwas leben.'

Bei dem Gedanken muß Anselm leicht grinsen.

'Und morgen werd' ich einkaufen, sofern Zeit dazu bleibt. Ich mußte damals so schnell fliehen, ich hatte ja nicht mal Zeit meinen Rucksack mit ein paar Dingen zu packen. Wenigstens sind mir meine Münzen geblieben.'

Anselm klopft erleichtert auf den gut gefüllten Geldsack.

'Und mein Dolch.. ach, wie viele Erinnerungen hängen an ihm.'

Er zieht die Klinge aus ihrer Scheide. Auf den ersten Blick ist zu erkennen, daß dieses Messer sogar für einen Dolch ziemlich klein ist. Anselm betracht das reich besetzte Schmuckstück wie es im Licht der Laterne funkelt.

'Ich weiß noch wie ich ihn meinem Lehrmeister vom Gürtel geschnitten hab', ohne daß er was merkte.

"Kannst ihn behalten" sagte er damals mit einer Mischung aus Stolz und Ungläubigkeit. Tjalf wußte, daß er mir von da an nichts mehr beibringen konnte. Nun ja, das ist lange vorbei....'

Anselm steckt die Klinge wieder ein und hüpft vom Bett.

'Salzerhaven, mach dich bereit. Jetzt kommt Feuerbach!'



NORDSTERN - Offizierskajüte: Fiana macht sich fein


Fiana geht vom Brückendeck auf das Oberdeck und dann den Niedergang hinunter, um letztlich in ihre Kabine zu gelangen. Sorgsam schließt sie die Kabinentür auf und schließt sie hinter sich wieder.

Dann beginnt sie in ihren Sachen etwas zu suchen und kurze Zeit später zieht sie einen hellgrünen Wollumhang hervor, den sie jedoch erst einmal auf ihre Koje legt. Die Suche ist noch nicht beendet, etwas später fördert sie ein frisches Hemd zutage, denn wenn schon ein kurzer Landgang bevorsteht, dann nicht in dem von zwei Schichten verschwitzen Exemplar.

Schwups ist das alte Hemd ausgezogen und ein dezentes, aber wohlriechendes Duftwässerchen aufgetragen.

Das frische Hemd ist ebenfalls flott angelegt, fehlt nur noch der Umhang, welchen sie jetzt von der Koje nimmt und sich dann über die Schultern hängt. Der lange Umhang reicht fast bis auf den Boden und wird gut gegen die sicher bald kühler werdende Nacht schützen.

Zum Schluß fallen ihr noch ihre Haare ein, sie öffnet den langen Zopf und läßt der Löwenmähne freie Bahn. Da die Haare lange zum Zopf geflochten waren, sind sie jetzt noch lockiger als zuvor. Fiana nimmt ihre Bürste um en wenig Ordnung in die, über den ganzen Rücken fallenden Haare zu bringen.



Nachdem Fiana die Haare sorgsam gebürstet hat, besitzen diese einen seidigen Glanz, der die roten langen Locken noch besser zur Geltung bringt. Der Umhang ist zurecht gerückt und der Inhalt des Geldbeutels wird überprüft. Dann verstaut sie selbigen sicher, man weiß ja nie, was für ein Gesindel einem in der Stadt begegnet.

Fiana öffnet die Tür, geht hindurch und verschließt ihre Kabine wieder sorgsam. Dann geht sie zügigen Schrittes den Niedergang hinauf, gelangt auf das Oberdeck, wo sie die Herren bereits an der Planke stehen sieht. Daher macht sie sich auf den Weg dorthin und begrüßt die Runde mit einem freundlichen Lächeln, das am Ende bei Anman stehenbleibt und den Worten:

"Ich hoffe die Herren mußten nicht zu lange auf mich warten."



NORDSTERN - Unterdeck: Efferdan und Ameg


Zum Glück kennt Efferdan diesen Teil des Schiffes sehr gut - nach eineinhalb Jahren Dienst auf diesem Schiff sollte er das wohl auch - und so kommt er voran, ohne sich irgendwo anzustoßen.

Sein Augen versuchen, im Zwielicht jemanden zu entdecken, die Quelle des Schmerzenslaut, der an sein Ohr drang, zu lokalisieren.

"Hallo?" fragt er leise und unsicher in die Dunkelheit hinein.



Ameg beugt sich runter und massiert seine Kniescheibe.

'au.. das tut verdammt weh... wo bin ich da nur gegen gerannt?'

Er schaut sich vorsichtig um und sieht, daß er irgendwie an der Bordwand angekommen ist und da vorne ist ja auch schon der Niedergang. Langsam geht er bis zum Niedergang und setzt sich dort erst einmal auf die unterste Stufe, um seine Kniescheibe noch ein wenig zu reiben in der Hoffnung, daß der Schmerz dadurch weg geht.... was ihm auch, da der Stoß nicht schlimm war, schnell gelingt.

...dann hört er plötzlich jemanden im Unterdeck leise und vorsichtig 'hallo' sagen.

"äh.. hallo?", fragt Ameg vorsichtig zurück.



Efferdan zuckt kurz zusammen, als er ein leises Geräusch hinter sich zu hören glaubt? Doch da danach nur wieder das Rauschen des Meeres und das Knarren des Holzes zu hören ist, geht Efferdan weiter.

`Vielleicht Traumauge - ob er wieder Ratten jagt?`

Bei dem Gedanken an den kleinen Kater, muß Efferdan lächeln. Er mag den Kater. Dann, in der Nähe des vorderen Niedergangs, antwortet ihm plötzlich jemand. Efferdan strengt seinen Augen an, um etwas zu erkennen.

`Sitzt da nicht jemand auf den Stufen - wer mag das sein... Der Stimme nach, niemand von der Mannschaft...`

Efferdan bleibt abrupt stehen. Unsicher und hell kommt es aus seinem Mund:

"Äh, ich wollte sehen, ob... ich hörte einen Schmerzensschrei ...äh... geht es Euch gut?"

Efferdan wirkt durchaus ehrlich besorgt, aber auch etwas schüchtern und zurückhaltend.



Stimmen, Geräusche, Personen.. langsam kann Ameg verstehen warum der Schiffsjunge bei dem Trubel hier so nervös und gereizt ist.

"'is alles in Ordnung", antwortet Ameg einer unsicheren Stimme, die eigentlich nur dem seltsamen Matrosen gehören kann.

"'hab mir nur mein Knie gestoß'n"

Irgendwo weiter hinten hört Ameg Torin und Joanna.. aber jetzt steht er erst einmal auf und schaut woher die Stimme des Matrosen kam.



"Oh, dann... dann ist es ja gut ... ich fürchtete, Ihr hättet Euch vielleicht... aber wenn es Euch gut geht ... verzeiht ... ich muß wieder zurück..."

Jetzt, da er weiß, daß dem Passagier nichts passiert ist, erinnert er sich wieder an seine alte Aufgabe...

`Wasuren wird wohl ungeduldig ein. Sollte mich beeilen...`

"Verzeiht..." setzt Efferdan noch einmal schüchtern hinzu, dann dreht er sich um, um wieder zurück zum hinteren Niedergang zu gehen.



NORDSTERN - Unterdeck: Torin auf der Lauer


Beinahe verschwindet der hellhäutige Matrose in der Düsternis des Unterdecks, doch Torin folgt ihm. Vorsichtig schiebt er sich an dem scheinbar den ganzen Gang ausfüllenden Schiffskoch vorbei. Da er selber auch nicht der Dünnste ist und zudem auch noch der Rucksack auf dem Rücken trohnt, ist dies ein Unterfangen, welches nicht ganz reibungsfrei vonstatten geht. Doch schließlich drückt sich Torin an Garulf vorbei.

'Miu pikusch! Ich sollte wirklich etwas abnehmen. Wenn ich so weitermache, bleibe ich eines Tages in einem Fensterrahmen stecken.'

Von oben her dringt Lachen und Gegröhle in den Bauch des Schiffes. Torin schüttelt den Kopf.

'Es hört sich fast so an, als sei da oben eine Feier im Gange.'

Er schnaubt leise.

'Na, mir kann es eigentlich egal sein. Ich will heute Abend nur noch ein warmes Bett und ein kühles Met.'

Das Schimmern seines Stockknaufes deckt er so gut wie möglich mit der Hand ab doch zwischen den Fingern sucht sich das schwache Licht einen Weg und findet ihn auch. Fast unsichtbar ziehen die rot-weißen Schimmer über die Wände und über die Decke. Fast wäre Torin in der Düsternis noch mit dem hellhäutigen Matrosen zusammen gestoßen, doch er kann sich gerade noch stoppen. So bleibt er erst einmal still hinter diesem stehen und wartet ab.



NORDSTERN - In der Suite: Wundersame Heilung


Frau Reckinde läßt sich schwer in einen Stuhl fallen. Das bringt auch schon nach wenigen Augenblicken die erwünschte Wirkung, die Schmerzen in ihrem Fuß lassen nach.

Doch könnte es gut möglich sein, daß Frau von Beibach und Bruch ihre Schmerzen sowieso vergessen hätte, wenn sie diesen seltsamen 'Tanz' des Schiffszimmermannes stehend erlebt hätte. Fassungslos beobachtet sie diese, irgendwie vom Wahnsinn gezeichneten Bewegungen und die, mehr als merkwürdigen Begleiterscheinungen, die sich hier in der Suite, vor ihrer aller Augen ereignen.

'Hoffentlich versteht sich dieser Heiler auch auf seelische Verirrungen, wenn nicht für das Mädchen, dann zumindest für den Schiffszimmermann ... " denkt sich Reckinde erschrocken über diese seltsame Veränderung dieses riesigen Seemannes.

Mit brüchiger, kratzender Stimme sagt sie zu Radisar, ihrem Diener, ohne ihren Blick von den Geschehnissen wenden zu können:

"Ich ... ich könnte jetzt einen Tee vertragen .....!"



'Einen Tee will sie haben, die Herrin? Das kann ich verstehen, einen solchen bräuchte ich jetzt auch." denkt sich Radisar als er völlig entgeistert die unheimlichen Vorgänge in der Suite beobachtet.

Ohne den Blick von dem jungen Mädchen, dem Heiler und dem wunderlichen riesigen Seemann anwenden zu können, tastet er zunächst nach einer Teetasse, dann nach dem Samowar, der, auf dem Tisch stehend, dampfend seine Pflicht erfüllt. Schnell haben seine dicken Finger blind und plump eine Tasse ergriffen und auch den Samowar hat Radisar schnell ertastet. Doch dazu hätte er wohl besser hinschauen sollen, denn er verbrennt sich die Finger niederhöllisch.

Er unterdrückt einen Fluch und wehklagt mehr innerlich, um nicht weiter hier im Raum aufzufallen. Doch lernt er aus dem Vorfall wenig, denn als er heißen Tee aus dem wärmenden Gefäß abläßt, schaut er schon wieder nicht mehr hin und so ergießt sich das Aufgußgetränk nicht, so wie es sein sollte, in der Tasse, sondern einige Finger breit neben dem Tassenrand auf den Schuh des kleinen Dieners, der sich dann allmählich darüber wundert, warum es ihm an den Zehen immer wärmer wird ....



Vor ihrem Lager kniend betrachtet Ulfried die Patientin. Es sieht wirklich nicht sehr gut aus. Blasz wirkt ihr Gesicht, wie tot liegt sie auf dem Bett, nur das langsame Heben und Senken ihres Brustkorbes zeugen davon, dasz Golgari sie noch nicht geholt hat. Vorsichtig streichen Ulfrieds Hände über Alkinoês Kopf. Die Platzwunde wurde bereits ordentlich versorgt, dasz ist erstmal beruhigend. Fachmännisch tastet er den Schädel ab, es hiesz zwar, physisch sei alles getan, doch wer weisz, ob die Laien nicht doch etwas übersehen haben. Nach kurzer Zeit stellt er zufrieden fest, das der Schädel intakt ist. Seinem kundigen Auge entgeht jedoch nicht, dasz das Mädchen eine kräftigen Schlag auf den Kopf abbekommen hat.

´Offensichtlich wurde der Sitz ihres Verstandes erschüttert ...´

Die Hände des Heilers bleiben am Kopf der Patientin, doch nun ruhen sie, eine links, eine rechts, am Schädel, geradezu so, als könne er ihren Geist dadurch festhalten. Nun beginnt der schwerere Teil seines Auftrages. Halt, etwas will er noch wissen, ein kleines Wort ist es nur, doch damit ginge seine Arbeit erheblich leichter.

"Kennt hier jemand ihren Namen?" fragt er ungezielt in die Runde.



Darian steht noch immer als stiller Beobachter im Raum. Zur Zeit beobachtet er vor allem den Schiffszimmermann, der hier gerade, ja was eigentlich? Betet? Ein Ritual ausführt? Den Verstand verloren hat? Sehr seltsam, aber interessant, vielleicht kann man ja hinterher mit ihm darüber reden.

Doch dann gelangt eine Frage an sein Ohr, eine Frage, die zwar an die Allgemeinheit gerichtet ist, die aber niemand sonst zu beantworten gewillt bzw. in der Lage ist.

"Nein, ihren Namen kennen wir bedauerlicherweise nicht, der einzige andere Überlebende konnte ihn uns nicht mitteilen, zumindest hat er es nicht," antwortet er dem Heiler.


*************************


"Kein Name also," nimmt dieser die Antwort zur Kenntnis, aus diesen drei Worten ist deutlich zu heraus zu hören, dasz es ihm anders wesentlich lieber gewesen wäre.

´Dann musz es eben so gehen.´

Langsam und deutlich richtet er seine Worte an die noch immer regungslos daliegende Alkinoê:

"Dies hier ist Deine Welt, Du gehörst zu den Lebenden, hier ist Dein Platz."

Er atmet erst einmal tief durch und schaut kurz, ob seine Worte bereits Wirkung zeigen, dann fährt er fort:

"Merian kannst Du nicht erreichen, du muszt zurück kommen, sonst bist auch Du verloren, komm zu Dir, komm zu uns, komm heim nach Dere, hier ist Deine Welt."



Während er spricht, liegen seine Hände noch immer ruhig am Kopf von Alkinoê. Dem Beobachter musz es so erscheinen, als wolle er die Seele des Mädchens durch seine Hände festhalten. Ja glaubt er wirklich durch solch albernen Aberglauben könne man etwas bewirken?

Ein Beobachter jedoch, der sich nicht auf die fünf naturgegebenen Sinne verläzst, einer, der sich der Clarobservantia bediente, der sähe, dasz die Hände Ulfrieds sehr wohl etwas tun - und dasz sie sich dafür gerade am rechten Platz befinden.



"[...] und eine Neue Kraft flosz fürderhin durch alle Sphären. [...]"

- aus dem Epos: ´Vom Anbeginn der Zeit´


Diese Kraft um die es hier geht, flieszt bereits seit Äonen auf und durch Dere. Fast ebensolang gibts es Wesen, die sich dieser Kraft bedienen. So gibt es auch unter den Menschen immer wieder welche, denen HESinde die Fähigkeit verleiht, diese Kraft zu lenken, zu formen, Linien und Muster aus ihr zu bilden.

Doch nicht jeder, dem die Gabe gegeben ist, erfährt davon. So jemand hat dann zwar die Macht, die Kraft zu leiten, doch erlangt er nie die Weisheit und Klugheit, die es braucht, dieses Potential voll auszuschöpfen.

Eben so jemand ist Ulfried Bellentor, der gerade in der Suite der Karavelle NORDSTERN, am Lager eines bewusztlosen, jungen Mädchens kniet ...



Ein Gewebe kann vielerlei Gestalt annehmen. Es kann fein, edel und vornehm sein, wie ein Kleid aus Mirhamer Seide. Es kann aber auch fest, stark und undurchdringlich sein, wie Segeltuch. Es kann auch dreckig, stinkend und voller Löcher sein, wie die Lumpen eines Bettlers. Und es kann auch voller Löcher und trotzdem stark sein und seinen Zweck erfüllen, wie beim Netz eines Fischers.

Ebenso verhält es sich mit Geweben aus arkanen Fäden, vielerlei Gestalt haben sie, von der rohen Kraft der destruktiven Hermetik, über die filigranen, fast verspielten Zauber der Elfen und der Feen bis zu den gnadenlosen Formula, der verachtungswürdigen Diener des Bethaniers. Und ebenso gibt es eine Art arkaner Muster, die grob und voller Löcher ist, aber doch zur Wirkung kommt.

Eben ein solches Muster entsteht an den Händen Ulfrieds und durchdringt Alkinoês Kopf, es ist kein sorgfältig von kundigem Geiste geknüpftes Gewebe, eher vergleichbar mit einem Fischernetz, alt, viel gebraucht und schlecht gepflegt - und doch, der Fisch, der sich im unvorsichtig nähert, der wird wohl bald gebraten auf einem Teller enden.



Eben wie ein Netz, so wirkt die Kraft, wie der Heiler sie hier wirkt. So wie der Fischer sein Netz ins Meer wirft, um darin Fische zu fangen und aus dem Wasser zu ziehen, so wirft Ulfried gewissermaszen ein Netz aus, um Alkinoês Seele einzufangen und sie dann aus dem Nirgendmeer zu ziehen, zurück nach Dere.

Doch was wäre ein Netz ohne Köder? Lockt man den Fisch nicht ins Netz, so gibt es keinen Fang. Ulfrieds Köder sind seine Worte, die das Weben des Netzes begleiten:

"Komm zu uns",

"hier ist dein Platz",

"Dies ist deine Welt".

Wird dieser Köder stark genug sein um ihre Seele ins Netz zu locken? Wird das Netz stark genug sein um sie ´an Land´ zu ziehen? Doch ein Fischer braucht Geduld ...



Zum erstenmal seit unendlich langer Zeit verspürt Alkinoê wieder ein Gefühl der Geborgenheit. Es ist köstlich vollkommen, viel stärker als es dies bei wachem, bewußtem Zustand sein könnte, von keinerlei Zweifel getrübt. Und sie nimmt dies alles mit der gleichen Selbstverständlichkeit an, mit der ein kleines Kind die Liebe und Fürsorge seiner Mutter fordert. Sie hat das deutliche Gefühl, von festen, starken Armen umschlossen und gehalten zu werden.

Während Geist, Gefühl und Verstand langsam wieder zueinanderfinden, und sich Alkinoês Persönlichkeit regeneriert, beginnen ihre Gedanken um die Frage nach dem Quell des Kraftstroms, der Art der fremden Wesenheit zu kreisen. Eine Gottheit? Welche Gottheit könnte sich ihrer annehmen? Wieder spürt sie die Gefühlswellen, Liebe und Mut, aber auch ein wenig Furcht, Anstrengung, unendliche Mühe, beinahe Schmerz. Während sie zu Beginn nicht zwischen den fremden Gefühlen und ihren eigenen unterschieden hat, kann sie nun, durch ihre zurückerlangten Fähigkeiten, feststellen, daß es sich um Gefühle der fremden Wesenheit handelt.

Plötzlich aber durchbricht etwas diese innige Gemeinschaft: Ganz deutlich kann sie spüren wie etwas zu ihr vordringt, nicht sanft und zart, sondern kräftig, bahnbrechend, vorwärtsstürmend. Sie spürt eine Kraft, die ihr einerseits vertraut, andererseits aber auch erschreckend fremd und roh ist, spürt wie diese Kraft in sie selbst eindringt, ihre Barrieren durchbricht, wie sich mit einer unheimlichen Geschwindigkeit Bande um sie legen, gegen die sie völlig machtlos ist.

" Nein, nein, oh nein! Ich will nicht! Laß mich" ruft Alkinoê, und beginnt sich zu bewegen, als ob sie sich instinktiv dem Griff entwinden wollte.



Interessiert sieht Darian dem Heiler bei der Arbeit zu. Was geht hier eigentlich vor, was tut er dort, kann es sein, dasz ... ?

Ob er einen ODEM ARCANUM wirken sollte um sich Gewiszheit zu verschaffen? Ach nein, es wäre verschwendete Kraft.

Als Alkinoês Schrei den Raum erfüllt, bedarf es auch keines ODEMs mehr, nun ist klar, dasz hier ein Zauber wirkt. Neugierig mustert der Adeptus den Heiler, ´Welche Formula ist dies?´ Doch er kommt zu keinem Schlusz, zu wenig ist zu sehen. Keine gesprochene Formel ist zu vernehmen, keine Zaubergeste ist zu deuten. Sollte dieser Heiler tatsächlich die Kenntnis einer, dem Adepten völlig unbekannten, ja vielleicht sogar verschollenen, Thesis besitzen?



Noch immer durchdringen die Fäden des groben Magiegeflechts Alkinoê, es dauert jedoch noch eine Weile, bis etwas passiert. Dann jedoch geht es sehr schnell, der Zauber bekommt ihren Geist zu fassen, der Fisch geht ins Netz, gewiszermaszen. Doch damit ist es nicht getan, denn ist der Fisch im Netz, endet die Arbeit des Fischers mitnichten, im Gegenteil, dann beginnt sie erst. Ist die Zeit zwischen Auswurf des Netzes und Hineingeraten des Fisches nur eine Zeit des Wartens und Beobachtens, so beginnt nun, da die Beute im Netz zappelt, der Kampf.

Dieser Fisch ist wahrlich nicht leicht zu fangen. Dieser Fisch will den Kampf mit dem Fischer, stark und ungezügelt, einem viele hundert Stein schweren Rochen gleich.

Ein Zittern geht durch den Körper des Mädchens, ein Beben, ja sie wirft sich geradezu hin und her. Doch Ulfrieds Hände bleiben an ihrem Platz, halten weiter das Netz, das Netz, das sich nun immer dichter zieht, das Netz, das nun fast zum Zerreiszen gespannt ist. Plötzlich ein Schrei, "Nein, nein, oh nein! Ich will nicht! Lasz mich," ist es ein letztes Aufbäumen der Meereskreatur, bevor starke Arme sie endgültig ins Boot ziehen oder wird die vermeintliche Beute das Netz nun doch noch zerreiszen? Wird der Fischer sich seines Fangs erfreuen können oder wird er mit leeren Hände und zerstörten Netzen heimkehren?

Schweiszperlen treten auf die Stirn des Heilers, sein Gesicht läuft rot an vor Anstrengung, verbiszen konzentriert er sich auf sein Netz. Noch einmal nimmt er all seine Kraft zusammen, zieht das Netz mit einem heftigen Ruck enger, hält es, ist der Fisch im Boot, reiszt es, ist alles verloren ...



Ole hat es unterdessen aufgegeben sich noch räumlich orientieren zu wollen. Inzwischen erscheinen ihm die Ausmaße der Suite auf der NORDSTERN weiter und ausgedehnter als das gesamte Meer der Sieben Winde. Und dennoch bleiben diese wenigen Schritte, die ihn von Alkinoes Lager trennen, schier unüberwindbar, auch wenn seine Arme scheinbar in die Ewigkeit greifen können.

Der Graue Riese ist gewiß kein Hochgelehrter und die Feinheiten arkaner Künste, sowie die Erkenntnisse der Sphairologia sind ihm wahrhaftig fremd, doch ist ihm eine sehr starke und tief gehende Spiritualität zu eigen, den Göttern zum Wohlgefallen. So war Ole schon sehr oft zum Ausgangs- oder gar Mittelpunkt sehr wundersamer Ereignisse geworden, deren Natur, auch lange danach, nur sehr annähernd hatten erklärt werden können. So kam es, daß Ole Vorgänge dieser Art, die in ihrem Ablauf als 'nicht erklärbar' einzuordnen gewesen waren, sie, schon seit langem, in ihrer ganzen Rätselhaftigkeit als natürlich ansieht und als gegeben hinnimmt.

So fühlte sich der Schiffszimmermann nur wenig erschrocken, als er für sich feststellen mußte, daß seine ausgestreckten Arme, obwohl 'diesseitig' noch erkennbar, derische Sphären bereits verlassen und Kontakt gefunden haben. Doch dieser Kontakt lastet schwer auf ihm.

Es ist ihm, als hätte sich am Ende aller Zeiten Licht zu einer greifbaren Materie verdichtet, die er nun in den Händen hält und um die er kämpft, daß sie ihm nicht mehr entgleite. Und über alle Schmerzen, die ihm dieser Kampf kostet, hinweg, spürt er plötzlich eine grenzenlose Erleichterung, Liebe und Vertrauen - Gefühle, die eindeutig von außen an ihn heran getragen werden, als innige Botschaft und flehendem Ansporn.

Doch einen Einblick in jene fremde, ferne Welt wollen ihm die Götter nicht gönnen, Ole bleibt blind, die schwere Last, die er trägt unerkannt. Allein das Gefühl und der Glaube bleiben ihm als Werkzeug zur Navigation und es ist, wie eine Fahrt bei dichtem Nebel durch unbekanntes und gefährliches Gewässer, auf der Suche nach einer Passage, von der man noch nicht einmal weiß, ob sie überhaupt existiert..

Nicht einen Augenblick zweifelt Ole daran, daß er 'die kleine Blume' in den Armen trägt und obgleich er sie nur als gleißend hellen Lichtschein erkennen kann, liebt er sie wie ein eigenes Kind. Und wie eine Löwin es tut, will er um dieses Kind kämpfen, schließlich war es die Leuin, die als Mutter seinen Herren SWAfnir auf die Welt brachte.

Um so stärker ist sein Entsetzen, als er spüren muß, daß es da offenbar eine Macht geben muß, die ihm den Kontakt zu Alkinoê streitig machen will. Er spürt, wie die Lichtlast in seinen Armen fortgezogen wird. Er spürt Fäden und Leinen an den Ober- und Unterarmen, die sich ihm feurig in die Haut brennen, als wäre er mit seinen Armen in einem feurigen Netz gefangen. Irgend etwas greift nach Alkinoê, versucht sie fort zu zerren, einem unbekannten Ziel entgegen.

DAS DARF NICHT SEIN!

"Ich werde dich nicht verlassen, kleine Blume !!!" brüllt der alte Schiffszimmermann und es ist schon erschrecken wie sehr er dabei mit den Zähnen knirscht während er dies verkündet. SO sehr nimmt ihn die Anstrengung mit, bei aller körperlichen und mentalen Kraft, für die der 'Graue Riese' ja bekannt ist ....



Für einen Moment hat Alkinoê das Gefühl, als lockerten sich die Bande etwas. Schon will sie atemholen zum erneuten Widerstand, da spürt sie einen Ruck, stärker und kräftiger als zuvor: Mit einer Macht, der sie nichts entgegenzusetzen hat umschlingen sie Seile des groben Netzes, den Tentakeln riesiger Meerestiere gleich.

Mit jeder Bewegung scheint sie sich nur fester in den Maschen zu verstricken, bis ihr kein Spielraum mehr geblieben ist. Da ist keine Zeit für Überlegungen und Gefühle, dies alles geht so rasend schnell, daß sie gar nicht überlegen kann was mit ihr geschieht, und so verharrt sie schließlich in regungsloser Panik.

Was jedoch nun folgt, will ihr schier den Atem rauben, ist so ungeheuerlich, daß alles bisherige daneben verblaßt, weggefegt wird, wie von einem Sturmwind. Ein gewaltiger Ruck reißt sie hinein in einen Strudel, der sie mit rasender Geschwindigkeit in unermeßliche Tiefen hinab saugt, vielleicht aber auch in schwindelnde Höhen empor schleudert. Ein Meer von Farben wirbelt um sie herum und dann...

...so plötzlich, wie der Strudel begonnen hat verebbt er wieder, die Welt dreht sich langsamer um schließlich zur Ruhe zu kommen. Auch die Bande des Netzes lösen sich auf, fallen ab, eine zentnerschwere Last die sie bislang bedrückte gleitet herunter und langsam, ganz langsam hebt sich der Schleier...



Doch die Ruhe war trügerisch:

Wieder zieht etwas an ihr, hält sie fest umklammert. Die Gefühle, die Alkinoê jetzt noch wahrnimmt, gleichen nicht mehr den intensiven Wellen von eben, sondern sind vielmehr ein schwacher Abglanz. Zwar spürt sie, daß irgend etwas sie in der Traumwelt zurückhält, sie ist jedoch schon viel zu weit aufgetaucht, als daß der emotionale Kontakt so klar und deutlich sein könnte.

Sie fühlt sich wie ein kleiner Zweig, der durch einem reißenden Strom vom Baum abgerissen und nun von den Elementarkräften der Wassermassen einmal nach oben, dann wieder nach unten geschleudert wird. Wie sollte ein solcher Zweig noch Einfluß auf sein Schicksal nehmen? Er ist vielmehr willenlos dem Spiel der Elemente ausgeliefert.

Das dies alles seinen Grund darin hat, das sozusagen von zwei Seiten an dem astralen Netz gezogen wird, in dem sie sich verfangen hat, kann sie unmöglich erraten.



Schlieszlich siegt die Neugier des jungen Adeptus. Zwar würde der ANALÜS weiter reichendere Erkenntnisse liefern, doch die Zeit ist dafür zu knapp bemeszen, so musz der ODEM fürs erste genügen. Schnell ist diese Formel gesprochen, schnell ist das Muster geknüpft, wie schon viele Male zuvor. Die Clarobservantia ermöglicht ihm das Sehen astraler Energie und so läszt er seinen neugewonnenen Blick durch die Suite der NORDSTERN schweifen. Da wäre zunächst das, ihm bereits bekannte, gleichmäszige Leuchten Alkinoês, doch das ist nicht alles. Auch vom Heiler geht ein schwaches astrales Glimmen aus, das sich gleichmäszig über den ganzen Körper des Mannes zieht. Die stärkste Quelle Astraler Energie ist jedoch der Kopf des Heilers, von dort zieht sich ein Strom über seine Arme und Hände in Alkinoês Kopf.

´Hmm, eine Controlaria? Aber was ...,´ der junge Magus kramt in seinem Gedächnis nach einer Formel, aus dem Canon der Magica Controlaria, auf die die Gestik des Heilers paszt, das fällt gar nicht so leicht, schlieszlich musz er noch seinen eigenen Zauber aufrecht halten.

´Nichts, was mir bekannt ist.´

Erst einen Moment später zieht er einen Schlusz aus der Nichdeutbarkeit des Zaubers und dem nur schwachen Energieniveau Ulfrieds:

´Sollte er etwa zu denjenigen gehören, die die Kraft haben und es selbst nicht wissen?´ stellt er mit einer Mischung aus Neugier und Entsetzen fest.

Doch er kommt nicht mehr dazu weiter darüber nachzudenken, denn etwas gänzlich unerwartetes geschieht: Irgend etwas, etwas, das selbst der Clarobservantia verborgen bleibt, aber allem Anschein nach von den Armen des Schiffszimmermannes ausgeht, greift nach dem Zauber des Heilers. Klar ist ein Strömen von Astralenergie, weg von Alkinoê, hin zu Ole Draggensson zu sehen.

´Bei Mada und HESinde, etwas geht schief!´ stellt er mit Entsetzen fest. Doch noch bevor er dazu kommt etwas zu unternehmen, ist es wohl auch schon nicht mehr nötig: Das gesamte arkane Gebilde um Ulfried und Alkinoê wir schlagartig schwächer, der Strom zu Ole versiegt dadurch ganz, dann wird das Leuchten allmählich wieder stärke, diesmal scheint alles in rechten Bahnen zu flieszen ...



Ulfried zerrt verbieszen an seinem Netz, etwas stimmt nicht, irgend etwas läuft verkehrt. So wie sich ein Fischernetz versehentlich am Meeresboden verhaken kann, so hängt auch das Astralnetz an irgend etwas fest. Jetzt nur nicht den Kopf verlieren, vorsichtig, unter höchster Konzentration, läszt er das Netz ein klein wenig locker, nur soviel, dasz es sich aus der Verhakung lösen kann, nicht jedoch so weit, dasz der Fisch entkommen könnte. Zwar wird der Widerstand des Fanges wieder heftiger, da das Netz nun nicht mehr so stramm sitzt, doch noch hält das Geflecht Alkinoês Geist fest, verhindert das erneute Versinken in der Dunkelheit.

Langsam, ganz langsam beginnt er nun von neuem das Netz heranzuziehen, diesmal musz es klappen ...



Obwohl nun schon seit geraumer Zeit offensichtlich Anstrengungen arkaner Art unternommen werden, sind für den Druiden keinerlei erkennbare Fortschritte bei der Erweckung der jungen Patientin zu verzeichnen. Trübsinnig siniert er über weitere Möglichkeiten, wie dem Geschöpf zu helfen ist, doch auch sein Geist muß den Anstrengungen der letzten Stunden Tribut zollen und so kehren seine Überlegungen stets an ihren Ausgangspunkt zurück, der einen alles wie ein dunkles Tuch überspannenden Frage nach dem Warum. Und so verharrt er still in der Ecke des Raums, halb die Vorgänge beobachtend, halb grübelnd, voller Angst vor dem vielleicht Unabwendbaren.



Ole ist stark, sehr stark sogar, doch alle seine Kräfte sind fast nicht genug, um die Seele eines kleinen Mädchens zu tragen, schwer lastet das alles auf ihm, sehr schwer. Doch er weiß, er kann jetzt nicht nachlassen, das junge Leben eines Menschen hängst davon ab.

Um so entsetzter ist er, als ihm diese Last genommen wird, - was heißt genommen - sie wird ihm entrissen. NEIN - das darf nicht sein. Ole ist bereit alle Last zu tragen, er hat sein Wort gegeben und es war genährt aus den Tiefen seines Herzens.

Seinen Arme schmerzen, sind von schweren Verbrennungen gezeichnet. Dennoch läßt Ole nicht nach, keinen Fingerbreit möchte er gegen Tod nachlassen. Und das Leben dieses Mädchens bedeutet ihm viel. Doch diese MAcht, die sich ihm entgegen stellt ist auch stark, auch sehr stark. Ole hat nicht die geringste Ahnung, welche Macht sich da ihm entgegen stellt. Es muß ein Dämon sein, der ihm das Leben dieses jungen Mädchens entreißen will.

Ole holt tief Luft , seine Lungen sind zum Bersten gefüllt, alles, was an Kraft ihm verblieben ist, lenkt er auf den unbekannten Feind. Das Mädchen soll leben! Egal wer ihren Tod beschlossen hat, er soll in Ole einen entschlossenen Gegner finden.

Der alten Schiffszimmermann ignoriert alle Schmerzen, alle Schwächen, alle Müdigkeit und er gibt alles, was in den Zellen seines Körpers zu finden ist. ALLEIN - er kann nicht verhindert, daß ihm die Last der Seele immer mehr erleichtert wird. Er ist daran seinen Kampf zu verlieren.

Die Schmerzen um seine Arme lassen nach, die Macht, die ihn noch kurz zuvor fast in die Knie gezwungen hat, schwindet mehr und mehr. Er sollte glücklich sein, doch er ist es nicht!

Ole sinkt auf die Knie, die Arme nun nicht mehr voran gestreckt, sondern fast flehend zum Himmel erhoben und er weint.

"Alkinoê, verzeih mir, kleine Blume, ich habe versagt! Ich habe dich nicht halten können. Dein Leben gegen meines, das wäre gerecht!"

Doch die Fäden des Netzes entschwinden ins Nichts, Ole kann sie nicht halten. Der 'Graue Riese' wähnt den Kampf verloren und glaubt das junge Mädchen nun mehr im Reich der Vergessenheit gefangen. Er sinkt auf die Knie und weint bitterlich ............

"ALKINOÊ - wie konnte das passieren ......!"

Ole macht sich keine Gedanken darüber, wie er auf diesen Namen kommt. Wahrscheinlich hat er das Gefühl, so sein 'Kind' ansprechen zu müssen .......



Bevor jetzt Ulfried seine letzten Anstrengungen unternimmt, welche den zarten Körper erneut erschüttern, welche die blauen Schatten um Alkinoês Augenlider noch stärker erscheinen lassen, geschieht unbemerkt etwas anderes:

Eine letzte Gefühlswelle erreicht Alkinoê, aber nur ganz schwach, wie die Ausläufer von EFFerds Ozean, die beim Tidenhochstand auch die fernen Ufer eines Flusses bespülen. Aber es ist eine Welle der Trauer und Verzweiflung, und in ihrem Abglanz hinterläßt sie ein Gefühl der Wehmut.

Diese Wehmut teilt sich unwillkürlich Alkinoês Körper mit, so daß sich hinter den Augenlidern Feuchtigkeit sammelt. Als nun also, endlich, der Körper des Mädchens entspannt und ruhig ausgestreckt auf dem Lager liegt, als eine zarte Röte in das Gesicht zwischen Ulfrieds Händen steigt und nun auch allen Anderen deutlich wird, daß dessen Bemühungen Erfolg gehabt haben müssen, da dringt ein kleiner, salziger Tropfen, ein letzter Überrest jener großen Wellen, ein Gruß aus Efferds Ozean, hervor zwischen den bläulichen Lidern, hängt noch einen Moment an den schwarzen, leicht gebogenen Wimpern um dann, sanft und geräuschlos, eine glänzende Spur hinterlassend die Wange hinunter zu gleiten und in Radisars Kissen zu verschwinden.

Aber als sich jetzt zögernd und langsam die Augenlider heben, um ein Paar dunkle Augen freizugeben, ist von Tränen keine Spur mehr zu sehen, sondern der Blick ist groß und klar.



Einen Augenblick lang denkt der Druide, daß ihm seine Sinne einen Streich spielen, doch auch, nachdem er sich kurz schüttelt, die Augen des Mädchens sind zweifelsohne geöffnet. Sein Trübsinn verfliegt im Nu und macht einer Gefühlsmischung aus Glück und Zufriedenheit Platz. Vorsichtshalber dankt er in Gedanken den Göttern, denn wer weiß schon, welchen Anteil sie an dieser Erweckung tatsächlich gehabt haben.

"Ich denke, für uns gibt es einstweilen hier nichts mehr zu tun", spricht er leise zu Darian, "was haltet Ihr davon, wenn wir dem Städtchen hier einen Besuch abstatten. Ich denke, wir haben uns ein wenig Entspannung verdient, oder ?"

Er erinnert sich kurz an die Verabredung mit dem Schiffsmagus, beschließt aber, das morgen dazu sicherlich auch noch Zeit ist.



Was ist das alles aber auch aufregend. Radisar wagt nicht einmal zu zwinkern, aus der Furcht heraus, er könne irgend etwas verpassen, als würde gerade in dem winzigen Augenblick, da er die Augen geschlossen hätte, das phantastischste aller Wunder geschehen - und er hätte es dann verpaßt.

Auf den Schank genau unterbricht er das Einschenken des Tees, er hat das im Gefühl und er hat sich in der Menge noch nie geirrt. Doch in einem hat sich Radisar sehr wohl geirrt, nämlich in der Annahme, der Tee wäre in der Tasse gelandet.

Doch darauf achtet der kleine Diener nicht und so landet auch der letzte Tropfen nicht in dem wertvollen Porzellangefäß, sondern auf dem Boden der Kajüte, nachdem er Radisar's Schuhe durchdrungen und seine Socken gut befeuchtet hatte.

Noch immer im Bann der Ereignisse reicht Radisar die leere Tasse an die Freifrau weiter und ohne die Herrin anzublicken fragt er:

"Etwas Kandis?"



Die Schmerzen lassen nach, jedoch nicht das tief empfundene Unglück. Noch hat Ole in seiner übergroßen Trauer keinen Blick für seine Umgebung übrig, noch ist seiner Aufmerksamkeit entgangen, daß Alkinoês Seele in ihren Körper zurückgekehrt ist, noch glaubt er das Mädchen für immer in den ewigen Wogen der Nirgendmeers verloren.

Doch als er sehen kann, daß Alkinoê die Augen geöffnet hat und ihr Gesicht wieder eine gesunde, rosige Farbe bekommt, die endlich diese unheimliche Leichenblässe aus ihrem Anlitz verbannt, sinkt eine unendliche Erleichterung über den alten Schiffszimmermann, wie ein erfrischender Regen an einem glühend heißem Tag.

Wäre er nicht so ausgelaugt und erschöpft, würde er jetzt gerne singen und tanzen. Doch seine Beine tragen ihn gerade noch so gut, daß er laufen kann und seine Kehle ist so ausgedörrt, daß Ole allerhöchsten den heiseren Gesang eines Raben hätte anstimmen können.

Ole lächelt zufrieden, doch fühlt er sich müde. Ab und zu zuckt er zusammen, als hätte ihn plötzlicher Schmerz durchfahren. Dann streift sich Ole langsam und vorsichtig das leinerne Hemd ab.

Dann kann man es genau sehen. An seinen Oberarmen und auf seinem mächtigen Brustkorb sind entsetzliche Verbrennungen zu erkennen, schwarze Striemen, die sich wie ein glühendes Netz auf seinen Körper gelegt zu haben scheinen. Auch die Handinnenflächen des Schiffszimmermannes sind dunkel und blasig, als hätte Ole das Feuer eines Drachen mit bloßer Hand in dessen Nüstern zurück gedrückt.

Ole geht ein paar unsichere Schritte. Das Hemd fällt ihm aus den kraftlosen Fingern und mit letzter Kraft schleppt er sich zu einem Stuhl, auf dem er dann zusammensinkt. Der Stuhl biegt sich zwar, protestiert ächzend gegen die Schwere des Grauen Riesen, hält dann aber tapfer dessen Gewicht und ermöglicht ihm so eine labende Rast.

Ein letztes Mal hört Ole das Rauschen des überderischen Ozeans, dazu das Flattern riesiger Schwingen, das sich rasch entfernt. Nun ist sich Ole sicher, daß BORon keinen Anspruch mehr auf das Mädchen geltend machen wird und er lächelt befreit.

"Oh Herr SWAfnir - habe Dank für die Segnung deiner Kraft, die Mut gibt und den Rücken stärkt in jedem Kampf. Oh Mutter TRAvia - habe Dank für deine nimmermüde Liebe, die sanft umhüllt, was wir mit unseren Körpern zu schützen immer wieder ausziehen. Laß du uns nie die Liebe vergessen, damit wir lernen zwischen Kampf und Mord zu unterscheiden....."

Ole unterbricht sein Gebet, da ihm der Text wieder Bilder vom Oberdeck der ZYKLOPENAUGE ins Gedächtnis zwingt. Doch nicht lange läßt er sich aufhalten und er murmelt weiter:

"Herr PRAios - du Richter alles Derischen. Laß die Augen deiner Greife nach den Mordbuben suchen, die dies alles verschuldet haben, lasse sie in den Krallen der Gerechtigkeit vergehen ...!"



Frau Reckinde nimmt die Tasse, von Radisars Hand gereicht, mit Wohlwollen entgegen. Auch die Freifrau beobachtet fasziniert die mysteriösen Ereignisse, so daß auch sie zunächst nicht bemerkt, daß die Tasse leer ist.

Erst als sie die Tasse zu den Lippen hebt, um von ihrem Tee zu nippen, stellt sie fest, daß sich darin weniger Feuchtigkeit befindet als auf der Oberfläche der Gorischen Wüste. Entgeistert schaut sie Radisar an, als dieser auch noch fragt, ob sie Candis haben möchte.

"Das ist eine hervorragende Idee, mein Lieber, etwas Süße könnte dieser Tee schon vertragen!" meint sie mit sarkastischen Unterton.

"Um das Maß deiner Güte perfekt zu machen - wäre es möglich zu dieser Süße ... AUCH NOCH ETWAS TEE ZU BEKOMMEN ???"

Die letzten Wort waren mit erheblicher Schärfe ausgesprochen, gut geeignet jegliche Gemütlichkeit aus einem Raum zu vertreiben. Glücklicher Weise hat das keiner der Anwesenden so richtig mitbekommen, es wäre der Freifrau schon peinlich gewesen, hätte sie mit ihrer Schelte für Diener die Erhabenheit des Moments empfindlich gestört.



"Ich würde gerne noch ein paar Worte mit dem Heiler wechseln, danach können wir gerne in die Stadt gehen," antwortet der junge Magus dem Druiden. Sein Blick ist dabei noch immer auf Alkinoê und den Heiler gerichtet.



Der Zauber strengt Ulfried so sehr an, dasz er erst einige Augenblicke nach der Vollendung desselben bemerkt, dasz Alkinoê erwacht ist. Erst jetzt findet er die Kraft für weitere Worte:

"Willkommen auf der," er zögert einen kurzen Moment, ´Wie hiesz das Schiff noch mal? Achja,´ "NORDSTERN. Ihr seid in Sicherheit."

Mehr sagt er erstmal nicht, schlieszlich soll die kleine Patientin erst einmal richtig wach werden.



Sie befindet sich in einem Raum.

Einem sehr kleinen Raum, holzgetäfelt und relativ dunkel. Rund um sie herum stehen und sitzen eine ganze Reihe von Leuten: Sehr viele Leute für so einen kleinen Raum. Alkinoês Augen wandern von einem zum anderen, wobei ihr etwas höchst Beunruhigendes auffällt: Offensichtlich ist sie der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit dieser Menschen, denn alle blicken sie erwartungsvoll an. Dabei hat sie nicht die leiseste Ahnung, wo sie sich befinden könnte, wie sie hier her gekommen sein könnte, und was diese Leute von ihr erwarten. Sie kann sich nicht erinnern, auch nur einen von ihnen jemals gesehen zu haben.

Direkt an ihrem Bett sitzt ein Mann unbestimmbaren Alters, der einen sehr erschöpften Eindruck macht. Irritierenderweise hat er beide Hände an ihre Schläfen gelegt. Was will dieser Mann von ihr?!

Während sich die Menschen im Hintergrund halblaut über so etwas Normales wie Tee unterhalten, verhält sich ein riesiger, älterer Mann mit Vollbart und struppigem grauen Haar, der direkt hinter dem Heiler steht, entschieden seltsam: Er blickt sie mit großen Augen an, um daraufhin - warum nur?!! - sein Hemd auszuziehen, und das alles vor ihren Augen! Und nun beginnt er auch noch zu beten: War sie bisher eher befremdet, so ist sie nun geradezu bestürzt: Da ist doch von Praios, dem gestrengen Richter die Rede...

Verwirrt sucht sie nach einem Anhaltspunkt:

' Drôl? Nein, das ist nicht das Haus von Tante Szanta, auch keines der anderen Häuser, die sie kennt. Das ist überhaupt kein richtiges Haus. Aber es gab da doch etwas, irgend etwas Wichtiges, das sie unbedingt gewollt hatte...'

' Richtig! ' Ihr wird fast übel vor Erleichterung, daß es ihr wieder einfällt:

Sie wollte Merian nach Thorwal begleiten, und jetzt ist sie auf diesem Schiff. Zwar will ihr immer noch nicht einfallen, warum sie hier liegt, und alle Leute um sie herumstehen. Ob sie krank ist?

Da aber blickt der Mann an ihrem Bett auf, und spricht sie an. 'Willkommen auf der NORDSTERN? Was soll das nun wieder heißen? Sie ist sich eigentlich sicher, daß das Schiff anders hieß...Am besten sie fragt erst mal Merian'.

" Merian? Wo ist Merian? "



Alkinoê ist erwacht und wie fast zu erwarten, fragt sie als erstes nach Merian. Die Frage erinnert Ulfried zumindest daran, seine Hände vom Kopf des Mädchens zu nehmen, schlieszlich werden sie dort nicht mehr benötigt. Die Beantwortung fällt da schon schwerer, das Mädchen gleich mit der vollen Wahrheit zu konfrontieren wäre doch wenig angebracht.

"Merian ist ...," der Heiler zögert einen Moment, in dem er nach einem passenden Wort sucht, "... nicht hier," beendet er den Satz schlieszlich mehr schlecht als recht. "Aber Ihr seid hier in Sicherheit."



In Sicherheit. Sagte er das nicht gerade schon einmal? Alkinoê fühlt sich aber nicht sicher, im Gegenteil, sie wird immer unsicherer. Irgend etwas stimmt hier nicht. Sie hat das deutliche Gefühl, daß etwas Schreckliches passiert ist. Wie ein schlafendes Raubtier lauert in ihrem Inneren die Erinnerung an etwas Furchtbares, wartet nur darauf, geweckt zu werden. Forschend sucht ihr Blick in den Gesichtern der Umstehenden nach einem Hinweis, während sie versucht, sich aufzurichten.

Ein Schmerz zuckt durch ihren Arm und unterbricht für einen Moment ihre Gedankengänge.

" Au! " Entfährt es ihr unwillkürlich, während sie verwirrt auf ihren bandagierten Arm starrt. Dabei entdeckt sie auch, daß ihr Kleid zerrissen und blutverschmiert ist, und ihre Augen weiten sich entsetzt.



Wenn die Stimme der Herrin diesen lauernden Unterton hat, der zwar zunächst freundlich klingen mag, dann aber immer mehr gereizten Ärger offenbart, der wiederum einen Wutanfall ankündigen will, der den Folgen eines Weltunterganges ziemlich nahe kommen könnte, dann läßt sich Radisar von Herzen gerne wieder in die Realität zurückholen und sei das 'Luftschloß' in dem er es sich träumerisch eingenistet hat noch so reizvoll darin zu verweilen.

Selbst ein Rudel hungriger Wölfe, die sich, die Lefzen schlecken, um seine Wade gruppieren würden, um ordentlich Mahlzeit zu halten, könnten dann Radisar nicht abhalten, sich um die Kenntnis der aktuellen Wünsche seiner Herrin zu bemühen.

Es mag sein, daß das Gleichgewicht dieser Welt nicht unbedingt von einer gefüllten, oder eben nicht gefüllten Teetasse abhängen muß, Radisar weiß, daß seine Welt in der näheren Zukunft erheblich besser aussehen könnte, wenn er schleunigst Tee in die leere Tasse der Freifrau bringen könnte.

Also tut er, wie ihm geheißen und diesmal bleibt auch alles trocken, sieht man davon ab, daß der eine Fuß Radisars recht viel mehr nicht mehr hätte befeuchtet werden können. Sowie er das Verlangen der Freifrau befriedigt hat, schenkt er eine weitere Tasse nach, um nun auch den Heiler zu bedienen, der ja nun seine Werk vollendet hat und den es nun nach einer guten Tasse Tee verlangen könnte.



Frau Reckinde nimmt ihre Tasse nun entgegen, murmelt leise und mürrisch vor sich hin. Es könnte ein knapper und wohl kaum sehr ernst gemeinter Dank an ihren Diener gewesen sein. Frau Reckinde kann manchmal sehr nachtragend sein.

Allerdings hat die Freifrau einen sehr ausgeprägten Sinn für Sachlichkeit und Gerechtigkeit. Ihre Welt hat eine einfachen Ordnung, die Dinge, in ihrer Art und Beschaffenheit sehr genau definiert, stehen in unmittelbarer Wechselwirkung zueinander, dessen ist sie vollends überzeugt und dies ist eigentlich auch das Geheimnis ihres Erfolgs. So hat alles auf dieser Welt ein Masse, eine Ausdehnung, einen Hintergund und, nicht zuletzt, einen Anfang und einen Schluß.

Es erfreut die Freifrau, daß die Vorgänge um diese jungen Dame, die schon dem Tod geweiht schien, durch schicksalhafte Fügung, ihr nun dennoch einen neuen Anfang beschert haben, einer Wiedergeburt nicht unähnlich. Doch kann sie es kaum mit ihrer Vorstellung weltlicher Ordnung auf eine Reihe bringen, daß der Akt der Heilung nun schon zu Ende sein soll, da Körper und Seele zwar vereint scheinen, das Übel selbst aber noch am Wirken ist.

Der ältere Herr, vom äußeren her womöglich ein Druide, verabredet sich schon mit dem jungen Magus auf einen Umtrunk und der Herr Darian sieht, auf diese Anfrage hin, kaum einen Aspekt, der von einem baldigen Aufenthalt in einer Taverne der Stadt aufhalten könnte.

Und da steht Herr Draggensson, völlig unbeachtet in einer dunklen Ecke des Raumes, sein Körper ist verunstaltete von entsetzlichen Wunden, die alle frisch erscheinen und nach dringender, sofortiger Hilfe schreien und alle heilkundigen Personen, die sich hier in diesem Raum befinden, scheinen davon völlig unbeeindruckt davon zu sein.

Frau Reckinde hatte den Schutz und die Wahrung der Gerechtigkeit noch nie als heiliges Ziel auf ihr Banner geschrieben gehabt, doch das wird ihr nun doch zuviel. Sie springt auf und schreit:

"ALLES MANNSVOLK HINAUS!!!! Das ist ja nicht mehr auszuhalten. Ihr steht nur herum und gafft auf einen Erfolg, den euch die Götter in den Schoß gelegt haben, fühlt euch womöglich noch gut und edel dabei und überseht im gleichen Augenblick völlig, daß eure Arbeit noch nicht abgeschlossen ist!"

Reckinde deutet auf den Schiffszimmermann.

"Sehr ihr nicht, daß dieser Mann Hilfe braucht?"

Frau Reckinde blickt sich wütend um und fügt dann an:

" ...oder wollt ihr es nicht sehen, in eurer eitlen Selbstzufriedenheit?"

Die Freifrau schnaubt wie ein Walroß auf der Flucht. Doch beruhigt sie sich rasch, als sie an das Lager des junge Mädchens heran tritt und sie mit freundlicher Stimme fragt:

"Ist euer Name wirklich Alkinoê? Mein Name ist Reckinde von Beibach und Bruch. Ihr befindet euch in meinen Gemächern auf der Karavelle NORDSTERN und ihr seid meine Gast, wenn ihr das wollt. Es wird vieles zu besprechen sein, denn vieles ist geschehen. Doch das wichtigste wird sein, daß ihr wieder zu Kräften kommt. Das wird sehr wichtig für euch werden!"

Reckinde tritt an das Lager heran und lächelt das Mädchen an.

"Ihr sollte nun essen und trinken, euer Körper wird es euch danken!"

Die Freifrau dreht sich zu dem Druiden und dem Magus um und sie verliert ihr Lächeln dabei.

"Es wird wohl nichts dagegen sprechen, wenn ihr diesem Kind zunächst einmal etwas zur leiblichen Stärkung bringen könntet, bevor ihr euch selbst aufmacht, um euch selbst für eure guten Taten köstlich zu entlohnen, in irgendeiner Taverne der Stadt .... - ODER?"



Der Anblick ihrer zerrissenen und blutverkrusteten Kleidung ist in mehrfacher Hinsicht ein Schock für Alkinoê: Zum einen ist dies der deutliche Beweis, daß etwas Schreckliches mit ihr geschehen ist, etwas, an das sie sich anscheinend nicht erinnern kann. Zum anderen ist wird sie sich mehr und mehr der Anwesenheit fremder Menschen, noch dazu Männer bewußt, welche sie in einem solch schrecklichem und unwürdigen Zustand betrachten können. Vor allem aber weckt der Anblick des Blutes die Erinnerung an etwas Furchtbares: Irgend etwas ist geschehen, was mit diesem Blut in Zusammenhang steht, und langsam dämmert ein furchtbares Bild in ihr empor...

Da werden jedoch abermals auf wohltuende Weise ihre Gedanken unterbrochen und die aufsteigende Panik zurückgedrängt:

Eine offensichtlich vornehme Dame, deren Anwesenheit ihr bislang nicht aufgefallen war, erhebt sich, und beginnt, offensichtlich sehr ungehalten, mit den Umstehenden zu sprechen. Bevor Alkinoê jedoch realisiert hat, worum es sich bei diesem Gespräch handelt, ist die Dame auch schon zu ihr herangetreten und hat sie angesprochen.

Der befehlsgewohnte Ton der Dame holt ihre Gedanken weg von den Erinnerungen, hin in die Gegenwart, und hilft ihr, vernünftig zu denken. Offensichtlich handelt es sich bei den Personen im Raum um eine Dame gehobenen Standes und ihre Untergebenen. Diese Dame bietet ihr ihre Gastfreundschaft an: Anscheinend befindet sie sich bereits in deren Räumen. Dies spricht etwas an bei Alkinoê, was sie von klein auf gelernt hat: Sich wohlerzogen und höflich zu benehmen.

So bemüht sie sich um ein Lächeln:

"Ich danke euch herzlich für die angebotene Gastfreundschaft. Es wird mir eine Ehre sein, sie anzunehmen, aber bitte, keine weiteren Umstände: Ich habe euch gewiß schon genug Ungelegenheiten bereitet und muß mich vielmals dafür entschuldigen.Über meinen Namen hat man euch allerdings recht unterrichtet: Ich bin Alkinoê Shilaiellys von Articona bei Drôl".

Den letzten Zusatz fügt sie aus alter Gewohnheit an. Daran, daß sie darauf eigentlich kein Recht mehr hat, denkt sie in diesem Moment nicht.



Die Freifrau nickt.

"Aber ich bitte Euch - das sind doch keine Umstände. Seid mit im Herzen willkommen Alkinoê Shilaiellys, laßt und Schutz und Wärme teilen!"

Mit diesen Worten verbeugt sich Frau Reckinde leicht.

"Doch wollen wir zunächst sehen, daß ihr euch wieder frisch und hübsch machen könnt. Ich kann euch warmes Wasser und eine Reihe guter Öle anbieten, nicht so eine Badewanne, auf diesen Luxus werden wir wohl noch etwas verzichten müssen. Zudem würdet ihr mir eine große Freude bereiten, wenn ihr ein Kleid von mir annehmen würdet, ich bin mir sicher, daß wir in meinem Fundus ein passendes finden werden, das euch sehr wahrscheinlich mehr zieren wird als mich!"

Dann dreht sich Reckinde langsam um, richtete ihren Blick auf die anwesenden Männer und erklärt dann:

"Doch werden wir wohl auch noch warten müssen, bis sich die Herren zurück gezogen haben werden!"

Zum Heiler sagt Reckinde:

"Berechnen sie ihre Forderungen zu meinen Lasten und rechnen sie diese mit meinem Adlatus ab. Er wird die Verbindlichkeiten ausgleichen. Doch ..... rechnet großzügig, aber nicht gierig! Haben wir uns verstanden?"



Zur Zeit ist Alkinoê beinahe überfordert von all den Dingen, die auf sie einstürmen. Zum einen verlangt es die Höflichkeit, auf die Rede der gütigen und selbstlosen Edelfrau zu antworten. Fast ist sie erschrocken über das Ausmaß an Hilfsbereitschaft, welches ihr hier wie selbstverständlich entgegengebracht wird. Zum anderen jedoch kreisen ihre Gedanken unablässig darum, was geschehen sein könnte.

Vieles kann sie sich nun selbst zusammenreimen: Das sie nicht mehr auf dem Schiff ist, welches sie in Rethis bestiegen hatte, hat man ihr gesagt. Und sie selbst war offensichtlich verletzt, oder ist es noch, wie ihr der Blick auf ihren Arm bestätigt. Das Schlimmste ist, daß ganz offensichtlich auch Merian von dem Unglück betroffen ist, denn sonst wäre sie ja da, oder man hätte ihr zumindest etwas über sie gesagt.

Alkinoês Magen krampft sich vor Angst zusammen, als eine düstere Ahnung in ihr hochsteigt und mehr und mehr zur Gewißheit wird.

" All dies von euch anzunehmen hieße nun gewißlich euren Edelmut mißbrauchen, ich sehe ja: Ich stehe ohnehin schon mehr in eurer Schuld, als ich euch jemals entgelten könnte..."

hier kommt sie ins Stocken, fährt dann aber fort, wobei sie Reckinde mit flehendem Blick ansieht:

"... aber, euer Hochwohlgeboren, wenn ihr die Güte haben wollt: Bitte! Ich MUß wissen, was mit meiner Schwester geschehen ist. Sie ist tot, nicht war? Bitte, sagt mir die Wahrheit. "

Im Grunde ihres Herzens lebt ein kleines Fünkchen Hoffnung, daß man ihr jetzt widersprechen würde...



Da der Adeptus noch immer Alkinoê und den Heiler beobachtet, bemerkt er gar nicht, dasz Ole von schweren Verbrennungen gezeichnet auf einen Stuhl niedersinkt. Als Reckinde dann lautstark sein Verschwinden fordert, wirft er ihr einen Blick zu, der etwa soviel heiszt wie:

´Ihr, die ihr nicht gerade im Übermasz von HESindes Gaben profitiert habt, solltet Eure Zunge etwas mehr im Zaume halten.´

Für einen kurzen Moment zieht er gar in Erwägung, die Walwütige mit einem PARALÜ zur Vernunft zu bringen unterläszt es dann aber doch. Es würde nur Ärger einbringen und wäre zudem einfach verschwendete Kraft. Als dann auch noch der Heiler wortlos an ihm vorbei stapft und die Suite verläszt, ist klar, das seines Verweilens hier nicht länger ist.

"Könnt Ihr gehen? Es ware wohl besser, wenn wir meine Kabine aufsuchen würden, unsere Anwesenheit ist hier nicht mehr erwünscht," fragt er Ole Draggensson.



Der Heiler bleibt zunächst in der knienden Position am Lager des Mädchens, schlieszlich ist seine Aufgabe noch nicht erfüllt, solange die junge Dame noch immer orientierungslos ist. Als die Freifrau dann jedoch, nach ihrem lautstarken Wutanfall, gegen alles "Mannsvolk" womit wohl auch er gemeint war, auch noch meint ihm Wucher vorwerfen zu müszen, ist es zuviel.

Tief einatmend reichtet er sich zu seiner vollen Grosze von immerhin gut neun Spann auf. Das reicht zwar nicht um die Freifrau zu überragen, aber doch um ihr geradewegs in die Augen zu sehen.

"Danke, doch man sicherte mir bereits zu, meine Rechnung aus der Schiffskasse zu begleichen. Ich benötige Eure Almosen nicht. Sorgt Ihr lieber dafür, daß die junge Dame hier noch zumindest bis Morgen Bettruhe hält, damit sich die Erschütterung ihres Kopfes beruhigen kann."

Zwar ist Ulfried weder besonders kräftig, er wirkt sogar eher etwas schwächlich, noch hat er einen praiosgegebenen Titel oder ist sonst in irgendeiner gehobenen Position, aber dennoch schafft er es seine Stimme zu gebrauchen, wie ein Wehrheimer Offizier: Scharf, schneidend und keinerlei Widerspruch duldend.

In gleichem Tonfall fährt er fort:

"Da die Patientin erwacht ist, ist meine Aufgabe hier beendet, schönen Tag noch."

Ohne eine Antwort der Freifrau abzuwarten oder auch nur irgend jemanden weiter zu beachten, verläszt er schnurstracks die Suite. Er schaut sich zur Orientierung einmal kurz um und begibt sich dann zum Brückendeck, um mit dem Kapitän seine Bezahlung auszuhandeln.



Frau Reckinde hat den Heiler im Grunde genommen schon vergessen ab dem Zeitpunkt, da sie ihre Rede an ihn beendet hatte. Also achtet sie auch nicht sehr darauf, daß er sich nunmehr empört und verärgert zurückzieht. Zwar stellt sich der Heiler der Freifrau trotzig in den Weg, um ihr ordentlich die Meinung zu sagen, doch nimmt sie dies nun am Rande wahr, es interessiert sie einfach nicht.

Als der Heiler dann endlich das Weite gesucht hatte, nähert sich Frau Reckinde dem Lager Alkinoês, setzt sich an den Rand der Koje, ergreift die bleiche Hand des Mädchen, um sie festzuhalten und zu streicheln. Dann spricht sie mit weicher Stimme, milde und einfühlsam in einer Weise, die allen, welche die Freifrau kennen, absolut fremd erscheinen muß:

"Dankt mir nicht, junge Dame! Nicht bevor ich euch wirklich und wahrhaftig habe helfen können, eben jene Hilfe, die euch stärken kann, sich der Wahrheit zu stellen. Und die Wahrheit wird auch alles, was ihr Tapferkeit zu leisten vermögt abverlangen."

Die Freifrau unterbricht ihre Rede und seufzt tief. Und als sie fortfährt, klingt ihre Stimme nun kratzig und rauh, da sich Trauer und Besorgnis wie eine hemmende Fessel um ihre Kehle legen.

"Wie gerne würde ich euch sagen, daß alles in Ordnung wäre, doch ich fürchte, obwohl ich keine genauen Kenntnis über Vorgänge habe, die euch letztlich zu mir brachten, daß wir davon ausgehen müssen, daß Merian nicht mehr unter uns weilt. Ihr, mein Fräulein, und ein junger Mann, wie man hört, seid das letzte Leben, daß auf einem Schiff des Todes geborgen werden konnte!"



Ole blickt müde auf und in seinen Augen glänzt eine fiebriger Schimmer. Stumm nicht er Herrn Darian zu, doch rührt er sich nicht sonst, bleibt still sitzen, als habe er die Botschaft des junge Magus zwar gehört, abe nicht verstanden.

Der alte Schiffszimmermann schaut auf seine verbrannten Handflächen, dann wieder auf Darian, danach wieder auf seine Wunden. Ole atmet ruhig und tief, eine Tatsache, die befremden muß, denn bei der Vielzahl seiner schweren Verbrennungen sollte er eigentlich arge Schmerzen haben.

"Was ist da nur passiert, Herr Darian?" fragt Ole verwirrt.

Dann erhebt er sich doch noch, langsam zwar, doch sicher, ein deutliches Zeugnis dafür, daß Ole gehen und stehen kann, trotz seiner Verwundungen, obwohl ihm eine bedeutendere Schwäche gut anzusehen ist.

Der Schiffszimmermann wankt zur Tür.

"Erhole dich gut, kleine Blume, komm wieder zu Kräften!" sagt er noch zu Aklinoê und will dann weitergehen, doch hält er noch einmal ein, dreht sich um und dann wirkt es so, als wolle er noch etwas sagen, wichtige Worte, die auszusprechen ihm bedeutend wären, die er dann aber, aus unbekannter Ursache heraus, doch nicht über die Lippen bringt.

Ole schaut traurig zu Boden und wendet sich dann schweigend ab, schleicht weiter hin zum Ausgang .......



Radisar hat also die zweite Teetasse mit Erfolg und ohne, daraus resultierenden Schäden gefüllt. Die Tasse klappert ein bißchen, doch schafft es Radisar den Tee ohne zu einen einzigen Tropfen zu verschütten zu dem Heiler zu bringen.

Gerade zu diesem Zeitpunkt springt der Heiler auf, rennt an Radisar und seinem Tee vorbei, liefert sich mit der Herrin ein kurzes Wortgefecht und verschwindet aus der Suite, ohne sich noch ein einziges mal umzudrehen. Der kleine dicke Diener steht nun da, verwirrt und verdutzt, allein und einsam wie ein Fisch in der Wüste.

Nun, da es offensichtlich ist, daß der Heiler keinen Tee mehr wünscht, denkt sich Radisar, es wäre vielleicht kein schlechter Plan, diese Tasse zu dem kranken Mädchen zu geben, es würde ihr sich gut tun.

Schon macht er ein paar Schritte auf das Lager Alkinoês zu, da rauscht schon die Herrin heran und drängt ihn zur Seite. Dann setzt sie sich an den Rand des 'Betts' und spricht mit dem Mädchen. Da würde er nun wohl nur noch stören, denkt sich Radisar und orientiert sich anders.

Der Schiffszimmermann sieht auch sehr mitgenommen aus, der könnte unter Umständen auch einen Tee gebrauchen. Also wendet sich Radisar nun zu Ole, hat ihn aber noch nicht ganz erreicht, da erhebt sich der Hüne von seinem Stuhl und schleppt sich zur Türe und abermals stehen Radisar und seine Tasse verlassen da.

Ratlos schaut der kleine Diener auf seinen Tee. Dann entdeckt er den Magus Darian und sein Gesicht hellt sich auf. Schnell springt er auf Darian zu hält ihm die Tasse hin und fragt:

"Tee?"



"Ihr wiszt nicht was passiert ist?" fragt der Adeptus den Schiffszimmermann ungläubig. "Nun, ich werde versuchen es Euch zu erklären, auch wenn ich es selbst nicht genau weisz. Doch zuerst laszt uns meine Kabine aufsuchen, damit ich Eure Wunden versorgen kann."

Darian versucht den schwankenden Riesen zu stützen, was aufgrund der Tatsache, dasz Ole ihn gut um Haupteslänge überragt und überdies etliche Stein schwerer ist, einigermaszen lächerlich aussieht. Reckinde beachtet der junge Magier nicht weiter, als das ungleiche Paar die Suite verläszt, die Tatsache, dasz Alkinoê in der jähzornigen Freifrau ihre Retterin sieht, entgeht ihm daher.



Daß sich der Medicus erhebt und nach einigen harschen Worten ungehalten den Raum verläßt, bemerkt Alkinoê nur ganz am Rande. Viel zu stark ist sie von ihren eigenen düsteren Ahnungen und dem verzweifelten Bemühen, sich zu erinnern in Anspruch genommen.

Wenn sie sich doch nur erinnern könnte! Schiffbruch? Unwetter? In ihrer Erinnerung ist alles, was die jüngste Vergangenheit betrifft wie von einem Nebel umhüllt. Einzelne Bilder zucken ganz kurz durch ihren Sinn aber sobald sie versucht, sie mit dem Verstand zu begreifen und festzuhalten, haben sie sich wieder verflüchtigt. Je intensiver sie nachdenkt, um so eher scheinen sie sich ihrem Zugriff zu entziehen, einem Alptraum gleich, an den zu erinnern man sich am nächsten Morgen vergeblich bemüht.

Als nun die Freifrau erneut zu sprechen beginnt, wird Alkinoês Hoffnung immer geringer. Wie erstarrt liegt sie da und wartet auf den Schlag, der jetzt unabwendbar kommen muß. Doch je länger die Freifrau spricht, um so größer wird die Hoffnung wieder: Solange man nicht sicher weiß, daß Merian tot ist, ist ja noch nicht alles verloren. Daß bislang nur sie, Alkinoê, und ein Mann gerettet wurden, ist für sie noch kein Beweis, daß nicht, durch ein Wunder auch die Schwester noch am Leben sein könnte.

" Schiff des Todes? Verzeiht, aber... vielleicht könnt Ihr mir sagen, was geschehen ist... ich kann mich nicht genau erinnern... oh.."

Ein Versuch, sich aufzurichten, wird sofort durch eine Welle des Schwindels und der Übelkeit zunichte gemacht, welche sie zwingt, sich auf das Lager zurücksinken zu lassen.



In ihrem Bemühen, sich zu erinnern und der Angst um Merian richtet Alkinoê ihre Aufmerksamkeit tatsächlich ganz auf Reckinde, die sie für ihre Retterin hält.

Dabei bemerkt sie nicht, daß sich im Hintergrund zwei Männer anschicken, den Raum zu verlassen, denen sie großen Dank schuldig ist. Auch Oles Worte, mit dem sie doch noch vor wenigen Augenblicken auf so einmalige Weise verbunden war und dem sie unwissentlich solchen Schaden zufügte, nimmt sie nur mit halbem Ohr war, als seien sie nur ein beliebiger, daher gesagter Genesungswunsch. Mit ihren Erinnerungen an die Tragödie scheint auch alles andere vergessen zu sein...



Nach anfänglichem Entsetzen über das Verhalten dieser Frau überkommt Fargus das Gefühl, zum Wohle des Mädchens langsam etwas unternehmen zu müssen.

'Da brat mir doch einer einen Storch, dieses Weibsbild ist doch tatsächlich im Stande, dieses Mädchen wieder in die Ohnmacht zu treiben. Dummerweise hält das Mädchen sie wohl auch noch für ihre Retterin. Ich glaube, es bleibt mir nichts anderes übrig...'.

Zu der Freifrau gerichtet spricht er :

"Meine Dame, in der Tat ist es an der Zeit, daß dem Mädchen Ruhe gegönnt wird."

Er macht eine kurze Pause und spricht nur in Gedanken weiter :

'Wie auch denen, die tatsächlich an der Rettung des Mädchens Ihren Anteil hatten, eine Zeit der Entspannung zustehen sollte'.

Dann fährt er fort, nachdem er zwei kleine Fläschchen aus seinem Umhang hervorgeholt hat:

"Dies ist ein Heiltrunk, gebt der jungen Dame davon die Hälfte vor dem Schlafe, die andre Hälfte, nachdem sie wieder erwacht ist."

Er reicht ihr das erste Fläschchen, einen kurzen besorgten Blick auf das Mädchen werfend.



" Nein! "

Voller Entschlossenheit richtet sich Alkinoê auf, verbissen die Übelkeit unterdrückend, und blickt voll Mißtrauen auf das Fläschchen.

" Bitte, nicht schon wieder schlafen! Verehrte, liebe Dame, "

- wendet sie sich mit flehendem Ausdruck an Reckinde, -

" ich muß erst wissen, was los ist. Diese quälende Ungewißheit..."

Dabei drückt sie ängstlich die Hand, die Reckinde ihr gereicht hat.



Da die Situation langsam aussichtslos zu werden scheint, versucht Fargus zu retten, was zu retten ist.

"Ihr müßt aber ein wenig schlafen, helfen, helfen könnt Ihr Eurer Schwester nicht. Wenn Sie noch auf dem Schiff ist, so ist sie nun an einem weit friedlicherem Ort fernab jeglicher derischer Grausamkeiten, doch ist sie nicht dort, so ist sie vermutlich irgendwo auf dem weiten Meer. Also schlaft Euch gesund, daß Ihr Euch bald auf die Suche machen könnt."



Die Freifrau blickt ein paar Male zwischen dem Mädchen und dem Druiden hin und her. Sie fühlt sich sichtlich unwohl, wahrscheinlich deshalb, da, in der Tat, 'zwei Herzen' in ihrer Brust schlagen, wie man im Volksmund so schön sagt.

Sie versteht zwar schon die Besorgnis des Druiden, daß, allzu viel der Wahrheit offenbart, dem Mädchen schaden könnte, auf der anderen Seite kann sie aber auch gut nachfühlen, daß Alkinoê nun endlich Klarheit haben will und auch wahrhaftig bräuchte, wenn keine häßlichen Narben an ihrer jungen Seele zurückbleiben sollen.

Reckinde seufzt. Dann sagt sie zu Alkinoê:

"Ihr müßt nicht schlafen, wenn ihr nicht schlafen wollt, mein Kind, doch sollte ihr beherzigen, daß es hier alle gut mit euch meinen und Schlaf bestimmt ein guter Rat wäre. Ich verstehe eueren Drang nach Aufklärung, doch bitte ich euch, im Gegenzug auch zu verstehen, daß ich euch nur Fragmente der Wahrheit bieten kann. Ohne Zweifel werdet ihr schon bemerkt haben, daß ihr euch nun auf einem anderen Schiff befindet, als auf dem, da ihr euere Reise begonnen habt. Aber, ebenso ohne Zweifel, habe ich bemerkt, daß euch euere Erinnerung an die Ereignisse auf euerem Schiff im Stich läßt. In manchen Fällen ist das Vergessen ein Segen und ich fage mich, ob ihr schon stark genug seid, euere jüngste Vergangenheit zu ergründen, um so mehr, als es mit Schmerz und Leid verbunden ist, mehr als ihr vielleicht momentan tragen könnt.

Was genau auf euerem Schiff geschehen ist müßt ihr die wackeren Männer fragen, die euch hierher brachten. Was sie mit eigenen Augen sahen, könnte ich euch, nicht einmal halb so wahrhaftig, nur aus der Quelle des allgemeinen Geredes erzählen. Doch seid gewiß, es wird euch nicht gefallen, was ihr hören werdet.

Nein, ihr müßt nicht schlafen, denn es lösen sich die Probleme nur sehr selten im Schlaf - ihr müßt leben, ihr müßt tapfer sein und kämpfen, denn das Schicksal hat euch zwar verschont, doch nicht verwöhnt! Es wird nicht einfach für euch werden, das ist sicher, dennoch sei euer Wunsch der unsere! Und wenn es euch nach der Wahrheit verlangt, dann sollt ihr sie erfahren, so bitter sie auch sein mag. Doch gestattet mir euch zu helfen, erst einmal zu Kräften zu kommen. Alles weitere wird sich ergeben!"

Frau Reckinde nimmt die Heilmittel des Druiden an sich, nickt dem alten Mann zu, eine Geste ernsten, aber ehrlichen Danks.

"Mögen euch die Götter segnen, für das, was ihr getan und geleistet habt!"



Radisar kratzt sich unschlüssig am Hinterkopf. Es scheint eine vom Schicksal selbst beschlossene Sache zu sein, daß er heut niemanden mit seinem Tee erfreuen könnte. Auch der junge Zauberer hat sein Angebot schnöde ignoriert und langsam steigt ein gewisser Unwille in dem kleinen Diener auf.

Jawohl, man mag es nicht glauben - Radisar ärgert sich !! Doch gibt es ein gutes Mittel gegen ungesunden Ärger, nämlich Tee! Und so beschließt Radisar, von jedermann unbeobachtet, in seiner Ecke zu bleiben, um, mit allem ihm gebotenen Genuß, eben jene Tasse Tee zu schlürfen, die sonst niemand haben wollte.

Das haben sie nun davon - jawohl!



Während Alkinoê der Rede Reckindes lauscht, sinkt mehr und mehr die Hoffnung, Merian noch lebend zu treffen. Aber sich darüber klar werden, was das für sie bedeutet, das kann sie jetzt noch nicht. Nicht, bevor sie nicht weiß, was passiert ist, bevor sie sich nicht sicher sein kann. Sie fühlt sich innerlich wie betäubt.

' Sie ist tot, aber sie wollen es mir nicht sagen, weil sie mich schonen wollen. Offenbar halten mich alle für zu krank oder schwach. Wer weiß, wie lange ich hier schon liege. Vielleicht schon wochenlang? Warum, warum kann ich mich nur nicht erinnern? '

Mühsam durchforscht sie ihre Erinnerungen. Die Tage auf dem Schiff waren so gleichförmig. Das Letzte, was ihr einfällt, ist der Abend, an dem sie sich mit diesem blonden Mädchen aus Thorwal unterhalten hatte... Nein, nein, da war ja noch der nächste Morgen, das Frühstück in der Messe, und dann, oben an Deck hat sie das Mädchen noch mal getroffen. Gegen Mittag waren sie und Merian dann zum Ruhen in die Kabine gegangen. Und dann, dann...

Aber in dem Moment hat die Freifrau ihre Rede beendet. Die Quintessenz, die Alkinoê all dem entnimmt, ist, daß sie nicht zwangsweise zum Schlafen gebracht werden soll, daß man ihr die Wahrheit jedoch erst dann sagen wird, wenn sie zu Kräften gekommen sein wird. ' Oder ich erinnere mich...' Ob wohl dieser merkwürdige Herr mit dem Fläschchen einer dieser Männer ist, welche bescheid wissen?

Auf jeden Fall hat sie das sichere Gefühl, daß sie jetzt keine Schwäche zeigen darf. So stützt sie sich mit ihrer gesunden Hand an der Koje ab und setzt sich gerade hin. Sie versucht dabei, sich Schwindel und Übelkeit nicht anmerken zu lassen. Zum Glück ist es nicht möglich, einen spontanen Aufsteh-Versuch zu unternehmen, weil Reckinde noch auf dem Bettrand sitzt.

" Danke, es geht mir schon viel besser. Ich denke, ich kann jetzt aufstehen. Ich fühle mich schon ganz kräftig. Wirklich! " beteuert sie.



Eigentlich befindet sich in der zweiten Flasche ein gewöhnlicher Schlaftrunk, doch angesichts der mißlichen Situation entschließt sich Fargus, die Beschreibung der Wirkung dieser Flüssigkeit etwas abzuwandeln.

"Ich war auf Eurem Schiff" führt der Druide aus" und wir fanden einige, die bereits aufgebrochen waren von Dere, doch dann fanden wir Euch und unsere Herzen triumphierten. Ob bei denen Eure Schwester dabei war, kann ich nicht sagen, doch könnt ihr das selbst herausfinden. Dabei hilft Euch der Erinnerungstrank, der sich in der zweiten Flasche befindet. Allerdings muß ich gestehen, solltet Ihr die Ereignisse nicht im wachen Zustand miterlebt haben, so kann Euch auch dieser Trank nicht weiterhelfen und ihr müßt Euch selbst auf die Suche machen. Ich denke, Ihr seid bei der Dame einstweilen in guten Händen, aber denkt bitte daran Euch zu schonen."

Zu Frau Reckinde gewandt fügt er an :

"Die Dosierung jenes Trunks ist eine etwas andere. Nehmt jeweils einen dritten Teil der Flüssigkeit, um ein Stück des Schleiers der Vergessenheit zu lüften."

Er paßt einen Augenblick ab, in dem das Mädchen seinen Blick von ihm abwendet und zwinkert dann der Dame zu. "Denkt daran, nicht zu viel auf einmal davon zu nehmen, denn die Wahrheit ist nicht immer leicht zu verkraften. Solltet Ihr keine Fragen mehr haben, so werde ich Euch jetzt alleine lassen."



NORDSTERN - Unterdeck: Der Smutje und der Schiffsjunge


Der Smutje folgt weiter dem Gang Richtung Heck. Ein Passagier, der den Gang gerade in entgegen gesetzter Richtung durchquert musz, obwohl Garulf sich Mühe gibt, den Weg möglichst frei zu geben, sich mühsam an ihm vorbei zwängen. Doch schlieszlich hat er das Ende des Ganges erreicht, wo der Schiffsjunge noch immer etwas abwesend herumsteht.

"Alrik," spricht er ihn an, mehr sagt er erst mal nicht, der Junge soll erst mal reagieren.



ALRIK schüttelt ein paar Mal energisch den Kopf, um die letzten gehässigen Gedanken, die vor allem Ameg und Efferdan betreffen, endlich zu vertreiben. Das bringt ja doch nichts, sich hier weiter aufzuregen.

Dann bemerkt er, daß Garulf des Weges kommt, um ihn dann auch noch prompt anzusprechen. Innerlich schickt er ein Stoßgebet gen Alveran.

'Bitte, Frau Travia, laßt mich nicht heute noch für die gesamte Mannschaft Kartoffeln schälen müssen. Die Gastlichkeit läßt sich doch viel besser an Land genießen...'

"Aye, Garulf, was gibt es denn?"



´Ein biszchen veräppeln will ich ihn aber schon...,´ " In der Kombüse stehen noch drei Kisten Kartoffeln, die müssen bis zur PERainestunde geschält sein," antwortet Garulf dem Schiffsjungen ohne mit der Wimper zu zucken.



ALRIKS Mundwinkel fallen bis ins Bodenlose, als seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden. Und da er sich gedanklich bereits mit dieser Schreckensvorstellung vertraut gemacht hat, kommt ihm auch überhaupt nicht in dem Sinn, daß Garulf ihm Seemannsgarn vor spinnt.

"Und wer soll das machen? Doch wohl nicht ich allein?"

ALRIK zieht ein Gesicht, wie drei Tage EFFerdswetter.

"Ich hätte heute eigentlich frei...."



"Ich fürchte auszer Dir ist niemand frei zum Kartoffel schälen, die anderen sind bestimmt schon an Land," bestätigt Garulf die Befürchtungen Alriks, es fällt ihm schon deutlich schwerer ein Grinsen zu verkneifen.



"Wenn die alle schon an Land sind, dann ist doch auch keiner mehr hier, der noch was essen will, oder? Kann ich es denn nicht morgen machen? Wenn ich morgen ganz früh aufstehe? Geht das dann?"

Mit einem Herz erweichenden Blick schaut ALRIK den Schiffskoch an.



NORDSTERN - Unterdeck: Joanna und Torin


Joanna blickt Ameg nach, als er in der Dunkelheit verschwindet. Seitdem herrscht reges Treiben auf dem Unterdeck - Ständig kommen und gehen Leute. Sie wirkt leicht angespannt und plötzlich verschwimmt alles vor ihren Augen.

'Gemächlich und neugierig geht Torin auf die Tür und damit auch auf die Druidin zu. Über Joannas Schulter blickend, spricht er sie über ihre Schulter hinweg an.

"Sagt, was genau ist da draußen jetzt los?"

Doch statt einer Antwort dreht sie sich um. und sieht in Torins Augen. Ihre Blicke treffen sich und verschmelzen ineinander. Die Druidin wird etwas nervös und will ihren Blick abwenden, doch Torin versucht ihr die Nervosität zu nehmen, indem er langsam nach ihrer Hand greift.'

*TOCK* .. "aua!"

Der Lärm reißt sie aus ihren Gedanken. Ganz spontan nähert Torin sich Joanna. Instinktiv versucht er das leise Knarren der Bretter unter sich zu verhindern. Knapp hinter ihr bleibt er stehen und fragt sie, was da draußen los ist. Verwirrt und zugleich unsicher versucht sie sich den Unterschied zwischen Realität und Tagträumen klarzumachen. Da sie kein Wort herausbringt, huscht er nach einiger Zeit an ihr vorbei. Plötzlich wird ihr klar, was sie gerade für einen Fehler gemacht hat, beginnt sie leise zu stottern ... "Torin" und wiederholt es schließlich lauter, sodas es alle in der Nähe stehenden Leute hören können.

"Toorin"

Schon wieder fällt

ihr nicht auf, WIE sie ihn anspricht.

"Wartet ... Bitte"

Blindlings macht sich die Druidin auf den Weg Richtung Dunkelheit...



Torin steht noch immer still in Efferdans Nähe, als Amegs Antwort wie ein leises Echo durch die Düsternis hallt.

Der Smutje ist längst nicht mehr in seiner Nähe, so daß er leicht in die sich im Gang reichlich bietenden Schatten eintauchen kann. Es ist ihm selbst nicht ganz klar, warum er plötzlich so erpicht darauf ist zu erfahren, was der Matrose von seinem Mündel will.

Doch instinktiv wird seine Atmung flacher und seine Bewegungen fliessender als er sich zur hölzernen Wand des Ganges bewegt. Selbst der Rucksack auf seinem Rücken behindert ihn nicht dabei. Allein das schwache Schimmern des Stabknaufes, das noch immer zwischen seinen Fingern hindurchfliesst läßt ihn nicht gänzlich mit der Düsternis verschmelzen.

Doch nur kurz währt dieser Augenblick, denn schon ruft die Druidin seinen Namen aus.

"Miu pikusch!" entfährt es ihm. 'Jetzt ist meine ganze Deckung futsch.'

Doch als ihm die Groteske der Situation bewußt wird, muß er grinsen und wendet sich der jungen Druidin zu.

"Ich laufe euch schon nicht davon."



NORDSTERN - Unterdeck: Efferdan erschrickt


Gerade hat Efferdan besorgt die Gestalt auf der Stufe gefragt, ob ihr etwas fehlt, da tönt hinter ihm ein Ruf durch das Unterdeck:

»Toorin. Wartet... bitte«

Naja, das wäre ja nicht soo schlimm, schließlich können die Passagiere - es muß sich wohl um eine solche handeln - das Deck entlang rufen wie sie wollen.

Was ihn dann aber doch erschreckt zusammenzucken läßt ist der Ausruf »Miu pikusch!« direkt hinter ihm. Fast panisch dreht er sich um. Sein Herz rast, sein Gesicht ist noch blasser geworden, so als ob vollends alles Blut aus seinem Gesicht gewichen. Sein Körper zittert wie Espenlaub.

Mit großen Augen sieht er auf die Person, die ihm gerade den Rücken zuwendet und mit einer nicht näher zu erkennenden Gestalt spricht - wahrscheinlich der Ruferin.

`Was? Wer? Das ist doch... was wollte er von mir? So nahe... ich habe ihn nicht gehört.. warum?`

Fassungslos und ängslich fixiert der Blick des immer noch zitternden Efferdans Torins Rücken.

`Bei EFFerd, hab ich mich erschreckt. Was sollte das? Ich wäre beinahe vor Schreck gestorben! Was will er von mir...`

Eigentlich sollte Efferdan Torin jetzt zur Rede stellen, um zu erfahren, was das sollte, warum dieser ihm hinterher schlich - denn genau das muß er wohl getan haben!

Doch Efferdan ist viel zu ängstlich und schüchtern dazu. Also zögert er noch einen Moment, nur um sich dann umzudrehen und - immer noch leicht zitternd - einen Schritt auf die Gestalt auf der Stufe zuzulaufen...



NORDSTERN - Unterdeck: Torin und Ameg


'Das Knie gestossen...' fängt Torin die Worte Amegs auf, während er noch immer in der Düsternis nach Joanna schaut. Und auch die Worte des Matrosen dringen an sein Ohr. Doch dessen Gestammel interessiert ihn nicht.

'Was sie nur an dem findet...'

Abermals schnaubt er. Dann dreht er sich in die Richtung in der er Ameg vermutet um und geht an dem Matrosen vorbei.

'Dieser.. Matrose. Sogar hier in der Düsternis kann man sein strohblondes Haar noch erkennen.'

Dann jedoch ist er bei Ameg.

"Wir müssen los." ist alles, was er zu Ameg sagt.

Kein Wort wie es dem Jungen geht und ob er noch Schmerzen hat. Schmerzen muß man überwinden! Das hatte ihn Vater Rotmarder gelehrt. Und das würde auch Ameg lernen, so bald sie wieder in Gareth waren. Aus diesem Grund sieht er es auch nicht ein noch länger auf der NORDSTERN zu verweilen. Ohne ein weiteres Wort erklimmt er die Stufen des Aufganges zum Oberdeck.



'wir müssen los... mehr sagt er nicht. Ihm ist wohl irgendwie ganz egal ob ich will oder nicht... vielleicht will ich ja noch ein wenig hier rum sitzen und mein Knie reiben... und ob ich zu diesem Vater Rotmarder will fragt er auch nicht...'

Ein wenig von Torin verunsichert folgt Ameg diesem ans Oberdeck, schaut sich dort nur kurz um und wartet wohin ihn Torin als nächstes dirigieren will.



Als Torin an ihm vorbei geht, drückt sich Efferdan an die Wand, macht sich dünn, so als wolle er möglichst viel Raum zwischen sich und dem Passagier lassen.

Diesmal ist es nicht nur die Tatsache, daß der Vorbeidrängende ein Passagier ist, nein. Es hängt wohl auch damit zusammen, daß dieser ihm nachgeschlichen ist. Und diese Tatsache jagt Efferdan einen kalten Schauer über den Rücken. Was konnte das nur zu bedeuten haben? Was wollte der Fremde von ihm? Oder war es doch Zufall, daß er jenen Mann nicht gehört hat, daß dieser direkt hinter ihm stand? Efferdan kann es kaum glauben - aber, andererseits - was könnte er von ihm gewollt haben? Efferdan weiß es nicht. So beschließt er, diesen Vorfall einfach zu vergessen und sich wieder der Arbeit zu widmen, mit der er und Wasuren eigentlich schon fertig sein könnten.

Flink wieselt er weiter, dem hinteren Niedergang entgegen. Der entgegenkommenden Frau weicht er ebenfalls durch Anpressen an der Wand aus, wobei er ein leises "Entschuldigt bitte" murmelt.



NORDSTERN - Oberdeck: Bereit zum Ausgehen


Kaum hat es Alberik geschafft, den Händler aus seiner Träumerei zu wecken, da tritt schon eine Frau an die kleine Gruppe heran. Zuerst erkennt der Zwerg sie gar nicht wieder, einige Minuten zuvor, als sie mit Anman über den Preis verhandelt hat, sah sie doch sehr anders aus. Mit offenem Haar und dem grünen Umhang sieht sie irgendwie anders aus.

Alberik will es eigentlich Anman überlassen, ihr zu antworten. Aber als er bemerkt, daß dieser seinen Blick nicht mehr von ihr lösen kann und vielleicht nicht mal mehr ihre Stimme vernommen hat, nimmt er sich dieser Aufgabe an.

"Nein, nein, macht euch keine Sorgen. Zumindest von zweien von uns kann ich behaupten, daß uns die kurze Wartezeit nichts ausgemacht hat. Doch Anman konnte es wohl gar nicht mehr abwarten Euch wiederzusehen, zu lang schien ihm wohl die Zeit, die Ihr nicht bei ihm wart."

'Dafür könntest du mir eigentlich noch ein wenig mehr Trinkbares spendieren! Er scheint ja ganz hingerissen von ihr zu sein.'

Alberik schaut sich die erste Offizierin einmal etwas genauer an, um Anmans Geschmack zu überprüfen.

'Hm, gar keine schlechte Wahl, für eine Menschin sieht sie ja ganz annehmbar aus. Wenn man sie sich etwas kleiner vorstellt, und mit etwas mehr Oberweite. Kräftig war sie auch, auch wenn man jetzt unter dem Umhang nicht mehr ganz so viel von ihr sieht. Aber die roten Haare, das ist nicht gut. So etwas gefällt mir gar nicht.'

"Ich glaube, ich habe mich vorhin schon einmal vorgestellt. Ich bin Alberik, Sohn des Atosch. Wie ist euer Name?" fragt er freundlich.



Nur eine kleine Wolke entdecken seine suchenden Augen am Himmelszelt. Einsam hängt sie dort knapp über dem Horizont, und es sieht aus, als ob auch sie nun der Sonne ins Meer folgen wolle. Ansonsten nichts als klarer Sternenhimmel, zwar noch dunkelblau, aber schon mit funkelnden Lichtern besprenkelt, wie kleine Blumen auf einer Frühlingswiese. Selbst das weißliche Himmelsband war schon erkennbar. Sacht wie zarte Nebelschleier zog es sich quer über den dunklen Hintergrund.

Seit er der Matrosin das Kupferstück gezeigt hatte, waren wenige Minuten vergangen. Minuten, in denen es ihn langsam in Richtung der seeseitigen Bordwand gezogen hatte. Zwar stand er immer noch etwa in der Mitte des Decks, doch hatten ihn seine Schritte fast planlos umher getrieben. Mit den Augen suchte er den Horizont und die Ausfahrt des Hafenbeckens ab. Mit den Gedanken versuchte er, die Motive des Matrosen zu ergründen.

´Warum will man hier mein Geld nicht ?´, brütet Anman vor sich hin, ´Und wie stand ich da vor dieser prächtigen Frau ?´

Wut über den ärgerlichen Zwischenfall hatte sein Herzen schon verlassen, als er die Leiter zum Oberdeck hinabstieg, doch Ratlosigkeit über so viel Dreistigkeit dieses jungen Matrosen hielt ihn im Unklaren. Er wollte doch nur freundlich sein, sich spendabel geben in Gegenwart der Offizierin, sich die Hilfsbereitschaft eines Matrosen schon vor der Abfahrt sichern.

´Aber so bin ich seit Jahren nicht mehr abgefertigt worden !´, denkt er sich, aber er sieht auch die komische Seite, ´Danke, ihr Götter, für die schöne Abfuhr vor den Augen dieser Frau. Mein Gott, kann denn niemals etwas einfach sein ?´

Wütend konnte Anman nie lange bleiben, seit jenem Nachmittag vor fünf Jahren war die Wut seines Lebens verbraucht. Mit jeder Erinnerung, und die kam regelmäßig des Nachts, kam diese Wut wieder, und sie würde solange kalt und still vor sich hin brennen, bis die Schuld getilgt war. Neben ihr war niemals lange Platz für anderen Zorn, zu stark war diese Kraft, die ihn verzehrte und verschlang. Damals hatte der Lehnsherr seine....

Die Stimme des Zwergen reißt Anman aus seinen Gedanken. Er mußte nun schon eine Weile so gestanden haben, jedenfalls schien das der zweifelnde Blick des Zwergen zu besagen. Ein kurzer Blick rundum, dann geht Anman herüber, den Zwergen und seinen neuen Begleiter betrachtend. Die Augen des kleinen Mannes, Alberik, funkeln lustig und auch der große, bunt gekleidete Mann sieht ihm voller Vorfreude entgegen.

´Die beiden Kasper haben sich doch irgendwas ausgedacht, oder ?´, kommt Anman ein Gedanke, ´Die wollen Dir doch den letzten Taler aus dem Hemde saufen. ´

Gerade, als Anman zum Sprechen ansetzt, tritt die erste Offizierin herbei und begrüßt die drei Männer mit einem warmen Lächeln. Ein Lächeln, das Anman bis tief in seine Lenden spüren kann. Ihre Stimme kann er kaum vernehmen, so ist er von ihrem bezaubernden Anblick erschlagen. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er sie an, bis er sich dessen gewahr wird und zu Boden schaut.

´Ein Geweihter der Boroni würde während der Messe ein Loch ins Fenster seines Tempel treten, nur um Dich auf der Straße vorbei wandeln zu sehen, mein Täubchen.´, denkt Anman hingerissen.



Anman traut seinen Ohren kaum, als er den neben sich stehenden Zwerg so fröhlich über Anman und Fiana dahin plappern hört. Gerade am Anfang, also während des Kennenlernens, ist einer Frau gegenüber sorgfältige Achtsamkeit angesagt, so weiß Anman. Frauen sind da manchmal sehr empfindlich, man muß so tun, als ob man eigentlich gar nichts will. Allerdings darf man auch nie zu wenig wollen, das ist gerade die schwierige Gratwanderung und macht die Sache eben so schwer.

Er hofft, Fiana nimmt die fröhlichen Worte des Zwerges nicht so ernst. Offensichtlich scheint der Zwerg außer sich vor Freude, nun das die Überfahrt gebucht ist und man zur Feier schreitet, und scheint voller Schabernack zu stecken.

´Hast Du schon gesoffen, mein kleiner Freund ?´, denkt Anman.´Noch paar so Sprüche, und die Erste Offizierin gibt mir eine schallende Ohrfeige. Mein Tagesbedarf an verbalen und richtigen Ohrfeigen ist seit einigen Minuten gedeckt !´

Aber offensichtlich haben ja Alberik und sein Begleiter nichts von dem Vorfall auf dem Brückendeck mitgekriegt Anman schaut in Richtung Hafenbecken. Seine Augen weiten sich.

"Seht !", ruft er laut aus,"Seht nur !"

Mit ausgestreckter Hand deutet er in Richtung der Stadt, wobei er Fiana beobachtet. Sobald sie mit ihren Blicken seiner Hand folgt, und den Blick abwendet, dreht Anman sich zur Seite und schubst den Zwerg ein wenig, wobei er sich mit der anderen Hand vor dem Kopf hin und her wedelt. Trotzdem, ein Grinsen kann er sich nicht verkneifen.

´Das geht ja zu wie früher.´, denkt Anman ausgelassen und erheitert.

"Ach, da war ja doch nichts !", fügt er schließlich laut an und nimmt die Hände herunter.

"Mein Name ist Anman Troyn !", streckt er dann die Hand dem beistehenden anderen großen Mann entgegen.



Zu Beginn muß Fiana leicht grinsen, als Alberik auf Anmans versteiften Blick eingeht. Dann aber erwidert Fiana, ebenso freundlich, auf die Frage des Zwerges:

"Angenehm, Herr Alberik, Fiana Ohldotter mein Name"

Doch dann glaubt Anman plötzlich etwas gesehen zu haben und letztlich stellt sich das Ganze als doch nichts raus. Dann wendet er sich auch gleich wieder ab, um sich Jarun zuzuwenden.

'Irgendwie verhält er sich etwas seltsam, eben war er doch noch anders', denkt sie sich.



Auch Alberik wirft einen Blick in die Richtung, in die Anman gedeutet hat - und bekommt von ihm einen leichten Schubs ab.

Normalerweise würde er sich so etwas ja bestimmt nicht gefallen lassen, aber er ist gut gelaunt, und will den Abend, der nicht schlecht begonnen hat, auch nicht schlecht beenden. Und Anmans gestikulierend Hände und sein breites Grinsen, lassen den Zwerg zumindest vorerst zu dem Schluß kommen, daß dies nur ein freundlicher Schubs sein sollte.

Trotzdem kann er sich nicht erklären, weshalb er geschubst wurde, und leicht irritiert wendet er Fiana zu, die sich ihm nun vorgestellt hat.

"Ich hoffe ihr seid den Umgang mit Matrosen gewohnt, denn ich und Jarun haben uns entschieden, der 'Fliegenden Salzerelle' einen Besuch abzustatten. Aber hier an Bord werdet ihr wohl kaum eine andere Möglichkeit haben."

'Ist sie eigentlich eine normale Matrosin oder eine höhergestellte?'

Sogleich fragt er nach.

"Welchen Rang habt ihr hier auf dem Schiff eigentlich?"



Auch wenn der Zwerg kurzfristig aus ihrem Blickfeld entschwand, stellt er ihr gleich weitere Fragen und da ist er auch schon wieder da, Anman hatte sich dazwischen geschoben.

"Ich denke die Fliegende Salzerelle ist in Ordnung, wenngleich sie nicht gerade das erste Haus am Platze ist." antwortet Fiana grinsend "Aber wenn ihr ordentlich einen heben wollt, ist sie genau richtig."

Nach einer kurzen Pause antwortet sie auf die Zweite Frage.

"Ich bin die erste Offizierin hier an Bord"



Breite Furchen ziehen sich über Jarun's Stirn, als die beisammen Stehenden in die Richtung schauen, in die Anman gedeutet hat und nichts zu sehen ist.

'Seltsam! War da wirklich etwas, oder wollt er uns nur ablenkten?'

Intuitive greift Jarun zu seinem Geldbeutel und entdeckt mit Erleichterung, daß dieser sich noch immer an der Stelle befindet, an der er ihn festgebunden hat.

'Der hätte auch was erleben können, diesen alten Trick bei mir anzuwenden.'

Mit sichtlich entspannterer Miene nickt er Fiana zu.

"Ich freue mich, daß ihr uns begleiten wollt. Sicherlich wird der Abend umso lustiger, je größer die Zahl der Feiernden ist."

Dann greift er die ausgestreckte Hand Anman's und schüttelt sie heftig.

"Freut mich! Freut mich euch kennenzulernen. Ich bin Jarun der Papagei. Leiter der Drachentanz-Akadenie zu Greifenfurt und noch so einiges mehr, was aber sicher im Moment zu viele Fragen hervorrufen würde. Von mir aus, können wir sogleich die Salzarelle aufsuchen."



Zu Jarun gerichtet erwidert Fiana:

"Ja, da habt ihr vollkommen recht."

Nach einer kurzen Pause fährt sie fort:

"Eine grandiose Begrüßung die man euch entgegenbringt." sagt sie in anerkennendem Ton.



Die gesamte Gruppe scheint doch überrascht zu sein, als Anman ihre Blicke kurz weg lenken möchte, um den Zwerg von seiner allzu forschen Kupplerei abzuhalten. Und so fängt sich Anman denn einige seltsame Blicke ein, ohne jedoch auch nur einen einzigen davon mitzukriegen. Nur am Rande seiner Aufmerksamkeit, die inzwischen wieder voll auf die Erste Offizierin Fiana gerichtet ist, kriegt er einen hastigen Griff Jaruns in seine Kleidung mit.

´Da steckt also Deine Börse !´,denkt Anman sofort,´Gut zu wissen.´

Früher hatte er mal für kurze Zeit so gearbeitet : Ständig auf der Suche nach Leuten, die unvorsichtig mit ihren Sachen umgingen. Man brauchte nur auf die Bewegungen der Leute zu achten, wenn sie angestoßen wurden, und schon wußte man, so sie ihr Geld aufbewahrten. Ein kleiner Junge besorgte immer den ersten Schubs, und erhielt dafür immer eine warme Mahlzeit und etwas Silber, nachdem Anman dann zugelangt hatte.

´Tja, das waren harte Zeiten.´, denkt Anman,´Damals.....´

Später hatte Anman erkannt, wie sehr er auf der Stelle trat, und hatte sich umorientiert. Größere Dinger wurden gedreht, mit mehr Vorbereitung, und eindeutig mehr benötigtem Fachwissen. Aber der Erfolg gab ihm recht.....

´Und heute stehe ich hier :´, sinniert er froh,´Und bin ein fast rechtschaffenes Mitglied dieser Gesellschaft.´

Ein Grinsen huscht über sein Gesicht. Seit einiger Zeit nun konnte er seine Geschäfte teilen, und zweigleisig fahren. Zweigleisig hieß, das er soviel Geld über hatte, daß er nun auch noch legalen Handel betrieb. Und seitdem war er noch erfolgreicher, unter dem Mantel seiner Rechtschaffenheit. Sein Grinsen wird immer selbstzufriedener und breiter.

Just in diesem Moment ergreift Jarun seine ausgestreckte Hand und fängt eifrig an, sie zu schütteln. Anmans Augen schrecken auf, und suchen die Augen Jaruns. Der schüttelt munter weiter die Hand, und fängt an sich vorzustellen.

"Gut.", antwortet Anman, dabei kräftig zurückschüttelnd,"Es ist mir eine Freude, Eure Bekanntschaft zu machen."

"Ihr müßt mir später erzählen, woher dieser Spitzname stammt, werter Jarun.", fährt Anman fort, und seine linke Hand deutet in den Ort,"Doch sollten wir zuerst Klarheit verschaffen, wohin sich jeder von uns wenden will in dieser lieblichen Hafenstadt."



"Die Springende Salzarelle! Hört sich gut an. Wenn sie wirklich so nah beim Hafen liegt, würde sie sich anbieten, denn wenn jemandem nicht mehr nach feiern zu mute ist, so kann er sich auf die NORDSTERN zurück ziehen. Und all zu leer wird es dort sicher auch nicht sein."

Schelmisch deutet er auf die Menschenmenge am Kai.

"Wenn euch danach ist, können wir gehen."

Mit diesen Worte wendet er sich von den anderen dreien ab, um den Anfang zu machen. Sein federnder Gang wird noch von der wippenden Planke unterstützt, wodurch er bei jedem Schritt den Kontakt zur Planke verliert.

Ein geradezu kindliches Kichern ist zu hören, als er in der Mitte der Planke stehen bleibt und immer wieder auf der Stelle einige Finger hochspringt, um das auf und ab noch einmal in vollen Zügen zu genießen. Ein seltsamer Anblick mag dieses Schauspiel schon sein, doch welcher Künstler ist bei Zeiten nicht ein wenig seltsam.



Nur wenige Augenblicke, da hat Raschid das bunte Vierergrüppchen entdeckt und geht mit großen Schritten auf Anman zu. Unauffällig bleibt er hinter ihnen stehen und hält wortlos den Schlüssel mit der flachen Hand in die Runde.

Schließlich ringt er sich doch noch ein paar Worte ab.

"Der Schlüssel der Doppelkabine!"



Anman muß schmunzeln, als er Jarun so auf der Planke umher wippen sieht. Sofort nimmt er sich vor, es dem bunt gekleideten Manne gleich zu tun. Für Unfug ist Anman immer zu haben, dafür war er als kleiner Junge schon berühmt.

Die frische Seeluft, das klare Himmelszelt und die wunderschönen Augen der Frau in seiner Begleitung lassen Anman nun gänzlich vergessen, wie sehr wütend ihn der Vorfall auf dem Brückendeck gemacht hatte. Voller Übermut möchte er nun auch auf die Planke, um zusammen mit Jarun zu WIPPEN !

"Macht Platz....", spricht er auch schon laut vor sich hin und wagt einen Schritt in Richtung der Planke.

Jäh wird Anman zurückgerissen aus seinen Absichten. Die harte, kehlige Stimme des Südländers vom Brückendeck, mühsam beherrscht zwar, aber doch noch voller versteckter Feindseligkeit, dringt an sein Ohr. Und schon streckt jemand seine Hand zwischen ihn und die Erste Offizierin, darin den Schlüssel haltend.

Anman holt tief Luft und reckt sich auf zu voller Größe, während sich sein Blick zunehmend verfinstert. Mit seinen weit über 90 Stein Gewicht bei fast zwei Schritt Größe ist er eine imposante Erscheinung, wenn es sein muß. Die Brauen heruntergezogen, nicht die Spur eines Lächelns auf dem Gesicht, wendet er sich in Richtung des Matrosen. Anman gibt sich Mühe, völlig unbeteiligt und desinteressiert zu schauen. Seine rechte Hand immer in der Nähe des Griffes seines Rapiers, aber nie direkt darauf, streckt er seine linke Hand langsam vor, bis sie unter dem Schlüssel ist.

"Danke, Matrose.", zischelt er leise unter zusammengepreßten Zähnen hervor.



Ah, endlich. Alberik bemerkt voller Freude, daß Jarun den Anfang macht und als erster die Planke herunter läuft - oder besser: herunter hüpft. Der Zwerg folgt ihm und wartet vor der Planke, an der die Vierergruppe steht. Solange der Gaukler dort herum springt, betritt er sie lieber nicht.

Die Spielerei auf der Planke verärgert ihn dann doch leicht. So viel Albernheit kann auch nur von einem Menschen kommen. Als er in dem Alter war, hatte er so etwas schon lange hinter sich. Auch wenn es noch nicht so lange her ist, daß er so alt war wie Jarun heute. 20 Jahre vielleicht? Bei einem Menschen das Alter zu schätzen, fällt dem Zwerg sogar heute noch schwer.

"Jetzt reichts aber auch Jarun, wir wollen heute noch etwas zu trinken bekommen."

Eine Stimme hinter ihm, die nicht Anman oder Fiana gehört, läßt ihn noch einmal herumdrehen. Er erkennt einen dunkelhäutigen Menschen, einen Tulamiden oder Novadi, der der Gruppe einen Schlüssel reicht.

Alberik wartet ab, ob einer der beiden anderen auf den dunkelhäutigen reagieren.



Kaum hat Alberik eine Antwort von Fiana bekommen, wendet diese sich auch schon seinem früheren Kampfgefährten Jarun zu. Aber das macht ihm nichts aus, später ist immer noch genug Zeit zum reden.

Also bleibt er einfach entspannt neben seinen drei neugewonnenen Gefährten stehen, hört sich an, was sie noch zu reden haben. Dabei betrachtet er die Offizierin und versucht sie einzuschätzen.

'Erste Offizierin ist sie also. Wahrscheinlich die erste Befehlsgewalt auf dem Schiff nach dem Kapitän. Wenn ich mich in den Rängen der Seefahrer auskennen würde, wüßte ich dies genau, sofern bei einem Schiff, das hauptsächlich von Zivilisten begleitet wird, überhaupt Ränge vorhanden sind.'

'Vermutlich kampferfahren, aber eine Waffe trägt sie nicht bei sich. Ach, solange ich in der Nähe bin, braucht keiner eine Waffe, den ich zu meinen Freunde zähle.'

Nach dieser, seiner Meinung nach sehr gut gelungenen, Einschätzung, blickt er sehnsüchtig auf den Kai und zu dem Wirtshaus, das kaum 150 Schritt vom Schiff entfernt zu sehen ist. Es wird Zeit für ein Bier.



Einige Augenblicke stehen sich die beiden Streithähne gegenüber und starren sich in die Augen, als versuchen sie einen Zauber auf den anderen zu sprechen. Raschid, der mehr als einen Kopf kleiner als sein Gegenüber ist, ist sich darüber im klaren, daß es für ihn keinen Sinn macht sich aufzuplustern, wie Händler und beläst es bei einem Blick, der einen heran stürmenden Ongallobullen dazu bewegen würde, anzuhalten und kehrt zu machen.

Trotz der Anspannung entgeht im keinesfalls die Tatsache, daß Anman die Hand auf seiner Waffe ruhen läßt. Immer dazu bereit sie zu ziehen. Allein diese Geste bewirkt bei Raschid einen Schub von Gelassenheit, denn für ihn spiegelt es die Furcht seines Gegenübers wieder. Furcht vor einem einfachen Matrosen ohne Waffe.

Merklich entspannen sich Raschid's Glieder und mit einem angedeuteten Lächeln läßt er den Schlüssel in Anman's Hand gleiten.



Alberiks Ruf läßt Jarun und anschließend auch die Planke wieder zur Ruhe kommen. Lediglich ein beleidigtes "Grummelbart" dringt zu den dreien an der Planke durch, als sich sich Jarun wieder in Bewegung setzt und einige Augenblicke später die andere Seite der Planke erreicht.

Mit einem Sprung überwindet er die letzten zwei Schritt und landet sicher auf der Anlegestelle. Eine anschließende schnelle Drehung um die eigene Achse läßt den Umhang noch einmal kräftig herum wirbeln und Jarun kommt mit dem Gesicht zur NORDSTERN zum Stehen.

"Ich habe sie getestet und für sicher befunden!" ruft er seinen Begleitern auf der NORDSTERN mit einem Lächeln herüber.



Alberik bemerkt nicht mehr, was Jarun auf der Planke für Spielchen treibt. Seine Konzentration ist auf Anman und den dunklen Matrosen gerichtet. Man kann die Anspannung zwischen den beiden deutlich spüren. Anmans Hand in der Nähe seiner Waffe, die ernste Miene, die sich mit Eintreffen des Matrosen auf sein Gesicht legt, die gesenkte Stimme und nicht zuletzt die Blicke, die die beiden austauschen.

Trotz der Größe des Händlers rechnet der Zwerg nicht damit, daß er gegen den kleineren Novadi bestehen koennte. Größe ist nicht alles was zählt, daß weiß er besten Gewissens zu behaupten. Und er hat schon einmal sehen können, daß Novadis auch die Kampfkunst beherrschen. Bei weitem nicht so gut wie das Volk Angroschs, aber weitaus besser als viele andere Menschen.

So hält er sich bereit notfalls einzugreifen, falls es tatsächlich zu Handgreiflichkeiten kommt. Nicht zu früh allerdings, denn Anman soll ruhig erst einmal merken, daß es ohne einen fähigen Kämpfer wie einen Alberik, Sohn des Atosch, nicht so einfach ist in einem Kampfe zu bestehen.



Wie eine halbe Ewigkeit kommt es Alberik schon vor, die sich Anman und der südländische Matrose gegenüber stehen und sich gegenseitig anstarren.

Es muss schon wirklich etwas länger sein, denn in dieser Zeit sind ein paar Leute an ihnen vorbei, über die Planke, und haben das Schiff verlassen. Es waren genau fünf, Alberik hat mitgezählt. Und diese fünf sind nun schon auf dem Weg in die Wirtshäuser der Stadt.

Nicht so der Zwerg.

Verärgert, daß immer noch nichts passiert ist, brummelt er etwas unverständliches in seinen Bart, etwas, in denen die Worte "Menschen" , "langsam" und "nicht fähig, Entscheidungen zu treffen" eine große Bedeutung haben.

Noch immer sauer wendet er sich zum gehen und betritt die Planke.

'Bei Kor, wie lange soll ich denn noch warten? Entweder prügelt man sich, oder man läßt es bleiben, aber man denkt nicht erst tagelang darüber nach!'

Die Hälfte dessen, was er denkt, nuschelt er vor sich hin. Und während er so vor sich her brummelt, immer noch sauer über eine möglicherweise verpaßte Schlägerei, hat er die Planke schon an ihrem anderen Ende wieder verlassen und marschiert weiter vor sich her redend an Jarun vorbei, den Anleger entlang, hinunter zum Kai.



Fiana schickt sich derweil an die Planke zu überqueren, nicht jedoch ohne zu Anman noch etwas zu sagen:

"Kommt, die anderen warten schon, wir wollen doch noch etwas vom Abend haben"

Sie geht dann über die Planke in richtung des Zwerges, blickt sich dann um, um zu sehen ob Anman ihr folgt.



"Anman kommt ihr!"

Ein letztes Versuch von Jarun, Anman zum Mitkommen zu bewegen, bleibt ohne Wirkung.

"Wenn ihr eure Angelegenheiten geklärt hat, könnt ihr ja nachkommen. Ihr findet uns in 'der Springenden Salzarelle'. "

Mit diesen Worten wendet er sich von der Nordstern ab und schließt zu Fiana auf, die bereits dem Zwergen folgt.

"Werte Fiana, hat sich Anman doch anders Entschieden. Wollte er vielleicht mit dem Matrosen nach Salzerhafen gehen?"



NORDSTERN - Auf der Brücke: Der Kapitän


Wieder einmal steht Jergan auf der Brücke, ohne daß einer der Fahrgäste oder ein Angehöriger der Mannschaft ein Anliegen hat, das er klären muß. Im Grunde ist ihm das so auch recht, denn schließlich wartet noch jede Menge Arbeit, die in diesem Hafen verrichtet werden muß.

Einige oder fast alle der Fahrgäste scheinen sich darauf vorzubereiten, das Schiff zu verlassen. Auch das ist dem Kapitän sehr recht, bekommt doch die Besatzung so viel mehr Ruhe, die sie gerade nach dieser Schleppfahrt auch wirklich verdient hat.

Jergan Efferdstreu bleibt weiter an der vorderen Reling des Brückendeckes stehen, und läßt seine Blicke über Schiff, Hafen und Stadt gleiten, während seine Hände fast unbewußt über das glatte Holz der Reling streichen, ohne dabei wahrzunehmen, daß gerade diese Stelle erst kürzlich von Ole ausgebessert worden ist, nachdem es dort einen beträchtlichen Schaden während der Meuterei-Kämpfe gegeben hat. Doch mit Ole hat die NORDSTERN einen hervorragenden Schiffszimmermann, und so ist es vollkommen klar, daß man von der Reparatur nur dann etwas sieht, wenn man wirklich sehr genau hinsieht.



In SALZERHAVEN: Anselm in der Stadt


'So, auf geht's'

Ein letztes Mal schaut Anselm sich um, ob er auch nichts vergessen hat. Da er wenige Gepäck mitbrachte erübrigt sich dies eigentlich. Und schon ist er aus der Tür und schreitet zum Aufgang. Auch diesmal übersieht er die anderen Leute auf dem Deck mehr oder weniger. Den Aufgang erklommen geht er schnurstracks die Planke hinab, vorbei an den letzten Bewunderern Jaruns, welche sich noch am Schiff befanden und hinein in die dunklen Gassen von Salzerhaven...



Dunkel ist's in den Gassen von Salzerhaven. Kaum ein Licht scheint aus den Häusern, so daß man teilweise die Hand vor den Augen nicht erkennt.

Stille liegt über der Stadt. Vereinzelt dringen fröhliche Klänge aus den zahlreichen Tavernen an die Ohren der Wenigen welche um diese Zeit noch durch die Stadt streifen.

Einer von diesem ist Anselm. Aufgeweckt betrachtet er die Straßen und Häuser, welche er passiert. Er versucht sich möglichst viel davon einzuprägen, auch wenn eine ganz leichte Müdigkeit sich wie ein zarter Nebelhauch über seinen Geist legt.

Doch plötzlich weckt ein Geräusch den kleinen Mann. Das Trippeln eines zweiten Paar Stiefel welches sich direkt hinter ihm bewegt. Für einen normalen Bewohner Aventurien's sind die Schritte zu leise, es muß sich um jemanden handeln der bewußt versucht leise zu sein. Doch Anselm macht keine Anstalten seinen Verfolger abzuschütteln. Zuerst will er sicher gehen, daß die Person hinter ihm ihn wirklich verfolgt. Er schreitet weiter, verlangsamt und beschleunigt ab und zu. Der mutmaßliche Verfolger tut es ihm gleich. Nun wird es Anselm zuviel. Er bleibt stehen, wartet eine Sekunde ab und dreht sich abrupt um.

Im halbdunklen erkennt er schwach eine Gestalt welche wohl kaum größer ist als er. Wie vor Schreck gelähmt steht die Person da, die rechte Hand ausgestreckt, die linke liegt am Gürtel, wahrscheinlich bereit nach einer Waffe zu greifen.

Anselm schreitet geschwind auf die Person zu, um sie besser erkennen zu können. Er erblickt einen Jungen, welcher wohl kaum mehr als vierzehn Götterläufe zählen kann. Das Gesicht erstarrt, die Augen weit aufgerissen starrt er Anselm an. Anselm geht ein Licht. Er lacht kurz und spricht leise zu dem Jungen:

"He kleiner, 'brauchst keine Angst vor mir zu haben. Glaub' mir, wir dienen beiden dem selben Herrn. Aber du scheinst mir noch ziemlich unerfahren zu sein. Wie kann man nur bei solchem Getrampel erfolgreich sein? Daran solltest du noch arbeiten.

Und lass' deine Waffe stecken." Anselm deutet leicht auf die Linke des kleinen Diebes.

"Einen Geldbeutel stehlen ist eine Sache, Töten eine ganz andere. Als Diener PHEx' solltest du dich auf dein Geschick verlassen, nicht auf Messer. Höchstens zur Verteidigung. So und nun hau ab kleiner."

Der Junge nickte nur stumm während er Anselm's "Rüge" empfing. Doch als er den Befehl zum Abmarsch erhielt erwacht seine Glieder zu neuem Leben und er gab schnellstmöglich Fersengeld.

Anselm schaut dem kleiner PHExdiener hinterher und lacht nur.

"Diese Jugend...PHEx, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun..."



Immer noch über die Begegnung mit dem kleinen PHExdiener grinsend spaziert Anselm weiter durch die Gassen der Hafenstadt. Sein Weg ist nicht länger zufällig gewählt.

Er folgt dem Klang die eine Taverne so von sich gibt... wenn sie gut besucht ist. Und so leiten fröhliches Gelächter und heitere Musik ihn hin zu einem Haus an dessen Front ein Schild hängt mit den Worten "Frischer Seewind".

'Frischer Seewind... hm, na ja, hier tiefer in der Stadt is' der Wind vielleicht nicht ganz so frisch. Aber egal. Ich werd dort mal mein Glück probieren.'

Er öffnet die angelehnte Tür der Taverne, tritt ein und schaut sich um. Den Duft von Bier, Schweiß und gar köstlichem Braten in der Nase erblickt er mehrere Tische und Bänke, die teils doch recht gut bestückt sind.

Ein Gaukler, 'bewaffnet' mit einer Laute, trällert fröhlich, während er durch die Reihen marschiert. Die Ausstattung der Wirtschaft und die Gäste scheinen nicht gerade 'vom Niedersten' zu sein und so freut sich Anselm schon auf den einen oder anderen Geldbeutel, welchen er heute leicht machen wird.

Freudig sich die Hände reibend schlängelt sich Anselm an zwei leicht betrunken Thorwalern schnurstracks zur Theke hin und ruft:

"PHEx zum Gruße! Eins von eurem Besten, und schön kühl wenn's geht!"

Der Wirt, ein nicht gerade schmächtiger Mann mit ungefähr vierzig Götterläufen hinter sich, leicht gebräunt, mit weißem Haar und Bart lächelt Anselm zu und antwortet "Schon auf dem Weg."

Anselm nimmt sein Bier entgegen und zahlt sofort. Schließlich will man für Vertrauen sorgen. Er lehnt sich gegen die Theke, schaut sich noch mal kurz um, setzt den Krug an und während das gute Gebräu langsam in Anselm's Schlund versickert denkt sich dieser

'Auf ein gutes Gelingen....'



Ahhh - das war gut. Den ersten tiefen Zug gemacht entbindet Anselm den Krug wieder seinen Lippen und läßt seinen Blick ein weiteres Mal durch die Kneipe schweifen.

'Na, wer sieht den hier dumm und halbwegs wohlhabend aus... ah, ja, der da. Der wird's sein.'

Sein Blick fällt auf einen hünenhaften, schlanken, blonden Mann mittleren Alters. Gekleidet ist er mit einer ledernen Hose und einem weißem Hemd. Beides recht gepflegt. Sein Schuhwerk sind ein paar schwarze Stiefel, welche auch einen soliden Eindruck machen. Er sieht etwas verlassen aus, da er an einem ansonsten leeren Tisch sitzt und sein blonder Schopf in die Höhe ragt, fast wie eine lodernde Fackel in tiefer Nacht.

Nachdem Anselm den Herrn eine Weile begutachtet hat, schreitet er zu ihm und fragt:

"PHEx zum Gruße mein Herr, darf ich mich zu euch gesellen?"



Eigentlich will Edorian am heutigen Abend nur einen Trinken gehen. Mit ein bißchen Überredungskunst konnte er seine Nachtwache einem anderen aufschwatzen, so daß er den ganzen Abend frei hat. Er mußte sich mal vom Druck befreien, der auf ihm und auf den anderen Gardisten lastet. Mag die Stadt zwar äußerlich sicher und geschützt sein, so bröckelt es doch schwer in ihrem inneren. Denn das PHExgefällige Gesindel wird von Tag zu Tag mehr. Das bedeutet somit auch mehr Arbeit und Ärger für Edorian. Und genau diese Gedanken, an alle das Diebsvolk, wollte er heute in ein paar kräftigen Humpen Bier ertränken.

Doch nicht nur, daß seine Verabredung wohl nicht erscheint (allein trinken nämlich nur die Unglücklichen), jetzt redet ihn auch noch so ein Zwerg an. Zwerg? Nein, das ist kein Zwerg. Nur ein normaler... fast normaler Mensch. Aber egal, wenigstens jemand der einen mit trinkt. Und so antwortet Edorian halb resigniert:

"Wenn ihr wollt, dann setzt euch. Wenn nicht, so laßt es eben bleiben...."



"Nun, dann bin ich mal so frei." antwortet Anselm mit leicht gerunzelter Stirn. Er setzt sich auf den Stuhl, welcher dem Blonden genau gegenüber liegt.

"Da fällt mir ein, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Feuerbach, der Name. Anselm Feuerbach. Und der ihre?"

"Feuerbach...hm...meine Name ist Edorian Bregelsaum. Zum Wohl." Der große Mann hieft seinen Arm und reicht so seinen Krug seinem neuen Trinkkumpan zum Anstoß hin. Dieser vollführt besagtes Ritual auch gleich und fragt noch bevor er den nächsten Schluck tut:

"Sagt, in besonders guter Stimmung seit ihr nicht. Was bedrückt euch, daß ihr versucht es im Bier zu versenken?"



'Was interessiert den Kerl das? Na egal, ich hab ja sonst nichts zu tun..'

"Wißt ihr, ich bin Gardist hier in Salzerhaven. Und seit einigen Götterläufen wird dieser Beruf immer mieser. Es scheint, als ob die Diebesgilden für jeden neuen Gardisten drei neue Mitglieder aufzunehmen. Wir werden dem PHEx-gefälligen Gesocks langsam nicht mehr Herr. Versteht ihr, was ich meine?"



'Bei Phex! Warum ausgerechnet das? Warum muß ich ausgerechnet an einen dieser .... Gesetzes-Frommen geraten? Damit sind meine Chancen auf ein paar schnelle Dukaten schwer gesunken.'

Leicht demoralisiert murmelt Anselm:

"Ja ja, is' schon schlimm..." und nimmt einen weiteren Schluck Bier.

'Aber egal, ich laß mich nicht unterkriegen. Wenn es nicht anders geht, so muß ich diesen Herrn eben mit in meine Pläne einbauen. Vielleicht läßt er sich ja zu einem Spielchen ein...'

Während Anselm ein bischen verloren vor sich her sinniert setzt sich auf einmal noch eine Person an den Tisch.

"Uff, 'tschuldigung, daß ich so spät bin, aber unser Chef war heute wirklich nicht leicht zu überreden. Du weißt ja, wie er ist wenn er einen seiner besten Männer gehen lassen soll, stimmt, Edorian? Hohoho"

Der kleine feiste Mann hält sich seinen Bauch beim Lachen. Sein blonder Freund kann nur ein Grinsen hervorbringen, obwohl sich seine Stimmung doch ein bißchen gehebt hat.

"Hihi, hm.. nun sag mal mein Lieber, wer ist denn das da neben mir."

fragt der Neuankömmling ungeniert und schaut dabei Anselm fröhlich ins Gesicht.

"Hm, was, ach so, ja..ähh, das ist Anselm Feuerbach und das hier ist mein Freund und Kollege Elbrecht Fidian. So.."

"Angenehm" ist alles was Anselm aus seinem Munde entläßt. Er schaut sich den neuen Gesprächspartner genau an, während dieser heftigst versucht den Wirt auf sich aufmerksam zu machen.

Elbrecht ist kaum größer als Anselm, dafür um so 'tiefer'. Er dürft ungefähr im Alter von Edorian sein. Seine hellbraunen krausen Haare hängen fröhlich vom Kopf herunter und verschwinden dort wo sein Rauschebart anfängt. Auf den ersten Blick könnte man meinen, man hätte einen Zwerg vor sich.

'So, noch einer von diesem... Miesmachern, obwohl dieser doch um einiges fröhlich ist als sein Kumpan. Damit wären wir schon drei... Genug für eine schöne Würfelpartie...'

Ein Funken Hoffnung keimt wieder in Anselm auf...



"Ah, ja. Dank' dir Leta" sagt Elbrecht fröhlich zu einer der Kellnerinnen, welche ihm gerade sein heiß ersehntes Bier bringt. Er zwinkert ihr kurz hinterher, nimmt einen tiefen Schluck, dann spricht er weiter:

"Hmmm, gut. Ach ja, was ich dir noch erzählen wollte: An diesen Gerüchten über ein Schiff daß angeblich überfallen worden ist scheint doch was dran zu sein. Auf dem Weg hier her ist mir ein Wagen begegnet, der eine ganze Menge Tote aufgeladen hatte. Und er kam eindeutig aus Richtung Hafenbecken" sagt er mit erstaunlich ernstem Gesicht. Auch auf Edorian's Stirn bilden sich erneut Sorgenfalten, als er dies von seinem Freund hört. Halb abwesend kommentiert Anselm:

"Jaja, der Kahn sah schlimm aus."

"Wie? Sah aus? Habt ihr ihn etwa gesehen?" will Elbrecht mit entflammter Neugier wissen.

"Öhm, ja, natürlich. Ich bin Passagier des Schiffes, welches diesen Unglückskahn hierher geschleppt hat."

"Na welch Zufall" meint Elbrecht. "Dann könnt ihr uns sicher auch ein bißchen mehr erzählen, als das, was so im allgemeinen Tratsch schon die Runde gemacht hat."

Mit auffordendem und neugierigem Blick schaut der feiste Mann Anselm an.

Auch der etwas langsamere Edorian scheint auf Grund dieses Themas wach zu werden. So blicken beide auf den kleinen Mann herüber, von denen sie sich neue Informationen erhoffen.

"Öh, nun ja... Wir, ich meine die NORDSTERN hat das andere Schiff kurz vor Salzerhaven gefunden. Der ganze Kahn war übersät mit Leichen. Nur einer lief drauf herum. War glaub ich der Kapitän. Der wollte auch unbedingt, daß sein Schiff gerettet wird. Obwohl es mehr einem schwimmendem Stoß Feuerholz glich, als einem seetüchtigen Schiff. Wie und warum das Schiff überfallen wurde hab ich noch nicht mitbekommen. Waren glaub ich Piraten auf Drachenbooten. Na ja, und dann sind ein paar Matrosen in einer Nußschale... "

Und so repetiert Anselm die Geschehnisse des vergangenen Tages mit allen Details, die er in Erinnerung hat. Das so manche unnötige Informationen auch ihren Platz in seinen Erzählungen findet, stört Anselm's Zuhörer weniger.

Sie sind gebannt von den Worten des Diebes. Während dieser so erzählt geht so manche Runde Bier die Kehlen der drei hinunter und mit der Zeit werden sie immer geselliger...



Kein Laut war von Edorian und Elbrecht zuhören, während Anselm erzählt. Gebannt hingen sie an seinen Lippen, während er berichtet, wie die NORDSTERN die ZYKLOPENAUGE ins Schlepp nahm. Mit Spannung lauschten die beiden Anselm's Schilderungen über das Ausmaß und den Anblick des Massakers. Auch über die beiden Überlebenden wußte Anselm ein wenig zu berichten.

Während dessen wurde Anselm den beiden immer vertrauter (vielleicht wurden die zwei auch nur durch den Alkohol 'zutraulicher'). Jedenfalls war man irgendwann per Du und aus der Erzählstunde wurde langsam aber sicher ein Saufgelage.

In einem günstigen Zeitpunkt konnte Anselm dann die beiden auch zu einem Spielchen überreden. Natürlich hat Anselm die beiden gut ausgenommen. Die Würfel waren wie magisch ins seinen Händen. Seine Würfe waren größtenteils sehr beachtlich, so als hätte er das Glück gepachtet.

Alles in allem haben ihm seine Erfahrungen (Zechen & Spielen) aus den mehreren Jahren in Thorwal hier in Salzerhaven ein hübsches kleines Sümmchen eingebracht. Edorian und Elbrecht namens mit Fassungen, soweit sie noch bei Bewußtsein waren. Sie tranken zwar nicht mehr als Anselm, waren aber wohl nicht so "trainiert" wie er.

Weit nach Mitternacht war es, als Anselm und die beiden Gardisten das Lokal verließen und sich auch voneinander verabschiedeten. Zwar waren die beiden Gesetzeshüter kaum noch in der Lage zwei Sätze strack geradeaus zu schwätzen, geschweige denn geradeaus zu laufen, aber auch dies' störte sie nicht.

Man wünschte sich gegenseitig eine gute Nacht und Anselm versprach den beiden sie wieder zu 'besuchen', sobald er abermals in der Stadt ist.

Fröhlich (aufgrund von Bier & Gewinn) schritt Anselm, welcher auch leicht wankte, wieder zur NORDSTERN. Den Weg fand er recht schnell, schließlich hatte er ihn sich vorher gut eingeprägt. Das beim Betreten des Schiffes die ZYKLOPENAUGE nicht im Hafen lag bemerkte er gar nicht. War sowieso schon recht dunkel. Und so wankte er hinab auf's Unterdeck, schnurstracks in seine neue Kabine und landete zufrieden in seinem Bett (sofern er das noch erkennen konnte) wo er auch sofort seelenruhig einschlief.



NORDSTERN - Kabinen: Hesindian zieht ein


Während er sich von dem Matrosen den Weg zu seiner Kabine weisen läßt, folgt Hesindian den Ausführungen Orgen's nur mit halbem Ohr. Mit zitternden Fingern versichert er sich, daß der sorgsam gehütete Inhalt seiner Gürteltasche noch an seinem Platz verweilt.

Verwirrt blickt er auf, als er die nur unbewußt gehörten Worte des Matrosen überdenkt.

'Drachen sind doch Einzelgänger; selbst zur Paarungszeit bleiben sie nicht länger beieinander als für den Akt selbst. Und wieso sollten sie vor einem Schiff flüchten?'

Der Geweihte listet rasch alle ihm bekannten großen und kleinen Drachen- und Halbdrachenarten auf, doch fällt ihm keine ein, die zu beschriebenem in der Lage wäre.

'Dieses Verhalten ist in der Tat unerklärlich. Ob wir während der Fahrt erneut Kontakt mit diesen Drachen haben werden?'

Die Erregung über die unerwartete Möglichkeit einer bedeutsamen Entdeckung läßt ihn fast seine eigentlichen Aufgaben und Sorgen vergessen.

'Hoffentlich haben meine Kohlestifte die Flucht überstanden.'

Die Erwähnung einer Mahlzeit läßt das hohle Gefühl in seinem Magen wieder zum Vorschein kommen, welcher sich mit dumpfen Brummeln zu Worte meldet. Verlegen räuspert sich der Geweihte, um das leise Verdauungsgeräusch zu übertönen.

"Sagt, Matrose, wo kann ich auf diesem Schiff noch eine Mahlzeit erbitten? Oder muß ich womöglich die Hafenstadt besuchen?"

Letzterer Gedanke, das Schiff womöglich verlassen zu müssen, ist ihm nicht sonderlich geheuer.



"Ihr könnt den Smutje fragen, ob er euch außer der Reihe etwas macht, bzw. ob er noch was von der letzten Mahlzeit hat. Ihr findet ihn in der eben erwähnten Kombüse" antwortet Orgen auf die Frage des Geweihten.



"Gut, gut." murmelt Hesindian erleichtert. Nachdenklich bleibt er in der Tür stehen und scheint in fernen Gedankenwelten entschwunden.



Hesindian blickt verwirrt auf, und bemerkt überrascht den immer noch wartenden Matrosen. "Äh, danke." murmelt der Geweihte, während er aus einer Tasche einen einsamen Kreuzer fischt und Orgen in die Hand drückt.

"Ich, äh, werde dann wohl jetzt alleine zurechtkommen."

Dann dreht er sich um und schreitet langsam in die Kabine. Die Tür schließt er vorsichtig hinter sich, dann dreht er den Schlüssel mit solcher Hast im Schloß, daß er ihn fast in selbigem verklemmt. Während er auf eines der Betten zugeht, läßt er seinen Blick durch die Kabine schweifen auf der Suche nach einem geeigneten Versteck für seine wichtige Fracht, doch nichts will ihm sicher erscheinen angesichts der Tatsache, daß wohl noch ein weiterer, ihm bislang unbekannter Fahrgast die Unterkunft mit ihm teilen wird.

Mißmutig läßt er sich auf das erste Bett fallen und prüft dessen Beschaffenheit und Bequemlichkeit.

Die Gelegenheit war günstig, da er momentan alleine war. Wer konnte schon sagen, wie bald sich eine solche wieder ergeben mochte? Er legt seinen Umhang und die kläglichen Überreste seiner Ausrüstung ab und faltet sie sauber in eine Ecke des Bettes, das er sich für die Reise ausgesucht hat, während er weiter über ein geeignetes Versteck nachdenkt. Plötzlich stiehlt sich ein Lächeln in sein Gesicht, das ihn zum ersten Mal an diesem Tage wirklich glücklich aussehen läßt.



NORDSTERN - Oberdeck: Nirka und Sigrun


Die Bootsfrau nickt langsam.

"Ja, ich glaube, davon habe ich auch schon einmal gehört. Besser gesagt, ich habe diese Taverne schon mal von außen gesehen - und ich hab mich da über den Namen gewundert, weil der in einer Hafenstadt ja ein wenig fehl am Platze ist."

Sie schweigt kurz, und fährt dann ebenso leise fort:

"Es war beim vorletzten Mal, als wir hier waren. Da war ich in der Stadt, um Proviant zu besorgen, und einer der Händler, bei denen wir waren, hat seinen Laden genau gegenüber der Taverne 'Zum Fröhlichen Kutscher'. Gekauft haben wir da damals zwar nichts, aber den Namen der Taverne habe ich mir gemerkt, zumal Thorben sie damals sehr gelobt hat."

Die Stimme der Bootsfrau wird bei der Erwähnung des ehemaligen zweiten Offiziers der NORDSTERN noch ein wenig leiser, und stockt sogar kurz. Doch das vergeht sehr schnell, und sie fragt:

"Könnte es das sein? Ansonsten klingt das natürlich sehr gut, was du da gesagt hast."

Ihr Blick weicht dabei nicht vom Gesicht der Freundin.



"Klar, das sollten wir auf jeden Fall tun. Je eher, desto besser, nur..."

Sie verrenkt dabei den Hals ein wenig, und blickt an Sigrun und Teilen der Takelage vorbei in Richtung des Brückendecks, wo der Kapitän gerade mit einem der Fahrgäste spricht.

"... muß ich uns natürlich erst beim Kapitän abmelden. Laß uns schon mal ein Stückchen nach achtern gehen..."

Sie setzt sich bei diesen Worten schon langsam in Richtung der auf das Brückendeck führenden Treppe in Bewegung.

"Finden sollten wir diese Taverne auf jeden Fall, denn zumindest den Weg zu jenem Händler weiß ich noch ziemlich gut - weit ist das jedenfalls nicht."



Nirka lächelt Sigrun kurz zu. Auch in ihrem Gesicht spiegelt sich die Vorfreude auf den gemeinsamen Abend wider - einen zweisamen Abend weit weg von den anderen Menschen, die zum Schiff gehören, an einem Ort, wo sie sich in keiner Hinsicht verstecken müssen.

"Ich melde uns beide ab, keine Sorge", antwortet sie sehr leise, und bleibt dann stehen, denn schließlich ist das untere Ende des Aufganges zum Brückendeck erreicht. Die meisten anderen würden nun nach oben gehen, aber für Nirka macht das wenig Sinn, zumal sie den Höhenunterschied als bedeutungslos empfindet.

"Kapitän?" ruft sie nach oben.

Jergan Efferdstreu hat die beiden Frauen schon beobachtet, und so kommt seine Antwort sofort, denn schließlich möchte er Nirka ohnehin sprechen. Daß sie von alleine kommt, macht das nur noch einfacher.

"Was gibt es?"

"Es ist heute wohl schon zu spät, um noch einen Schiffbauer zu finden, der uns heute die Rudermaschine repariert. Aber wichtig ist das ja trotzdem. Wenn Ihr nichts dagegen habt, dann würde ich jetzt so bis Mitternacht an Land gehen, und diesen Landgang mit der Suche nach einem geeigneten Schiffbauer verbinden - die dürften sich ja jetzt auch in den Hafenkneipen herum treiben. Damit wäre dann sichergestellt, daß es morgen früh gleich losgehen kann."

Der Kapitän zögert nicht, zustimmend zu nicken, denn diese Lösung gefällt ihm sogar noch besser als das, was er sich selbst überlegt hatte - nämlich jemanden bei einigen Schiffbauern in der Hoffnung vorbei zu schicken, doch noch jemanden anzutreffen.

"Tu das. Es wäre gut, wenn du um Mitternacht wieder hier bist - wir wissen ja nicht, was sich mit der ZYKLOPENAUGE noch so alles ergibt, und ob wir vielleicht noch etwas tun müssen."

"Das geht in Ordnung - ich muß morgen ziemlich früh ja dann auch noch einiges an der Rudermaschine vorbereiten lassen. Die Matrosin Sigrun wird mich jetzt begleiten - falls wir schon die Gelegenheiten für Verhandlungen bekommen, dann kann einer von uns zurück gehen und Bescheid sagen."

Nirka sagt das sehr sicher und bestimmt, auch wenn sie selbst nicht im geringsten an eine solche Möglichkeit glaubt. Andererseits ist es ihr gutes Recht als Bootsfrau, über die Matrosen soweit zu bestimmen, wie das nicht Interessen der Schiffsführung entgegen läuft.

"In Ordnung", bestätigt der Kapitän knapp.

Die Bootsfrau wendet sich wieder ihrer Freundin zu, und fragt leise genug, um auf dem Brückendeck nicht gehört zu werden:

"Können wir, oder mußt du noch etwas holen?"



Nachdem Nirkas Vorschlag, der sich mit dem, was der Kapitän ohnehin tun wollte, deckt und im Grunde sogar besser ist, besprochen ist, ist Jergan Efferdstreu wieder alleine auf der Brücke seines Schiffes, das von immer mehr der sich an Bord befindlichen Menschen zwecks